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Full text of "Der politische Katholizismus; Dokumente seiner Entwicklung"

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BÜCHEREI FÜR POLITIK UND GESCHICHTE 
DES DREI MASKEN VERLAGES 



Deutscher Staatsgedanke 

ZweiteReihe: DieParteien 
III: Katholizismus i 




Der deutsche Staatsgedanke 



Eine Sammlung 
Begründet von Arno Duch 



Zweite Reihe: Die Parteien und der Staat 
III 

Der politische Katholizismus 

Auswahl in zwei Bänden 
Erster Band 




I 9 2 I 



Drei Masken Verlag München 



Der politische Katholizismus 

Dokumente seiner Entwicklung 

I 

(i8 I 5 bis I 870) 



Ausgewählt und eingfeleitet 



von 



Prof. Dr, Ludwig Bergsträßer 



Mit 6 Bildnissen 




I 9 2 I 



Drei Masken Verlag München 



ViEcG 



Alle Rechte vorbehalten 

* 

Für Vorwort, Einleitung und Anmerkungen des Herausgebers 

Copyright 192 1 

by Drei Masken Verlag A.-G. 

München 



Druck von E. Haberland, Leipzig 



^■^-*=5S^ 





\1 



Otto Melier 

in alter Freundschaft 



Vorwort 

Eine Zusammenstellung wie die folgende, ist um so schwieri- 
ger, je umfangreicher der Stoff ist. Ich habe mich darum streng 
daran gehalten, nur Stücke zu bringen, die politisch sind, und 
habe im zeitlichen Fortschreiten die praktische Politik in dem- 
selben Verhältnis mehr berücksichtigt, als sie tatsächlich in den 
Vordergrund tritt. Die Einzelstaaten haben für die Zeit nach 
1850 mit Ausnahme Preußens zurücktreten müssen; einmal 
ist das Material für sie noch garnicht bearbeitet ; dann ist auch 
die Entwicklung in Preußen diejenige, die sich später gerad- 
linig im Zentrum fortsetzt. Wenn einzelne Personen bevorzugt 
erscheinen, wie Reichensperger, so liegt das in ihrer besonderen 
Stellung. Darüber kommt man auch bei einer solchen Auswahl 
nicht hinweg. Adam Müller ist ganz ausgeschieden, weil er in 
einem besonderem Bande der Sammlung behandelt werden 
soll*) ; aus dem gleichen Grunde ist von Radowitz nur die 
offizielle Erklärung im Frankfurter Parlament gebracht. Ihr 
Fehlen wäre eine störende Lücke in einer Auswahl, die gerade 
von der parlamentarischen Entwicklung der Vorläufer der Zen- 
trumspartei ein Bild geben möchte. 

Die Einleitung zieht nur die allgemeinen Linien. Die nöti- 
gen besonderen Angaben zum Verständnis der einzelnen 
Stücke findet der Leser in den Anmerkungen, die Angaben, 
woher die einzelnen Stücke stammen, sind ihnen jeweils 
am Schluß als Fußnote beigegeben. Ich hoffe, daß durch 
diese Trennung der Leser mehr Klarheit gewinnt und das 
Büchlein seinen Zweck besser erfüllen kann, ein anschauliches 
Bild von der Entstehung einer unserer wichtigsten politischen 

*) Für Görres sei zur Eriiänzimo» auf den Sonderband der S immluug ver; 
wiesen, der seine Anschauungen vor dem Jahre 1824 behandelt. 



Parteien zu geben. Der zweite Band wird wesentlich der Zen- 
truriispartei von ihrer Gründung bis zum Ausbruche des Welt- 
krieges gewidmet sein. 

Lichterfelde, den 21. Juli 1920 

Professor Bergsträßer 



Einleitung 



Die ersten Anstöße zu einer politischen Betätigung ergeben 
sich für die deutschen Katholiken zu Beginn des neunzehnten 
Jahrhunderts rein aus der praktischen Notwendigkeit. Die 
Säkularisationen haben die Stellung der Kirche im staatlichen 
Leben tiefgreifend verändert; die Mediatisierungen haben in 
gleicher Richtung weitergewirkt ; erst mit den Beschlüssen des 
Wiener Kongresses sind die deutschen staatlichen Zustände er- 
neut gefestigt worden; es handelt sich nun darum, die Bezie- 
hungen der Kirche zu den veränderten Staaten, ihre Stellung 
in ihnen zu regeln. 

Das ist um so wichtiger, als sich in der Zwischenzeit, teilweise 
auch schon ehe die staatliche Umwälzung einsetzte, die Rei- 
bungen zwischen der Kirche und den Regierungen ge- 
steigert hatten. Das lag im Wesen der absolutischen Aufklä- 
rung. Die Kämpfe im Österreich Josefs IL sind hierfür ty- 
pisch ; sie spielen sich ähnlich in fast allen anderen Staaten ab 
und sie wirken auf die Männer, die als Mitglieder der geist- 
lichen Verwaltung die Rechte der Kirche pflichtgemäß wahrzu- 
nehmen haben, um so stärker, je weniger sie an derartige Aus- 
einandersetzungen gewöhnt waren, da, wo bis zum Jahre 1803 
staatliche und kirchliche Autorität vereinigt waren. Die Geist- 
lichkeit der früheren geistlichen Territorien ist das Hinein- 
reden der Bureaukratie in die Einzelheiten der kirchlichen Ar- 
beit nicht gewohnt. Die katholische Regierung des Kurfürsten- 
tums Würzburg hat das Ordinariat des früher reichsunmittel- 
baren Bistums Bamberg allein in den Jahren 1802 — 1805 mit 
64 Verordnungen beglückt, von denen einige tief in die kirch- 
lichen Bräuche bei Leichenbegängnissen, Prozessionen und so 
weiter eingriffen. 

5 
1 



Die Bureaukratie des aufgeklärten Absolutismus will ihre 
Allmacht auch über die Kirche ausdehnen, nicht aus Kirchen- 
feindschaft, sondern aus der Überzeugtheit, daß sie das Beste 
nicht nur wolle, sondern könne. Die Geistlichkeit wehrt sich. 
Sie findet einen Rückhalt an der Stimmung der Bevölkerung, der 
ihre kirchlichen Gebräuche ans Herz gewachsen sind. Sie hatte 
sich in der ersten Wut gegen die unschuldigen Pfarrer gewandt, 
Avenn alte Übungen plötzlich nicht vollzogen wurden. Die kirch- 
lichen Oberen können garnicht anders als sich zur Wehr setzen. 

Das ist nicht ganz leicht, denn nunmehr stehen ja auch sie 
der allmächtigen Staatsregierung als Untertanen gegenüber. 
Sie haben nicht mehr den Rückhalt an ihrer Selbständigkeit und 
dem Einfluß der Kirchenfürsten. Der äußerlichen Machtmittel 
beraubt suchen sie in geistigen ihre Stütze. Aus der Not der 
Zeit heraus kommen sie zu engerem Anschluß an die Kurie. 
Er bleibt nicht aufs Praktische beschränkt, sondern gibt sich 
bald in einer geistigen Wandlung kund. Die Zusammenhänge 
zwischen den Säkularisationen und dem, was man die Ultramon- 
tanisierung der katholischen Kirche genannt hat, sind bekannt 
und unbestritten. Sie werden ergänzt durch eine analoge Ent- 
wicklung von unten her. Die schwere Zeit der Not erweckt in 
vielen wieder stärker den Glauben, die bureaukratische Unge- 
schicklichkeit tut das ihre. 

Ganz auf diesem Boden erwachsen ist der ,, Literarische Ver- 
ein zur Aufrechterhaltung, Verteidigung und Auslegung der 
römisch-katholischen Religion", zu dem 1814 etwa 40 — 50 
Männer in Bayern zusammentreten, meist Mitglieder der Bis- 
tumsverwaltungen. Er kämpft innerhalb der Kirche besonders 
auf dem literarischen Gebiete für die strengere Richtung, für 
die Orthodoxie; nach außen für die Rechte der Kirche und ihre 
Berücksichtigung wie Sicherstellung bei der Neuordnung 
Deutschlands ; zunächst in Bayern, aber darüber hinausgreifend 
auf ganz Deutschland, wie seine Denkschrift an die deutschen 
Fürsten zeigt. In den Auseinandersetzungen über das Konkor- 
dat in Bayern hat er eine bedeutende Rolle gespielt. Männer, 



die diesem Verein angehört haben, traten'sofort auf dem ersten 
Landtage für die Rechte der Kirche ein, bewußt kurialistisch, 
wie denn einer der ihrigen, der Landtagsabgeordnete Egger 
die ultramontanischen Grundsätze, die ihm von Gegnern vor- 
geworfen werden, nicht nur verteidigt, sondern als den einzf^ 
richtigen katholischen Standpunkt stolz hervorhebt. 

Der Kampf geht nicht nur um Geistiges, um die großen kirch- 
lichen und politischen Grundsätze, sondern eben in dieser Zeit der 
Neuordnung auch stark um materielle Güter. Aus der Säkula- 
risation hat die Kirche Ansprüche an die Staaten, die ihren Be- 
sitz eingezogen und ihre staatlichen Hoheitsrechte übernommen 
haben. Der Reichsdeputationshauptschluß hat ihnen eine 
Unterhaltspflicht gegenüber der Kirche auferlegt und für die 
Vertreter der Kirche in den verschiedenen Landtagen oder in 
der Publizistik handelt es sich vielfach darum, daß sie die Trag- 
weite dieser Rechte im einzelnen nachweisen, Forderungen auf 
staatliche Aufwendungen begründen ; hier für die Verwaltung 
eines Bistums, dort für ein Klerikalseminar, da für eine der Dia- 
sporagemeinde nötige Kirche; und all dies immer unter Hinweis 
auf die vertraglich festgelegten Rechte. Im einzelnen verschie- 
denste Gegenstände, in der Grundlage derselbe Gedankengang. 
Praktische Zwecke im wesentlichen haben diese Vorkämpfer 
der katholischen Kirche verfolgt, wie etwa die Mainzer Kauf- 
leute Kertell und Lauteren im hessischen Landtage oder der 
Niedersaulheimer Bürgermeister Neeb, trotz seiner Vergangen- 
heit als Professor der Philosophie mehr ein Mann des Lebens 
als der Theorie in seiner politischen Betätigung. 

Ganz anders ist der Ausgangspunkt einer zweiten Gruppe 
katholischer Politiker. Sie wurzeln in einer allgemeinen gei- 
stigen Strömung. Die literarische Romantik hat an sich schon 
starke Verbindungen zum Katholizismus ; soweit sie bewußt in 
die Vergangenheit zurückgeht, muß sie auf die katholische 
Kirche als den Mittelpunkt mittelalterlichen Lebens treffen. 
Gerade den subjektivistisch Zerrissenen wird sie zum Stab, an 
dem sie neue Festigkeit gewinnen. Es ist kein Zufall, daß eine 



ganze Anzahl von Romantikern teils zur katholischen Kirche 
übertrat, teils sich ihr wieder zuwandte. Die Reaktion gegen 
Rationalismus und Aufklärung macht als geistige Gesamt- 
stimmung natürlich nicht halt vor der Staatsanschauung des 
Gegners, sie setzt dem Naturrecht das natürliche Recht, der 
Konstruktion den Sinn für das Gewordene entgegen. So ent- 
steht auf dem Boden der Romantik die organische Staatslehre 
und alle die katholischen Politiker, die aus der Romantik 
kommen, sind ihre Anhänger und Vertreter. Die von Gott vor- 
bestimmte Entwicklung des Menschengeschlechtes umfaßt auch 
den Staat als umfassende irdische Organisation, die nicht nur 
den diesseitigen, sondern ebenso und letztlich mehr den ewigen 
Zielen der Menschen zu dienen hat. Darum muß die Kirche 
als Verwalterin des göttlichen Gutes auf Erden im Staate ihre 
maßgebende Stelle haben. Der Staat selbst muß auf den na- 
türlichen Grundlagen der von Gott gewollten vielgestaltigen 
Differenzierung der Menschen im engsten Anschluß an die gott- 
gegebenen natüHichen Bedingungen eingerichtet und geleitet 
werden. Die Romantiker sind gegen die mechanische Gleich- 
macherei des rationalistischen Liberalismus, für die Ausgestal- 
tung der Korporationen, Zünfte, landschaftlichen, beruflichen, 
örtlichen, ständischen Sonderheiten. 

Beschränkten sich die Praktiker der ersten Gruppe in ihrem 
Verhältnis zu den Regierungen auf kluge Taktik und eine von 
allem Doktrinarismus freie Fähigkeit des Verhandeins, so stel- 
len sich die Romantiker bewußt hinter die Regierungen, unter- 
stützen sie in ihrem Kampfe gegen den Liberalismus und all 
die Ideen und praktischen Forderungen, die in der französischen 
Revolution erstmals als Feuerbrände unter die Massen der poli- 
tisch Interessierten geschleudert worden sind. Wie in der 
Kirche, so treten sie im Staate ein für die Autorität. Die 
Kirche ist ihnen auch für das öffentliche Leben die stärkste 
Stütze einer autoritativen Gestaltung; allerdings kann sie diese 
Aufgabe nur erfüllen, wenn ihr die nötige Bewegungsfreiheit 
gelassen wird, deren Grenze nur sie selbst bestimmen 

8 



kann. Adam Müller und Görres sind die bedeutendsten Ver- 
treter dieser Richtung; von ihnen sind Haxthausen und Moy 
direkt beeinflußt. Ringseis steht Görres persönlich nahe. Seit 
1828 ist der Kreis, der sich um Görres in München gebildet 
hat, in die Politik eingetreten; im Jahre 1837 sind seine Mit- 
glieder führend im bayrischen Landtag. Auch der Konvertit 
Jarcke gehört zu derselben Gruppe, die sich 1838 in den Histo- 
risch-poHMschen Blättern zu bedeutsamer politischer Arbeit 
vereinigt. Der hessische Jurist Seitz wäre ebenfalls hier einzu- 
ordnen. 

Vergleicht man beide Gruppen und geht dabei aus nicht von 
der theoretischen Begründung, die sie ihrem Standpunkte 
geben, sondern von den praktischen Maßnahmen, die sie für 
das staatliche Leben oder wenigstens für die Grenzgebiete 
zwischen Staat und Kirche empfehlen, zu denen die gesamte 
Kulturpolitik zu rechnen ist, so ergeben sich denn doch wesent- 
liche Übereinstimmungen, auf Grund deren man sagen kann, 
daß eine das ganze Wesen eines Menschen durchdringende 
Katholizität in gewissen Grenzen wenigstens einen bestimmten 
Niederschlag auch in seinen politischen Auffassungen finden 
wird. Man denke etwa an Übereinstimmungen bezüglich der 
Ausdehnung der Schulpflicht. 

Die Arbeit der beiden Richtungen hat ihre Erfolge gehabt. 
Man kann wohl sagen, daß mit dem, Abschluß des ersten Drit- 
tels des Jahrhunderts das Leben in der katholischen Kirche 
Deutschlands sich wesentlich verlebendigt und vertieft liattc. 
Die Neuorganisation der Kirche trug ihre Frucht ebenso wie 
die Vertiefung kirchlicher Auffassung in der Romantik, die 
erstere mehr für die Allgemeinheit, die letztere mehr bei den 
Gebildeten; beides gleich bedeutsam. Denn die umfassende Or- 
ganisation der Kirche kann nicht aufrecht erhalten werden ohne 
den lebendigen Anteil oberer Schichten, aus denen Führer er- 
wachsen. Eben die Zeit der Wiederaufrichtung der Kirche 
beweist dies. Alle die Männer, die wir bisher erwähnten, ge- 
hören der oberen ischicht an, wie denn überhaupt die politische 



Bewegung innerhalb des Katholizismus in dieser Zeit genau so 
auf die Gebildeten beschränkt gewesen ist, wie bei den anderen 
politischen Richtungen. 

Tiefere Kreise werden von ihr erst erfaßt in dem Augenblick, 
wo der ungeheure psychologische Fehlgriff, den der preußische 
Bureaukratismus mit der Gefangensetzung des Erzbischofs von 
Köln tut, den einfachen Gläubigen bis ins innerste aufregt, weil 
der irdische Vertreter, der höchste Träger göttlichen Symbols, 
in rohester Weise vergewaltigt erscheint. Auf die Einzelheiten 
des Kölner Ereignisses von 1837 kann hier nicht eingegangen 
werden. Selbstverständlich hat der Gegensatz, der an sich 
zwischen den kulturell um Jahrhunderte . älteren Rheinlanden 
und der aus kolonialen Allüren noch nicht herausgekommenen 
preußischen Herrschaft bestand, die Spaltung vertieft. Aber 
der einzelne wird von dem Ergebnis doch um so mehr er- 
griffen, je mehr die religiöse Saite in ihm anklingt, und die 
Wirkung bleibt nicht auf die Provinz beschränkt. Sie geht 
über ganz Deutschland, Der spontane Eindruck wird durch 
die Publizistik vertieft. Allein der Athanasius des alten Gör- 
res reißt tausende mit sich in seiner glutvoll lodernden Sprache. 
August Reichensperger ist einer der vielen, die damals wieder 
lebendige Glieder ihrer Kirche geworden sind. Und alle diese 
neu der Kirche Verbundenen stellen sich nun gerade hinter die, 
die schon bisher am folgerichtigsten die Interessen der Kirche 
dem Staate gegenüber wahrgenommen haben; es sind zugleich 
die in rein kirchlicher Hinsicht kurialistisch Gesinnten, die 
Ultramontanen — ein Wort, das damals noch keinen herab- 
setzenden Nebensinn hatte. 

Neue Gedanken sind durch das Kölner Ereignis eigentlich 
nicht ausgelöst worden, weshalb wir uns mit kurzen Aus- , 
zügen aus dem Athanasius begnügen. Nur für die politische 
Praxis ergeben sich bestimmte, in der Folge wichtige Ein- 
stellungen. Der Kampf gegen die Übergriffe der Bureau- 
kratie verbindet sich in den Rheinlanden mit den für die 
freieren und den Bedürfnissen eines großen Staates mehr 

10 



ang^epaßten französischen Rechtseinrichtungen. Waren schon 
die Vertreter der kirchlichen Interessen im hessischen Land- 
tage durchweg ehrlich konstitutionell und in gewissem 
Sinne liberal, so findet sich in den rheinischen katholischen 
Führern die gleiche Verbindung. Peter Reichensperger hat 
die rheinischen Rechtsinstitutionen öffentlich gegen die An- 
griffe des Ministers von Kamptz verteidigt. Trotzdem waren 
auch die rheinischen Klerikalen nicht für einen preußischen 
Konstitutionalismus;, sie fürchteten von ihm, daß er den Zentra- 
lismus verstärken und dadurch die Provinz innerhalb des Staa- 
tes noch mehr majorisiefen werde; also eine Art rheinischer 
Provinzialismus. Er war aber doch von der Art, daß er den 
Übergang zur neuen Zeit im Jahre 1848 wesentlich erleichterte, 
wenigstens gegenüber denen, die aus romantisch-konservativer 
Grundstimmung heraus in der Revolution etwas Abscheuliches 
und Furchtbares sehen mußten. • 

In den Jahren vor der Revolution von 1848 war die katho- 
lische politische Publizistik überall, wo die Kirche nicht gerade 
mit der Regierung im Kampfe stand, auf das Leitmotiv abge- 
stimmt, das später unter dem Schlagwort ,, Thron und Altar" 
zusammengefaßt wurde. Die Kirche sei die beste Stütze des 
bestehenden Regiments. Schon die ersten Tage der Revolution 
erwiesen, daß diese Haltung bis zu einem gewissen Grade tak- 
tischen Notwendigkeiten nicht politischer Überzeugung ent- 
sprungen war. Maßgebende kirchliche Zeitschriften, wie der 
Katholik oder auch die katholischen Sonntagsblätter in Mainz, 
fanden sich mit der Tatsache der Revolution und mit dem Zeit- 
alter des Parlamentarismus verblüffend schnell ab. Sie beeilten 
sich, das Problem des Verhältnisses der Kirche zu dem so um- 
geformten Staate folgerichtig durchzudenken, und kamen zu 
dem Ergebnis, daß die Kirche sich dem neuen angleichen 
müsse; dann könne sie auch und gerade in der neuen Zeit aus 
den neuen Verhältnissen für sich Nutzen ziehen. , »Trennung 
von Staat und Kirche" war ein altes liberales Schlagwort ; es 
wurde von den Katholiken sofort in dem Sinne ausgelegt, daß 

II 



nun die Kirche von allem bureaukratischen Druck befreit in 
Verwaltung und Betätigung ganz selbständig werden müsse, 
genau so wie jede andere Vereinigung freier Staatsbürger zu 
dem Gesetz nicht zuwiderlaufenden Zwecken. 

Diese Forderungen waren dem bestehenden Rechtszustande 
gegenüber im einzelnen von größter Tragweite; sie wurden so- 
gleich in der Presse begründet und erklärt und man bediente 
sich zu ihrer Verbreitung in der Öffentlichkeit sowie zu ihrer 
Unterstützung alsbald der praktisch wichtigsten der März- 
errungenschaften. Von Mainz aus wurden „Piusvereine" zur 
Wahrung der Interessen der katholischen Kirche begründet, 
die bald in allen Landesteilen mit katholischer Bevölkerung 
große Verbreitung fanden. In Baden wurde der altverdiente 
katholische Volksvertreter Professor F. J. Büß ihr Leiter, ein 
überaus geschickter Agitator, der in die ganze Arbeit einen 
lebendigen Zug brachte und es trefiflich verstand, seine Bauern 
zu packen. Er hat das ganze Reichsverfassungswerk der Pauls- 
kirche mit Petitionen für die Interessen der Kirche getreulich 
begleitet. 

Mancherorts gelang es schon, auf die Wahlbewegung Einfluß 
zu nehmen. Einzelne Bischöfe ergriffen zu ihr das Wort, teils 
um von radikalen Bestrebungen abzumahnen, teils um die Inter- 
essen der Kirche hervorzuheben. So wurde neben einer Reihe 
politisch schon bekannter katholischer Laien eine größere An- 
zahl katholischer Geistlicher in das Reichsparlament und in die 
preußische Nationalversammlung gewählt, von denen die weit- 
aus überwiegende Zahl der klerikalen Richtung angehörte. 
Einer der Ranghöchsten und gewiß der Willensstärkste unter 
ihnen, der Erzbischof von Köln, Kardinal von Geißel versuchte 
als Mitglied der preußischen Volksvertretung dort die katho- 
lischen Abgeordneten zu gemeinsamer Arbeit für die Kirche 
zu einigen. Es gelang nicht, weil die politische Auffassung 
allzu verschieden war. Besseren Erfolg hatte ein gleicher Ver- 
such, die auf seine Initiative hin in Frankfurt vom Kardinal 
Diepenbrock gemacht wurde. Hier bildete sich bei der Beratung 



12 



der Grundrechte ein katholischer Klub, dessen Vorsitzender 
der vertraute Freund Friedrich Wilhelms IV., der General Von 
Radowitz, dessen Vizepräsident August Reichensperger wurde. 
Ihm gehörte auch der Münchner Stiftsprobst und Professor 
Döllinger an. Der Klub beschränkte seine Wirksamkeit auf die 
Fragen, in denen kirchliche Interessen mitspielten; hier stellte er 
Anträge, schickte Redner vor und suchte auch mit den rein po- 
litischen Parteien Fühlung zu nehmen; seine Aufgabe war nicht 
leicht, da ein Teil der Liberalen in der katholischen Kirche den 
Hort der Reaktion sah. Aus kluger Taktik wurde darum be- 
schlossen, die Jesuiten dem, wenn auch unbegründeten, Wider- 
willen der Feinde preiszugeben, um sie in den grundsätzlichen 
Fragen den eignen Wünschen geneigter zu machen. Radowitz 
selbst übernahm es, in einer Rede diese Stellungnahme zu be- 
gründen, während Reichensperger und Döllinger sonst am 
meisten Anteil an der parlamentarischen Arbeit hatten. Döl- 
linger schrieb den Rechenschaftsbericht der Fraktion; er hat 
ihre Politik auf der Generalversammlung der katholischen Ver- 
eine in Mainz, der ersten Katholikenversammlung, gerecht- 
fertigt. 

Damit hatten die katholischen Politiker schon in dieser Früh- 
zeit parlamentarischer Arbeit eine treffliche Verbindung zwi- 
schen Fraktion und Wählern herzustellen gewußt, wie es andere 
Parteien in diesem Umfang weder erstrebt noch erreicht hat- 
ten. Der katholische Klub selbst war ein Zweckverband; er 
löste sich auf, nachdem die Beratung der Grundrechte abge- 
schlossen war. Seine Mitglieder verteilten sich wieder auf die 
verschiedenen Parteien, jedoch so, daß keines von ihnen der 
eigentlichen Linken angehörte. Radikalen Strebungen haben 
die Vertreter des politischen Katholizismus in Deutschland 
immer fern gestandien. 

Der Abschluß der Beratung der Grundrechte bringt eine 
allgemeine Umgruppierung der Parteien des Frankfurter Par- 
laments mit sich. Die Frage der deutschen Einheit tritt in den 
Vordergrund und wird von den einen dahin beantwortet, daß 

13 



ein kleindeutsches Reich unter Preußens Führung ohne Oester- 
reich, von den anderen, daß ein groß deutsches Reich unter 
Habsburgs Führung gebildet werden solle. Mit verschwinden- 
den Ausnahmen, zu denen Radowitz gehörte, standen die Ver- 
treter der katholischen Politik im großdeutschen Lager, auch 
die Preußen. Büß hat am klarsten und offensten betont, daß 
hierbei konfessionelle Gesichtspunkte entscheidend mitgespro- 
chen haben; auch andere leugneten das nicht; sie behaupteten, 
daß dies gegenseitig der Fall sei, und haben damit gewiß nicht 
ganz unrecht gehabt, wenn man auch nicht verkennen darf, daß 
verschiedentliche andere Gründe teilweise stärker einwirkten. 

Es ist eben doch so, daß ein strenggläubiger Katholik, dessen 
ganze Anschauungswelt katholisch begründet ist, von ihr aus 
zu bestimmten Ergebnissen kommt und ei'gentlich kommen muß, 
wenn er politische Fragen durchdenkt. Nicht nur praktisch, 
wie bei der Einheitsfrage, wo es sich um protestantisches und 
katholisches Kaisertum und daneben darum handelte, ob die 
Kathcliken im zukünftigen Deutschland in der Minderheit sein 
würden oder nicht; auch eine mehr von theoretischen Erwä- 
gungen ausgehende Betrachtung wird bestimmte durch die 
Kirchlichkeit begründete Forderungen aufstellen. Charakte- 
ristisch hierfür ist die Auffassung, die Döllinger bezüglich der 
polnischen Frage vertritt. Gerechtigkeit und Ablehnung der 
Gewaltpolitik entspricht gewiß besonders christlicher Über- 
zeugung. Taktische Rücksichten sprachen damals gar nicht 
mit, denn sie lätten eher umgekehrt dazu führen müssen, mög- 
lichst viele Polen im preußisch-deutschen Staatsverbande zu 
erhalten. Die spätere enge Verbindung der Zentrumsfraktion 
mit den Polen ist weniger frei von diesen taktischen Erwä- 
gungen. 

Wenn es auch in der preußischen Nationalversammlung 
nicht gelungen war, die Katholiken zu einer Fraktion zu ver- 
einten, eine katholische Fraktion zu bilden, so ,, vereinigten 
doch hervorragende katholische Abgeordnete für alle die Kirche 
betreffenden Fragen- in freier Übereinkunft ihre Kräfte." Sie 

14 



konnten mit dem Ausgange zufrieden sein. Der Entwurf der 
Verfassung, wie er im Ausschuß festgestellt war, enthielt in 
den Grundrechten eine Formulierung der P"reiheit der Kirche, 
mit der sie wohl einverstanden sein konnten. Inwieweit sie an 
ihr aktiven Anteil hatten und inwieweit etwa katholische Ein- 
flüsse bei der Oktroyierung mitgespielt haben, läßt sich nach 
dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnis dieser Vorgänge 
nicht entscheiden. Sicher ist nur, daß die katholischen Abgeord- 
neten sich in den folgenden Kammersitzungen wirksamer als in 
dieser ersten zusammengeschlossen haben. Auch ist ihre Arbeit 
während der Revision der Verfassung ersichtlich erfolgreich 
gewesen. Ein Brief I.inhofFs, des späteren Leiters der katho- 
lischen Abteilung im preußischen Kultusministerium, an seinen 
Bischof läßt uns in diese Arbeit etwas hineinblicken, Linhoff 
traf sich mit anderen katholischen Abgeordneten zu regel- 
mäßigen Beratungen wenigstens in dem Tagungsabschnitt 
des Winters 1850 bis 1851 im Keller bei der Herkulesbrücke, 
nachdem Erzbischof Geißel schon im November 1850 mit den 
Abgeordneten eine Besprechung gehabt hatte. Inwieweit bei 
diesen Besprechungen die Rede davon gewesen sein mag, sich 
zur Wahrung der kirchlichen Interessen dauernd zusammenzu- 
schließen, ist nicht festzustellen. Wenn man daran dachte, so 
doch wohl mehr in der Form eines bloßen Zweckverbandes nach 
Frankfurter Muster, nicht in der einer von den Parteien ge- 
trennten, ihnen gleichgeordneten selbständigen Fraktion. 

Wenigstens sprechen alle Gründe dafür, daß die Begründung 
dieser selbständigen Fraktion im Jahre 1852 erst infolge von 
Eingriffen möglich wurde, die das preußische Kultusmini- 
sterium durch zwei Erlasse in das Gebiet der verfassungs- 
mäßig garantierten Selbstverwaltung der Kirche machte. 

In dem einen dieser Erlasse wurde das Abhalten von Mis- 
sionen durch ausländische Geistliche von der Erlaubnis der 
Polizei abhängig gemacht und damit außerordentlich erschwert, 
in dem andern wurde der Besuch des Collegium germanicum 
an eine ausdrückliche Erlaubnis geknüpft, die das Ministerium 

15 



zu erteilen sich selbst vorbehielt. Einem jungen Studenten 
wurde sie sogleich verweigert. All dies geschah im Sommer 
des Jahres in dem' noch Neuwahlen zum Abgeordnetenhause 
stattfinden sollten, und gab eine treffliche Grundlage zu poli- 
tischer Agitation. Das um so mehr, als der katholische Volksteil 
die Empfindung hatte, während der Revolution weniger wie der 
protestantische zu Klagen Anlaß gegeben zu haben. Durch die 
kirchenpolitischen Garantien der Verfassung schienen die alten 
Gegensätze zwischen der Berliner Regierung und dem katho- 
lischen Volksteil bereinigt; nun wurden sie durch diese Erlasse 
neu erweckt; in der katholischen Bevölkerung wurden die Er- 
lasse aufgefaßt als der Versuch, trota der Verfassung das Prin- 
zip des protestantischen Staates durchzuführen, das eine be- 
stimmte Gruppe der konservativen Partei ziemlich offen vertrat. 
In den katholischen Gebieten wurde zur Wahl katholisch zu- 
verlässiger Kandidaten aufgefordert, denen der Zusammen- 
schluß zu einer eigenen Fraktion zur Pflicht gemacht werden 
sollte. 

Ihrer dreiundsechzig fanden sich auf dieser Grundlage zur 
katholischen Fraktion zusammen, unter vielen Neulingen auch 
eine ganze Anzahl altbewährter Parlamentarier, vor allem die 
Brüder Peter und August Reichensperger, die bis zur Reichs- 
gründung die Führer der Partei geblieben sind und einen so 
maßgebenden Einfluß hatten, daß man vielfach direkt von der 
Fraktion Reichensperger sprach. Zusammengehalten wurden 
sie durch das konfessionelle Band ; denn die politische Anschau- 
ung war auch damals noch ziemlich verschieden; besonders 
einige westfälische Adlige standen weit mehr rechts als das 
Gros der Fraktion; sie sind im späteren Verlauf ausgeschieden. 
Die Fraktion selbst wurde durch die politischen Verhältnisse 
in eine von ihr selbst durchaus unbeabsichtigte Opposition ge- 
drängt. 

Ihr erstes Auftreten ging nicht darauf aus. Sie stellte den 
Antrag, den König durch eine Adresse um Aufhebung der Er- 
lasse des Kultusministers zu bitten, und brachte in der anschlie- 

i6 



ßenden Debatte ihre Beschwerden gründlich und nicht ohne 
Erfolg vor. Der Minister gab den Erlassen einen einschränken- 
den Sinn, der ihnen ziemlich alle Bedeutung nahm. 

Gewiß nicht ohne Absicht hatten die Redner der Fraktion 
die Bedeutung der Kirche für die Erhaltung staatlicher Autori- 
tät unterstrichen, denn dieses Argument mußte, wenn eines, 
auf die revolutionsfürchtige Regierung und auf die ausschlag- 
gebende konservative Partei Eindruck machen. Trotzdem er- 
wies sich auf die Dauer ein Zusammengehen mit den Konser- 
vativen als untunlich. Diese strebten gerade damals eine syste- 
matische weitere Änderung der Verfassung an, nicht nur eine 
Revision wie sie schon durchgeführt war, sondern eine völlige 
Umwandlung nach dem ständischen Prinzip, derart daß von 
konstitutionellen Einrichtungen im modernen Sinne nichts 
übriggeblieben wäre. Dem versagte sich die katholische Frak- 
tion entschieden; nicht nur aus der politischen Überzeugung 
der Mehrzahl ihrer Mitglieder, sondern sehr wesentlich auch 
aus konfessionellen Gründen. Keinesfalls wollte man auf den 
Schutz verzichten, den die kirchenpolitischen Artikel der Ver- 
fassung boten. Wie wichtig sie den katholischen Politikern er- 
schienen, hat sich im Jahre 1871 deutlich gezeigt, als sie ihre 
Übernahme in die Reichsverfassung beantragten. Darüber hin- 
aus bot das konstitutionelle System mit der ständigen Volks- 
vertretung nicht zu unterschätzende Möglichkeiten kirchliche 
Wünsche in aller Öffentlichkeit geltend zu machen und eben 
dadurch auch wieder den Einfluß der ^katholischen Bevölkerung 
zu stärken, indem man ihre politische Geschlossenheit immer 
mehr durchbildete. Selbstverständlich war die weitaus über- 
wiegende Mehrheit der Fraktion auch davon überzeugt, daß 
die einmal gegebene Verfassung nicht wieder abgeschafft wer- 
den könne. So tat sie sich mit der Partei des Preußischen 
Wochenblattes und mit den Liberalen zusammen zu einer Min- 
derheit ehrlicher Kämpfer für preußischen Konstitutionalismus. 

Ihre spezielle kirchenpolitische Wirksamkeit ging hauptsäch- 
lich nach zwei Richtungen; einmal hat auch die katholische 

Bergsträtic-r 1. XJ 



Fraktion im preußischen Abgeordnetennause, in ähnlicher W eise 
wie vor ihr schon die Vertreter katholischer Interessen in den 
süddeutschen Landtagen, vom Staate die volle Einhaltung der 
aus den Säkularisationen erwachsenen Verpflichtungen verlangt. 
Sie hat diesbezügliche Anträge gestellt und in großen zusam- 
menhängenden Aufstellungen eine Gesamtübersicht gegeben. 
Letztere wurden veröffentlicht und dienten ebenso wie eine 
Darstellung der Verhandlungen anläßlich des Antrags gegen 
die Raumerschen Erlasse als Rechenschaftsberichte. Keine 
andre Fraktion hat in den politisch müden fünfziger Jahren 
so viel getan, sich die Verbindung zu ihren Wählern lebendig 
zu erhalten. Darüber hinaus forderte die Fraktion energisch 
die Durchführung der verfassungsmäßig zugesagten Parität. 
Nicht nur in der gleichen freien Stellung der katholischen 
Kirche, sondern auch darin, daß bei Besetzung der staatlichen 
Stellen der katholische Volksteil im Verhältnis seiner Zahl be- 
rücksichtigt werde. Davon war bislang keine Rede gewesen. 
Die Fraktion konnte darauf hinweisen, daß fast alle höheren 
Regierungsämter so gut wie ausschließlich mit Protestanten 
besetzt waren, Ministerposten, Oberpräsidien, Regierungsprä- 
sidien und ein unverhältnismäßiger Teil der Landratsämter 
allein in der politischen Verwaltung. Im großen und ganzen 
waren die Ergebnisse dieser Arbeit gering. 

Als im Jahre 1859 die konservative Vorherrschaft im Staate 
und in der Volksvertretung ihr Ende fand, änderte sich die 
Stellung der katholischen Fraktion. Das Ministerium der neuen 
Ära, zum Teil aus Führern der bisher mit der Fraktion ver- 
bündeten Parteien bestehend, legte der Fraktion nahe, da sie von 
ihm doch Eingriffe in die Rechte der katholischen Kirche n-'cht 
zu gewärtigen habe, den als aggressiv empfundenen Namen ab- 
zulegen. Die Fraktion ging darauf ein, nicht ohne daß alte Par- 
lamentarier wie Mallinckrodt Widerstand geleistet hätten, und 
nannte sich nach den Sitzen, die sie immer eingenommen hatte, 
mit dem neutralen Namen Zentrum. Jedoch setzten die An- 
hänger der alten Bezeichnung durch, daß diese in Klammern 



dem neuen Namen beigefügt wurde und so erhalten blieb. Den 
Wählern gegenüber gewiß eine kluge Maßnahme. 

Innerpolitisch blieb die Fraktion auch unter dem neuen Na- 
men bei ihrer alten Politik. Sie blieb Anhängerin eines gemäßig- 
ten Konstitutionalismus ; die von dem linken Flügel der Libe- 
ralen, seit 1861 der deutschen Fortschrittspartei, erstrebte Er- 
weiterung der Rechte der Volksvertretung im Sinne eines Über- 
ganges zum parlamentarischen System machte sie nicht mit, 
ihre Richtschnur blieb — nach beiden Seiten — die Ver- 
fassung. Auf die Wahrung des Budgetrechtes legte sie großen 
Wert. 

In dem großen Kampfe um die Heeresreform suchte sie eine 
mittlere, zeitweise auch eine vermittelnde Stellung zu wahren. 
Sie war zahlenmäßig zu schwach, allein auf diesem Wege Er- 
folge zu erzielen, und fand bei anderen Gruppen um so weniger 
Unterstützung, als die Altliberalen, mit denen sie hätte zusam- 
mengehen können, durch jeden neuen Wahlkampf mehr zer- 
mürbt wurden. 

Die innerpolitische Haltung der Fraktion ist um so bemer- 
kenswerter und stellt sich um so mehr als ein bewußtes Maß- 
halten dar, als die Fraktion seit dem Jahre 1859 mit der aus- 
wärtigen Politik der Regierung nicht einverstanden war. Der 
italienisch-österreichische Krieg rollte die deutsche Frage erneut 
auf und die Fraktion stellte sich, wie ihre Vorgänger, wiederum 
auf die großdeutsche Seite. Sie wollte, daß Preußen dem 
('österreichischen .Staate helfe, und verdammte in der späteren 
Zeit, als Bismarck die auswärtige Politik Preußens leitete, die 
egoistische Machtpolitik, die er führte, durchaus. Die Wähler- 
schaft billigte d'ese Politik der Fraktion vollkommen, sie war 
mit ihren Gefühlen ganz bei den alten habsburgischen Traditio- 
nen. Anders in der polnischen Frage. Da gingen die Sympa- 
thien der kathol'schen Bevölkerung mit den aufständischen 
Glaubensgenossen, während die Führer der Fraktion einer 
Unterstützung der Polen schon deswegen nicht das Wort rede- 
ten, weil sie darin eine Verbindung mit revolutionären Tenden- 

a* 19 



zen sahen. Und die haben sie immer als dem christlichen 
Standpunkte widersprechend durchaus abp^elehnt. 

Es ist das einer der Fälle, wo man dem Wesen des politischen 
Katholizismus von einer Seite aus entscheidend näher kommt. 
Ernste Vertreter katholischer Weltanschauung haben den Zu- 
sammenhang zwischen Religion und Politik nie bestritten, son- 
dern immer wieder gefordert. Die modernen Moraltheologen 
berücksichtigen die Verhältnisse, die sich aus der konsti- 
tutionellen beziehungsweise parlamentarischen Staatsform er- 
geben, indem sie die Pflichten, die dem katholischen Staats- 
bürger daraus erwachsen, besprechen. Das geschah anfangs, 
dem im Grunde so konservativen Charakter der katholischen 
Kirche entsprechend, sehr vorsichtig, bis sich dann eine positive 
Auffassung allmählich durchgesetzt hatte. Die katholische 
Kirche bezieht eben ihre Lehren auf das gesamte Leben ihrer 
Angehörigen, ohne die Politik davon auszunehmen. Und das 
ist innerhalb der katholischen Gedankenwelt nicht nur selbst- 
verständlich, sondern eine notwendige Folgerung. ,,Es ergeben 
sich aus den Grundsätzen des katholischen Dogmas ganz be- 
stimmte, weitgehende Konsequenzen für die Regelung der welt- 
lichen, bürgerlichen und staatsbürgerlichen Angelegenheiten. 
Insofern fallen für den gläubigen katholischen Christen eine 
Menge rein bürgerlicher, staatsrechtlicher, gesellschaftlicher 
Angelegenheiten unter das weite Gebiet der Religion, die für 
den Protestanten nicht zur Religion gehören, sondern zu einem 
vollständig freien Gebiet. Und das ist der große Unterschied 
Zwischen katholischer und protestantischer Auffassung dieser 
Dinge*)." 

Indem die katholische Kirche den Kreis der sittlichen Ver- 
pflichtungen so weit zieht, ergibt sich eine bestimmte Auffas- 
sung zunächst für das Verhältnis von Staat und Kirche. Der 

*) So formuliert TOm derzeiligen wüttemhergisch' n Stnatspräsidentcn Dr. 
Hieber in einer Reichstagsrede zum Toleranzanimg des Zentrums am i. Mai 
1902, zitiert in einem Aufsatze: Wahlrecht und Wahlpflicht in Stimmen der 
Zeit, Bd. 96 (19 19), S. 317. 

20 



Staat ist Organisation nur für das zeitliche Leben, die Kirche 
für das ewige. Sie dient demnach höheren Zwecken als der 
Staat; darum steht sie über dem Staate; er hat ihr zu dienen 
oder ihr wenigstens für ihre Arbeit alle und volle Freiheit zu 
gewähren — mittelalterliche und neuzeitliche Formulierung für 
dieselbe Sache, Innerhalb des Staates gilt, sowohl für die Be- 
tätigung des einzelnen im Staate als für die Politik des Staates 
selbst das Gebot der Moral, wie die Kirche sie lehrt. Das Ver- 
hältnis der Staaten zueinander darf nur von der Idee der Ge- 
rechtigkeit und des Friedens getragen sein, ebenso das Verhält- 
nis der einzelnen Stände. So gewinnt der katholische Politiker 
eine bestimmte Stellung zur sozialen Frage. 

Selbstverständlich gibt es Fragen der Politik, bei denen die 
Grundsätze der Moral nicht mitsprechen. Dazu gehört in ge- 
wissem Sinne die der Staatsform. Die Moral verbietet jeg- 
lichen Bruch bestehenden Rechtes, also auch jede Revolution; 
aber sie hat kein Urteil darüber, ob Monarchie oder Republik 
zu erstreben sei. Ist eine Umwandlung oder Umwälzung, auch 
eine gewaltsame, einmal vollzogen, so verbietet die Moral nicht, 
sich auf den Boden der gegebenen Tatsachen zu stellen. So 
gehen Führer des Katholizismus von der absolutistischen zur 
konstitutionellen, so geht 191 8 das Zentrum von der monar- 
chischen zur republikanischen Staatsform über. So gibt auch 
die katholische Weltanschauung an sich keine Antwort auf die 
Frage, ob während der Konfliktszeit der Versuch der Fort- 
schrittspartei, auf friedlichem Wege zum parlamentarischen Sy- 
stem zu kommen, abgelehnt werden sollte oder nicht. (. 

Da zeigen sich die natürlichen Grenzen der moralischen 
Orientierung in der Politik. Genau so wie die gegensätzliche 
Auffassung über die Staatsform die Katholiken in der preußi- 
schen Nationalversammlung des Jahres 1848 am Zusammen- 
schluß hinderte, so überwuchert in den sechziger Jahren allmäh- 
lich die große verfassungspolitische Streitfrage, da sich alle 
politischen Interessen auf sie vereinigen, den kirchlich-politi- 
schen Standpunkt. Dadurch wird die katholische Fraktion all- 

21 



mählich aufgerieben. Von ihren Abgeordneten blieben schließ- 
lich nur noch diejenigen, die in persönlichem Vertrauensver- 
hältnis mit ihrem Wahlkreis lange schon verbunden waren ; Offi- 
ziere ohne Heer. Die Auflösung vollzieht sich um so leichter, 
als es damals zentrale Organisationen der Parteien noch 
nicht gab. Es fehlte das Schwergewicht, das bei einer späteren 
Parteientwicklung in dem ausgebreiteten Vereins- und Presse- 
wesen besteht und Neubildungen von Parteien ebenso er- 
schwert, wie den Untergang einmal vorhandener. Statt dessen 
erfolgen Umbildungen von innen heraus oder Umgruppie- 
rungen. Bestanden hat die Zentrumsfraktion bis nach dem 
Kriege von 1866; dann ist sie sanft entschlafen. Die Mehrzahl 
der noch tätigen Parlamentarier schloß sich der bundesstaatlich- 
konstitutionellen Vereinigung an. Es fiel ihnen schwer, den 
Anschluß an die neue Zeit zu finden. Ketteier hat vielen erst 
durch seilte vom Standpunkte der Kirche aus in gutem Sinne 
realpolitische Schrift den Weg gewiesen ; so waren sie vorbe- 
reitet, als eine neue kirchenpolitische Bewegung einsetzte und 
zu neuer Arbeit rief. 



22 



Dokumente 



RechtlicheBitten und ehrfurchtsvollste 
Wünsche der KathohkenDeutschlands 

(i8i4) 

Von Landrichter K, J. Schmid in Dillingen 

Die Ratschlüsse der göttlichen Vorsehung hatten in einem 
Zeitpunkte von einigen zwanzig Jahren fast unglaubliche und 
wunderbare Abwechslungen in politischen und kirchlichen Ver- 
hältnissen Europas herbeigeführt ; Staaten verschwanden und 
lebten wieder auf. Die ganze hierarchische Ordnung des katho- 
lischen Religionsgebäudes schien einem Zusammensturz nahe ; 
durch eine unvermutete Umwendung der Dinge trat das ehr- 
würdigste Oberhaupt der katholischen Kirche, das ganz aus 
der politischen Welt vertilgt zu sein schien, sozusagen ganz 
unbemerkt ohne Beiwirkung eines Menschen mit vollem Glänze 
in seine vorige Laufbahn wieder ein. 

Die ganze Welt schien zu einer vollständigen Umwandlung 
bestimmt zu sein. Plötzlich nahm der Gang der Zerstörung 
eine unerwartete Wendung; dem Strom des Verderbens wurde 
Stillstand geboten; und unsere erhabenen Souveräne stehen nun 
an dem Punkte, auch die aufgelösten Banden der deutschen 
Staatsverfassung wieder in eine feste und dauerhafte Ordnung 
zu knüpfen. 

Der Grund zu dieser beruhigenden Hoffnung wurde von un- 
seren erhabenen Staatsoberhäuptern schon in jenem Zeitpunkte 
gelegt, da unsere alten Verfassungen besonders der geistlichen 
Länder durch das unaufhaltbare Schicksal aufgelöst wurden, 
und den weltlichen Fürsten die Zügel der Regierung über nev 
Länder in die Hände fielen. 

Schon dazumal erklärten sie feierlich, daß sie nicht als unun 
schränkte Herren, sondern als Souveräne, das ist, als obersu 

2- 



Regenten freier Staaten diese Regierungen antreten würden. 
Weit entfernt sich als Despoten, anzukünden, sicherten sie selbst 
ihren neuen Staaten, und besonders den darin befindlichen Kir- 
chengemeinden, auf die humanste Weise den Schutz ihrer bis- 
her genossenen Rechte öffentlich zu. 

Auf dieses gegebene Wort unserer Souv^eräne gestützt, 
treten wir nun bei den herbeigeführten glücklicheren Zeitum- 
ständen ehrfurchtsvoll vor ihre Throne, um sie nun dieser ihrer 
Zusicherungen wieder zu erinnern und um die Erfüllung der- 
selben nunmehr, da die bisherigen Hindernisse hinweggeräumt 
sind, mit kindlichem Vertrauen zu bitten. 

Da wir gegenwärtig bloß als Glieder einer religiösen und 
kirchlichen Gemeinde, der katholischen, auftreten, so ergibt 
sich von selbst, daß unsere Bitten und Wünsche sich aus- 
schlüssig auf Religion und Kirche beziehen; und in diesem Ge- 
sichtspunkte wird es uns dann erlaubt sein, vorzüglich unser 
rechtliches Gesuch auf alles dasjenige auszudehnen, auf das 
wir als Katholiken nach den allgemeinen Zusicherungen des 
Lüneviller Friedens, und nach den darauf gegründeten Reichs- 
abschlüssen und Rezessen sowohl, als nach den besonderen aus- 
drücklichen Versprechungen unserer höchsten Landesväter 
rechtliche Ansprüche machen zu können, beglaubt sind. 

I. Nach dem Inhalte und den wiederholten Zusicherungen 
und Bestätigungen des Friedens von Lüneville, nach dien aus- 
drücklichen Äußerungen der französischen Regierung und nach 
den eigenen Stipulationen der deutschen Fürsten ist die katho- 
lische Religionsausübung und Kirchenverfassung zusamt dem 
äußeren Gottesdienste, den diesesReligionsbekenntnis als zweck- 
mäßig anerkannt und festgesetzt hat, ihren Bekennern, sie mögen 
ganze Gemeinden oder einzelne Individuen sein, feierlich ver- 
bürgt. 

Die bisherigen Fürstentümer und Länder und Herrschaften, 
welche in dem deutschen Reiche unter dem Titel geistlicher 
Staaten bekannt waren, wurden zwar mit ihren Revenuen, 
itaatsgefällen. Rechten und Regalien zur Entschädigung der 

■6 



weltlichen Fürsten für ihren in dem französischen Krieg- er- 
littenen Länderverlust mit allen Souveränitätsrechten über- 
lassen; aber eben diese erhabenen Fürsten übernahmen bei 
diesem Übergange der geistlichen Staaten unter ihre Landes- 
herrschaft die Erfüllung der in der Natur der Sache von selbst 
gegründeten gerechten Bedingnis: 

Daß mit einem Teile dieser Revenuen die künftige Erhaltung 
der katholischen Kirchenverfassung und des katholischen Got- 
tesdienstes bestritten, und derselbe zu diesem Zwecke den 
katholischen Kirchengemeinden überlassen werden solle. 

Unter dieser Bedingung kann nun wahrlich nichts anderes 
begriffen und verstanden sein, als daß die Bistümer mit den 
dazu erforderlichen Seminarien, sowie die mit denselben ver- 
bundenen Lehranstalten, welche zumal größtenteils eigne beson- 
dere Fundationen hatten, wieder zweckmäßig hergestellt werden. 

Aus eben diesen den katholischen Kirchengemeinden auszu- 
werfenden Revenuen und Gefällen sollen dann auch die 
Bischöfe, die Domkapitel, die bischöflichen Räte, die Lehrer 
und Aufseher der Seminarien wieder saliert, sohin auf dem 
Ertrage dieser realen Fonds die künftige Verfassung der katho- 
lischen Hierarchie dauerhaft gegründet werden, 

IL Mit den Fürstentümern samt ihren Einkünften und Ge- 
fällen wurden auch die Stifter, Klöster und ihre Einkünfte zur 
Entschädigung für den Länderverlust der weltlichen Fürsten 
bestimmt. a 

Mit der nämlichen Zusicherung, welche den Gottesdienst und 
die Kirchenverfassung den Katholiken verbürgt, steht dann 
auch die weitere stillschweigende Zusicherung in engster Ver- 
bindung, daß wenigstens einige Korporationen, Klöster oder 
Institute, welche zur Besorgung des Gottesdienstes, oder zur 
Aufrechterhaltung und Beförderung des Kults, oder zur religi- 
ösen und sittlichen Erziehung als notwendig oder zweckmäßig 
anerkannt werden sollten, wieder aus den nämlichen Revenuen 
und eingezogenen Klostergütern in einer dem Zeitpunkte an- 
gemessenen Gestalt hergestellt werden. 

2/ 



Sollte daher der Geist der katholischen Religion, dessen rich- 
tige Bestimmung die Katholiken nur von der Kirche und 
ihrem Oberhaupte allein mit unbezweifeltem Glauben erwarten, 
zur wirklichen Aufrechterhaltung ihrer Religionsverfassung 
die Wiederherstellung wenigstens einer bestimmten Anzahl von 
Klöstern und geistlichen Instituten als notwendig oder zweck- 
mäßig erfordern, so finden wir in der obgedachten allgemeinen 
und unbeschränkten Zusicherung unserer gerechten Souveräne 
auch die Hoffnung auf die gerechte Wiederherstellung dieser 
geistlichen Korporationen gegründet. 

Diese Wiederherstellung können wir auch von jenen deut- 
schen Landesfürsten um so zuverlässiger erwarten, welche 
selbst Mitglieder unserer Kirchengemeinde sind; bei denen wir 
sohin ihrem erhabenen Charakter gemäß schon eine eigene 
pfiichtmäßige Teilnahme und Achtung für all dasjenige voraus- 
setzen dürfen, was immer der Geist unserer Religion als ach- 
tungswertes Beförderungsmittel der Religionsausübung em- 
pfiehlt. 

TU. Aus dem nämlichen Grunde der notwendigen Verbin- 
dung mit unserer Kirchenverfassung und Gottesdienste dürfen 
wir auch von den gerechten Gesinnungen unserer Souveräne 
erwarten, daß die unmittelbare Aufsicht und Leitung und die 
allenfalls notwendigen Verbesserungen unserer Kirchenver- 
fassung, die Aufrechterhaltung unserer Glaubenslehre, die Be- 
stimmung und Handhabung unserer gpttesdienstlichen Zere- 
monien, Gebräuche, Kirchensatzungen, Feste, Andachten, der 
kirchlichen Ordnung und Disziplin, sowie auch die Aufsicht 
und Einrichtung der Seminar ien und anderer katholischer 
Lehrinstitute und Korporatiousjn, die Wahl, Leitung und Prü- 
fung aller zu unserem Kult unmittelbar oder mittelbar beson- 
ders zur Seelsorge erforderlichen Individuen, die Unter- 
suchung, Verbesserungen und Rügen in Religions- oder Kir- 
chendienstsachen, als Gegenstände, welche mit der Wesenheit 
der inneren und äußeren Religionsverhälnisse in engster, un- 
zertrennlicher Verbindung stehen, unseren Kirchenvorstehern 

28 



und dem Oberhaupte der Kirche um so unbedenklicher in 
ihrem ganzen Umfange überlassen bleiben, als diese Befugnisse, 
in notwendiger und konsequenter Ableitung aus der allge- 
meinen von ihrem Ursprünge an anerkannten Unschädlichkeit 
unseres Kults von selbst hervorgehen. 

Man würde das zarte Ehrgefühl unserer höchsten Landes- 
väter selbst beleidigen, wenn man ihnen auch nur die Ver- 
mutung beimessen wollte, daß ihre durchlauchtigsten Vorfahren 
oder auch diejenigen Fürsten, welche diesen Beispielen der 
Vorzeit nachahmen, und überhaupt diejenigen Staaten, welche 
unbegrenzte Achtung der katholischen Religionsübung bezei- 
gen, und die Leitung und Aufsicht über die katholischen Kir- 
chenpersonen und Angelegenheiten den Kirchenvorstehern ganz 
überlassen, etwas Ungeziemendes oder wohl gar Ungerechtes 
und Schädliches gegen den Staat oder die Menschheit sich zu- 
schulden kommen ließen. Denjenigen Fürsten, welche sich als 
Mitglieder unserer Kirche selbst bekennen, dürfen wir diese be- 
sondere Achtung unseres Kults von selbst zutrauen, und die 
Fürsten, welche einer anderen Religionsgemeinde zugetan sind, 
werden sich mit dem allgemeinen Inspektionsrechte des Staates 
beruhigen, welches ganz gewiß zureichend ist, um jede auf- 
steigende Besorgnis eines Mißbrauches zu beseitigen, und um 
durch angemessenes Benehmen mit dem. Kirchenoberhaupte 
nach dem von jeher bestandenen Herkommen die allenfalls 
sich einschleichenden Mißgriffe, deren Entstehung doch nur ein- 
zelnen Individuen wird zugerechnet werdenr können, gleich in 
ihrem ersten Keime zu ersticken. 

Lassen doch auch selbst Staaten, die gar nicht mit uns in 
Kirchengemeinschaft stehen, wie zum Beispiel die erlauchte 
russische Nation, ja sogar Reiche, die nicht einmal im entfern- 
testen Religionsverbande mit uns sind, zum Beispiel das otto- 
manische Reich, die in ihren Ländern sich aufhaltenden katho- 
lischen Christen die obbeschriebenen Befugnisse ungestört üben, 
ohne zu befürchten, daß dem Staate dadurch ein Nachteil oder 
etwas Schädliches zugehen würde. 

29 



IV. Nebst dieser unseren Kirchenvorstehern zu überlassenden 
Aufsicht und Leitung der zu unserem Kirchen-, Gottes- und 
Unterrichtsdienste bestimmten Personen glauben wir auch 
rechtlich erwarten zu dürfen, daß die unbeschränkte Verwal- 
tung des Kirchenguts, der Kirchenstiftungen und der zum Kult 
überhaupt gehörigen Fonds als unantastbaren Eigentums der 
ganzen Kirchengemeinde der Obsorge unserer Kirchenvorsteher 
eingeräumt werde, so wie solches der Natur der Sache, dem 
Herkommen und der Intention der Stifter gemäß ist. 

Den katholischen Kirchengemeinden werden die Rechte 
moralischer Staatsbürger in Gemäßheit der angeführten feier- 
lichen Zusicherungen unserer Staatsoberhäupter in Hinsicht 
auf Gemeindevermögen (auf das Eigentum sowohl als Ad- 
ministration) nicht angesprochen, und eben deswegen gebührt 
auch der Kirche gerechter Anspruch auf den Schutz dieser 
Rechte, sowie anderen Bürgern und Lokalgemeinden, nur mit 
dem Unterschiede, daß Lokalgemeinden, deren Hauptzweck 
der ruhige und sichere Genuß gemeinschaftlicher Rechte ist, 
zusamt ihrem Vermögen unter der Leitung und Oberadmini- 
stration des Staates als obersten Schützers aller Rechte der 
Bürger unmittelbar stehen, wo entgegen die Kirchen und Reli- 
gionsgemeinden, deren Hauptzweck die Erhaltung ihrer reli- 
giösen Verhältnisse und der sittlichen Vervollkommnung ist, 
mit ihrem Vermögen und Fundationen unmittelbar unter der 
Leitung und Verwaltung ihrer geistlichen Vorsteher und des 
höchsten Kirchenoberhauptes sich befinden, und dann erst des 
unmittelbaren Schutzes des Staats sich zu erfreuen haben, 
wenn ihnen die von .dem Staate verbürgte Ausübung ihres 
Hauptzweckes rechtlich bestritten oder gewaltsam ange- 
griffen wirdv 

Wir haben daher auf die gerechten Gesinnungen unserer 
Souveräne das volle Zutrauen, daß sie das Kultvermögen 
unserer Kirche in seinem ganzen Umfange, wie es vor Jahr- 
hunderten p-ebräuchlich war und dem Begriffe eines Kirchen- 
gemeinde-Vermögens vollkommen entspricht, unseren Kirchen- 

30 



Vorstehern zur \'er\valtung und Disposition ohne Hindernis 
wieder überlassen und gegen alle Angriffe und ungerechte An- 
maßungen schützen werden. 

Zu diesen rechtlichen Bitten gesellen sich nun noch einige 
besondere Wünsche, die sich in einem Zeitpunkte auf unsere 
Lippen drängen, in welchem uns einerseits mehr als zwanzig- 
jährige Unfälle über den wahren Grund des eingebrochenen 
physischen und moralischen Verderbens belehrt haben, anderer- 
seits die glücklichen Ereignisse eines Jahres das menschliche 
Geschlecht wieder in den Stand gesetzt haben, die Quellen zu 
verstopfen, aus denen die Flut so vieler und großer Übel auf 
selbiges sich ergoß. 

Wir richten uns mit diesen Wünschen vorzüglich an die- 
jenigen Herrscher der europäischen Staaten, die selbst unsere 
Glaubensgenossen sind und ebendarum als solche unserer Kirche 
in Hinsicht auf religiöse und sittliche Gegenstände besondere 
Achtung zugestehen. Diese erhabenen Fürsten flehen wir um 
ihre Mitwirkung an, daß erstens: Der Hebung der bestehen- 
den Uneinigkeiten zwischen Kirche und Staat in Hinsicht auf 
die Grenzen der wechselseitigen Gewalt auf eine der Natur der 
Sache angemessene Art die Hände geboten werden ; 

daß dann besonders unter Anleitung des höchsten Kirchen- 
oberhauptes der Grund gelegt werde, um die eingerissenen 
Hindernisse der moralischen Erziehung zu beseitigen und so 
manche sich widersprechende neuen Lehren besonders im sitt- 
lichen und religiösen Gesichtspunkte zu berichtigen; daß end- 
lich auch 

eine d>en Zeitbedürfnissen angemessene Disziplinarordnung 
der Geistlichkeit unter der nämlichen Anordnung des höchsten 
Kirchenvorstehers eingeführt, und die strenge Handhabung 
derselben festgesetzt und ausgeführt werde. 

Der zweite Wunsch, den wir unseren Souveräns zur weisesten 
Beherzigung vorlegen, besteht darin, daß die Erziehung der 
Jugend wieder einem zu diesem Hauptzwecke der moralischen 
Menschenbildung, vorzüglich und aus ganz uninteressierten 

3f 



Absichten gewidmeten Institute unter festen und bleibenden 
Normen eingeräumt, und daß sohin dieser wichtige Gegenstand 
nicht mehr unstäten, schwankenden Einrichtungen überlassen 
oder von seiten der Erziehenden als bloßer Erwerbs- oder Ge- 
werbszweig betrachtet und behandelt werden könne. 

Diese unsere Wünsche legen wir unserem heiligsten Kirchen- 
oberhaupte, unseren Souveränen und den sämtlichen Fürsten 
und Potentaten, welche sich zur Wiederherstellung einer allge- 
meinen politischen Ordnung der Staaten, besonders unseres 
Deutschlands, demnächst in einem allgemeinen Kongreß ver- 
sammeln werden, in tiefster Ehrfurcht zu Füßen, und bitten 
Gott um die Erleuchtung dieser erhabenen Versammlung, damit 
diese so wichtigen Gegenstände zum Besten der Menschheit 
endlich wieder einmal auf eine feste und dauerhafte Art be- 
stimmt, begründet und gehandhabt werden. 

Die Katholiken Deutschlands 

(Abgedruckt nach; Dr. Th. F. Ludwig, Weihbischof Zirkel von Würzburg. 
Bd. II (1906) S. 567 ff.) 



32 



Die Kirche und ihre Institutionen 
im Verhältnis zu den Tendenzen 

der Zeit 

(1826) 

Von August Freiherrn von Haxthausen 

Wir beg-innen, ausgehend von der nächsten Vergangenheit, 
damit., daß wir uns in Deutschland zurückstellen in die schöne, 
von wahrhaft jugendlichem Glänze leuchtende Zeit von 1813, 
1814, 1815. Welch reges Leben nach allen Seiten! wie frisch 
und kräftig der Wille! welch schönes Vertrauen zwischen den 
Fürsten untereinander und mit den Völkern, und wieder unter 
den Gliederungen des Volkes selbst! wie war alles egoistische 
Treiben in dem einen Ziel verloren gegangen 1 wie war alles Tat 
geworden, und jedes räsonnierende Hin- und Herreden und 
Meinen beiseite gesetzt! Und dennoch, welche Täuschung 
überall, welch Verkennen in allen Hauptrichtungen ! Wie 
hatte der Wurm diese Blüte schon angestochen, daß sie 
nach kurzem Bestände ohne Frucht schnell zerblätterte und 
niederfiel. 

Nach einem tiefgefühlten inneren Elend, das die feinen Be- 
ziehungen des gemeinschaftlichen Lebens im Vaterlande ergrif- 
fen hatte, war auf einmal ein Geist im deutschen Volke erwacht, 
der sich früher nie gezeigt hatte: das lebendige Gefühl eines 
gemeinschaftlichen Vaterlandes. Es zeigte sich dieser Geist zwar 
nur unter den gebildeten Ständen, aber dort auch fast allgemein, 
dagegen die untern Klassen der einzelnen deutschen Stämme 
meist nur durch das Gefühl des äußeren Drucks, und die An- 
hänglichkeit an den früheren Zustand und an die alten ange- 
bornen Herrscherfamilien aufgeregt wurde; allein in dem 
Willen, das Joch der Fremden abzuwerfen, trafen alle zusam- 
men. Es gelang über alle Erwartung, und jede Schmach, die 

Borgrsträßer I. ; 33 



Frankreich dem deutschen Reiche seit 200 Jahren angetan, ward 
durch den vollständigen Sieg abgewaschen. 

Eine sehr merkwürdige Erscheinung zeigte sich in diesem 
Kriege, Die moderne Philosophie der letzten Dezennien des 
verflossenen Jahrhunderts hatte zwar in Deutschland bei dem 
Ernst und der Tiefe der Nation nicht zu jenem flachen Mate- 
rialismus der Franzosen herabsinken können, allein das posi- 
tive Christentum war dennoch in seinen Grundfesten von ihr 
angegriffen worden, und dadurch war es namentlich bei den 
höheren Ständen fast völlig zu einem trockenen Moralsystem 
herabgewürdigt. Schon begannen sich diese Ideen auch den 
untern Ständen zu nähern, da bewährte bei der Zernichtung 
alles äußern politischen Lebens, bei dem Drangsal und Elend 
und der Schmach der Unterdrückung, eben das Christentum 
abermals seine ewige eiserne Kraft. Eben die Philosophie der 
höhern Stände lenkte zum Christentum ein. Als die Fesseln der 
Tyrannei gebrochen werden sollten, und dies noch als ein zwei- 
felhafter Riesenkampf erschien, suchte man Trost im Christen- 
tum, Hilfe von oben. Man fand sich durch den Gedanken ge- 
stärkt und ermutigt, als ein Kämpfer für eine heilige Sache 
aufzustehen, ja man überredete sich, es sei die Sache des Chri- 
stentums selbst, die man verteidigen wollte. So edel und 
achtungswürdig sich dies bei dem einzelnen gestaltete, so kön- 
nen wir doch nicht leugnen, daß diese Gefühls- und Gedanken- 
richtung etwas Krampfhaftes, ja etwas Unwahres in sich 
hatte. Bei der Stufe der Verstandesbildung, worauf wir stehen, 
ist eine solche Selbstverblendung unmöglich. Wir können uns 
selbst es nicht weismachen, daß das Christentum als solches von 
den Franzosen in Gefahr gebracht worden. Alle wahren Ten- 
denzen dieses bewunderungswürdigen Krieges waren vielmehr 
ganz national ; es war ein Kampf um die Unabhängigkeit und 
Freiheit des Herdes, womit das Christentum, welches seine 
Kraft selbst bei den niedrigsten Sklaven noch bewährt, nichts 
zu tun hatte. Die Masse des Volkes, die niedern Stände teilten 
auch durchaus nicht diese Selbsttäuschung; wir finden bei ihnen 

34 



fast keine Spuren dieser falschen religiösen Begeisterung. Das 
Volk wird nur für religiöse Meinungen, falsche oder wahre 
gleicii viel, zu jenen gewaltigen Kämpfen aufgeregt, die wir 
Religionskriege nennen. 

Eben weil eine Täuschung zugrunde lag, welche in inner- 
ster Seele und mit allerKraft des Gedankens einen Volkskrieg für 
einen Religionskrieg gehalten, konnte der Zustand nach dem 
Frieden nicht befriedigen. Man fühlte, daß, trotz des äußeren 
Scheins, nicht entfernt das erreicht war, wofür man gestritten 
zu haben glaubte. Nicht ein idealer modern christlicher Staat 
war durch den Sieg begründet, vielmehr wurden im ganzen nur 
die noch einigermaßen lebendigen alten Formen, jedoch durch- 
drungen und zum Teil ungeschickt verbessert, durch die vom 
Feinde gegründeten oder aufgedrungenen neuen Einrichtungen, 
wiederhergestellt. 

Damit hat sich aber nun sogleich in den gebildeten Ständen 
ein Versessensein auf bestimmte politische Ansichten, ein eigen- 
sinniges einseitiges Festhalten an idealen Theorien hervorgetan, 
welches alle bestehenden Formen entweder gleich zu zernichten 
oder demselben wenigstens einen ihnen fremden Geist mitzuteilen 
strebt, um sie nach jenen als einzig richtig und heilsam geglaub- 
ten Theorien umzumodeln. Kraftvoll ist diese Opposition gegen 
das Bestehende geworden, weil eben die Regierungen, deren 
Glieder aus diesen gebildeten Ständen hervorgegangen sind, 
selbst diese Richtung, zum Teil unwillkürlich, genommen haben. 

Sieht man schärfer zu, was diese vereinigten Bestrebungen 
denn eigentlich bezwecken, so findet man nach obenhin das 
Verlangen, über eine sehr konzentrierte Staatsgewalt zu gebie- 
ten, die — überall nach mechanischen Gesetzen wirkend, und nach 
mathematischer Präzision strebend — die lebendigen Bestandteile 
des Staates nur als tote Massen dem Kalkül des Verstandes unter- 
wirft ; dagegen nach unten hinab alle lebendige Gliederung des 
Volks aufgelöset, alles individualisiert, alles Beengende in den 
älteren Formen fortgeworfen wird. Wäre -dergleichen vollkom- 
men auszuführen, dann wären allerdings die sozialen Lebens- 

3* 35 



kräfte der Nation ertötet, jede Eigentümlichkeit und Natio- 
nalität verwischt, dagegen würde jede persönliche, durch die 
bisherigen Formen gebundene Tätigkeit befreit und erhöht, 
und allen mechanischen Kräften freier Spielraum gegeben. Der 
Sieg dieser Ideen würde der Sieg des Talents und des berech- 
nenden Verstandes über die Naturinstinkte, die unter höherer 
Leitung die alten Verfassungen gebildet haben, zu nennen sein. 

Es kam aber unter denen, die zu dieser Umformung mit den 
Regierungen sich verbunden hatten, bald zum Zwiespalt. Die 
größere Masse meinte, daß, wenn die Umschaffung der alten 
Verhältnisse heilsam sein solle, sie nach und nach und zwar 
von oben herab vor sich gehen müsse. Die feurigen und tat- 
kräftigen Geister aber, welche nur das Resultat wollten, hielten 
diesen Übergang für ein keineswegs notwendiges Übel, sie 
wollten das von ihnen einmal als gut Erkannte gleich und kraft- 
voll eingesetzt, und da die Regierungen zögerten, auch manches 
Alte, was von bewährtem Nutzen schien, zu erhalten strebten, 
so opponierten sie sich, und so entstanden die sogenannten revo- 
lutionären Umtriebe. Die Parteien waren aber dabei seltsamer- 
weise weder in den Grundprinzipien, noch in der Gestalt, welche 
sie der Zukunft zu geben trachteten, uneinig, sondern nur in der 
Art der Ausführung, und selbst da gehen sie so leise und unsicht- 
bar ineinander über, daß in denselben Menschen, je nachdem sie 
in verschiedene Lagen des Lebens kommen, oft das eigentlich 
revolutionäre Prinzip schon vortritt, wenn sie sich selbst noch 
als die ruhigsten Bürger und Staatsdiener glauben und gerieren. 

Die Blüte dieser revolutionären Gedankenreihen zeigt sich 
besonders interessant im deutschen Studentenwesen; sie er- 
scheint hier in ihrem. Extrem abnorm, sich keinem Verhältnis 
fügend, absprechend, unpraktisch, allein warm und edel, und 
voll Kraft und aufopfernder Gesinnung, denn der Egoismus ist 
noch nicht zugetreten. In den edelsten und besten Naturen, 
welche innere Widersprüche, welch seltsame Mischung von heid- 
nisch fanatischen Ideen und von Begeisterung für das Christen- 
tum; von antiker Römertugend und einer katilinärischen Ver- 

36 



schwörungsgesinnung, von Begeisterung für romantische rit- 
tertümliche offene Kraft, und auch zugleich für die leeren 
toten trostlosen Hirngespinste moderner Staatstheorien ! Ein 
Streben, altes deutsches Volkswesen wiederherzustellen, und 
zugleich eine alle Nationalität auflösende Konstitution nach dem 
Zuschnitt der unveräußerlichen Menschenrechte zu gründen! 
Ein edler phantasiereicher Wille, verbunden mit so verderb- 
lichen, demoralisierenden Grundsätzen, wie man sie den Jesuiten 
kaum vorzuwerfen gewagt hat! 

Wie aber auch die Geschlechter der Menschen innerlich und 
äußerlich schwanken mögen, wie die Zukunft die Aufgaben 
lösen mag, die von Gott in der Gegenwart niedergelegt worden, 
ein Werk in ihrer Mitte hat nie geschwankt, nach achtzehn 
Jahrhunderten steht es noch in einer Lebendigkeit und ge- 
gründeten Kraft da, als ob alle Stürme, die es umtobt haben, 
nur dazu gedient hätten, seine Ewigkeit der Zeit zu beweisen ! 
Das ist die katholische Kirche. Die neueste Zeit hat uns be- 
wunderungswürdige Erscheinungen an, ihr vor den Augen 
vorübergeführt. Alle ihr nicht wesentliche Institutionen, das 
Rüstzeug der frühern Zeit: Kapitel, Klöster, Ritterorden, waren 
nach und nach morsch geworden, Geist und Leben waren aus 
ihnen gewichen. Da kam der Sturm der Zeiten, der alles 
niederriß, was nicht in voller Geistes- und Lebenskraft dastand ; 
sie sanken, und zugleich mit ihnen verlor die Kirche fast ihr 
ganzes irdisches Gut, die Fürsten der Kirche ihre Kronen ! 
Und dennoch ist nichts Wesentliches verloren ! Die Lehre blieb 
unerschüttert, die Gemeinde treu, ja sie erwachte aus ihrer Apa- 
thie, und schloß sich enger an die arme Kirche, als sie vor 
fünfzig Jahren an die reiche sich gehalten hatte. Die letzten 
Häupter der Kirche aber führten, ungebeugt von widrigen 
Schicksalen, mit unerschütterlicher Kraft das Steuer des Fischer- 
kahns; sie reichten gleich den alten Märtyrern ihre Hände und 
greisen Häupter mit Gleichmut den Fesseln und der strengsten 
Gefangenschaft dar, und Pius VH. sprach, als der Held und 
Erbe der Zeit im Zenith seiner Macht stand, und die Welt vor 

Z7 



ihm zitterte, treu dem alten Sinne und der eisernen Konse- 
quenz, idas Anathema über ihn. 

Da erhob sich der große Kampf neuerer Zeit, das Vorbild des- 
sen, der sich noch fortdauernd im ganzen geistigen Gebiete 
durchstreitet; die alten Herrscher siegten überall über die neuen 
Emporkömmlinge, und das Historische war in seiner irdischen 
Wurzel gerettet. Nun hätten die Geretteten vor allem ihre 
Pflege jener andern höhern Wurzel, aus der auch all ihre Au- 
torität hervorgegangen, zuwenden sollen ; aber leider war die 
moderne Legitimität nur vom Vater halb recht historisch edel- 
geboren, von der Mutter her aber ein Kind der Zeit, und so 
geschah es dann, daß die Dinge mitunter geordnet wurden, als 
sei die Erde der Mittelpunkt der Welt, der Himmel aber nur 
eine polizeiliche Anstalt, um ihre finstern Nächte zu beleuchten. 
Inzwischen regte sich der erwachte Geist, und trieb, mit jedem 
Tage mehr erstarkend, bewußtlos hin zu dem, was geschehen 
mußte, welchen Widerstand er stellenweise auch finden mochte, 
und wenn die andern sich in den irdischen Besitz geteilt, so wies 
er dafür der Kirche, was ihre eigentlichste und kostbarste 
Domäne ist, die Seelen wieder zu, die sich von ihr zu lösen 
begonnen. Seither kündigt ein leichter, sich stets mehr er- 
hellender Schein auch für sie den Anbruch eines neuen Tages 
an, Sie hat sich purifiziert, und wird sich auch jetzt regene- 
rieren. Die ewige Frage aller Jahrhunderte, wie sich die kirch- 
lichen Verhältnisse zu den weltlichen stellen werden, scheint 
sich in diesem Augenblicke sehr milde zu beantworten. Rom 
gibt kein wesentliches Recht auf, aber es handelt aufrichtig 
und ohne Rückhalt gegen die Regierungen. Diese aber erken- 
nen in der Kirche und ihren Einrichtungen die kräftigste Stütze 
gegen die revolutionären Richtungen. Wir haben ein bisher 
nie gesehenes Beispiel vot Augen, daß wohlgesinnte große pro- 
testantische Regierungen mit dem Papste Verträge abgeschlos- 
sen, wodurch von neuem gut begabte katholische Bistümer und 
frei wählende Kapitel hergestellt wurden. 

(Aus: Der Katholik, Bd. XXI, 1826, S. 129 ff , bes. 132 ff., 167 ff.) 
38 



Die Bedeutung der Priesterseminarien 

(1826) 

Antrag des Abgeordneten Johannes iCertell im hessischen Landtage von 1826 

,,die hohe Staatsregierung in den Stand zu 

setzen, dasMainzerSeminarium durch m e h - 

rere auf Kosten des Staates erteilte 

Freiplätze zu unterstützen" 

Motive: 

Das Mainzer Seminarium zur Erziehung und Bildung der 
katholischen Geistlichen ist das älteste geistliche Institut dieser 
Bestimmung in Deutschland — es hat zum Stifter einen der 
aufgeklärtesten Kirchenprälaten des siebenzehnten Jahrhun- 
derts, den Freund und Gönner des großen Leibniz, Kurfürsten 
Johann Philipp von Schönborn. Diesem Institut verdankte von 
dieser Zeit an der Mainzer Klerus seine Auszeichnung durch 
Sitte, Frömmigkeit und wissenschaftliche Bildung. 

Reiche Dotationen setzten die Verwaltung instand, den 
meisten aufgenommenen Zöglingen das jährliche Kostgeld von 
150 fl. zu erlassen oder bis zur Versorgung vermittelst einer 
Pfarrstelle zu kreditieren. Dadurch war den Söhnen der wenig 
bemittelten Eltern die Möglichkeit gegeben, sich bei Widmung 
zum geistlichen Stande den Eintritt auf die damals auf drei 
und vier Jahre festgesetzte klerikalische Prüf- und Bildungs- 
anstalt zu erleichtern. 

Es liegt in der Bestimmung der Erziehung eines christ- 
lichen Religionslehrers, und vorzüglich in der Erziehung eines 
katholischen Weltpriesters, daß der Übergang vom weltlichen 
zum geistlichen Stande durch eine längere Abgeschiedenheit 
von dem Sinnlichen, durch Übungen wahrer Frömmigkeit, 

39 



reiner Sittlichkeit und wissenschaftlicher Bildung vorbereitet 
werde. In heutiger Zeit, wo dem katholischen Klerus nicht 
mehr der Weg zu glänzenden Ehrenstellen und reichen Besol- 
dungen wie in früherer Zeit offen steht, wo bei dem freieren 
Leben der studierenden Jugend, und einem dem, geistlichen 
Stande unholden Zeitgeiste, einzig die ärmere Klasse der Stu- 
dierenden durch Aussicht einer spärlichen Versorgung zum 
geistlichen Stande sich bestimmt, ist es im Interesse aller, denen 
die Erhaltung und Achtung der Religion und ihrer Diener am 
Herzen liegt, daß wenigstens den Söhnen unbemittelter Eltern 
einigermaßen durch Beihilfe des Staates das Hindernis zu 
ihrer Bestimmung für den geistlichen Stand gehoben werde, das 
früher durch eine reichere Stiftung des Instituts beseitigt war. 

Dieses herrliche Institut ging bei Ankunft der Franzosen 
in der Belagerung 1792 ganz unter und wurde erst wieder nach 
dem Konkordate durch den verstorbenen Bischof Ludwig 
Colmar hergestellt. 

Doch war seine Dotation kärglich und arm, wie alles, was 
Napoleon, der für die Kosten seiner Kriege mehr als für 
geistliche Stiftungen sorgte, in der Art hinterließ ; die Haupt- 
revenüe sollte das Kostgeld sein, welches die jungen Geist- 
lichen bezahlen sollten. 

Allein, wie oben gesagt, widmen sich jetzt nur Arme dem 
geistlichen Stande, daher bestimmte ein kaiserliches Dekret vom 
30. September 1807 in dem bischöflichen Seminar zu Mainz 
vierundzwanzig Freiplätze, als acht ganze und sechzehn halbe, 
auf Kosten des Staates — jeden ganzen Platz ä 400 Fr., also 
6 400 Fr. jährlich. 

Das Dekret spricht sich folgendermaßen aus: 

,,Um auf der einen Seite der Gründung unserer Seminarien 
eine festere Basis zu geben, und auf der anderen die Erziehung 
und Bildung derjenigen zu erleichtern, die sich dem geistlichen 
Stande widmen und so der Kirche würdige Pfarrer und Seel- 
sorger, die durch ihren Eifer und gute Aufführung dem Berufe, 
den sie antreten, Ehre machen und dem Vertrauen entsprechen, 

40 



das unsere Völker in sie setzen werden, zu sichern — be- 
schließen wir wie folgt usw." 

So hatte also das Seminarium, als Mainz an das Großlier- 
zogtum kam, 6400 Fr. für die Freiplätze. Da aber Hessen Va, 
Bayern aber % vom Departement Donnersberg bekommen hatte, 
so verlangte ersteres vom letzterem % Beischuß, und indem 
Bayern sich nicht dazu verwilligte, sondern sein eigenes Bis- 
tum und folglich auch sein eigenes Seminarium nach Speyer 
verlegte, so verweigerte Hessen dem Seminarium die 6 400 Fr. 
und zahlte bisher nur Vi mit 964 fl. 

Das Seminarium konnte nun freilich von den einmal auf- 
ijenommenen armen Geistlichen keine % ausweisen, vielmehr 
muß es auch heute berücksichtigen, daß, da nur arme junge 
Leute sich dem geistlichen Stande widmen, wenn es auf Be- 
zahlung des Kostgeldes bestehen wollte, bald der katholische 
Teil der hessischen Einwohner ohne Seelsorger sein würde. 
Es suchte sich bis jetzo ärmlich durchzuwinden, wie es konnte, 
und ich habe nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß oft 
Fasttage den Mangel in der Küche verheimlichen müssen. 

Die Katholiken im Großherzogtume, denen, wie ich bei 
einer anderen Gelegenheit schon gesagt habe, Se. Königl. Ho- 
heit der Großherzog nicht bloß Duldung und Schutz ver- 
-^prochen, sondern sie mit den anderen christlichen Religionen 
in seinem Staate auf gleiche Stufe gestellt hat, seufzen ver- 
gebens seit Ableben des letzten Bischofs auf neue Besetzung 
des erledigten Stuhles. Würde ein solcher da sein, so würde 
derselbe schon für die Unterhaltung des Seminars sorgen; in 
diesem verwaisten Zustande wendet sich aber das Seminarium, 
und mit ihm der ganze katholische Teil der hessischen Unter- 
tanen, vertrauungsvoll an die Kammer, in der festen Über- 
zeugung, daß die Kammer zu seiner Unterstützung die ihm 
entzogenen 1928 fl. für Freiplätze wieder bewilligen wolle. 
Diesen Antrag lege ich der hohen Kammer ergebenst vor. 

(Aus: Landtag 1826/27 (IH.), Verhandlungen der H. Kammer, Heft XI, 
Anlage S. 50. Näheres: Studien S. 87) 

41 



Freiheit des Unterrichts, einwesent- 
Uches Bedürfnis der deutschen 

Kathohken 

(1832) 

Die Frage, ob die deutschen Katholiken die Freiheit des 
Unterrichts erringen werden, ist, genau betrachtet, die Frage, 
ob der katholische Glaube in Deutschland bestehen werde oder 
nicht. Ein religiöser Verein, eine Kirche, welche bei der 
Erziehung ihrer Mitglieder nur zusehen, oder kaum mehr als 
zusehen darf, hat immer nur eine prekäre, unter Umständen 
aber, wie solche in Deutschland obwalten, eine durchaus un- 
haltbare Existenz . . . 

Daraus ziehen wir den Schluß, welchen zu wiederholen 
Schreiber dieses nie müde wird : Katholische Schulen, 
wahrhaft katholische Schulen bedürfenwir! 
Wir bedürfen sie für die katholische Bildung 
unserer Kinder und Nachkommen; wir bedür- 
fen sie fürdasFortbestehenunsererReligion 
und unserer Kirche in unserem Vaterlande! 
Und wet soll diese katholischen Schulen uns geben? Unsere 
Regierungen ? Nein ! unsere Regierungen, die nicht katholisch 
sind, und wegen der Gerechtigkeit, die sie auch den Prote- 
stanten schuldig sind, es nicht sein können, können uns diese 
Schulen nicht geben; und noch viel weniger können sie die- 
selben leiten und dirigieren. Aber eines können sie und müssen 
sie uns geben: volle und unverkümmerte Freiheit des Unter- 
richtes. Diese Freiheit uns abzuschlagen, kann niemand das 
Recht haben, der nicht auch das Recht hätte, uns Katholiken 
das Fortpflanzen unseres Glaubens, w^elches nur durch Lehre, 
Unterricht und Erziehung geschehen kann, unmöglich zu 

42 



machen. Vergebens predigen uns moderne Staatsrechtstheo- 
retiker, diese afterliberalen Propheten kirch- 
licher und bürgerlicher Sklaverei, vom Erzie- 
hungsmonopole ihres Staates. Dieser Staat ist nicht unser 
Staat ! Wir Katholiken können nur einen solchen Staat an- 
erkennen, der auf unsere Bedürfnisse berechnet ist; der sich 
für berufen hält, unsere Rechte zu schützen; nicht aber einen 
solchen, der unsere Rechte nur an sich reißen und verschlingen 
will. Ja! es ist Zeit, daß wir endlich aufhören, uns durch das 
uns vorgehaltene Trugbild des sog. Staates blenden und ins 
Verderben ziehen zu lassen. Denn dieser Staat, der sich 
nicht als die Gesamtheit aller Staatsbürger 
(lenkt, sondern der sich den Staatsbürgern und ihren heiligsten 
Rechten gegenüberstellt, und sich nur da mit ihnen identifi- 
ziert, wo Lasten zu tragen sind; dieser Staat, der über alles, 
was uns wichtig und heilig ist, und selbst über un s e r e 
Seelen und unserGewissen bald direkt, bald indirekt 
herrschen und gebieten will, — was ist er? Eine tote, vage 
Tdee! Aber die in dieser toten Idee konzentrierten Rechte, wer 
übt sie aus? Einige wenige Staatsmänner; eine 
kleine Partei, die hinter diesem mangelhaften Begriffe 
steckt, ohne weiteres ihren eigenen Willen zum 
Willen derAllgemeinheit stempelt, ihre eige- 
nen Ansichten zur Richtschnur aller macht, 
und auf diese Weise einen Despotismus übt, unter dessen 
grenzenlosem Drucke alles sich beugen muß. Wenn wir Katho- 
liken aber auch, in bezug auf materielle Dinge, gerne 
harren und dulden, so dürfen und können wir dieses 
nicht in bezug auf unsern Glauben und unsere 
Kirche. Diese beiden Gegenstände sind uns das höchste 
aller Interessen auf dieser Erde, heiliger 
als alle Staaten, Könige und Königreiche. 
Und gerade vermöge des Rechtes, welches wir als Staatsbürger 
haben, die alle Lasten des Staates im Schweiße ihres Ange- 
sichtes tragen helfen, sind wir befugt, für dieses höchste 

43 



aller Interessen keine Knechtschaft, keine Bevormun- 
dung, keinen Druck, sondern Freiheit und Selbständigkeit 
zu verlangen. ' Ja, wir sind befugt zu verlangen, daß wir auf 
diesem, von unsern katholischen Vätern seit Jahrhunderten 
besessenen und angebauten Boden, in dem von uns 
bewohnten Teile des gemeinschaftlichen Vaterlandes, welches 
überhaupt nicht den Staaten, sondern den Deutschen 
angehört, unsere Kinder katholisch erziehen 
underziehen lassen dürfen; wir sind befugt zu ver- 
langen, daß unsere katholische Kirche fortbe- 
stehe; und endlich sind wir befugt, dafür eine vollständige 
und zuverlässige Bürgschaft zu verlangen, das heißt: Freiheit 
des Unterrichts. 

(Aus: Katholische Kirchenzeitung [Aschaffenburg] 1832, Nr. 17, 18, 19 
[stark gekürzt]. Studien S. 218) 



44 



Gegen das siebenteVolksschuliahr 

(1833) 

A 

Antrag des Abgeordneten Johannes Neeb in Niedersaulheim 

die Z wa ngs p f 1 i cht im Schulunterricht auf 
dem Lande auf sechs Jahre zu beschränken 

Motive : 

Die Schulordnung des Großherzogtums verbindet unter Geld- 
strafe die Eltern, ihre Kinder vom sechsten Lebensjahre bis 
zum vollendeten vierzehnten in ,die Schule zu schicken. Dieses 
Einschreiten der Staatsgewalt in das elterliche Recht auf die 
Bildung ihrer Kinder, fließt aus der Pflicht des Staates, seinen 
künftigen Gliedern die Mittel einer der Zeit gemäßen Zivi- 
lisation und dem Stande der Moralität angemessenen Aus- 
bildung zu versichern. 

In den Kindern der Landleute entwickelt sich bei engerem 
geselligen Verkehr die Fassungskraft gewöhnlich erst in dem 
siebenten Lebensjahre. Dagegen fordert ihre Bestimmung zu 
höheren Arbeiten eine, fernere Entwicklung ihrer Körper- 
kräfte, als bei den Kindern der Stadtbewohner. Es ist dem- 
nach für den Geist der Landkinder so unnütz als für ihren 
Körper schädlich, sie bereits vom sechsten Jahre an auf die 
Schulbänke zu fesseln. 

Außer der formellen Ausbildung können die dem Landvolke 
nach heutigen Bedürfnissen, unentbehrlichen materiellen 
Kenntnisse mittelst den dermal igen erleichternden Lehrme- 
thoden im zwölften, höchstens dreizehnten Lebensjahre er- 
worben sein, und gerade in diesem Alter werden die Kinder 

45 



beiderlei Geschlechts stark genug" zu unbeschränkter Beihilfe 
der Familie in Haus- und Feldarbeiten. 

Aus diesen Gründen bittet der Unterzeichnete: „die verehr- 
liche Kammer wolle auf verfassungsmäßigem Wege den An- 
trag unterstützen und die Staatsregierung ersuchen, die Schul- 
ordnung darin zu modifizieren, daß der Schulzwang auf sechs 
Jahre, nämlich vom siebenten Lebensjahre bis zum vollendeten 
dreizehnten wenigstens bei den Kindern der Landleute be- 
schränkt werde". 

(Aus: Landtag 1832 — 1833, Abdruck der Beilagen zu den Protokollen der 
zweiten Kammer Bd. I, S. 316/17. Vgl. den in folgender Nummer gegebenen 
Brief Neebs an den Prinzen Emil, Bruder des Großherzogs und Mitglied der 
ersten Kammer.) 

B 

Brief Neebs in gleicher Angelegenheit 

an den PrinzenEmil von Hessen, 
Mitglied der ersten Kammer 

Darmstadt, den lo, Juli 1833 

Durchlauchtigster Prinz, 
gnädigster Herr! 

Von Herrn Prälaten Schwab vernehme ich heute, daß mein 
Antrag: den Schulzwang für die Kinder des platten Landes 
auf sechs Jahre zu beschränken, bei der hohen ersten Kammer 
bereits zur Beratung gestellt wurde. Ich komme vielleicht 
mit diesem Schreiben an Eurer Hoheit als Präsidenten dieses 
erhabenen ständischen Vereines zum Behufe meiner Interessen 
zu spät. Ich hatte mich schon früher zu diesem Schritte be- 
stimmt, weil die Provinz Rheinhessen, die ich vorzüglich im 
Auge hatte, bei der hohen ersten Kammer dermalen nicht ver- 
treten ist. Das häusliche Verhältnis der dasigen Landleute, 
namentlich der großen Anzahl aus der ärmeren Klasse ist 
da ganz eigen. Die Kommunen haben da weder Gemeinde- 

46 



Waldungen, noch Weiden. Die Kinder ärmerer Leute sind im 
Frühjahr, Sommer und Herbst den ganzen Tag auf dem Felde, 
Kräuter für das Vieh, und Reiser, Laub und Stoppeln von den 
Rainen und Feldern und Hecken für das tägliche Bedürfnis 
der Küche und den Winter zusammenzusuchen. Auch scheint 
es, und meine Kollegen aus den beiden anderen Provinzen be- 
kräftigen es, in Rheinhessen, das zu den ältestkultivierten in 
Deutschland gehört, sei dem geistigen Organe seines Men- 
schenschlages eine größere Beweglichkeit angeboren ; auch dar- 
um dürften die Lehrjahre für den Bedarf der Landleute ab- 
gekürzt werden. 

Ich bin nun als Bürgermeister meiner Gemeinde dreißig 
Jahre Mitvorstand der beiden Schulen meiner Gemeinde. Der 
Schulzwang, und dabei auf acht Jahre ausgedehnt, besteht 
erst etwa drei bis vier Jahre. Wenn nun heute Kinder dieses 
Zwanges, nach dem vierzehnten Jahre, und dabei des lächer- 
lichen Luxus mit den Himmelskugeln, Geographie, Formen- 
lehre und so weiter entlassen sind, so findö ich unter ihnen 
und ihren Vorgängern nach kurzer Zeit keinen Unterschied, 
als daß sie etwa früher, und trotz dem Schulzwang ihr gutes 
und größeres Teil von der öffentlichen Sittenfreiheit ange- 
nommen haben. 

In betreff des zweiten und wichtigeren Elementes des 
Schulunterrichtes, der Religionslehre, so ist, gnädigster Prinz, 
dieses ein Gegenstand des geistlichen Amtes. Der Pfarrer 
hat die Pflege der Religion von der Wiege des Täuflings bis 
zum Grabe des christlichen Greisen zur bleibenden Pflicht. 
Man wird zur Reue zu spät erfahren, welchen Sturm der 
Wind bringen wird, den man durch teilweise, halb durch 
Zeit, halb durch Gewalt herbeigeführte Verdrängung der 
Pastoral-Schulen gesät hat. Ich war darauf gefaßt, daß in 
mehreren Blättern man über meine trübe Perspektive in die 
Zukunft wie ehemals die israelitischen Knaben auf den Straßen 
über den alten kahlköpfigen Propheten gespottet haben. 

Die Regierungen heutiger Zeit schauen fast eifersüchtig auf 

47 



das Ansehen der Kirche, und daß es neben ihren eisernen Ket- 
ten zartere Bande gibt, die doch fester halten. Sie sollten we- 
nigstens aus Machiavell lernen, daß die römische Politik, über- 
haupt aller alten gebildeten Völker, es besser als wir verstan- 
den, die Kraft des religiösen Volksglaubens zu erhalten, und 
sie zur Stütze der weltlichen Autorität und somit der öffent- 
lichen Wohlfahrt, Ruhe und Ordnung zu benutzen. Der Thron 
steht nicht auf dem, Altare, aber neben dem Altare steht er um 
so sicherer, weil er um so heiliger gilt. Vielleicht sind meine 
freien Worte an die erlauchte Person, die durch ihre hohe 
Geburt und ihren Rang dem Throne meines Vaterlandes so 
nahe steht, nicht ohne Wirkung und Eindruck. 

Sollte indessen mein Antrag in der hohen ersten Kammer 
das ungünstige Geschick haben, das ihm die zweite vorbe- 
reitet hat, so schreibe ich es dem Umstände zu, daß meine 
Aufgabe rein praktisch war, auf Lokalverhältnisse bezüglich, 
und nicht jedes der ständischen Glieder in der Lage ist, 
sich mit eigenen Augen zu überzeugen, wo die Grenze des 
Bedürfnisses des Vo 1 k e s und wo also auch die Grenze 
des Rechtes zu gewaltsamen Maßregeln ist. 

Ich bitte, gnädigster Herr! Eure Hoheit, die aufrichtigsten 
Segenswünsche für Ihre erlauchte Person von einem Ihrer 
wärmsten Verehrer zu genehmigen. 

J o h. N e e b , Dep (utierter) 
und Bürgermeister von Niedersaulheim 

(Aus: Bergsträßer, Studien zur Vorgeschichte der Zentrumspartei S. 239) 



48 



Gegen die Zivilehe 

(1836) 

Antrag' des Abgeordneten Beck 

Modifikation des Eh e gesetzes in Rheinhessen 
betreffend 

Motive : 

Meine Herren ! Bei allen Völkern der alten und neuen 
Welt wurden die Ehebündnisse, außer den bürgerlichen Förm- 
lichkeiten, auch mit gewissen religiösen Feierlichkeiten ge- 
schlossen, um der Ehe jene Würde und heiliges Ansehen zu 
verschaffen und zu erhalten, das der Natur nach ihr gebührt. 

Es war von jeher das Zeichen eines nahen Sturzes eines 
Volkes in moralischer Hinsicht, wenn die Ehe durch Hintan- 
setzung und Verachtung jener religiösen Weihe ihre Ach- 
tung verlor. 

Nach den Grundsätzen des französischen, in Rheinhessen 
geltenden Ehegesetzes, ist es für die kontrahierenden Teile 
schon hinreichend, wenn sie vor dem Bürgermeisteramte den 
Kontrakt abgeschlossen ; sie können nicht angehalten werden, 
diesen Kontrakt von ihrem Konfessionsgeistlichen bekräf- 
tigen, und ihm das Siegel der geheiligten Religion aufdrücken 
zu lassen. 

Dieses vorausgeschickt, meine Herren ! möchte ich nur auf 
die nachteiligen Folgen aufmerksam machen, die daraus für 
Sittlichkeit, und da die Moralität die Grundfeste des Staates 
ist, auch für den Staat selbst entspringen. Die Kontrahen- 
ten, die bloß bürgerlich getraut sind, müssen, nach den Grund- 
sätzen ihrer Kirche, sich immer als im Konkubinat lebend 
betrachten, und wie ist zu erwarten, daß sie gute Staats- 

HergstraOer I. 4 AQ 



bürget sind, und sich den Gesetzen willig fügen, wenn sie 
die Vorschriften ihrer 'Religion in Ansehung des heiligsten 
Bundes verachten. 

Die Lüsternheit hält sich öfter dadurch ein Hintertürchen 
offen, die bloß bürgerlich geschlossenen Bande desto leichter 
zu zerreißen, da ihnen ja ihr Gewissen nach ihrer Konfession 
sagen muß, daß eigentlich noch gar kein Ehebündnis geschlos- 
sen sei. Dadurch entstehen dann so oft eigenmächtige Ehe- 
scheidungen, oder es werden so oft die kleinsten Veranlas- 
sungen gesucht, sich gesetzlich scheiden zu lassen, was der 
Staat für sehr nachteilig erachten muß, und auch wirklich 
erachtet, wie aus den vielen Beschränkungen hervorgeht, die 
er den Ehescheidungen setzt. Wie werden ferner in solchen 
Ehen ordentliche Kinder erzogen, wie sittliche Bürger des 
Staates herangebildet werden können, da die Kinder von sol- 
chen Eltern, denen das Heiligste nicht mehr heilig ist, ich 
rede hier aus Erfahrung, weder zur Schule noch zur Kirche 
angehalten werden, da die Kinder in häuslicher Hinsicht, Zank- 
sucht, Streit und verderbliche Unordnung erblicken, die aus 
der Entzweiung der Gewissen der Eltern hervorgeht? 

Wie oft ist nicht die Folge davon, daß die Eltern sich 
trennen, die Kinder sich selbst überlassen, und dergestalt als 
wildes Unkraut entweder der Gemeinde zur Last fallen, oder 
als unnütze und schädliche Glieder derselben heranwachsen, 
wie ich es bei solchen Ehen wahrzunehmen während meinem 
zwölfjährigen Bürgermeisteramte Gelegenheit hatte. 

Nun aber ist die Staatsgewalt in Ansehung der Privat- 
gesellschaften, die im Staate bestehen, berechtigt und ver- 
pflichtet, über die Handlungen derselben zu wachen, und Auf- 
sicht zu führen; das, was sie staatsschädlich findet, zu unter- 
sagen und abzustellen, und diese Gesellschaft, jedoch ohne 
Verletzung der ihr zukommenden religiösen Freiheit, zu be- 
nutzen. Diese Rechte und Verpflichtungen hat die Staats- 
gewalt denn auch auf die im Staate existierende Kirche, und 
sie wird dieselben zu ihrem wahren Interesse benutzen, wenn 

50 



sie den Kontrahenten die Zivilrechte als Eheleuten so lange 
versagt, bis sie von dem betreffenden Konfessionsgeist- 
lichen die religiöse Trauung vollziehen lassen. 

Das französische, in Rheinhessen geltende Ehegesetz wäre 
demnach, nach meiner Ansicht, im Interesse des Staates und 
der Bürger dahin zu modifizieren: „daß zwar vor der kirch- 
lichen Trauung alle Gesetze des Staates in dieser Hinsicht zu 
vollziehen seien, und daß — dieses geschehen — das Bürgermei- 
steramt dem Pfarramte eine Bescheinigung zuzustellen hätte, 
worin besagt wäre, daß der Trauung kein Zivilhindernis im 
Wege stände, daß aber erst nach vollzogener kirchlicher Trau- 
ung die Ehe als rechtsgültig abgeschlossen zu betrachten und 
ihr erst dann jede gesetzliche Folge beizulegen, mithin — so- 
weit Buch I; Tit. 5, Kap. 2 des in Rheinhessen geltenden 
Code Napoleon abzuändern sei". 

Indem ich, in Verfolgung meines Antrages, meine Herren! 
meine Überzeugung, die auf Erfahrung beruht, vor Ihnen 
auszusprechen die Ehre habe, habe ich zugleich den Wunsch 
vieler achtungswerter Geistlichen vorgetragen, die in ihrer 
Amtsführung die traurigen Folgen für Staat und Kirche, 
durch Hintansetzung der religiösen Weihe der Ehe, wahrzu- 
nehmen oft Gelegenheit hatten. 

(Aus: Landtag 1835/36. Verhandlungen der zweiten Kammer, Beilagen 
Bd. II, Anlage 270) 



5* 



Gegen 

die moderne Geldwirtschaft 

(1837) 

Rede des Abgeordneten Ringseis 

Rechenschaftsbericht und Finanzgesetz bilden zusammen 
einen Januskopf, mit einem der Vergangenheit und einem 
zweiten der Zukunft zugekehrten Gesichte. Das meiste, das 
vom Rechenschaftsberichte gilt, gilt darum, auch vom Finanz- 
gesetze, wie dieses nicht auf andern Grundsätzen gebaut ist. 
Ich bekämpfte und bekämpfe die moderne Geld- und Finanz- 
wirtschaft als verderblich für jede Regierungsform, insbeson- 
dere die monarchische, verderblich dem Bauern, verderblich 
dem Gewerbs-, verderblich endlich dem Handelsstande. Dies 
erklärend, bemerke ich, daß die Anwendung der Grundsätze 
der modernen Geldwirtschaft, insofern sie gesetzlich, nicht dem 
Beamten zur Last falle; und indem ich bei allen, deren An- 
sichten ich bekämpfe, ja für gefährlich erkläre, redlichen Wil- 
len voraussetze, rechne ich auf ähnliche billige Anerkennung 
auch für meine Ansichten und Grundsätze. — Aber indem ich 
mich auf Grundsätze berufe, begegne ich an der Schwelle 
meines Vortrages mehreren Vorwürfen. Man tadelt es wieder- 
holt, sich auf Grundsätze zu berufen. Wahrlich, ein Vorwurf 
ganz neuer Art; indem man sonst es für kein sonderliches 
Lob hielt, von jemandem zu sagen, er sei ohne Prinzipien. 
Wodurch unterscheidet der Mensch sich von der Bestie, wenn 
nicht durch das Vorrecht und die Pflicht, nach Prinzipien zu 
handeln? Wodurch bekämpft man schlechte Grundsätze, wenn 
nicht wieder durch gute Grundsätze? 

Praktisch, sagt man, sollen wir sein ; aber diePraxis bekommt 
ihren Wert nur durch die Grundsätze; ohne Grundsätze ist 

52 



die Praxis nichtswürdige Praktik. Prinzipien wechseln, erin- 
nert man ferner. Ja, schlechte zu ändern ist Pflicht; aber 
Torheit oder Verbrechen ist's, gute zu wechseln. Die ohne 
Prinzipien kniffig und pfiffig hin und her schaukelnde Politik 
erringt keine Vorteile des Augenblicks, nie Großes für die 
Dauer. Kleine Staaten wurden groß, das heidnische und christ- 
liche Rom weltherrschend durch eisernes Beharren bei ihren 
Grundsätzen. Oder gäbe es etwa keine unveräußerlichen, ewi- 
:::en Grundsätze? Wahrlich, meine Herren! so fest, ja fester 
als die Achsen von Himmel und Erde, gibt es Wahrheiten, die 
bleiben, wenn Himmel und Erde vergehen. Diese ewigen 
Wahrheiten sind auch die Fundamente für Verwaltung, Poli- 
tik und Staatswirtschaft. Soviel von Grundsätzen überhaupt; 
nun zur Widerlegung der gegen meine Grundsätze von Mit- 
Lrliedern der Kammer, vom Ministertische und in öffentlichen 
Blättern geschehenen Erwiderungen. Der allzeit fertige Red- 
ner, der gegen die Grundsätze polemisierte, äußerte mit eini- 
gen andern Rednern gegen mich: ,,Also wären die vierzehn 
gesunden Augen des Ausschusses, die hundert Augen der Re- 
gierung und die Millionen Augen der Majoritäten in England 
und Frankreich mit Blindheit geschlagen?" Meine Herren! 
ich wiederhole, weder eine konkrete physische, noch eine mora- 
lische Person nannte ich blind: ich gebrauchte den Ausdruck 
lediglich bedingungsweise gegen einen, durch seine mehr als 
attische Urbanität in und außer der Kammer bekannten Red- 
ner, der mich der Schwärmerei, der Gespensterseherei, des 
Obskurantismus und anderer feiner Din^e beschuldigt hatte. 
Ich sagte, wer nichts fürchten zu müssen glaubt, sei mit 
Blindheit geschlagen; auch denke ich nicht, daß jemand in 
dieser Kammer ohne alle Befürchtungen für unsere Zukunft 
sein könne. Meinen Gegnern hat es gefallen, meine hypothe- 
tische Behauptung als kategorisch zu behandeln. Aber ge- 
setzt, — nicht zugegeben, — ich hätte kategorisch die Ma- 
jorität verblendet genannt, wäre ich denn damit widerlegt, 
weil die Majorität einer andern Meinung ist? Dann lügt ja 

53 



die ganze Geschichte, wenn sie behauptet, Völker, zum Unter- 
gange reif, seien in Masse verblendet gewesen; dann hatten 
ja die Juden recht, als sie in unermeßlicher Majorität zu 
Pilaten riefen: Kreuzige, kreuzige Christus! 

Nicht bloß Christus, meine Herren! auch Sokrates, Aristi- 
des, Miltiades, Fabius, Scipio, Cato, Cicero und viele andere 
treffliche Männer waren häufig in eklatanter Minorität. War- 
um urteilte wohl Montesquieu, daß es in der Regel zweck- 
mäßiger sei, die Beschlüsse der Minoritäten zu Gesetzen zu 
erheben? — Ein anderer Redner richtete meine Argumen- 
tation mit der schlagenden Bemerkung zugrunde, „daß ich 
retrograd über fünfzig Jahre zurückginge". Braucht es eines 
stärketen Beweises, meine Herren! daß ich der mit Blindheit 
Geschlagene sei? Steht doch die beste Welt erst neunund- 
vierzig Jahre, und die bayerische Weltparzelle gar erst acht- 
zehn! Wir sind also belehrt, daß jede spätere Zeit besser, 
als die fünfzig Jahre früher; die Zeiten des Sulla und Catilina 
also besser, als die frühere der Fabier und Scipionen; die Zei- 
ten Neros, Domitians und Caracallas viel besser, als die des 
Cäsars Augustus, die Zeit der dreißig Tyrannen in Griechen- 
land unendlich besser, als die des Aristides und Miltiades. Ge- 
rade das Gegenteil muß wahr sein von dem, was Horaz sagt 
in der Ode an die Römer: aetas parentum, pejor avis tulit 
nos nequiores, mox daturos, progeniem visitiorem, zu deutsch: 
unsere Großeltern waren schlimm, unsere Eltern schlimmer, 
wir sind schlimmer als unsere Eltern, und unsere Kinder und 
Enkel werden schlimmer als wir sein. Unleugbar ist also die 
Zeit seit der französischen Revolution bei weitem die beste von 
allen, und Niebuhr im unverzeihlichsten Irrtum, wenn er in 
der Votrede zur zweiten Ausgabe seiner in Frankreich und 
England bewunderten Geschichte Roms Ähnlichkeit findet 
zwischen der gegenwärtigen und der Zeit kurz vor Roms 
Untergang. Notwendig falsch sind also die von mir nachher 
anzuführenden amtlichen Notizen über die infolge der Güter- 
zerstreuung bewirkte Verminderung des Viehstandes, die 

54 



enorme Verschlechterung des Ackerbodens, die stetig zuneh- 
mende Unsicherheit der Personen und des Eigentums, über- 
haupt über die große Verschlimmerung des sittlichen und öko- 
nomischen Zustandes in Frankreich und andern Ländern; oder 
es ist Torheit, zu behaupten, der wahre Fortschritt bestehe in 
der Verbesserung des physischen und sittlichen Wohles; man 
könne ohne diese Lappalien auf der Höhe des ,, Zeitgeistes" 
stehen. Da die Deputierten der bayerischen Universitäten zu 
dieser Torheit sich bekennen, was ist vernünftiger und auf- 
geklärter, als ihre Verdammung durch einige höchst ehren- 
\v^rte Mitglieder dieser Kammer! 

Vom Ministertische ward erwidert: i. Die von* mir so- 
genannte Geldwirtschaft, insbesondere Fixationen, Ablösun- 
gen und Zertrümmerungen seien gesetzlich, bei vermehrter 
Bevölkerung politisch notwendig, und weil bei Teilung des Ei- 
gentums die Produktivität des Bodens zunehme, auch staats- 
wirtschaftlich, somit konservativ und der Bildung von Prole- 
tariern vielmehr hinderlich als förderlich; 2. es sei kein Zu- 
sammenhang zwischen meiner Argumentation und dem Kre- 
ditvotum des Herrn Finanzministers im Jahre 1819; 3.- die 
enormen Holzpreise lägen nicht in der Absicht der Regierung. 
— Teils, um schon vorhandene Mißverständnisse zu besei- 
tigen, teils, um künftig möglichen vprzubeugen, bemerke 
ich vorläufig: i. Grundsätze verteidigend und bekämpfend, 
bekämpfe ich keineswegs die Beamten, die sie gesetzlich auf- 
recht erhalten; meinem Vater, Bruder und Freund gegenüber 
würde ich ebenso reden, wie nun der Regierung gegenüber; 
2. die konservativen Prinzipien des Ackerbaues verteidigend, 
bekämpfe ich keineswegs Gewerbe und Handel; ich will die 
größtmögliche, harmonisch gesunde und somit nachhaltige 
Entwicklung von allem; wo aber in einer Gesamtheit ein Glied 
überwiegend und wuchernd heraustritt, da leiden nicht bloß 
die übrigen Glieder, da geht das Heraustretende selber zu- 
grunde. 

Endlich war in niehrern öffentlichen Blättern fälschlich be- 



:>o 



hauptet, ich hätte unbedingt die Fixation der Zehenten ver- 
worfen. Ich gebe zu, daß Fixationen in Körnern und Stroh 
in vielen, vielleicht den meisten Fällen, dem Pflichtigen und 
Berechtigten nützlich, ich verwarf aber und verwerfe als höchst 
verderblich eine allgemeine Ablösung in Geld. Ich leugnete 
und leugne das Recht aller Regierungen und Kammern, jeman- 
den zur Fixation oder Ablösung absolutistisch zu zwingen. 
Alle Regierungen und Kammern der Welt können durch Ge- 
setze und Verordnungen nicht in Recht verwandeln, was an 
sich unrecht ist; vor Gott und Menschen aber unrecht ist, 
jemandem das Seine zu nehmen. 

Meine Herren! Ich erklärte GeWwirtschaft für verderblich 
allen Verfassungen und Ständen; Geldwirtschaft nenne ich 
die Wirtschaft, in der das Geld alles oder doch zu vieles re- 
präsentiert und vermittelt, auch Dinge, die es nicht repräsen- 
tieren soll und kann, ja, wo es aufhörend bloßer Repräsentant 
zu sein, zum Repräsentationsgegenstande selbst erhoben wird. 
Das Geld in seiner untergeordneten Stellung ist vortrefllich, 
aber das Geld hat seine Bestimmung überschritten, wo es 
dahin gekommen, daß große Fruchtbarkeit des Bodens, eine 
überreichliche Ernte — ein Unglück, Ursache von Finanz- 
verlegenheit und der Notwendigkeit eines Kreditvotums wer- 
den kann, wie noch gegenwärtig überall der Fall ist. Dem 
Ärar und jedem Grundbesitzer wird der Segen des Himmels 
zum Fluche, lediglich weil das Geld bei uns nicht mehr bloßes 
Mittel, weil es zur Sache, ja zur Hauptsache selber, und der 
Ackerbau zum bloßen Mittel des Gelderwerbes wurde, weil 
alles bei uns auf den Markt kommt, und der Ackerbau, was 
er nimmer werden sollte, zum Geldgewerb geworden. Konse- 
quent wäre es bei dieser Wirtschaft ja besser, wenn der Acker, 
wie dem König Midas, Gold statt Früchte trüge. Die Natur- 
widrigkeit dieser krankhaft gesteigerten Bedeutung des Gel- 
des ist so groß, so kapital, daß man, um sie einzusehen, durch- 
aus kein Staats- oder Finanzmann zu sein braucht, ebenso we- 
nig als man Arzt sein muß, um zu wissen, daß eine funda- 

56 



mentale Störung der Organisation zugegen sei, wenn das, was 
zur Erhaltung des Lebens dienen sollte, und in gesundem Zu- 
stande wirklich dient, wie das Wasser in der Wasserscheu zum 
zerstörenden Gifte wird. Eine staatswirtschaftliche Verfas- 
sung, in welcher der Himmelssegen zum Fluche wird, kann 
in dieser Beziehung kein notwendiges, vielweniger ein kon- 
servatives Ergebnis sein. Dies Phänomen allein, und kennten 
wir auch keine andern, mit denen es zusammenhängt, müßte 
uns mit der ernstlichsten Besorgnis erfüllen. Aber das erwähnte 
Phänomen ist kein isoliertes, die Geldwirtschaft ist in ihrer 
völligen Entwicklung nicht bloß mit Agrikultur, Gewerben 
und Handel, sondern auch mit Wissenschaften, Künsten und 
Moralität in feindlicher Beziehung. Hinsichtlich der nachtei- 
ligen Beziehung der Geldwirtschaft zur Agrikultur berufe 
ich mich auf Tatsachen in England, Italien und Bayern. Durch 
die von den altern Bourbonen begünstigte, den Code Napo- 
leon gesetzlich eingeführte, und während der Restauration 
völlig durchgeführte Verteilung des Grundbesitzes zerfiel der 
Boden Frankreichs laut amtlichen Katasters bis zum Jahre 1831 
in hundertfünfzig Millionen Parzellen, verteilt unter vier Mil- 
lionen Familien. Unter drei Millionen von diesen besitzt jede 
Familie im Durchschnitt nur ein französisches Tagwerk (hec- 
tare), dieses Tagwerk in zehn bis dreißig Stücke gesplittert. 
Diese drei Millionen (somit die Hälfte der Bevölkerung) sind 
sehr arm und ohne hinreichenden Viehstand; der französische 
Bauer düngt im Durchschnitt zehnmal weniger, als der eng- 
lische Pächter. Derselbe Grund und Boden, der nach Tolosan 
und Rubichon im Jahre 1786 die Einsaat durchschnittlich noch 
achtfach, im Jahre 181 1 noch sechsfach lieferte, gab sie im 
Jahre 1831 nicht mehr vierfach. Die Zahl der Grundbesitz- 
veränderungen und Verkäufe betrug im Jahre i8i6 zwei, und 
im Jahre 1827 schon dreiundeinehalbe Million. Die Summe 
der Einregistrierungsgebühren stieg von hundertfünf auf 
hundertsechsunddreißig Millionen, die Zahl der Strafen aufs 
Dritthalbfache, die Einnahme vom Lotto bei vermehrter Not 

57 



gleichwohl von zweiundvierzig auf dreiundfünfzig Millionen ; 
die Taxen erreichten in wenigen Jahren den Geldwert der 
Grundstücke. Folge dieser Verschlimmerung der Viehzucht 
und des Ackerbaues ist es, daß seit mehreren Jahren laut Im- 
portationslisten der Pariser Arbeiter ein Drittel weniger 
Fleisch, Brot, Wein und Bier, dafür aber um so viel mehr 
schlechte Kartoffeln genießt, als zehn Jahre früher: Folge da- 
von, daß von hundert über fünfundzwanzig Jahre alten Fran- 
zosen beständig vierzig im unfreiwilligen Zölibat leben. 

Im nämlichen Jahre, in dem Rubichon in seinem vorzüg- 
lich in England anerkannten Werke (Du mecanisme de la 
societe en France et en Angleterre. Paris 1833, nouvelle 
edition 1837) die von mir erwähnten Resultate bezüglich auf 
Frankreich berichtete, zeigte uns Ritter von Koch-Sternfeld 
in seinem Werke (Das Prädialprinzip, die Grundlage und 
Rettung der Ruralstaaten, München 1833) aus ähnlichen Ur- 
sachen ähnliche Resultate im, südlichen Bayern. Laut seinen 
urkundlichen Nachweisungen gibt derselbe Boden, der wäh- 
rend des Bestandes der großen Klosterbesitzungen die Ein- 
saat sieben- und achtfach lieferte, sie jetzt nicht mehr dreifach, 
und der Viehstand sank auf die Hälfte des frühern. — Der 
Landrat des Oberdonaukreises beklagte schon im Jahre 1829 
das Herabkommen der Viehzucht infolge der Aufhebung der 
Verteilung der Weideschaften, den Verfall der Stammgüter 
und die ohne Segen vervielfältigten Arbeiten und Barauslagen. 
Der Landrat des Rezatkreises gestand, daß die landwirtschaft- 
liche Produktion zwar vielfältiger, der Landwirt aber viel 
ärmer geworden sei. — Was zeigt uns dagegen England bei 
entgegengesetztem Verfahren ? Als im Jahre 1 790 der herr- 
schenden Meinung zu Gefallen die Gemeingründe verteilt 
wurden, erkannte die niedergesetzte Kommission von Rechts- 
gelehrten, daß die bisherigen Nutznießer, sechshunderttausend 
Tagwerkerfamilien, keinen rechtlichen Anspruch darauf hätten ; 
die von ihnen besessenen Gründe fielen den großen Besitzern 
anheim, und durch Einrichtung von Gräben und Kanälen, 

58 



durch Entwässerung und Bewässerung, durch den nun vielfach 
verbesserten Dünger und so weiter stieg der Ertrag desselben 
Bodens in Avenigen Jahrzehnten vom Vier- und Sechsfachen aufs 
Vierzehnfache, Zwanzig-, ja Fünfundzwanzigfache. Wird alsfi 
auch zugegeben, daß hier und da, in besondern Fällen, in der 
Nähe von Städten durch Zertrümmerung und Verteilung die 
Bodenproduktivität gesteigert werde, so ist dies Ausnahme, 
das gerade Gegenteil aber die Regel. Und wohin müßte es 
kommen bei fortgesetzter Teilung? Alle Wirtschaftsgebäude, 
alle Bauernhäuser würden zu groß, zu unverhältnißmäßig für 
den kleinen Besitz, unsere noch stattlichen Dörfer, der Stolz 
Deutschlands und Bayerns, würden zu elenden Hütten, wie 
wir sie zu tausenden in Frankreich sehen. Die Verschlimme- 
rung der Viehzucht und des Ackerbaues ist notwendig ver- 
derblich für die Gewerbe und den inländischen Handel. Man 
verglich Ackerbau, Industrie und Handel dreien Blumen auf 
einem Stengel; dies Gleichnis meines ehrenwerten Freundes 
ist mehr glänzend als richtig; nicht drei Blumen auf einem 
Stengel sind die genannten, sondern der Ackerbau verhält sich 
zu den zwei übrigen, wie Wurzel, Stamm und Zweige zu 
Blüten und Früchten. Keine Blüten und Früchte sind ohne 
Wurzel, Stamm und Zweige. Den Hauptstoff unserer Gewerbe 
liefern die Haustiere, Fett, Häute und Wolle derselben. Wenn 
nun bei der großen Zersplitterung des Grundes, wie in Frank- 
reich, von vier Millionen Grundbesitzern drei Millionen so sind, 
daß sie fast kein Vieh halten können, überhaupt zu wenig Be- 
triebskapital haben, so folgt für die Gewerbe der dopj>elte 
Nachteil: i. die Gewerbetreibenden erhalten zu wenig gutes 
und zu teueres Material aus dem Inlande; 2. zu wenige, zu 
teuere und zu wenig kräftige Nahrungsmittel (der franzö- 
sische Bauer genießt jährlich neunzehn Pfund und der eng- 
lische zweihundertzwanzig Pfund Fleisch), weil die verdop- 
pelte Ackerbevölkerung bei einer auf die Hälfte reduzierten 
Produktivität für sich selber nicht genug zu leben hat. Dar- 
um bezog im Jahre 1830 und so fort die Juliusrevolution den 

59 



größeren Teil ihres aus dem Tierreiche kommenden Armee- 
bedarfs aus England, Belgien und Deutschland. 

Als Folge der Geldwirtschaft bezeichnete ich auch die enor- 
men Holzpreise und die zunehmende Ohnmacht der Regierung, 
die Preise der unentbehrlichen Lebensbedürfnisse auf mitt- 
lerer Höhe zu fixieren. Es ist klar, daß bei dem Bestehen der 
Natural- und Personalleistungen, wodurch die Vermittlung 
des Geldes in vielen Dingen a.usgeschlossen wird, die maß- 
losen Preiserhöhungen der menschlichen. Lebensbedürfnisse 
schlechterdings unmöglich sind. Vom Ministertische ward die 
Versicherung gegeben: Die Holzpreiserhöhung sei nicht von 
der Regierung ausgegangen ; das ist auf der einen Seite sehr 
tröstlich, aber höchst beunruhigend auf der andern. Es ist 
nicht genug, daß die Regierung mit den unentbehrlichen Le- 
bensbedürfnissen keinen Wucher treibt, sie muß die politisch, 
moralisch und staatswirtschaftlich unentbehrliche Macht be- 
sitzen, die Preise derselben auf mittlerer Höhe zu fixieren, 
durch beliebige Eröffnung oder Schließung ihrer großen Vor- 
räte. Wenn nun die Regierung die hohen Holzpreise nicht 
gewollt, so ist dieses ja ein Eingeständnis, daß sie die enorme 
Höhe derselben nicht hindern könnte. Wenn nun dies schon 
der Fall ist bei einem Gegenstand, von dem, die Regierung 
ein so großer Besitzer, was kann erst geschehen bei andern, 
bei denen dies nicht der Fall ist? Gerät nicht hierdurch die 
politische Gewalt der Preisebestimmungen der unentbehrlich- 
sten Lebensbedürfnisse in die Hände der Geldmacht, und hatte 
ich also sehr unrecht zu sagen, daß durch diese Geldmacht die 
Regierungen mediatisiert werden? Ich erwähne noch einige 
moralische Folgen der Geldwirtschaft. Trotz dem anerkann- 
ten verbesserten Unterricht, trotz der in Vergleich mit frü- 
hern Jahren ums doppelte verstärkten Polizei, trotz den viel- 
fach vermehrten Anstrengungen für das Armenwesen ver- 
mehrten sich progressiv, wie Sie gehört haben, nicht bloß die 
Körperverletzungen, sondern auch, laut Angabe von vielen De-^ 
putierten, die Felddiebstähle, alle Arten Eigentumsbeschädi- 

60 



gungen, insbesondere die Holzfrevel ins Unermessliche. Wenn 
allerdings in einigen Kreisen die Zahl dieser letzten nur einige 
hundert beträgt, so stieg sie in andern jährlich auf vierzigtau- 
send, ja etliche sechzigtausend, die ohne Zweifel sehr häufigen, 
nicht zur Anzeige gekommenen gar nicht mit eingerechnet. Was 
ist davon die Ursache? Keine andere kann es sein, „als der" — 
wie Herr Graf von Drechsel, die Abgeordneten von Anns und 
Stöcker, in Übereinstimmung mit dreißig Deputierten, wört- 
lich sich ausdrückten — „noch stets zunehmende Notstand, die 
noch täglich zunehmende Zahl der Armen". Und diese Ver- 
mehrung der Armen, wovon ist sie die notwendige Folge? Sie 
kann laut dem Gesagten nur Folge sein in Städten von den 
Konzessionen, auf dem Lande von den Grundbesitzzertrüm- 
merungen; es bleibt keine andere Hauptursache mehr übrig. 
Napoleon sagte, laut dem Berichte des Präsidenten Fontanes 
vom 21. März 1819: „Ihr nennt diese Menschen große Be- 
sitzer, sie wollen also nicht, daß der Boden wanke, das ist ihr 
und mein Interesse," und der Verfasser der Elemente der 
Staatskunst, Adam Müller, sagt; „Vom Tage an, wo alle Na- 
tionaldienste aus Europa verschwunden wären, wäre auch der 
Verfall der Städte und aller Kultur des europäischen Okzi- 
dents entschieden; denn die natürliche Verfassung ist recht 
eigentlich der Grund und Boden, der diese Städte und alles 
von ihnen abhängige Gute und Edle trägt." Ja, meine Herren, 
die mit der Geldwirtschaft innig verbundene, ohne sie nicht 
mögliche Atomisierung und Pulverisierung des Grundbesitzes 
und Gewerbbetriebes führt laut Erfahrung zur ökonomischen, 
sittlichen und politischen Auflösung. 

„Beunruhigen Sie die Kammer nicht mit Ihrer Gespenster- 
seherei," rief mir der ultraurbane Redner zu, der mich des 
Obskurantismus beschuldigt hatte, und der in seiner über- 
großen Bescheidenheit sich und die Kammer identisch hält. 
Ein sehr menschenfreundlicher Rat! wahrlich, ebenso men- 
schenfreundlich, als sagte jemand: „Seien Sie ruhig, es brennt 
ja erst des Nachbars Haus." Freilich, wer wie der Vogel 

61 



Strauß bei Gefahren die Augen zudrückt, und den Kopf ins 
Gebüsch versteckt, dem ist ringsum alles obskur. Aber wir 
haben allerdings Ursache, minder ruhig zu sein. 

Die Regierung hat vor Jahren angefangen, der atomisierenden 
Richtung Einhalt zu tun; sie suchte, was vom Stamm und 
Wurzel noch gesund ist, zu erhalten, zu beleben und zur Ent- 
wicklung neuer Blüten und Früchte vorzubereiten. Wer hei- 
len will, darf das Objekt seines Heilversuches in keinem seiner 
Glieder zerstören, soll es nur von fremdartiger, parasitischer 
Zutat befreien. Allerdings soll mit gänzlich Abgestorbenem 
kein unnützer Belebungsversuch gemacht werden; allerdings 
soll nichts beim alten bleiben, nichts versteinern und verknö- 
chern. Aber lebenskräftig Neues entwickelt sich, wie jeder 
neue Zweig nur aus Stamm und Wurzel, aus lebenskräftigem 
Alter. Was nicht in gesundem Alter wurzelt, wirkt zeh- 
rend, wie Schmarotzerpflanzen, wie Psore und Flechte am 
politischen wie physischen Leibe. — Die Krone im Ver- 
ein mit den Kammern wahrte die materiellen und dadurch 
mittelbar die geistigen und moralischen Interessen und 
Gesetze gegen die maßlosen Ansässigmachungen in Städten 
und Dörfern, ohne jedoch das schädliche Prinzip ganz zu 
vertilgen. Die korporative Verfassung ward von der Krone 
begünstigt und wiederholt versprochen, ihr noch mehr Gunst 
zuzuwenden. Nichts ist geeigneter, der Atomisierung und der 
Vermehrung der Proletarier zu wehren, als korporative Selb- 
ständigkeit. Am unentbehrlichsten ist diese der Kirche in 
allen ihren Instituten; sie genießt derselben noch nicht im ge- 
nügenden Maße. Was die Krone für die Künste getan, davon 
hat der Ruf sich in alle Weltteile verbreitet. Beklagt wurde, 
daß den Wissenschaften nicht dieselbe Gunst geworden, und 
sie bei uns hinter den Fortschritten in den Nachbarlanden 
zurückbliebe. Beruhigen wir uns ; die Initiative zur Unter- 
stützung der Wissenschaften komme von denen, die voll- 
kommen wissen, daß die Entwicklung des Ackerbaues, der 
Gewerbe, der Künste tind Wissenschaften harmonisch sein 

62 



müsse; sie wissen, daß die Stärke kleiner Staaten nicht im 
Gewichte ihrer physischen, sondern in der freiesten Entfal- 
tung- der sittlich geistigen Kräfte beruhe; daß der innere- 
organisierte Aufbau der wissenschaftlichen Industrie viel wich- 
tiger und dauernder als Werke von Stein sei. Die Säulenhallen 
der Stoa und die Marmorsäle der Akademie liegen längst in 
Ruinen, während die Fundamente und Säulen ihrer Doktrinen 
noch stehend ragen und den Ruf ihrer Begründer verbürgen. 
Der verehrliche zweite Ausschuß ist einer andern Meinung, 
wobei ich mich laut Präzedentien nicht sehr verwundere, Ist 
seine Ungunst gegen die gelehrten Institute und gegen den 
Orden der barmherzigen Schwestern vereinbar mit der Adresse 
an den Thron um Unterstützung der moralischen und gei- 
stigen Interessen? vereinbar mit der geforderten Verbesse- 
rung der Justiz-, Polizei-, Industrie- und höheren Staatswirt- 
schaft? Justiz-, Polizei-, technische und Wirtschaftsbeamten er- 
langen ja ihre höhere Ausbildung auf Universitäten und Aka- 
demien. Die von meinen Freunden und Kollegen ausgespro- 
chene Rüge gegen den Herrn Referenten über Einnahmen be- 
stätige ich, wie ich auch zugebe, daß er sich diese Konsequen- 
zen nicht gedacht hat. Meine Herren ! Die Übel, über die ich 
klage, sind chronische, wie wir Ärzte sagen, konstitutionelle, 
das ist mit unserer Organisation verwachsene ; aber sie sind 
Übel oder Krankheiten, man muß sie bekämpfen, darf sie je- 
doch nicht auf einmal ausrotten wollen, um nicht den Leib, mit 
dem sie verwachsen, selbst zu zerstören. Und hier ist der 
Punkt, wo ich mich mit manchem scheinbaren oder wirklichen 
Gegner vertrag^e. Vereinigen wir uns über das Prinzip, wir 
werden uns auch über die Praxis vereinigen! Es wäre unprak- 
tisch, überall Messer und Glüheisen anzuwenden. 

(Protokolle der zweiten Kammer Bd. 14, S. 122 ff.) 



63 



Organischer Verwaltungsaufbau 

Rede des Abgeordneten von'Moy 

ZU seinem Antrage im bayerischen Landtage 

von 1837 

„Seine Majestät den König ehrfurchtsvollst zu bitten, der 
nächsten Ständeversammlung ein neues Wahlgesetz für den 
Landrat vorlegen zu lassen, wodurch die gleichmäßige 
Vertretung aller Teile eines Kreises in den 
Klassen der Stadt- und Landgemeinden im 
Landrate, ohne Rücksicht auf den Wahlzen- 
sus, möglichst gesichert werd e." 

I 

Ich bitte einen Augenblick um Ihre Geduld, indem ich hier 
den Anlaß ergreifen will, ein Glaubensbekenntnis abzulegen. 

Es wurde die Besorgnis geäußert, daß ein Rückschritt in 
die frühere Zeit durch meinen Antrag herbeigeführt werde, 
und daß die gesonderten Interessen zum Nachteile des Ganzen 
dadurch hervortreten. 

Beide Einwürfe sind unbegründet und treffen mich in keiner 
Weise. 

Was den ersten Einwurf betrifft, so erkläre ich unbedingt, 
daß ich der festen Überzeugung bin, daß alles, nicht bloß, was 
zurückschreitet, sondern auch, was stehen bleibt, in der Zeit 
sein Urteil habe; daß es absterbe; daß ich also gewiß kein 
Freund des Rückschreitens bin, in Beziehung auf Institutionen, 
die mir kostbar sind, wie ich durch meinen Antrag in Beziehung 
auf die Landräte selbst gezeigt habe. 

Etwas anderes ist Festhalten an Formen, die allerdings ab- 
gestorben sein können; etwas anderes ist, an Prinzipien, die 

64 



nicht von der Zeit abhängig sind, sondern über der Zeit stehen, 
deren Gegensatz der Grund aller Entwicklung in der Zeit ist, 
festzuhalten, und wenn ich dies tue, so wird mich der Vorwurf 
des Rückschrittes nicht treffen können. Nun stehen im Durch- 
schnitte gegenwärtig zwei Prinzipien rücksichtlich der poli- 
tischen Gestaltungen sich gegenüber. Das eine Prinzip ist das 
der innern Auflösung bei einer bloß äußeren, mechanischen, 
formellen Ordnung ohne moralisches, ohne lebendiges Band. 
Dieses festgehalten und durchgeführt, hat die notwendige 
Folge einer beständigen Spannung zwischen Despotismus und 
Zügellosigkeit, eines beständigen Schwankens zwischen Unter- 
drücken der Wahrheit durch die Minorität oder der Minorität 
durch die Mehrheit. 

Diesem Prinzipe kann ich in keiner Weise huldigen, desto 
mehr hänge ich dem entgegengesetzten Prinzipe an, dem der 
natürlichen Verbindung^der Sozietät. Dieses gründet sich auf 
den Schutz der Rechte der Gesamtheit, wie des einzelnen, durch 
alle Stufen der Gesellschaft, von der Familie unten bis hinauf 
zum Throne, eine Verbindung, die durch natürliche Mittel- 
punkte vermittelt, durch moralische lebendige Bande ge- 
knüpft ist. 

Nach diesem Prinzipe steht, statt abstrakter Gesetze, an 
der Spitze ein Herz, das schlägt für alle Untergebenen. Zu 
diesem Prinzipe bekenne ich mich mit Freuden und mit der 
festen Überzeugung und dem sicheren Vertrauen auf dessen 
Kraft und Nachhaltigkeit, nach diesem Prinzipe soll jede Ver- 
bindung auf der Achtung der Eigentümlichkeit jedes einzelnen, 
jeder Klasse der Sozietät einerseits, auf den natürlichen Ver- 
hältnissen von Bedürfnis und Leistung, auf dem natürlichen 
Bande der Dankbarkeit und Treue andererseits sich gründen. 

Von diesem Prinzipe bin ich auch bei meinem Antrage 
ausgegangen. 

Mir scheint das wahre Fortschreiten darin zu bestehen, daß 
bei Fortschreiten der Vervielfältigung der gesellschaftlichen 
Berührungen die Achtung für die Eigentümlichkeit und das 

Bergsträßer T. 5 65 



Recht des einzelnen, die Achtung für die Freiheit, zugleich 
aber auch die Festigkeit der natürlichen Verbindungen immer 
lebendiger und nachhaltiger verbürgt werden. 

Unsere alten Landstände sind diesem Prinzipe untreu ge- 
worden. Es war ihr eigenes, die Vereinigung nämlich der 
verschiedenen Klassen derLandbewohner unter sich und mit dem 
Regenten zu wechselseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. 

Sie sind zu Grunde gegangen durch das korporative Ab- 
schließen einerseits dem Landesherrn gegenüber, andererseits 
gegen die Masse des Volkes. Ich beabsichtige keine Ländtafel, 
keine Korporationen zwischen dem Lande und dem Regenten ; 
ich möchte aber ein korporiertes Land, und daß die Korpo- 
ration des Landes, wie in der 'Ständeversammlung, so auch im 
Landrate vollständig repräsentiert wäre, und daß jeder Teil 
des Kreises in letzterem seine Vertretung vollständig fände. 
Nach meiner Ansicht ist das Prinzip, worauf alles in der Ver- 
fassung beruht, der Schutz aller Interessen von oben herab, 
wie jeder gesicherte Weg von allen Interessen, respektive Re- 
klamationen, von unten hinauf bis zum Throne. Dies führt 
mich nun auf die zweite Einwendung, daß durch meinen An- 
trag die Sonderinteressen zu sehr hervorragen würden zum 
Nachteil des Ganzen. Ich glaube nicht, daß der Vorteil des 
Ganzen auf der Unterdrückung der Sonderinteressen beruhe, 
ich glaube das Gegenteil, daß nämlich nicht bei der Unterdrük- 
kung der Sonderinteressen dem Ganzen wohl sein könne, son- 
dern vielmehr, daß das Wohlsein des Ganzen darauf beruhe, 
daß jeder in seinem Rechte und Interessen gesichert, getragen 
und bewahrt werde. Dies ist wenigstens die Vorstellung, die 
ich mir von jeher von der Harmonie gemacht habe, als einem 
Einklänge von Tönen, wo jeder für sich tönt, jedoch harmo- 
nisch zum Ganzen. 

Der Gemeinsinn wird wohl, wie der Herr Referent geäußert 
hat, durch eine solche Vertretung der Sonderinteressen nimmer 
zu leiden haben. Ich bin der Überzeugung, daß die Individuali- 
tät, die Eigentümlichkeit dasjenige ist, was jedem einzelnen, 

66 



jedem Stande das Teuerste ist. Daher das Bestreben, solche 
I Eigentümlichkeiten gewaltsam hervorzuheben, wo nicht ge- 
nügender Schutz ihnen in rechtlicher Ordnung gestattet ist. 

Der Gemeinsinn wurzelt in der Pietät. Es ist keine Frage, 
■I) derjenige, welchem das Interesse seiner Familie, seiner Näch- 
sten, seiner Provinz und seines Heimatlandes am nächsten 
liegt, es ist, der dem Gemeinwohl am meisten dient, oder der- 
jenige, der von diesen Interessen sich entfernt. 

Ich glaube, daß der Schutz und die Wahrung der Sonder- 
interessen auch das Ziel der Verfassung sei. Nun ist aber in 
dem Institute der Landräte rechtlich dieser Schutz nicht ge- 
sichert. 

Wir haben die Erfahrung, und wir haben auch von den Ab- 
geordneten aus verschiedenen Kreisen bestätigen gehört, daß 
keineswegs alle Teile eines Kreises die gehörige Vertretung 
gefunden haben, und daß man darum durch Verabredung den 
Vorteil einer gleichmäßigen Vertretung öfter zu sichern 
suchte. Was ich aber durch Verabredung für tunlich halte, 
will ich) durch das Gesetz gesichert wissen. 

Es ist bekannt, wie verschieden die Bestandteile eines Krei- 
ses sind nach Kultur, Gesinnung, Gewerbe und so Aveiter, wie 
so verschieden kollidierende Interessen in den verschiedenen 
Kreisen zu unterscheiden und zu berücksichtigen sind. 

Die Wichtigkeit der Landratsvertretung ist durch neue Ge- 
setze bedeutend gestiegen. Er verfügt über Ersparungen und 
Erübrigungen, er bringt die wichtigsten Anträge vor, er grün- 
det durch .sein Votum Institutionen, die für die Kreise von 
höchster Bedeutung sind. 

Nun ist es aber bekannt, daß gerade bei diesen Verhält- 
nissen es nach der jetzigen Einrichtung in die Hände der 
volksreichsten und wohlhabendsten Teile der Kreise gelegt 
ist, die ganze Repräsentation an sich zu reißen, und diejenigen, 
welche der Hilfe am meisten bedürfen, auszuschließen, ihnen 
jede Äußerung zu sperren und sie zu verhindern, ein gesetz- 
liches Organ für ihre Interessen zu wählen. Damit wird eine 

^7 



Aristokratie des Vermögens bewirkt, die nachteiliger hier als 
anderswo wirkt, weil sie mittelbar eingreift in die nächsten 
Interessen. 

Ich erachte diese Einrichtung, wo bloß nach dem Vermögen 
gewählt wird, und die einzelnen Teile eines Kreises wegen 
Verschiedenheit des Vermögens so ungenügend bedacht wer- 
den, für äußerst nachteilig. Die Masse der Bevölkerung wird 
da wie eine fungible Sache nach der Kopfzahl geschätzt und 
gewogen nach dem Vermögensbesitz. 

Ich hege weder plebejische, noch aristokratische Leiden- 
schaften. Eines aber verabscheue ich vor allem, das ist die 
Geldherrschaft, weil sie das niedrig^e aller Motive, die Hab- 
sucht, zur Triebfeder der öffentlichen Tätigkeit macht. Die- 
ses habe ich schon oft erklärt und kann mich nicht oft genug 
darüber aussprechen. Darum wünsche ich, daß jeder Hebel, 
der ihr zustatten kommt, verschwinden möge, und daß auch 
vom Wahlzensus, namentlich beim Landrate, deshalb abge- 
gangen werden möge. 

Man wird zwar sagen: es sei dies eine bedenkliche gefähr- 
liche Theorie ; — allerdings — solange man fortfährt, die Pro- 
vinzen nach der Bevölkerungszahl repräsentieren zu lassen, ist 
man auch genötigt, eine gewisse Bürgschaft zu suchen. Nun 
ist aber keine andere materielle gegeben, als das Geld. 

Wenn man aber die Gemeinden als Korporation repräsen- 
tiert sehen will, so wie sie in der frühern ständischen Ein- 
richtung erscheinen, so wird der Vorwurf der Gefährlich- 
keit und der Theorie verschwinden, denn es ist die historische 
Erfahrung dafür. 

Ich empfehle den Antrag dem Wohlwollen der Kammer 
und bitte, über dem, was bisher vorgefallen, nicht ganz die 
Erinnerung des Wohlwollens verschwinden zu lassen, das bei 
der ersten Einbringung demselben entgegenkam. 

(Protokolle 1837 Bd. 20, S. 3958.) 



68 



Aus dem „Athanasius" 

(1838) 

Von J. G ö r r e s 

A 

In der Untersuchung weiter voranschreitend, finden wir den 
Erzbischof handelnd in dritter Eigenschaft; als hochgestelltes 
Mitglied einer Konfession, die, auf die Bedingung der Gleich- 
heit der Rechte hin, einer andern Konfession gegenüberstehend, 
mit ihr in demselben Staatsverbande zu leben hat. Hier an der 
Grenze beiderseitiger Rechtsgebiete, wo sie sich berühren und 
gegenseitig durchdringen, entsteht ein drittes Mittelgebiet, in 
dem durchaus das Prinzip der Gegenseitigkeit gilt; so zwar, 
daß Forderungen und Leistungen, Rechte und Pflichten der 
einen Seite die derandern bedingen und wieder von ihnen sich be- 
dingt finden. In diesem Verhältnisse ist der Staat der 
Schirmherr der Kirche, er übt das sogenannte M a j e - 
stätsrecht des Schutzes über diese Kirche ; indem er 
alle Angriffe gegen die Würde und Heiligkeit der Religion 
ahndet; durch seine Gesetze bekräftigt, was die Kirche im Ge- 
biete der Lehre und der Zucht festgestellt, für die würdige 
Ausstattung des Gottesdienstes und den Unterhalt der Diener 
des Altars Sofge trägt, und überall beide in ihrem Ansehen und 
ihrer Würde handhabt. Dieses sogenannte Majestäts- 
recht ist aber in Wahrheit eine Majestätspflicht, an 
das Wesen der höchsten Staatsgewalt geknüpft, und was die 
Regierung, sie ausübend, der Kirche leistet, ist keine Wohltat, 
die sie ihr erweist; denn sie- hat nicht als Bettlerin vor ihrer 
Türe angesprochen, um ein- Almosen sie ersuchend; sie fordert 
nur das ihre, innerlich, was ihr von Gott und Rechtswegen zu- 
kommt, äußerlich aber in Geld und Gut nur den kleinsten Teil 

69 



dessen, was man ihr genommen, und was man ihr wiederzu- 
geben schon durch die Gesetze gemeiner Rechtlichkeit und der 
Ehre verbunden, überdem noch durch feierliches Versprechen 
ihr angelobt. Wie Napoleon getan, als er mit Preußen Frieden 
schließend, nicht diese oder jene Provinz genannt, die er ihm 
abgedrungen, sondern der Reihe nach jene ihm zugezählt, die 
er ihm wiedergegeben, so hat man von Seite derselben Regierung 
der Kirche gegenüber es neuerdings gehalten. Man hat dieser 
vorgehalten, was jene in den Rheinprovinzen für sie getan; wie 
sie es gewesen, der sie den Wiederaufbau der Diözesen zu ver- 
danken habe; wie reichlich sie die Bischofssitze und die Dom- 
kapitel ausgestattet ; wie sie für die Erziehung vorgesorgt, wie 
liberal sie in der Bewilligung von Feiertagen und Prozessionen 
gewesen, und mehr dergleichen. Das alles ist lobenswert und 
die Kirche wird es gern verdanken; denn die Regierung hätte 
auch weniger tun können, hätte sie gewissenlos von allen ihren 
Verbindlichkeiten und Verpflichtungen sich losgesagt. Aber 
eines hat man doch dabei vergessen: daß es Kirchenprovinzen, 
geistliche Kurfürstentümer gewesen, an denen diese Liberalität 
sich ausgelassen, Länder, die um den geistlichen Landesherrn 
her einen reich dotierten Klerus besessen ; in denen zahlreiche 
Erziehungsanstalten der Jugend, drei Universitäten der Pflege 
der Wissenschaften sich angenommen, und in denen man 
Feiertage und Prozessionen abhielt, so viel es der Kirche ein- 
zusetzen beliebt. Das meiste davon hatten freilich die Fran- 
zosen zerstört, aber das, worauf das alles ursprünglich sich er- 
baut, Grund und Boden, und seinen Ertrag, und die darauf 
haftenden Abgaben an die Regierung haben sie zurücklassen 
müssen, und man sollte denken, daß der, welcher in den Genuß 
dieser Erträglichkeiten eingetreten, auch zu den darauf haften- 
den Leistungen einfachhin verpflichtet ist; wenigstens würde 
die alte Eigentümerin kein Bedenken tragen, auf diese Be- 
dingung hin wieder in den alten Besitzstand einzutreten. 

Die Kirche also, ihr Recht verlangend als ein solches, und 
es nicht erbettelnd, ist aber deswegen nicht undankbar für das, 

70 



was sie erhält; sie tauscht den Schutz, den sie also findet, durch 
Schutz, den sie g^ewährt ; denn ihrer Sorge und Obhut sind die 
Fundamente des Staates anvertraut, die, wenn sie zusammen- 
brechen, — mögen oben ihre Heere und die Polizeien noch so 
zahlreich und so sorgsam wachen — notwendig seinen Sturz 
nach sich ziehen. Sie erwiedert überdem die gewissenhafte Er- 
füllung seiner Verpflichtungen damit, daß sie auch ihrerseits 
ein Recht ihm zuerkennt, und das mit Grund als ein Recht 
bezeichnete Majestäts-Recht der Oberaufsicht 
einräumt, vermöge dessen er ein Einsehen in die kirchliche 
Ordnung hat, damit von dorther ihm nicht etwa irgend etwas, 
was dem öffentlichen Wohle Eintrag tun könnte, zukommen 
möge. Wie aber die Pflicht des Staates nur auf jenes Mittel- 
gebietsich beschränken darf. unddieKirche in der ihr eigentüm- 
lichen Sphäre seines Schutzes und Schirmes ganz und gar nicht 
bedarf, so ist auch die Ausübung jenes Rechtes auf das gleiche 
Gebiet beschränkt, und der Schirmvogt der Kirche wird ein 
Zwingvogt, wenn er es über die Grenze ausdehnend, innerhalb 
ihres Weichbildes auszuüben versucht und die Leistungen, -die 
er ihr schuldig ist, in Bestechungen umwandelt, um damit ihre Or- 
gane zu gewinnen und zu verführen. Die Kirche, die gern ihre 
Anordnungen, ihre Erlasse, ihre Breven und Bullen seinem 
P 1 a c e t u m hingibt, wenn sie solche äußere Dinge betreffen, 
muß ihm das gleiche weigern, wenn sie reingeistliche Gegen- 
stände begreifen ; und wenn das Placet in solchen Dingen etwas 
mehr, als die an sich überflüssige Konstatierung sein will, der 
begutachtende Staat habe nichts darin gefunden, was das ge- 
meine Wohl beeinträchtigen könne. Aber auch in gemischten 
Dingen geht der Staat des Rechtes der Oberaufsicht, das ihm 
zusteht, verlustig, w^enn er zwar das Recht der Kirche aner- 
kennend, die gemeinsamen Angelegenheiten auf dem Wege des 
Vertrages mit ihr verhandelt und abschließt, hinterher aber 
einseitig und eigenmächtig das Vertragene abändert und modi- 
fiziert; etwa auf den Grund hin: ihm stehe zu, das, was für 
den Zweck der Kirclie unwesentlich, für den des Staates aber 



nachteilig erscheine, nach eigener Beurteilung zu verhindern 
und anders zu stellen. Die Kirche, der er die Treue nicht ge- 
halten, tritt in beiden Fällen, da man Zwangsrecht gegen sie 
geltend macht, in die Übung des Notrechts ein; sie zieht sich 
außer dem Bereich der tyrannischen Gewalt auf die Mitte ihrer 
Einheit in ihrem Oberhaupt zurück: setzt sich mit ihm, der 
ihr, in welchem Lande sie immer sein möge, nicht als eine 
äußere Macht nach außen, sondern als eine innerliche, ja die 
innerlichste überall gegenwärtig steht, in den engsten Verkehr, 
den keine Macht auf Erden zu unterbrechen und zu hemmen 
imstande ist, und erwartet, bis ihr die Hilfe von dem wird, 
der seinerseits ihr zugesagt, wie er zu aller Zeit ihr gegenwärtig 
bleibe, und der zu leisten weiß, was er zugesagt: sei es auch, 
indem er die Listigen in ihre Fallstricke sich verwickeln, oder 
die Gewalttätigen der Gewalt verfallen läßt. * 



(3. Auflage S. 51—54) 



B 



Was die Reformation im kirchlichen Gebiete erwirkt, 
das hat die Revolution ins politische des Staates hinüber- 
getragen, und auch ist eine gleiche Scheidung und Sonderung 
der Parteien die l^olge des hier vorgehenden Zersetzungspro- 
zesses gewesen. Indem nämlich die früher gebundenen aus- 
einander geschlagen, hat jede sich gesondert auf sich selbst 
gesetzt, und die eine hat als die mobilrevolutionäre, 
die andere als die stabilabsolute sich konstituiert: so 
jedoch, daß auch diese Parteibezeichnung als eine Abstraktion 
bloß das, worin zahlreich verschiedene Richtungen, dort wie 
hier, in einem Gemeinsamen sich begegnen, ausdrücken will, 
ohne im Konkreten irgendwo, in ganzer Schärfe ausgeprägt, 
für sich selber hervorzutreten, weil nur die Einheit allein 
wahrhaft konkret ist und zugleich auch allgemein. Die soge- 
nannte Bewegungspartei hat nämlich in allen ihren Färbungen 
und Abstufungen das Gemeinsame: daß sie, mehr oder weniger 

72^ 





^% 



Xoph (lein (i«niiil()n von Sollo-rast 



entschieden und ausgesprochen, die Selbstbestimmung, so im 
Gedanken wie im Willensentschlusse, als die alleinige oder we- 
nigstens weit vorwiegende Richtschnur alles öffentlichen Wir- 
kens und Handelns anerkennt ; eben wie die rationalistische das 
gleiche Prinzip für religiöse und kirchliche Dinge aufgestellt. 
Die unbedingte Freiheit der Geister in dieser Selbstbestim- 
mung muß der Partei die unbedingte Gleichheit dieser freien 
Geister in konsequenter Folge geben ; woraus dann wieder eben 
so notwendig das politische Dogma von der Souveränität der 
Masse des Volkes, durch die Mehrheit ausgesprochen, sich er- 
gibt; an die sich dann wieder in gleicher Konsequenz eine fort- 
dauernde Beweglichkeit, Wandelbarkeit und Flüchtigkeit aller 
Formen, Institutionen und Gesetze knüpft. Die stabile 
Partei hält dann, denen vom Berge gegenüber, die Niederung 
besetzt. Sie sucht ihrerseits wenigstens den Reflex der alten 
Einheit, insofern er in den Tiefen der Subjektivität wieder- 
strahlt, festzuhalten, und an sich festklammernd, jener Flüch- 
tigkeit aller Gestaltung, des öffentlichen Lebens sich zu erweh- 
ren. Da ist es dann die Monarchie, wie sie sich recht und 
schlecht eben findet, und als Ausdruck fragmentarisch trümmer- 
hafter Nationalität wenigstens einen Schein der Einheit an sich 
trägt; oder inwiefern sie an die Persönlichkeit des Monarchen 
geknüpft, zum Gegenstande einer eben so persönlichen, gemüt- 
lichen Anhänglichkeit werden kann, bei der diese Weltansicht 
einen Anhalt sucht, um in Mitte des Wankens und Schwan- 
kens aller Prinzipien eine feste Unterlage zu gewinnen. Da ist 
es die alte Standesehre, sie, die einst, eine lebendige Seele, 
einen durch und durch realgreiflichen Leib bewohnt; jetzt aber 
den stillen Lichtern vergleichbar, die über die Raine und durch 
die Wiesen hüpfen, wie eine abgeschiedene Seele körperlos ge- 
worden, die Hilfe bringen soll, und Sicherheit und Festigkeit. 
Wieder sind es historische Erinnerungen, Wiederbelebung 
alter Formen, die den Halt zu geben aufgefordert werden ; da- 
mit der Strom, der, von entgegengesetzten Kräften getrieben, 
mit schwindelhaft reißender Bewegung vorwärts stürzt, eine 

73 



Dämmung finde, und in seinem Sturze sich einigermaßen mä- 
ßige, und Vernunft annehme. Aber man fühlt leicht, daß, wenn 
die revolutionäre Kraft so reißend geworden, und so fressend 
giftig, weil sie die bindende Wucht der anderen abgeworfen, 
diese antirevolutionäre ihrerseits, indem die Spannung der er- 
sten aus ihr gewichen, bei allem guten Willen machtlos ist, für 
sich etwas anderes, als eine leichtere Art des Todes herbeizu- 
führen. Beide, weil sie, aus der Einheit herausgefallen, sich 
nicht ferner ihrer vollen, ungehemmten Einwirkung erfreuen, 
sind gleich unzureichend geworden, ein wahrhaftes Leben zu 
begründen und aufrecht zu halten, sie können nur dienen, ein 
ungesundes eine Zeitlang zu fristen und hinzuschleppen. Denn 
so lange das eine Element von dem anderen seine Begeisterung 
erlangend, dagegen seine Schärfe gemildert, haben sie beide 
in der Haltung höherer Lebenskraft sich zu einer gesunden, 
nahrhaften Kost verbunden; jetzt aber, wo sie nach entgegen- 
gesetzten Seiten auseinandergewichen, sind sie heftige Reize 
geworden und Schädlichkeiten, die nur, wenn sie wie Gift und 
Gegengift sich gegenseitig stumpfen und binden, dem gefähr- 
deten lieben einigen Spielraum gestatten. 

Wie überall, so finden nun auch in Preußen die beiden poli- 
tischen Parteien in nächster Nähe sich beieinander. Durchs 
ganze Volk mehr oder weniger ausgebreitet, haben sie doch 
ihren Brennpunkt und ihren Herd in jenem Stande, bei dem in 
jetziger Zeit der größte Einfluß ist, gefunden ; im Beamten- 
stand e nämlich, diesen in seiner ganzen Ausbreitung genom- 
men. Ihm nämlich gehören nicht bloß etwa die administrativen, 
polizeilichen und richterlichen Behörden an; sondern im pro- 
testantischen Deutschland auch die gesamte Geistlichkeit, der 
Lehrstand in seinem ganzen Umfange, ja selbst gewissermaßen 
das Militär, das da im modernen Staate ebenso die Beamten 
des Krieges in sich befaßt, wie der geistliche Stand die vom 
Staate beauftragten Beamteten der Religion und ihrer Zucht, 
der Lehrstand aber die der Wissenschaft. Beide Parteien haben 
aber in diesen Stand sehr ungleich sich geteilt; da neben einer 

74 



indifferenten Masse der bei weitem gfrößere Teil der, bis zu 
einem gewissen Punkte gemäßigten, kirchlich und politisch 
rationalistischen angehört, der kleinere aber der in beiden 
Richtungen pietistischen, und zwar erst in späterer Zeit zugefal- 
len. Beide, jede aus ihrem Gesichtspunkte, haben darauf ge- 
sonnen, wie der Ungewißheit aller öffentlichen Verhältnisse 
einige Sicherheit zu geben, und das Fluten und Treiben in 
ihnen einigermaßen zu hemmen und zu befestigen sein möge, 
und jede hat nach ihrer Weise Hand an das Werk gelegt. Die 
rationalistische hat es nach ihrer Weise politisch als eine chi- 
nesische Alandarinenwirtschaft verstanden; jedoch ohne Zopf 
und Bambusrohr, die beide vor etwas mehr als einem Menschen- 
alter noch bei ihr zärtliche Liebhaber gefunden, jetzt aber frei- 
lich in der Verlassenheit sitzen. Über sich möchten sie einen 
Regenten sehen, primus inter pares, Fleisch von ihrem Fleische, 
Bein von ihrem Beine; als Großpensionarius mit einem, anstän- 
digen Gehalte ausgestattet; aller Schreiber Oberschreiber, aller 
Kanzleien Großkanzler, Oberbrunnenmeister beim großen 
finanziellen und fiskalischen Pumpenwerke, Obervogt aller 
Polizei, Oberprofoß aller Gerichtsbehörden; als großer Be- 
schützer der Industrie alljährlich auf den Eisenbahnen feierlich 
das Reich durchfahrend, und beim Ackerfeste mit eigner Hand 
auf dem Staatsacker seine Furche ziehend. Der Aberglaube, 
daß er ein Sohn des Himmels sei, wäre nach ihrer Meinung zu 
beseitigen ; von den Evangelien als veraltet Absehen zu neh- 
men ; statt ihrer, da das unmündige Volk etwas der Art haben 
muß, eine Art von Staatsreligion aus dem Besten aller Schu- 
len und Sekten nach Art des Schuking durch irgend einen 
Staatsdenker zu entwerfen, durch die Kalenderkommission ein- 
zuführen, und den Predigern eidliche Verpflichtung darauf ab- 
zunehmen. Die regierende Mandarinenklasse, schon inamovibel 
gemacht, wäre, größerer Stabilität wegen, durch die Erklärung 
der Erblichkeit ihrer Würden und Ämter zu befestigen ; und 
dann könnte in einiger Nachgiebigkeit gegen den Geist der Zeit, 
und nach der Exemplifikation anderer Staaten, im Antagonismus 

75 



der Kräfte, eine Art Repräsentativverfas^ung ohne Gefahr ein- 
zurichten sein: so jedoch, daß Beamtete hier und Beamtete dort, 
schwarz und weiß, einander gegenüber ständen, und durch ihre 
lebhafte Aktion einige Veränderung in die Monotonie des ge- 
wöhnlichen Lebens brächten. 

So möchten die einen gern nach ihrem Sinne die Dinge sich 
gestalten ; anders aber die p i e t i s t i s c h e P a r t e i. Sie hält 
etwas auf das Christentum ; sie weiß schon, daß es der einzige 
Grund ist, auf den man dauerhaft eine Staatsordnung erbauen 
kann; aber sie versteht das Christentum nach ihrer Weise, wie es 
sich unter den Fichten und Föhren des Nordens gestaltet hat. 
Der Konsequenz nach sollte sie sich zum Luthertume halten, 
dies möglichst und überwiegend fördern; weil aber die regie- 
rende Familie sich zur reformierten Konfession bekennt; weil 
diese, der religiösen Anarchie näher stehend, die vorwiegende 
in der Zeit geworden: aus diesen und andern Gründen hat sie 
die Folgerichtigkeit lieber aufgegeben, und eher die Union auf 
die Agende, die sie teilweise schon vorgefunden, zur Unterlage 
ihres Baues genommen. Auf diesem teilweise mit harter Ge- 
walt geebneten Grunde hat sie es nun versucht, nach dem Vor- 
gange Englands eine Art von Episkopalkirche zu erbauen, und 
Bischöfe, durch Kabinettsordren kreiert, als Tragepfeiler dem 
neuen Bau einstweilen zu unterstellen ; bis es gelungen, die 
Trümmer früherer Presbyterialeinrichtungen wieder zu er- 
gänzen und herzustellen, und sie damit zu verstärken und zu 
umbauen. Wie hier von der katholischen Hierarchie so viel 
hinübergenommen werden soll, als dient; so auch von der Li- 
turgie, den Sakramentalien, von den Künsten und andern 
Äußerlichkeiten ; einiges auch von der Kirchenzucht, jedoch mit 
der Vorsicht, daß es die protestantische Freiheit nicht verletze. 
Um diese also restaurierte Kirche, zur Hauskapelle des Staats 
erklärt, soll dann das Staatsgebäude sich erheben; die könig- 
lichen Prunkgemächer zuerst mit ihren Annexen ; dann die Lo- 
gen des Adels, in dem das Gefühl der Standesehre wieder zu 
belegen, und dessen Einfluß in alle Weise zu heben ist; dann 

76 



das höhere Militär, in dem das Wesen alter Ritterlichkeit mög- 
lichst zu hegen wäre; weiterhin die Dikasterien in ihrem Ein- 
flüsse innerhalb gebührender Schranken gehalten, zuletzt Kunsj; 
und Wissenschaft unter den Säulenhallen. 

(3. Auflage S. 97 — 102 



71 



Erstes Rundschreiben 
der Historiscli-politischen Blätter. 

('?38) 

Ankündigung- einer h i s t o r i s c h - p o 1 i t i s c h e n 
Zeitschrift für das katholische Deutschland 

Daß die periodische Presse einen großen, nicht zu berech- 
nenden Einfluß auf unsere Zeit und ihre Entwicklung ge- 
wonnen, daß sie denselben nur zu oft im Dienste der Zerstö- 
rung, zur Untergrabung des Glaubens, des Rechtes und der 
Freiheit mißbraucht: dies ist eine Tatsache, welche man wohl 
l)eklagen, aber nicht leugnen kann. Ist doch vielen diese Art 
der Mitteilung beinahe die einzige Quelle der Belehrung ge- 
worden, und was sie täglich mit tausendfachem Echo wieder- 
holt, das übt, wenn auch unbewußt, eine unwiderstehliche 
Macht auf die Gemüter aus ; so ist vielfältig ihre Lehre zur 
Überzeugung und ihr Wort zur Tat geworden, und so ist es 
ihr gelungen, viele ihrer abstraktesten Theorien in die Praxis 
einzuführen, ihnen rechtliche Geltung zu verschaffen, und mit 
ihrer konsequenten Durchführung Folgen hervorzurufen, die 
anfänglich niemand geahndet, und von denen die Urheber je- 
ner Theorien vielleicht selbst zurückgeschreckt wären. 

Dieser neuen Macht gegenüber befindet sich das katholische 
Deutschland noch immer in dem entschiedensten Nachteile; es 
gehört zu seinen besonderen Prüfungen und Kalamitäten, sich 
die Erscheinungen der Gegenwart und Vorzeit größtenteils 
von den Gegnern seiner Kirche deuten lassen zu müssen. Na- 
mentlich hat es demselben bisher an einem Organe gefehlt, 
welches seine Überzeugung auf eine seiner würdige Weise im 
Gebiete der Geschichte und des Rechts vertrete, und das als ein 

78 



Sl^eistiger Mittelpunkt alle Gleichgesinnten zur Verteidigung 
der kirchlichen und politischen Ordnung, den mannigfachen Be- 
kämpfungen und Anfeindungen gegenüber, vereinigte: ein Be- 
dürfnis, welchem Tagesblätter nicht entsprechen können, da 
ihre vorzügliche Aufgabe ist, das Neueste, was der Tag bringt, 
zu berichten, um es dann einer weniger vom Momente be- 
herrschten, ruhigeren Betrachtung zu übergeben, die, ein- 
gedenk der Vergangenheit und den Blick auf die Zukunft ge- 
richtet, die Geister der Gegenwart prüfe und bei ihrem rech- 
ten Namen nenne. Durch diese Umstände haben sich die Un- 
terzeichneten bewogen gefühlt, vom ersten April dieses Jahres 
an unter dem Titel: 

Historisch -politische IMättcr für das 
katholischeDeutschland 

eine diesen Anforderungen möglichst genügende Zeitschrift 
erscheinen zu lassen. Mit ihnen haben sich viele gleichgesinnte 
hiesige Freunde vereinigt, unter w^elchen wir zurzeit folgende 
namhaft machen können: Hofrat Bayer, Professor Döllinger, 
Baron von Freyberg, Professor Görres, Möhler und von Moy, 
und denen sich, wie wir hoffen und vertrauen, viele Andere, 
fern und nahe, anschließen werden, um uns mit Beiträgen zu 
unterstützen, welche dem Geiste und der Form dieser Blätter 
angemessen sind. Auch zweifeln wir nicht, daß diejenigen, 
welche die Grundsätze billigen, nach Kräften zur Verbreitung 
unserer Zeitschrift beitragen werden. 

Am I. und 15. jeden Monats wird dieselbe erscheinen und 
hat zunächst den Zweck, auf dem staatsrechtlichen und poli- 
tischen Gebiete, die revolutionäre, wie die despotische Doktrin 
der falschen Staatsweisheit durch die Verkündigung der 
Grundsätze wahrer Freiheit und des Rechts zu bekämpfen, in 
der Geschichte den immer mehr überhand nehmenden An- 
maßungen des Sekten- und Parteigeistes entgegen zu wirken, 
und endlich dem katholischen Deutschland Materialien, Hilfs- 
mittel und Winke zur Bildung eines selbständigen Urteils über 

79 



die politischen, wie über die literarischen Tagesereignisse zu 
liefern. 

München, den lO. Februar 1838. 

gez. Dr. G. Phillips, gez. Dr. G. Görres. 

ord. öff. Prof. der Rechte und Mitglied 
der k. Akademie der Wissenschaften. 

(Abdruck: K. Bachern, Joseph Bachern, Köln 191 2, S. 370) 



80 



über den Frieden unter derKirche 

und den Staaten 

(1843) 

Von dem Erzbischofe von Köln, Clemens Augfust Freiherrn Droste zu Vischerinf^ *) 

V 
Wechselseitige Freundschaft **) 

Kirche und Staat, Kirchen-Gewalt und Staats-Gewalt sind 

Aon Gott angeordnet: 

Jeder unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt, denn 
CS gibt keine Getvalt außer vor Gott, und die, welche be- 
steht, ist von Gott angeordnet. 

Wer demnach sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt 
sich der Anordnung Gottes; und die sich widersetzen, ziehen 
sich selbst Verdammnis zu. (Rom. XIII, 1.2.) 
Gott hat es so angeordnet, daß die Menschen in den ge- 
selligen Verbindungen, die wir Staaten nennen, zusammen 
leben sollen; mithin, daß die Obrigkeiten, die befehlen, 
und Untertanen, die gehorchen, sein sollen und erteilt den 
Obrigkeiten die Gewalt zu befehlen, in Allem, was zu ihrem 
Bereiche, zu dem Reiche, welches von dieser Welt ist, ge- 
hört, und gebietet den Untertanen, in Allem, was zu die- 
sem Bereiche gehört, den weltlichen Obrigkeiten zu gehor- 
chen. Die übrige ganze Einrichtung der Staaten stellt Gott 
den Menschen anheim. 
Alit der Kirche ist es anders; der Heiland hat die Kirche, 

welche zur Rettung der Menschen aus der Sündflut des Ver- 

*) Münster 1843, io der Theissingischen Buchhaodlung, abgeschlossen laut 
Vorwort am 21. Januar 1841. 
**) S. 83flF. 

Bergsträller I. 6 Sl 



flerbens dieser Welt bestimmt ist, selbst gebaut oder durcii 
seine Jünger, denen er, wie ehemals dem Noe, geboten hat, 
wie sie die Kirche bauen sollten; indem er vierzig Tage hin- 
durch ihnen erschien, und vom Reiche Gottes redete, (Apostelge. 
I. 3.), und zwar so, daß alles, was dazu gehört, einem solchen, 
den Orkanen und den stürmenden Meereswogen ausgesetzten 
Baue jene Festigkeit zu geben, deren er bedarf, um bis zum 
letzten der Tage zu bestehen, völlig ausgebaut worden, so daß 
in dem Wesentlichen, in der Lehre, in der Verfassung der 
Kirche, überhaupt im Wesentlichen nicht das geringste ge- 
ändert werden darf und soll, obgleich in der Kirchenzucht, 
im Veränderlichen, dies oder das, den Zeitumständen gemäß, 
anders geordnet werden kann; etwa wie an einer Kirche, ihrer 
Festigkeit und dem an ihr Wesentlichen völlig unbeschadet, 
nützliche Änderungen, oder auch zu ihrer Zierde, gemacht 
werden können. 

Und wenn auch die von Menschen eingerichteten, gebauten 
Staaten unter Gottes Leitung und Führung stehen, so hat 
doch der Heiland ganz besonders seine Kirche zur Wohnung 
sich erwählt und eingerichtet; in dieser Kirche ist er selbst, 
wenn gleich unsichtbarer Weise, der Hausherr — . 

Wenn ich aber verziehen sollte, damit Du wissest wie Du 

wandeln sollst im H au s e G o t t e s , welches ist die Kirche 

des lebendigen Gottes, eine Säule und eine Grundfeste der 

Wahrheit, (i. Tim. III, if,.) 

Wenn aber nun beide — Kirche und Staat — von Gott an- 
geordnet sind, so wird wohl jeder, wenigstens jeder Christ, 
anerkennen, daß die mit der Natur der Kirche und der Staaten 
gegebenen, daß die in dieser Natur wesentlich gegründeten, 
also von Gott gegebenen Gesetze, .Rechte, Pflichten unmöglich, 
wofern unter Kirche und Staat Unfriede stattfindet, die' Ur- 
sache sein können, sondern daß in solchem Falle die Ursache 
ganz allein darin zu suchen ist, daß die Menschen, welche die 
von Gott in der Kirche und in dem Staate angeordneten Ge- 
walten, als Diener Gottes, verwesen, Rechte zu haben glaubeii. 

82 



die sie nicht liaben, oder ihre wirklichen Rechte auf eine an- 
derseitige, wirkliche oder vermeintliche Rechte verletzende 
Weise ausüben. — 

Was in Kirche und Staat von Gott kommt, kann nicht 
;inders, als in Harmonie sein, nicht anders, als sich die Hand 
bieten. 

Die von Gott der Kirche und die dem Staate gegebene Be- 
stimmung müssen notwendig ebenfalls in Harmonie sein. 

Die Staatsgewalt hat nur das Schwert, nur die militärische 
Gewalt, daher sie nur die äußern Handlungen erreichen, nur 
diese zwingen oder hindern kann, nie aber religiöse 
äußere Handlungen darf erzwingen wollen, nur solche 
religiöse Handlungen hindern darf, welche aus 
einer falscheri Religion entspringen, die Gerechtigkeit wirk- 
lich, nicht in der Einbildung, verletzen, den Staat wirklich ge- 
fährden würden ; überschreitet die Staatsgewalt diese Grenze, 
so greift sie über in das Bereich der moralischen Gewalt und 
übt argen Gewissenszwang, bildet Heuchler, fördert Immorali- 
tät, Charakterlosigkeit. Auch kann die Staatsgewalt nicht 
direkt auf die Gesinnung der Menschen mit dem Schwerte 
wirken, darf es nicht wollen — de internis non judicat 
praetor. 

So zum Beipiel hat sie durchaus kein Recht zu gebieten, 
daß die Untertanen den Regenten um des Gewissens, um 
Gottes Willen gehorchen sollen, und hat keine Macht, diesen 
innern Gehorsam zu erzwingen ; sie erzwingt die äußern Hand- 
lungen des Gehorsams; damit aber ist ihr Reich zu Ende; und 
dennoch beruht die Festigkeit der Staaten, der Friede in den 
Staaten, die Sicherheit gegen, allenfalls feindlich gesinnte. 
Nachbar-Staaten, die Macht des Schwertes auf der Gesinnung, 
auf dem innern Gehorsam der Untertanen ; denn fehlt die- 
ser Gehorsam, ist die Gesinnung der Untertanen schlecht, 
so ist das Schwert eines Teils unwirksam, weil es das Innere, 
uahin das Auge der Menschen nicht reichet, nicht erreichen 
kann, und ändernteils kann geschehen, daß dann das Schwert; 

83: 



eben wo es not tut, gar nicht gezogen werde, und nicht des 
Einzelnen Schwert, sondern das gemeinschaftlich wirkende 
Schwert der Untertanen, oder eines beträchtlichen Teiles der- 
selben, macht das Schwert wirksam. Es ist nun dem Gesagten 
zufolge, insbesondere für den Staat, von der größten Wichtig- 
keit, daß die Gesinnung der Untertanen, insbesondere hinsicht- 
lich des Gehorsams, die wahre sei; das zu bewirken liegt aber 
außer dem Bereiche des Staates, es ist die Aufgabe der Kirche, 
welcher sie nur dann, nur da, nur insofern genügen kann, wann, 
wo und inwiefern ihre Unabhängigkeit, ihfe Selbständigkeit, 
ihre himmlisch^e W^ihe, wenigstens faktisch anerkannt wird ; 
eine der Staatsgewalt subordinierte, sogenannte Kirche wirkt 
nichts mehr und nicht weiter, als jede andere Staatsbehörde; 
es würde daher der Versuch, die Kirche dem Staate, die Kir- 
chengewalt der Staatsgewalt zu subordinieren, ein für den 
Staat sehr gefährlicher Versuch sein. Indessen zeigt sich 
schon hier, wie Kirche und Staat harmonisch zu wirken be- 
stimmt sind, und daß, wenngleich die Kirche der Hilfe des 
Staates nicht nötig bedarf, wie sie solches recht klar während 
der Zeit der heidnischen Kaiser gezeiget hat, dennoch die 
Wirksamkeit des Staates der Kirche sehr heilsam sein kann ; 
da die Wirksamkeit der Staatsgewalt auf die äußern Hand- 
lungen der Menschen der Kirche ihre Wirksamkeit auf den 
ganzen Menschen, insbesondere von innen heraus, ihre Wirk- 
samkeit auf die Gesinnung der Menschen sehr erleichtern 
kann, auch manche, der Wirksamkeit der Kirche hinderliche 
äußere Störungen durch das Schwert abgewendet werden 
können. Es zeigt sich aber auch, daß der Staat die Kirche, und 
zwar eine unabhängige, dem Staate nicht sub- sondern ko- 
ordinierte, weil, als von himmlischer Abkunft, für hehr und 
heilig anerkannte, daher ungehindert wirkende, wirksame 
Kirche durchaus nicht entbehren kann. Die Unentbehrlichkeit 
der Kirche, oder einer von Oben kommenden Religion, Reli- 
giosität, für den Staat hat schon Numa Pompilius erkanrtt. 
Die Bestimmung der Kirche, ihre Aufgabe in Beziehung auf 

84 



die Menschheit, umfaßt alle Menschen und den ganzen Men 
sehen ; alle Menschen für den Himmel zu erziehen, so zu er- 
ziehen, zu bilden, daß sie reif werden, durch den Tod in das 
ewige Leben, in den Himmel hineingeboren zu werden. 

Durch Lehre, durch Beispiel, durch den öffentlichen Gottes- 

lienst, durch gottesdienstliche Übungen, durch die heiligen 
Sakramente, durch Zucht, die Leidenschaft zu zähmen — die 
Axt an die Wurzel des Bösen legend — die Richtung auf das 
Himmlische zu erwirken, zu wahren, zu beleben, zu befestigen ; 
den wahren Glauben zu gründen und zu verbreiten, die heilige 
Hoffnung zu begründen und immer gewisser zu machen, das 
heilige Feuer der Liebe mehr und mehr anzufachen, so die ein- 
zelnen Menschen, den geringsten Bettler und den größten 
König, und alle ihre innern und äußern Handlungen — und 
alle Verbindungen der Menschen, die Verbindung zweier Men- 
schen in der heiligen Ehe, und die Verbindung unter Millionen 
in den Staaten, und was sie immer tun und: vornehmen, zu 
heiligen und zu segnen, das ist die Bestimmung der Kirche. 

Welche schöne Harmonie nun unter der Bestimmung der 
Staaten und jener der Kirche stattfindet, das, denke ich, 
braucht nicht weiter erörtert zu werden. Gott will, daß alle 
Menschen in jenen geselligen Verbindungen, die wir Staaten 
nennen, leben sollen; Gott will ebenfalls, daß dieselben Men- 
schen, welche Staatsmitglieder sind, auch Mitglieder seiner 
Kirche sein sollen, sodaß einige Wechselwirkung der Kirche 
und des Staats auf einander stattfinden muß, obgleich die 
Staaten die Menschen nur in Beziehung auf das Irdische, auf 
die kurze Zeit dieses Erdenlebens, die Kirche aber, wenn gleich 
vorzüglich vom Linern herauswirkend, den ganzen Men- 

chen und seine ganze Lebenszeit, von der Geburt an und 
in Beziehung auf die ganze Ewigkeit anspricht — und obgleich 
die Staaten nur die physische, die militärische Gewalt, dieKirche 
aber nur die moralische Gewalt hat — mithin auch hier eine 
große Verschiedenheit unter Kirche und Staat in die Augen 
fällt. Diese Wechselwirkung aber kann nach Gottes Willen, 

85 



dem schon Gesagten zufolge, unmöglich eine andere als ein^ 
freundschaftliche sein, somit wird die hier besprochene Seite 
des Verhältnisses unter Kirche und Staat unmöglich anders 
als eine w e c h s e 1 s e i t i g e F r e u n d s c h a f t ausgedrückt 
werden können. 

Aber, wird man hier fragen: kann wohl unter einem Staate, 
dessen Regent nicht katholisch ist, und der katholischen 
Kirche wechselseitige Freundschaft sein? 

Ich aber frage: was die Konfession des Regenten, da das 
Bekenntnis zu einer Konfession eine durchaus persönliche An 
gelegenheit des Regenten, als Mensch, ist, mit dem öffentlichen 
Leben des Regenten, als solchem, zu tun habe? 

Die Kirche, und zwar die dem Staate koordinierte Kirche, 
also die katholische Kirche, frommet dem Staate — und wie! 
— der Staat kann ihrer nicht entbehren — das, denke ich, 
reicht hin, um hier die Bezeichnung des Verhältnisses unter 
Kirche und Staat durch wechselseitige Freundschaft zu Gna- 
den zu bringen; also wird das ganze Verhältnis unter Kirche 
und Staat richtig durch: 

Beiderseitige Unabhängigkeit, Selbständigkeit — und 

W e c h s e 1 s e i t i g e Freundschaft 
bezeichnet werden können. 



Von demRechte derKircheaufdie 

Schulen, Schul-, Erzieh ungs-, 

Bildungs- An stalten*) 

Die von Gott angeordnete Bestimmung der geselligen 
Verbindung unter Menschen, die wir Staaten nennen, ist 
offenbar die: das Recht, die äußere, das heißt 'die in Worten 
und Werken sich bekundende Gerechtigkeit zu handhaben; 
jedes Recht, einzelner wie moralischer Personen wider jeden 
Angriff zu schützen ; die Sicherheit der Personen und des 

*) S. 115 ff. 
86 



Eigentums zu wahren; das friedliche Zusammenleben der 
Untertanen und den Frieden nach außen hin gegen Nachbar- 
staaten zu sichern, und als Vollzieher der Gerechtigkeit Gottes 
das Gute durch Irdisches zu belohnen, das Böse durch Irdisches 
zu bestrafen. 

Sie (die obrigkeitliche Gewalt) ist Gottes Dienerin, 
dir zum Besten. Wenn du aber Böses tust, so fürchte 
dich; denn nicht umsonst trägt sie das Schwert; denn 
sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin, zur Bestrafung 
für den, der Böses tut. (Rom. XIII, 4.) 

Mir scheint in dieser Bestimmung der Staaten der Beruf, 
sich der Schul-, der Erziehungs-, der Bildungsanstalten, über- 
haupt der Erziehung zu unterziehen, auch ein dazu gegebener. 
Auftrag nicht zu liegen; indessen können wir, wenn man will, 
daß die Staatsgewalt auch unmittelbar und auf eine andere 
Weise als durch Beischaffung der Geldmittel, Baulichkeiten 
und so weiter sorge, das dahin gestellt sein lassen. Die hier 
zu beantwortende Frage ist nicht: ob und inwiefern dem 
.Staate die Erziehung obliege, sondern in welchem Verhältnisse 
die Schule, die Schul-, l^rziehungs-, Bildungsanstaltcn zur 
Kirche stehen. 

Die Kirche hat ganz eigentlich den Beruf, die Menschheit 
7.U erziehen, den Menschen dazu zu verhelfen, daß sie während 
des Pilgerlebens auf Erden reif werden durch den Tod in das 
ewige Leben, in die himmlische Seligkeit hineingeboren zu 
werden — dazu allein ist das Leben des Menschen auf Erden. 
Die Kirche ist von Gott dazu berufen, daß sie, die Lehrerin 
der Wahrheit, die Menschen vor Irrtum, vor Lüge bewahre; 
die Menschen von Innen, wohin die .Staatsgewalt nicht reicht, 
die Leidenschaften zähmend, erziehe, 4ieilige; und zwar nicht 
allein, daß sie die verzogenen, ungeratenen Kinder wieder zu- 
recht bringe, sondern sie zu bewahren, daß sie nicht unge- 
ratene Kinder werden. 

Ihrer Bestimmung, ihrem Berufe, ihrer Liebe, ihrer Natur 

87 



zufolge hegt und pflegt die Kirche ihre Kinder von ihrer Ge- 
burt an, bis in den Tod, daß sie vor jedem Schaden, vor jedem 
Irrtume, vor Unsittlichkeit, überhaupt vor allem, was ihrer Tu- 
gend, dem Grunde ihrer Hoffnung auf das ewige Leben, ihrem 
Innern Frieden, dem Frieden der Seele Gefahr bringen würde, 
möglichst bewahret werden, daß sie ein heiliges Leben führen, 
kurz, daß sie von Jugend auf zu echten Christen gebildet wer- 
den. — Wird nun die Kirche dieser ihrer Aufgabe genügen 
können, wenn sie nicht ihre eigenen Schulen, ^Schul-, Erziehungs- 
Bildungsanstalten hat? Würde es nicht eine, der Bestimmung 
der Kirche widersprechende Einrichtung sein, wenn die Kirche 
sich gefallen lassen müßte, sich mit den ihr vom Staate über- 
lassenen Früchten seines Erziehungsbaumes zu genügen? 

Gehen wir jedoch ein wenig ins einzelne. 

Die Kirchspiels-Schulen sollen dem empfäng- 
lichen Gemüte der Kinder die Religionslehi^e und die echte 
Religiosität tief und warm einflößen, damit, was da in ihnen 
gesät wird, keiifte und Frucht bringe für ihr ganzes Leben. 
Lesen, Schreiben und Rechnen sollen die Kinder in diesen 
Schulen so viel lernen, als es dessen für solche bedarf, 
die nicht zum Studieren berufen sind; aber, was die Kin- 
der lesen und schreiben, ist nichts weniger als gleichgültig. 
Daß Knaben und Mädchen stricken, die Mädchen nähen, 
und alle so viel singen lernen, daß sie die geistlichen Lieder in 
d'er Kirche gut, rein mitsingen können, ist sehr zweckmäßig; 
daß sie mit d!er biblischen Geschichte gehörig bekannt werden, 
ist nötig und gehört zum Religionsunterricht; einige Bekannt- 
schaft mit der vaterländischen Geschichte — der Wahrheit 
gemäß erzählt- — und, soviel dazu nötig ist, mit der Geo- 
graphie kann heilsam sein; eine weitere Ausdehnung der 
Geschichtskenntnis, feine weibliche Arbeiten, zum Beispiel 
Sticken, Musik und so weiter, das alles lautet sehr schön, taugt 
aber zu nichts, als den Kindern den Kopf zu verdrehen. Reli- 
giosität, Gehorsam, Achtung des Alters, Ordnungsliebe, Rein- 
lichkeit, Arbeitsamkeit, Sanftmut, Bescheidenheit und so wei- 

88 



tcr, (las alles, überhaupt gute Gewohnheiten den Kindern bei- 
ubringen, und die Keime des Bösen möglichst auszurotten, 
(las ist die Aufgabe der Kirchspiels-Schulen. Wie wichtig 
diese Schulen sind, das kann jeder erkennen, welcher erwägt, 
daß — die wenigen ausgenommen, die von Jugend auf eine 
Privat-Erziehung erhalten — alle übrigen — Bauern, Diener- 
schaft, Handwerker, Bürger, Kaufleute, Militär, höhere und 
niedrige Beamte, Gelehrte, Lehrer, Geistliche — in diesen Schu- 
lten ihre erste, und zuverlässig auf das ganze Leben Ein- 
fluß habende Bildung erhalten. In Beziehung auf die in diesen 
Schulen zu erziehende Dienerschaft muß ich die Kinderwärte-' 
rinnen betreffend bemerken, daß die auf Religiosität beruhende 
unverbrüchliche Treue in Erfüllung der mit der ihnen anver- 
trauten Wartung der Kinder verbundenen Pflichten für Leib 
und Seele der Kinder von der größten Wichtigkeit ist. Ich 
könnte Beispiele anführen von dem Unheile, welches solche 
Kinderwärterinnen, denen diese Treue mangelt, anrichten 
können. 

Wer wird nicht anerkennen, daß diese Kirchspiels-Schulen 
ausschließlich der Kirche, dem Berufe der Kirche und der Be- 
stimmung der Kirchspiels-Schulen zufolge angehören. 



r ) i e S c h u 1 1 e h r e r - S e ni i n a r i e n und die Bil- 
dungs-Anstalten für Schullehrerinnen 

Zuvörderst muß ich bemerken, daß es wenigstens sehr über- 
flüssig sein würde, die Zöglinge in diesen Anstalten zu Ge- 
lehrten auszubilden, sodaß sie da allerlei lernen, was sie als 
1 .ehrer oder Lehrerinnen in den Kirchspiels-Schulen gar nicht 
gebrauchen, und dann wohl auch das nicht lernen, was sie die 
Kinder lehren sollen. 

Die Schullehrer und .Schullehrerinnen müssen in den frag- 
lichen Anstalten so gebildet werden, daß sie das, was sie die 
Kinder lehren sollen, gründlich kennen; daß sie sich die rechte 

89 



Methode, es den Kindern beizubringen, aneignen, daß sie d a s , 
Vvas zu werden sie den Kindern helfen sollen, selbst sind -^- 
religiös, bescheiden, folgsam, sanftmütig, demütig, reinlich 
und so weiter. 

Wenn ich nicht irre, so könnte dem Gesagten zufolge die 
Anzahl der Professoren in den fraglichen Anstalten einiger- 
maßen vermindert und Ersparnis erwirkt werden. Die höchste 
Wichtigkeit der hier besprochenen Anstalten springt in die 
Augen bei einem, wenn auch nur flüchtigen Blicke, auf ihr 
Verhältnis zu den Kirchspiels-Schulen. Die besprochenen An- 
stalten (nämlich die Anstalten zur Bildung der Schullehfer 
und Lehrerinnen) sind, in Beziehung auf die Bildung der Ju- 
gend, mithin in Beziehung auf das ganze Leben, auf Zeit und 
Ewigkeit, die Wurzel, die erste Quelle des Guten wie des 
Bösen. 

Solche Anstalten sind immer, weil entweder gut oder böse, 
weil sehr wirksam, sehr gefährlich — und, wo sie der Kirche 
entzogen, in den Händen der Staatsgewalt sind, muß man 
füi-chten, daß sie schädlich sind, nicht eben bösen Willens 
wegen, sondern weil die amicitia hujus mundi, die, wie der 
Apostel Jakob schreibt, inimica est Dei, nur allzuleicht und all- 
zusehr dieReiche, die von diese r Welt sind, durchwehet, und 
auch den hier besprochenen Anstalten zur Bildung der Schul- 
lehrer und Lehrerinnen sich mitteilt; sie gehören, wie die 
Kirchspiels-Schulen, für welche sie da sind, ausschließlich der 
Kirche an. 

Wenn fester im Auge gehalten würde, daß diese Welt, daß 
die Menschen nicht für die Staaten, nicht für dieses Erden- 
leben, nicht für Industrie, Eabriken und so weiter hier sind, 
sondern daß alles in der Welt, dem die Beziehung auf die 
Ewigkeit mangelt, über die Massen, um wenig zu sagen, er- 
bärmlich ist, und daß die Menschen einzig und allein deshalb 
hier auf Erden pilgern, um den Himmel zu erringen; — wenn 
nicht die Flachheit, die Halbheit, die Charakterlosigkeit, 
welche jede Charakterfestigkeit, jede Selbständigkeit für sehr 

90 



feindlich, sehr gefährlich hält, unsere Zeit durchwehte, so wür- 
den Fragen und Gegenstände, wie die besprochenen und noch 
zu besprechenden, gar nicht zur Sprache kommen können. 

Ob überhaupt Schullehrer- und Schullehrerinnen-Seminarien 
nützlich oder schädlich sind, das hängt davon ab, wer 
ihre Leitung hat, von wem, von welcher Gewalt sie abhängen, 
wie sie geleitet werden — unbedingt nötig sind sie nicht, wie 
das Beispiel Münsterlandes, bis zum Tode des Herrn Over- 
berg, klar zeigt; zuverlässig waren bei der damaligen Ein- 
richtung die Schullehrer- und Lehrerinnen-Stellen wenigstens 
eben so gut besetzt, als jetzt. Auch war diese Einrichtung viel 
ökonomischer. 



Die G V 111 n a s i e n und P r o g v m n a s i e n 
Tch fasse iunde unter die Bezeichnung: 

( 'i y m n a s i u m 
zusammen. 

Wir müssen nun die Bestimmung derselben mit dem Berufe 
der Kirche zusammenhalten, um zu versuchen, ob w'ir jenen, 
welche die Gymnasien als dem Bereiche der Kirche, mit ein- 
ziger Ausnahme der Religionslehre, fremd, und alles übrige 
als dem Staate angehörend, ansehen, eine andere Überzeugung 
lieibringen können. 

Die Gymnasial-Schüler haben noch kein bestimmtes Fach, 
noch keinen Stand gewählt; (Ausnahmen machen jene, welche 
in die Gymnasien treten, um nur einige Schulen mitzumachen, 
dann aber zu irgend einem Gewerbe überzugehen). Beides 
aber geschieht bei ihrem Austritt aus den Gymnasien. Was 
die Standeswahl betrifft, so ist dieselbe von der größten Wich- 
tigkeit, da von der Standeswahl wohl ganz vorzüglich das 
zeitliche Wohl und das ewige Heil nicht bloß des Wählenden, 
sondern auch derjenigen abhängt, mit welchem der Wählende 
durch seine Standeswahl, während seines T>ebens, in besondere 

9^ 



Berührung kommen wird. Auch denke ich, daß kein Christ 
glauben werde, daß Gott sich um die Standesw^ahl der Jünglinge 
nicht bekümmere — , Er, vor dem alle Haare unseres Hauptes 
gezählt sind — Er, ohne dessen Willen kein Sperling vom 
Dache fällt. 

Die Jünglinge müssen daher in den Gymnasien so gebildet 
werden, daß sie befähigt werden und den ernsten Willen haben, 
mithin die nötigen Mittel anwenden, zu erkennen, zu wel- 
chem Stande sie von Gott berufen sind, und dann auch dem 
erkannten Willen Gottes zu folgen. 

Die Zöglinge im Gymnasium müssen ferner so gebildet wer- 
den, daß sie befähigt werden, den mit dem gewählten oder zu 
wählenden Stande ihnen überkommenden Pflichten zu genü- 
gen; daher die Bildung Seele und Leib umfassen muß; sie 
müssen jene Kenntnisse, welche am besten in dem noch jugend- 
lichen Alter erlernt w^erden, und jedem, welchen Stand immer 
er wählen möge, nützen, erlernen. Die Bildung muß die Fun- 
damente aller Wissenschaften umfassen, damit nach getroffener 
Wahl des Standes und des betreffenden wissenschaftlichen 
Faches auf jenem Fundamente könne fortgebauet w^erden. Vor 
allem andern aber müssen die Zöglinge des Gymnasiums zu 
guten Christen gebildet werden; denn sonst ist alles nicht allein 
unnütz, sondern schädlich; denn die Bildung in allem andern 
ohne die Bildung zum guten Chri.sten, macht den Menschen 
zum Gift der Mitmenschen. 

Es würde mich zu w-eit führen, wenn ich hier in ausführliche 
Erörterungen mich einlassen wollte; jedoch muß ich bemerken: 
daß, w^o die Gymnasial-Schüler zu Vielwissern gebildet 
werden w^ollen, die Gründlichkeit, das heißt, die Hauptsache ein- 
gebüßt wird, und sie allerlei lernen, welches sie nachher gar nicht 
gebrauchen können; und diejenigen, ich mag wohl sagen, weni- 
gen jungen Leute, welche die Gründlichkeit mit dem Vielwis- 
sen zu verbinden das Talent haben, leicht die Gesundheit des 
Körpers einbüßen; und endlich in den Jünglingen der Dünkel 
so gebildet wnrd, daß sie beim Austritt aus dem Gymnasium 

92 • 



,s:lauben, gelehrter zu sein, als alle anderen, und glauben, sie 
seien mit dem Lernen fertig, da doch das eigentliche Lernen 
erst dann anfängt, und eben was sie am meisten in der Gym- 
nasialzeit zu erlernen haben, das Lernen ist ; daß die höchste 
Wichtigkeit, insbesondere des Verhältnisses der Philosophie 
und der Geschichte zum Christentum, nicht verkannt werden 
kann — , daß der A^erstand nicht allein sehr gründlich und sehr 
konsequent denken, sondern auch -schweigen lernen müsse. 

Wenn wir nun die eben angedeutete Bestimmung der Gym- 
nasien mit dem Berufe der Kirche — den ganzen Menschen 
zu erziehen zum guten Christen, somit zum guten Bürger; 
seinen Verstand und seinen Willen, sein Inneres und Äußeres 
von der Kindheit an bis in den Tod zu erziehen, zu bilden — 
zusammenhalten, dann glaube ich, die Forderung der Kirche, 
ausschließlich für sich Gymnasien zu besitzen, völlig gerecht- 
fertigt. Aber ich gehe noch weiter, und werde eine Behaup- 
tung aufstellen, bei welcher viele Haare sich sträuben, welche 
Viele als ein enormes Paradoxum ansehen werden. Ich be- 
haupte nämlich, nicht nur daß die Kirche für sich ausschließ- 
lich Gymnasien haben müsse, sondern daß die Kirche die völ- 
lige Freiheit haben müsse, diese Gymnasien der Leitung geist- 
licher Korporationen anzuvertrauen; — (ob Jesuiten oder 
andere, darauf kommt es hier nicht an) — ja, ich behaupte, 
daß das eine, wie das andere zur Ruhe in den Staaten und zum 
Blühen der wahren Wissenschaft durchaus nötig ist, und will 
hier nur bemerken, daß völlige Sorgenfreiheit in Beziehung 
auf die Bedürfnisse des Lebens, der Regel nach conditio sine 
qua non ist, damit sich einer ganz der Wissenschaft, oder 
überhaupt seinem Fache widme — nicht Menschen zu gefallen, 
daher ihrer Verkehrtheit zu schmeicheln, oder Neues vorzu- 
bringen, um höher zu steigen, sondern nur Wahrheit suche 
und lehre ; — diese conditio sine qua non findet in gut ein- 
gerichteten Korporationen statt. 

Nur in geistlichen Korporationen ist vollständig zu errei- 
chen, daß alle und alles vom selbigen Geiste, vom Geiste der 

93 



Wahrheit und der Liebe beseelt, g^emeinschaftlich zu demsel- 
bigen schönen Ziele hinwirken. 

Nur in geistlichen Korporationen findet sich immer für 
jedes Fach passender Nachwachs; NB. ich rede nicht von 
modernisierten geistlichen Korporationen, wo die Verbindung 
der Klöster desselbigen Ordens miteinander und mit ihrem 
General nicht mehr stattfinden soll. 

Der Flachheit unserer Zeit zu Liebe will ich nur noch an- 
führen, daß vermittelst geistlicher Korporationen mehr, aber 
mit viel weniger Kostenaufwand, erzielt wird — 
und wende mich zu den 



Pensionat e n und K o n v i k t e n 

Was ich von den Gymnasien gesagt habe, dürfte auch bei 
den Konvikten und, mutatis mutandis, auch bei den Pensio- 
naten für das weibliche Geschlecht gelten. Da aber, wenn auch 
einerseits in den erwähnten Anstalten die Aufsicht und die 
Erziehung sehr erleichtert wird, andererseits wegen des Zu- 
sammenlebens der Zöglinge die Gefahr vermehrt wird, so muß 
die Aufsicht hier viel schärfer sein, und da eben die größere 
Wirksamkeit "dieser Anstaften sie auch sehr mißbrauchbar zur 
Verbreitung des Bösen macht, so muß hier mit der möglichst 
größten Sorgfalt bei der Auswahl der Vorstands-Personen 
verfahren, und dieselben genau beobachtet werden. 

D i e P e n s i o n a t e sind durchaus nötig, um so mehr, da ^!a- 
weibliche Geschlecht auf die Erziehung, besonders in der 
ersten Jugend, so entschiedenen Einfluß hat. 

Wo die Gymnasien sind, was sie sein sollen, können die 
Ko n V i k t e noch immer großen Nutzen bringen, aber man kann 
wohl nilht behaupten, daß sie in solchem Falle nötig sind ; von 
gemischten Anstalten, wo nicht alle Angestellte und über- 
haupt nicht alles echt katholisch ist, kann hier gar keine Rede 
sein ; eine Bemerkung, welche sich insbesondere bei Konvikten 

94 



und Pensionaten (auch bei Anstalten zur Bildung der Scluil- 
Irhrer und Lehrerinnen) auch auf die Zöglinge bezieht. 
Ich wende mich nun zu den 



Universitäten 

Die l'nivcrsitäten sind für Jünglinge bestimmt, deren Er- 
ziehung, soviel andere Menschen dazu tun können, als fast voll- 
rndet vorausgesetzt wird ; für Jünglinge, die ihr wissenschaft- 
liches Fach, dem, von ihnen gewählten Berufe gemäß, gewählt 
haben. 

Über die Arznei und die weltliche Jurisprudenz will ich 
mich nicht einlassen ; aber die große Wichtigkeit der philo- 
sophischen Wissenschaften — die Geschichte dahin gerech- 
net ^- und der Theologie — das Kirchenrecht dahin gerechnet 
— und die große Wichtigkeit des Vortrages dieser Wissen- 
schaften und der diesem Vortrage zur Grundlage dienenden 
Bücher oder Hefte; die große Wichtigkeit der Persönlichkeit, 
Gesinnung und so weiter der Professoren und Lehrer und des 
Kurators der Universität, und der Statuten in Beziehung auf 
den Glauben, auf die Religiosität der Studierenden, sowie 
überhaupt die überaus große Gefährdung ihrer Sittlichkeit, 
ihres Glaubens, ihres zeitlichen und ewigen Heils, bei der 
gewöhnlichen Einrichtung der Universitäten, kann wohl kein 
Verständiger verkennen. 

Es wäre doch wohl recht nötig, daß nicht allein Burschen- 
schaften und, was den Staat, das irdische Wohl in Gefahr 
bringt, sondern nebst dem die Gefährdung des ewigen Heils 
bei der Einrichtung der Universitäten berücksichtigt würde. 
Sonst standen die Universitäten unter Kirche und Staat; ich 
bezweifle, daß das hinreichend war, zur Abwendung der Ge- 
fährdung des ewigeji Heils. Jetzt scheint die Ansicht, als ge- 
hörten die Universitäten ausschließlich zum Bereiche des Staats, 
obzuwalten; um so mehr ist die Kirche verpflichtet, auch für 
sich entweder ausschließlich Universitäten zu reklamieren, oder 



wenigstens in Beziehung auf alles, was das ewige Heil gefähr- 
det, oder dem ewigen Heile frommet. 

Daß das Universitätsleben eben nicht geeignet ist zur Bil- 
dung der Zöglinge des geistlichen Standes, wird Avohl jeder 
erkennen ; wie auch, daß es dazu notwendig der Seminarien 
bedürfe. 

In Beziehung auf das über die Schul- und Bildungsanstalten 
Gesagte bemerke ich: daß ich mit dem für die Kirche in 
Anspruch genommenen Rechte, auch für sich ausschließlich 
solche Anstalten zu besitzen, nicht sagen will, daß der Staat 
nicht soll Einsicht nehmen können von dem, was die Kirche 
in den erwähnten Anstalten vornimmt, — die Kirche hat in 
dieser Hinsicht kein Geheimnis ; — Einsicht mag der Staat 
nehmen, aber nicht Aufsicht, nicht Vormundschaft. 

Sind die katholischen Geistlichen, als 
Solche Staatsbeamte?*) 

Ich kann die Frage noch anders stellen, nämlich: Können 
katholische Geistliche, als Solche, Staats- 
beamte sein? 

Die hier gestellte Frage sollte man eigentlich für ganz un- 
nötig, weil in praxi, wie man denken sollte, nicht vorkom- 
mend, halten. Aber die Frage kommt wirklich in praxi vor ; 
so sehr sind die Begriffe verwirrt, so sehr zeigt sich auch hier 
bei einigen die Ansicht, die Kirche sei der Staatsgewalt unter- 
worfen. Solche nehmen für die weltliche Gewalt die Befugnis 
in Anspruch, katholische Geistliche in Ordnungsstrafe zu nehmen, 
welches nur in Beziehung auf Beamte des Staates statt- 
finden kann. Solche nehmen ebenfalls für die Staatsgewalt die 
Befugnis in Anspruch, katholische Geistliche ab officio suspen- 
dieren zu können, wo ebenfalls die Staatsbeamtenschaft der 
katholischen Geistlichen vorausgesetzt wird. Indessen kommt 

*) S. i86ff. 

96 



es bei Beantwortung der vorliegenden Frage darauf nicht an, 
weil Ansichten, selbst wenn hier und da ihnen gemäß verfah- 
ren würde, die Natur der Sache nicht ändern können. Es 
kommt hier auf folgendes an: 

Die katholischen Geistlichen werden nicht von den welt- 
lichen Regenten angestellt, können nicht von denselben ange- 
stellt werden ; weil die weltlichen Regenten zu solcher Anstel- 
lung weder Recht noch Macht haben, ebensowenig und aus 
demselbigen Grunde können die weltlichen Regenten einen 
Geistlichen absetzen oder suspendieren ab officio. Die Anstel- 
lung der Geistlichen, wie ihre Amovierung, muß, wenn nicht 
leere Worte für Realität gelten sollen, von der Kirche, von der 
Kirchenobrigkeit ausgehen. 

Die Geistlichen haben, als Solche, kein weltliches Anrecht. 
Die Geistlichen haben für ihre Amtsverrichtungen nicht die 
von den weltlichen Regenten ausgehenden Gesetze, sondern 
die Kirchengesetze zur Norm, — welches auch das preußische 
Landrecht anei;kennt. 

Die Geistlichen sind in Beziehung auf die Verwaltung ihres 
Amtes, in Beziehung auf ihre Amtsverrichtungen durchaus 
nicht den weltlichen Regenten, sondern nur den Kirchen-Obern 
Rechenschaft schuldig, nicht jenen, sondern nur diesen verant- 
wortlich. Die Geistlichen werden nicht vom Staate besoldet. 
Die katholischen Geistlichen haben also von dem, was dazu ge- 
hört Staatsbeamter zu sein, eben gar nichts. 

Hier frage ich nun jeden vernünftigen Menschen, ob die 
Geistlichen Staatsbeamte sein können ? Sollte nicht 
etwa auch hier die Anwendung des Prinzips der Protestanten 
auf das Verhältnis der katholischen Geistlichen zur Staats- 
gewalt der hier besprochenen Ansicht zugrunde liegen? 



Bergsträßer I. 7 ^7 



Programm einer politischen 

Zeitung am Rhein 

(1844) 

Kaum hat sich zu irgend einer anderen Zeit das Bedürfnis 
nach einer freien öffentlichen Besprechung der Angelegenhei- 
ten der verschiedenen Staaten so lebhaft und so allgemein aus- 
gesprochen als eben jetzt. Daher ist der Schwärm der Blätter, 
welche sich als Organ der öffentlichen Meinung hinstellen 
wollen, zahllos; dagegen ihr innerer Gehalt verschieden. Viele 
derselben glauben ihre Aufgabe erfüllt zu haben, wenn sie ohne 
entschiedenen Charakter, in einem ängstlichen Schaukel- 
system sich wiegend, abwechselnd den verschiedensten Ideen 
huldigen, und nach der Gunst des Augenblicks haschend durch- 
aus unvereinbare Gegensätze vertreten. Andere Blätter da- 
gegen verfolgen mit strenger Konsequenz eine falsche philo- 
sophische Richtung, unermüdlich alles, was bis dahin für heilig 
und ehrwürdig in Staat und Kirche gegolten, anzufeinden, in- 
dem sie auf eine allgemeine Verwirrung aller Begriffe über 
Recht und Ordnung hinwirken. Und doch ist die B e 1 e b u n g 
des religiösen und Rechtsgefühls die wichtigste 
und höchste Aufgabe in der Entwicklung des Volkslebens, 
welche jeder, dem das wahre Heil des Vaterlandes am Herzen 
liegt, immer vor Augen haben soll. Entschiedener Ernst und 
Festigkeit des Charaktets und der Gesinnung ist durchaus nötig, 
wo Halbheit und Gleichgültigkeit bereits soviel Unheil ange- 
stiftet haben, und sind das Erste, welches von einem, der öffent- 
lichen Belehrung bestimmten Blatte gefordert werden muß. 

Protestanten und Juden haben ihre besonderen Zei- 
tungen, welche mit rastlosem Eifer die Interessen ihrer Kon- 
fessionen vertreten ; die Katholiken allein besitzen keine 

98 



politische Zeitung, kein Blatt, welches die Tagesereignisse von 
ihrem Standpunkte aus bespricht und beurteilt. Und doch ist 
Deutschlands größere Hälfte katholisch und bloß durch äußere 
Verhältnisse von einer würdigen Vertretung ausgeschlossen 
geblieben, obgleich es sich wahrscheinlich nicht behaupten läßt, 
daß sie einer solchen noch niemals bedurft hätte. Während die 
Anfeindungen alles desjenigen, welches den Katholiken heilig 
und teuer ist, auch in einzelnen Zeitungen, Zeitschriften, Ro- 
manen und so weiter sich täglich häuften, geschah nur sehr 
\\ cnig zur Widerlegung ungegründeter Anschuldigungen und 
selbst boshafter Verleumdung, zur Belehrung und Aufklärung 
der lesenden Menge. Die Wahrheit ohne Leidenschaft und 
Parteigeist immer darzubieten, sei daher die beständige Aufgabe 
eines katholischen Blattes. Ein solches, auch auf 
dem politischen Gebiet, ist ein großes und drin- 
gendes Bedürfnis nicht nur jedem Katholiken, sondern auch 
dem gebildeten und aufgeklärten Protestanten, dem an einem 
richtigen und unbefangenen Urteile, einer klaren und ungetrüb- 
ten Ansicht der Dinge gelegen ist. 

Die ka t h o 1 i s ch e Ki r ch e ist wesentlich erhaltend. Selbst 
auf heiligen historischen Überlieferungen beruhend, ehrt sie alle 
wohlbegründeten Rechte und lehrt Treue und standhafte Er- 
gebenheit. Alle Zerstörungen und gewaltsamen Umwälzungen 
sind ihr ein Greuel, und diese haben sich daher immer zuerst 
gegen die Kirche verschworen und gegen sie gewütet, daß 
sie längst untergeangen wäre, wenn sie nicht gebaut wäre auf 
Gott und ihre Grundlagen hätte von Gott. Wenn aber die 
Kirche auch allen Aufruhr und alle Unordnung 
verdammt, verteidigt sie doch niemals das Unrecht, wel- 
ches Willkür und rücksichtslose Gewalt des einzelnen begeht. 

ie verdammt die Tyrannerei und die über- 
griffe des Absolutismus. Sie hat gesprochen in 
Zeiten der rohesten Gewalt, wo niemand zu reden wagte, und 
stets hingewirkt zur wahren Freiheit, die auf Recht 
und Gesetz, auf Ehrfurcht vor dem Hohen und Heiligen be- 

99 



ruht. Sie hat die Lehre von der Freiheit der Gewissen zuerst 
ausgesprochen und in jedem Menschen das Ebenbild Gottes 
zu achten und den Bruder auch noch in dem niedrigsten zu 
erkennen befohlen. 

Daher wird ein Blatt, welches von dem wahrhaft katholischen 
Geiste erfüllt ist, niederWillkürunddem Absolu- 
tismus das Wort reden und ebenso allen Um- 
trieben der Revolution und des Ultralibera- 
lismus entgegenarbeiten. Wohlerworbene Rechte 
werden ihm heilig sein, Wahrheitund Gerechtigkeit 
gegen jeden ihm ewige Regel bleiben. Es wird unermüdlich zu 
gesetzlichem Fortschritt, zu wahrer Aufklärung, zu freier, gei- 
stiger Entwicklung des Volkslebens hinstreben. 

Wir sind zusammengetreten, ein solches Blatt zu gründen, 
diese Grundsätze praktisch ins Leben zu rufen. Sein Wir- 
kungskreis wird daher kein einseitiger, seine Richtung aber 
eine genau bestimmte sein. Es wird die Interessen des 
katholischen Glaubensbekenntnisses allent- 
halben wahrnehmen, zugleich aber auch die Entfaltungen 
bürgerlicher Freiheit, die Fortschritte der 
A u f k 1 ä r u n g zu fördern suchen. Vor anderen Ländern wird 
das deutsche Vaterland seine besondere Aufmerksamkeit stets 
erregen, aber in den Rheinlanden von Rheinländern geleitet, 
wird es mit vorzüglicher Sorgfalt auch alle rheinländi- 
schen Interessen und Institutionen umfassen, 
keinerlei Art derselben ausschließen und deren gehörige Ver- 
tretung sich zur Aufgabe stellen. 

Dasselbe wird täglich im großen Format und mit ange- 
messener Ausstattung erscheinen und immer die neuesten 
politischen Nachrichten auf der Stelle mitteilen. Originalauf- 
sätze der gefeiertsten Publizisten, welche ihre Mitwirkung 
diesem Unternehmen zugesagt haben, und die Verbindung mit 
den ehrenhaftesten Korrespondenten in den verschiedenen 
Staaten, werden diesem Blatte einen besonderen Wert erteilen. 



IOC 



!un dem politischen Teile regelmäßig hinzugefügtes Feuil- 
leton wird interessante hitorische und literarische Notizen, mit 
steter Rücksicht auf die Tendenz dieses Blattes mitteilen. Der 
Preis für das Abonnement wird sehr mäßig sein. 

(Abgedruckt bei Karl Bacheni, Josef Bachern, Köln 19 12, S. 378) 



lOI 



Gegen Ehen 

zwischen Christen und Juden 

(1847) 

Von Dr. Eduard Seitz") 

Wenn ich heute mich gegen die Zulässigkeit der 
EhezwischenChristenundJudenausspreche, 
so muß ich mich vor allem gegen den Vorwurf der Inkonse- 
quenz verwahren, den man daraus ableiten könnte, daß ich un- 
längst einem Antrage das Wort geredet habe, der auf voll- 
ständige Gleichstellung des Juden mit dem Christen in allen 
privatrechtlichen und staatsrechtlichen Beziehungen gerichtet 
war. Damals ging ich von dem Grundsatz aus, daß man in 
Beziehung auf die bürgerlichen Angelegenheiten einen Unter- 
schied des Glaubensbekenntnisses und der Religion nicht atten- 
dieren möge. Heute aber bewegen wir uns von dem bürger- 
lichen auf das religiöse Gebiet, denn ich setze als anerkannt 
voraus, daß das Institut neben seiner bürgerlichen .und zivil- 
rechtlichen Seite auch eine wesentlich religiöse Seite hat. Er- 
lauben Sie, daß ich die Gründe kurz entwickele, welche mich 
bestimmen, für die Beibehaltung des Artikels 12 zu stimmen, 
der denDisparitaskultus zwischen Getauften und Ungetauften, 
also insbesondere zwischen Christen und Juden, als ein ver- 
nichtendes Ehehindernis aufstellt, oder vielmehr das Fortbe- 
stehen dieses .vernichtenden Ehehindernisses anerkennt. Was 



*) Hessischer Landtag 1844 — 1847. (Zehnter Landtag.) Protokoll i68 der 
zweiten Kammer S. iiff. Titel II, Artikel 12 des Ehegesetzentwurfes lau- 
tete: „Die Ehe zwischen einem Christen und einer Person, welche sich nicht 
zur christlichen Religion bekennt, ist unzulässig." Näheres über die Debatte 
in meinen Studien zur Vorgeschichte der Zentrumspartei S. .106. 

102 



ist der eigentliche Zweck der Ehe? — Eine Gemeinschaft aller 
Lebensverhältnisse, eine Gemeinschaft allen göttlichen und 
menschlichen Rechtes, namentlich also eine Gemeinschaft aller 
religiösen Interessen und Angelegenheiten der Ehegatten. 
Wenn nun die Kluft zwischen Christen und Juden in. religiöser 
Beziehung so groß ist, daß der Jude denjenigen, den der Christ 
als seinen Heiland anbetet, für einen Betrüger und Heuchler 
halten muß, so muß man die Ehe zwischen Christen und Juden 
<o lange für unmöglich halten, als die Gemeinschaft aller, und 
namentlich der religiösen Interessen die Ehe ausmacht. 

Den Juden ist nach mosaischem Gesetz die Ehe mit den un- 
beschnittenen Volksstämmen untersagt. Der Jude, der so 
\venig Achtung vor den Gesetzen seines Glaubens hat, daß er 
>ich dadurch nicht abhalten läßt, eine Christin zu heiraten, 
wird auch keinen Anstand nehmen, das Gesetz seines Glaubens 
ganz zu verlassen und sich gänzlich zur christlichen Religion 
zu bekennen. In gleicher Weise verbietet das Gesetz der christ- 
lichen Religion, verbietet das Neue Testament, insbesondere 
der zweite Korintherbrief, die Ehe mit den Ungetauften. 

Ein Staatsgesetz soll sich meiner Überzeugung nach, nie- 
mals in eine gefährliche Kollision mit dem Gewissen setzen, 
dies tut aber ein Staatsgesetz, das geradezu jemanden zur 
Übertretung der Religions- oder Kirchengesetze auffordert, 
das tut ein Staatsgesetz, welches solche Übertretungen 
unter seinen Schutz und seine Sanktion stellt, welches solche 
Übertretungen durch seine Diener sogar begünstigen läßt. 

Die wahre Gewissensfreiheit besteht darin, daß das 
Staatsgesetz die religiöse Überzeugung aller seiner Ange- 
hörigen achtet, daß das Staatsgesetz niemals auch die leisesten 
Übertretungen der Kirchengesetze zu billigen scheint, noch 
weniger aber zu Übertretungen auffordert. Dies sind die 
Gründe, aus denen ich gegen die Zulässigkeit der Ehen zwi- 
schen Christen und Juden stimmen werde. 



L03 



Das Recht des Christen 
auf christliches Begräbnis 

Von" Dr. Eduard Seitz') 

Der Herr zweite Präsident vermißt ein Recht, welches durch 
die Erweiterung der betreffenden Verordnung- (Ausdehnung 
auf die Anstalt Hofheim) verletzt worden sei. — Allerdings 
aber ist ein Recht verletzt worden, und ich glaube sogar ein 
doppeltes. 

Es handelt sich um ein religiöses Gut einer ganzen, 
leider nur zu großen Klasse von Staatsangehörigem. Es han- 
delt sich ferner um ein sehr wichtiges der herrschenden christ- 
lichen Kirchen; es handelt sich um das Recht der Freiheit des 
■ religiösen Kultus der christlichen Religionspartei, um ein 
Recht, das durch kein Gesetz und noch viel weniger durch 
eine bloße Verordnung aufgehoben, geschmälert und beein- 
trächtigt werden kann. — In Deutschland ist Religionsfreiheit. 

Es besteht aber das Wesen der Freiheit des Religions- 
exerzitiums gerade darin, daß eine Kirche durch keine äußere 
Macht und durch kein Staatsgesetz verhindert werden kann, 
diejenigen religiösen Güter, welche sie kirchengesetzlich und 
anerkanntermaßen zu verwalten und an ihre Mitglieder zudistri- 
burieren berechtigt ist, denselben wirklich zu spenden. Es 
besteht das Wesen der Freiheit des Religionskultus ferner 
gerade darin, daß kein Angehöriger einer herrschenden christ- 
lichen Konfession durch irgendeine irdische Gewalt abge- 

*) Rede in der zweiten Kammer des zehnten hessischen Landtages. Pro- 
tokoll 152, S. 14 ff. Debatte über einen Antrag, der sich gfegen eine Ver- 
ordnung richtet, nach der die Leichen der Insassen der Irrenanstalt zu Hep- 
penheim, die dort auf Landeskosten aufgenommen waren, der Anatomie der 
Universität Gießen zugeführt werden sollen. 

ro4 



halten werden kann, ein religiöses Gut, auf welches er kirchen- 
gesetzlich ein wohlerworbenes Recht hat, aus der Hand der ver- 
waltenden Kirche zu empfangen. Ein solches Gut ist nun eben 
das kirchliche Begräbnis; denn solange die christliclie Kirche 
besteht, hat sie das Recht in Anspruch genommen, die irdi- 
schen Reste der in ihrem Schöße Verstorbenen mit einem ge- 
wissen religiösen Ritus zur Erde zu bestatten. 

Der Herr zweite Präsident vermißt ein Gesetz, wollurch 
(lies Recht auf ein kirchliches Begräbnis begründet werde. 
Es besteht ein solches Kirchengesetz allerdings. Nach diesen 
Satzungen hat ein jeder Angehöriger ein wohlerworbenes 
Recht auf ein kirchliches Begräbnis, sofern es ihm nicht zur 
Strafe gesetzlich entzogen ist. Die Kirchengesetze bezeichnen 
genau die Personen, denen das kirchliche Begräbnis zur Strafe, 
weil sie durch Verbrechen sich ihrer unwürdig gemacht haben, 
entzogen ist. 

Wahnsinn ist kein Verbrechen, sondern Unglück. 

Es denkt vielleicht mancher, das religiöse Gut des kirch- 
lichen Begräbnisses sei kein reelles, es sei nur ein eingebildetes, 
auf Vorurteile beruhendes Gut. 

Eine legislative Versammlung darf sich auf diesen 
Standpunkt nicht stellen, denn es existieren in unserem deut- 
schen Vaterlande Hunderttausende, welche auf diesem Stand- 
punkte nicht stehen und welche Achtung ihrer religiösen Über- 
zeugung von einer legislativen Versammlung mit Recht for- 
dern können. Ich halte eine öffentHche Ordnung in dem 
Augenblick für verloren, in dem der Wert der Gesetze von 
der individuellen Meinung einzelner abhängig gemacht wird. 



105 



Gegen jüdische Volksschullehrer 

1847) 

Rede des Abgfeordrieten Graf Merveidt 

auf dem ersten Vereinig-ten Landtage 

Es wird von der hohen Versammlung gewiß der Grundsatz 
als wünschenswert anerkannt werden, daß die in unserer Mitte 
gefaßten Beschlüsse soviel als möglich innerhalb der Grenzen 
der Ausführbarkeit bleiben. In dieser Beziehung muß ich be- 
merken, daß dies hier nicht der Fall sein würde, insofern die 
als unabänderliche Grundlage unserer Staatsverfassung ge- 
währte Parität der religiösen Verhältnisse verletzt wird. Nun 
bestehen diese Paritätsrechte, meines Dafürhaltens, nicht in 
demjenigen, was von einem geehrten Mitgliede, nämlich von 
dem Herrn Referenten, uns gestern auseinandergesetzt worden 
ist, indem er sie nach seinen individuellen Ansichten als ein 
ihm persönlich vorschwebendes Ideal formulierte, sondern da- 
rin, was sie, ihrem" Wesen nach, sein sollen und müssen. Hier- 
nach wird von katholischer Seite der Grundsatz festgehalten, 
daß 'jeder Unterricht, der in den Elementarschulen oder in 
niedrigen Unterrichtsanstalten, die in die Kinder- und Er- 
ziehungsjahre der Jugend fallen, gegeben wird, und nicht bloß 
technische Fertigkeiten betrifft, den katholischen religiösen 
Standpunkt festhalten muß. Wollte man diesen Grundsatz 
stören, so würde man in Ausartung verfallen, die einer nicht 
genügenden Handhabung der Toleranz angehört, und dieses 
würde mit den Paritätsrechten unverträglich sein. Darum 
müssen auch in meiner Heimat in solchen Anstalten, die zur 
Ausbildung von Elementarschullehrern bestimmt sind, letztere 
als Religionslehrer ausgebildet werden, und wird, nebenbei 
gesagt, in denselben eine Aufnahme von jüdischen Eleven 

106 



nie stattfinden können, um so weniger, als katholisch geistliche 
Fonds diese Seminarien ausstatten. Nach Maßgabe dieser 
Grundsätze ist aber auch die Ausführbarkeit unserer Ent- 
schlüsse für mich und meine Mitstände bedingt, und nach dieser 
Maßgabe kann nur unter einer Verwahrung dieser unabänder- 
lichen Grundlagen von vielen Mitständen und mir abgestimmt 
werden. Die Zulassung von Juden als Lehrer zu Elementar- 
schulen oder überhaupt zu solchen Unterrichtsanstalten, die 
in die Kinder- oder Erziehungsjahre der Jugend fallen, wird 
also mit Ausnahme des Unterrichts in bloß technischen Fertig- 
keiten, zum Beispiel Zeichnen, Turnen und so weiter, durch- 
aus ungedenkbar sein. Nun möchte ich hieran noch die all- 
gemeine Bitte an die hohe Versammlung knüpfen, doch zu be- 
denken, daß Se. Majestät der König von diesem Throne die 
Worte vor der ganzen Nation ausgesprochen haben: 

,,Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen." 

Ich glaube, wir alle haben diese Worte so verstanden, Se. 
lajestät der König habe damit nur sagen können: Wir wollen 
als Christen dem Herrn dienen; darum möchte ich bitten, daß 
wir diesem großherzigen Beispiel, welches sowohl des hoch- 
seligen, als jetzigen Königs Majestät vor der Welt öffentlich 
kundgegeben haben, daß sie der christlichen Religion die ihr 
gebührende, über alle Weltverhältnisse erhabene Stellung, die 
in früheren Jahren leider in den Hintergrund zu treten schien, 
wiedergegeben haben, daß wir uns diesem hocherhabenen 
Beispiele anschließen möchten, indem wir das christliche Prin-. 
zip überall da aufrecht zu halten bemüht sind, wo es eine be- 
lehrende eine beratende oder eine befehlende Stellung gilt. 

(Bleich, Der erste vereinigte Lnndtag in Berlin 1847, Bd. IV, S. 1888) 



107 



Betrachtungen über den Artikel III 
der Entwürfe der Grundrechte des 

deutschen Volkes 

(1848) 

Von Döllinger*) 

Der Verfassungsausschuß hat in seinem Entwurf der Grund- 
rechte, Artikel III, einige Bestimmungen, darunter auch die 
der völligen Freiheit für die Bildung neuer Religionsgesell- 
schaften, aufgestellt. Bestimmungen, die seiner ■ eigenen Er- 
klärung zufolge die wichtigsten (richtiger, einige wichtige) 
Konsequenzen des allgemeinen Prinzips der Unabhängigkeit der 
Kirche vom Staate enthalten. Das Prinzip selbst hat derselbe 
nicht aussprechen zu wollen erklärt. Wenn nun ein Gesetzgeber 
die Konsequenzen eines Prinzips mit Gesetzeskraft versieht, 
und zugleich den inneren notwendigen Zusammenhang dieser 
Konsequenzen mit dem Prinzip ausdrücklich anerkennt, gleich- 
wohl aber das letztere auszusprechen sich weigert, so müssen 
hierzu besondere Gründe vorliegen — Gründe, die nicht von 
der Gerechtigkeit hergenommen sein können, sondern Rück- 
sichten der Konvenienz oder zufälliger vorübergehender Zeit- 
und Ortsverhältnisse entsprossen sein werden. 

Eine Anzahl von Abgeordneten, aus Angehörigen der beiden 
Kirchen bestehend, hat es demnach für Pflicht erachtet, die 
Ausfüllung der im Entwurf gelassenen Lücke zu versuchen, 
und deshalb einen auf Paragraph 12 und 14 sich erstreckenden 
Verbesserungs-Antrag gestellt. 

*) Aus der Flugschrift: Kirche und Staat. Betrachtungen — Volkes- 
Frankfurt am Main, im August 1848. Gedruckt bei J. D. Sauerländer, 22 S. 
80. Fehlt bei Wentzcke. 

108 



Der Antrag lautet: 

§ 12. Die Freiheit jeder Gottesverehrung und ihrer öffent- 
hchen Ausübung ist verbürgt. Verbrechen und Vergehen, 
welche bei Ausübung dieser Freiheiten begangen werden, un- 
terliegen den allgemeinen Strafgesetzen. 

§ 14. Die bestehenden und sich neu bildenden Religions- 
Gesellschaften sind als solche unabhängig von der Staatsge- 
walt; sie ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selb- 
ständig. 

Die Bestellung von Kirchenbeamten unterliegt keiner Mit- 
wirkung von Seite der Staatsgewalt, auch nicht vermöge Pa- 
tronatrechts. 

Die Bekanntmachung kirchlicher Erlasse ist nur denjenigen 
Beschränkungen unterworfen, welchen alle übrigen Veröffent- 
lichungen unterliegen. 

Jeder Religionsgesellschaft wird der Besitz und die freie 
Verwendung ihres Vermögens, so wie ihrer für Kultus-, Un- 
terrichts- und Wohltätigkeitszwecke bestimmten Anstalten ge- 
währleistet. 

Es ist klar, daß in diesem Antrage sich alles um das Prinzip 
der Unabhängigkeit dreht ; das übrige ist nur die logische Ex- 
position dieses Prinzips, es ist die Anwendung desselben auf 
die wichtigsten Punkte, welche bisher die Glieder der Staat 
und Kirche aneinander bindenden Kette bildeten; es sind Kon- 
sequenzen, welche weder nach der Gerechtigkeit noch der 
strengen Folgerichtigkeit ferner mehr bestritten oder abge- 
lehnt werden können, sobald der Grundsatz selbst als eine 
nunmehr unabw^eisbar gewordene Notwendigkeit anerkannt 
wird. Diese Notwendigkeit aber liegt sowohl in den gegen- 
wärtigen Verhältnissen Deutschlands, als in den übrigen Be- 
stimmungen des Artikel III des Entwurfs der Grundrechte. 

Stellen wir zuerst den Standpunkt zur richtigen Auffassung 
des Antrages dadurch fest, daß wir erinnern, was nicht in 
demselben liegen solle, nicht darin gesucht werden dürfe. Es ist 
nämlich nicht etwa eine Trennung der Kirche vom Staate. 

109 



welche hier beantragt wird, oder erstrebt werden soll. Wir 
wollen keineswegs, daß der neugeordnete deutsche Staat sich 
in aller und jeder Beziehung von der christlichen Kirche los- 
sage, daß er die christlichen Elemente, die er von ihr emp- 
fangen, wieder ausstoße, gleichsam die Morgengabe, welche 
ihm die Kirche ehemals bei ihrer Vermählung mit ihm zuge- 
bracht, wieder herausgebe. Vielmehr wird jeder Christ, er 
mag dem einen oder dem andern Bekenntnisse angehören, 
aufrichtig wünschen und wollen, daß das deutsche Volk 
und sein Staat nicht nur das Christliche in seinen In- 
stitutionen, Gesetzen und Sitten bewahre, sondern sich immer 
mehr damit durchdringe. Es ist also nicht eine Entchristlichung 
des Staates, nicht eine Lösung alles Bandes zwischen Kirche 
und Staat, welche für dringend erachtet und begehrt wird, 
sondern nur eine freundliche Auseinandersetzung, eine Ent- 
lassung der Kirche aus ihrem bisherigen unfreien Dienst- und 
Hörigkeits-Verhältnisse, damit sie das besser und wirksamer 
als freie Gehilfin leiste, was sie bisher,, ihrer Selbständigkeit 
beraubt, in ihrer Tätigkeit vielfach gehemmt oder alteriert, 
nur mangelhaft zu leisten vermochte. Wir würden sagen, die 
Magd, die der Hausherr zur Würde seiner Gemahlin erhebe, 
trenne sich damit, daß sie aufhört, seine Magd zu sein, nicht 
von ihm, sondern trete nur in ein engeres und edleres Verhält- 
nis mit ihm, wenn wir nicht fühlten, daß in diesem Gleichnisse 
etwas Unpassendes liege, und wenn uns nicht die religiösen 
Spaltungen Deutschlands daran erinnerten, daß der Staat bei 
uns nur eine polygamische Verbindung jener Art eingehen 
könne. 

Die Unabhängigkeit der Kirche vom Staate wird auch nicht 
in dem Sinne begehrt, sie kann und soll nicht dazu führen, 
daß künftig die Kirche einen Staat im Staate bilde, ob- 
gleich man jene Forderung häufig nach einer oberflächlichen 
Betrachtungsweise so auszulegen pflegt. Wenn schon die Ein; 
führung des freien Associationsrechtes künftighin dem gegen 
irgend eine Gesellschaft gerichteten Vorwurfe, daß sie einen 

iio 



Staat im Staate bilde, die Spitze abbrechen wird, so liegt ins- 
l>esondere in dem angestrebten Verhältnisse der Kirchenge- 
sellschaften nichts, was irgend einen Grund darböte, sie als 
Staaten im Staate zu bezeichnen. Niemand denkt daran, für 
die Geistlichen der beiden großen Kirchen eine exceptionelle 
Stellung im Staate in Anspruch zu nehmen, sie wollen und 
sollen deutsche Bürger gleich jedem andern sein, und bleiben, 
den gleichen Lasten unterworfen, die gleichen Bürgerpflichten, 
soweit dies nur immer mit ihrem Stande vereinbar ist, erfüllend 
unter der Herrschaft des gleichen gemeinen Rechtes, derselben 
(iesetze stehend. Es wird für sie kein Privilegium, keine Aus- 
nahmestellung, keine Bevorzugung begehrt. Eben so wenig 
wollen oder sollen die weltlichen Kirchenglieder auf den Grund 
ihres kirchlichen Bekenntnisses sich der Erfüllung irgend einer 
Bürgerpflicht entziehen. Alles was begehrt wird, hat nur den 
Zweck und läßt sich in dem Postulat zusammenfassen: die 
Kirche möge in eine Lage kommen, in welcher sie nicht mehr 
genötigt werden könne, eine Maschine des Polizeistaates, Ge- 
genstand zugleich und Werkzeug bureaukratischer Admini- 
stration zu sein. Überhaupt also kann, soll und will die Kirche 
nicht außer dem Staate, noch viel weniger über dem Staate 
stehen; jene früheren Verhältnisse längst verflossener Jahr- 
hunderte, welche bei der engen Verbindung, dem Verwachsen- 
sein der Völker und ihres ganzen Bewußtseins und Lebens mit 
der Religion und Kirche selbst eine teilweise Superiorität der 
Kirche über die bürgerlichen Gewalthaber mit sich brachten, 
sind unwiederbringlich dahin, und wer in dem Unabhängig- 
werden der Kirchen die drohende Gefahr einer wiederkehren- 
den mittelalterlichen Herrschaft einer Kirche über Fürsten 
und Völker erblicken wollte, der dürfte mit gleichem Rechte 
(las Wiederaufleben des Feudalstaates, wie er im elften Jahr- 
hundert bestand, erwarten. 

Nein: Alles berechtigt uns zu der zuversichtlichen Behaup- 
tung: Beide Kirchen, die katholische wie die protestantische 
werden, auch wenn sie frei und unabhängig geworden, nach 

ITI 



wie vor, durch ihre eigenen unabänderlichen Prinzipien und 
Überlieferungen, durch ihr öffentliches Bekenntnis, selbst dazu 
genötigt, ihre Pflichten gegen den Staat gewissenhaft erfüllen; 
sie werden, eingMenk des apostolischen Wortes, daß alle obrig- 
keitliche Gewalt von Gott geordnet sei, den Trägern dieser Ge- 
walt auch fernerhin eine Stelle in ihren Liturgien gewähren 
und das kirchliche Gebet für sie verrichten ; sie werden zum 
Besten des Staates das erstreben und erreichen, was der Staat 
selber mit seinen Mitteln nicht zu erreichen vermag; wenn 
ihre Autorität in ein Gebiet hineinreicht, welches dem Staate 
unzugänglich ist, nämlich des Gewissens, so werden sie ge- 
rade dort, im innersten Heiligtume des Menschen, wo die 
Stimme der bloß bürgerlichen Gewalt mit ihren Zwangs- und 
-Strafmitteln wie mit ihren Nützlichkeitsgründen wirkungs- 
los verhallt, dem Gehorsam gegen die Staatsgesetze die sicher- 
ste Stätte bereiten, und dieser Gehorsam, dem Gewissen und 
nicht der Berechnung entsprossend, von der Religion getragen, 
von dem Lehramte der Kirche fort und fort jedem, Alter und 
Stande eingeschärft, wird fürderhin das mächtigste Bollwerk 
der öffentlichen Ordnung und Wohlfahrt in Deutschland sein. 
Es ist also keineswegs bloß ein kirchliches Interesse, es ist 
wesentlich auch die Sorge für das Wohl, die Kraft und Stärke, 
das fröhliche Gedeihen des neuzuordnenden Staates, was die 
Urheber des Antrages und die Freunde der kirchlichen Un- 
abhängigkeit überhaupt vor Augen haben. Einmal würde eine 
Beibehaltung des bisherigen Verhältnisses der Abhängigkeit 
eine in dem neugeordneten Deutschland einzige, und daher 
grell hervortretende Anomalie sein. Kraft dieser Abhängig- 
keit werden jetzt die bestehenden Kirchengesellschaften durch 
Ernennung ihrer Kirchenbeamten, durch Überwachung ihrer 
Lehre, durch Eingreifen in ihre Angelegenheiten von der 
Staatsgewalt beherrscht. Die deutschen Kirchen, oder viel- 
mehr die deutschen Staatsbürger in ihrer kirchlichen Stellung 
und Eigenschaft, werden künftig aller jener Rechte und Frei- 
heiten beraubt sein, welche das deutsche Volk sonst als seine 

112 





)'^ 



kostbarsten teils bereits besitzt, teils im weitesten Umfange 
von der Nationalversammlung erwartet. Freie AssodOation, 
freie Wahl gesellschaftlicher Beamten, Freiheit der Äußerung 
und Mitteilung, Freiheit des brieflichen Verkehrs, Freiheit von 
polizeilicher Beaufsichtigung — alle diese Freiheiten werden 
künftig jedem Deutschen nach jeder Seite hin und in jeglichem 
Gebiete gesichert sein, nur in einem Gebiete wird auch ferner- 
hin Unfrei|ieit, Zwang und Bevormundung herrschen — näm- 
lich im kirchlichen. Ein paar Beispiele mögen genügen, um 
den gegenwärtigen Zustand zu charakterisieren. 

In Württemberg muß das Direktorium (das heißt die jähr- 
lich von dem Bischöfe veröffentlichte, für die Kirchen und 
Geistlichen bestimmte Ordnung der Meßliturgie und des Bre- 
viergebetes) erst dem königlichen Placet unterworfen werden, 
und nur mit Erlaubnis des einem andern Bekenntnisse ange- 
hörigen Königs darf dort der Geistliche an diesem oder je- 
nem Tage ein Meßgewand von roter oder schwarzer Farbe 
tragen, ein längeres oder kürzeres Gebet verrichten. — - In 
Bayern muß infolge einer Ministerial-Verfügung jeder Land- 
richter über die in seinem Bezirke befindlichen katholischen oder 
protestantischen Geistlichen Konduitenlisten anfertigen und ein- 
senden, welche die sorgfältigste Überwachung und Auskund- 
schaf tung erheischen; in diesen Listen wird nicht nur der Grad 
der theologischen Bildung, sondern auch der Grad der Anhäng- 
lichkeit an die Person des Monarchen und an das königliche Haus 
von dem Landrichter oder seinem Aktuar eingetragen, und die 
höhere Zivilbehörde pflegt diese Tabellen bei Anstellungen, 
Verleihungen von Pfarreien und dergleichen zu Grunde zu le- 
gen. Damit ist nicht nur das Schicksal mehrerer Männer in die 
Hand eine^ vielfach feindlich gesinnten Beamten gelegt; eine 
einzige übereilte oder mißdeutete Äußerung kann auch bei 
einem Manne lebenslängliche Zurücksetzung bereiten. — In 
Österreich mußte noch vor kurzem die Erlaubnis, daß bei 
einem Abendgottesdienste der Segen gegeben werden dürfe, 
von der Regierung mühsam erbettelt werden. 

Uergsträfler I. 8 IIJ 



Sollen difese Zustände mit allem, was noch daran hängt, un- 
geachtet des großen Umschwungs unseres gesamten öffent- 
lichen Lebens in Deutschland gleichwohl fortdauern, so wird, 
so muß eine solche Anomalie, ein so greller und auffallender 
Widerspruch sich früher oder später rächen, das ganze Ge- 
bäude unserer sozialen Zustände wird, an einer fort und fort 
sich schmerzlich fühlbar machenden Difformität leidend, un- 
heilbar kränkeln. 

Es ist also nur eine einfache Tatsache, die wir aussprechen, 
indem wir sagen: Gerade damit das gute Einverständnis, der 
Friede der großen Kirchengesellschaften mit dem Staate nicht 
ferner gestört, sondern erst wahrhaft gegründet und! befestigt, 
damit der Anlaß zur Zwietracht und zum Kampfe vermieden 
werde, ist eine Auseinandersetzung der beiderseitigen Rechte, 
eine Gebietsteilung und Grenzenbestimmung, eine Lösung des 
bisherigen Abhängigkeits-Verhältnisses unumgänglich not- 
wendig. Wenn uns die Ruhe, und Konsolidierung eines einigen 
Deutschlands am Herzen liegt, dann muß uns das Mittel will- 
kommen sein, — und es gibt nur eines — durch welches endlich 
jenen stets sich wiederholenden Anlässen einer weit verbrei- 
teten Unzufriedenheit und Verstimmung, jener Sehnsucht nach 
politischem Wechsel ein Ziel gesetzt wird, welches in der bis- 
herigen Verbindung des kirchlichen Gebiets mit der Staats- 
verwaltung nur allzureiche Nahrung gefunden. Wollte man 
gegenwärtig in Deutschland Umfrage halten, wie die Masse 
des Volks das Verhalten der Regierungen im ganzen und ein- 
zelner Beamten insbesondere hinsichtlich der kirchlichen An- 
gelegenheiten beurteile, man würde wohl in einem großen Teile 
unseres Vaterlandes einem Strome von Anklagen und Vor- 
würfen über ungerechte Parteilichkeit, über willkürliche Ein- 
griffe in dieses Gebiet begegnen, die Bevölkerung ganzer 
Provinzen würde man tief von der Überzeugung durchdrungen 
finden, daß die Staatsgewalt ihre Religion und ihre kirchlichen 
Institute systematisch anfeinde, daß sie mit allen den mannig- 
faltigen ihr zu Gel)ote stehenden Mitteln sie allmählich zu unter- 

114 



graben suche. Die Schuld liegt hiervon weit weniger an den 
Personen, den Staatsmännern und subalternen Beamten, wenn 
auch gegen sie vorzugsweise das Mißtrauen und die Abnei- 
gung des Volkes sich kehrt; sondern an dem Systeme liegt 
die Schuld, und dieses System wird nie eine wesentliche Ände- 
rung erleiden, so lange der gegenwärtige Zustand der staat- 
lichen Bevormundung und.' Einmischung in die kirchlichen 
Dinge aufrecht bleibt. Es ist eine sehr nahe liegende Wahrheit, 
so allgemein sie auch während der Blüte und Herrschaft des 
Polizeistaates verkannt oder zurückgestoßen wurde, daß die 
bürokratisch-polizeiliche Behandlung kirchlicher Dinge der 
Natur, dem innersten Wesen derselben widerstrebe, daß sie, 
selbst in den Händen billig gesinnter Vollstrecker, fast unver- 
meidlich Unzufriedenheit und Erbitterung errege. Und wird 
diese Erbitterung nicht dann erst zu einer furchtbaren Höhe 
wachsen, wenn das Volk, in allen anderen Zweigen und! Gebie- 
ten seines Lebens und seiner Tätigkeit frei, sich nur gerade 
in dem Gebiete, auf dessen Freihaltung von fremdartigem Ein- 
flüsse es am eifersüchtigsten ist, fortwährend unter eine büro- 
kratische Überwachung und Bevormundung gestellt sähe? — 
Freilich ließe sich erwidern, daß ein so unnatürlicher Zustand 
jedenfalls von kurzer Dauer sein würde, weil die Bürokratie 
bald wieder von dem ihr überlassenen kirchlichen Boden aus 
ihr verlorenes Terrain Stück für Stück zurückzugewinnen ver- 
stehen würde. 



1 1 



Die Polenfrage 

(1848) 

Rede DölHngers im Frankfurter Parlament*) 

Döllinger von München: Meine Herren, ein 
ausgezeichetes Mitglied unserer Versammlung hat bei 
einer anderen Gelegenheit erklärt, die Ehre Deutschlands 
wahren, daß heiße, altes Unrecht vergüten und neues Un- 
recht nicht begehen. Wenn wir aufgefordert werden, etwas 
dem Anscheine nach sehr Einfaches, jetzt nämlich eine 
bloße Demarkationslinie zu genehmigen, so müssen wir 
uns doch, glaube ich, die Frage vorlegen, ob denn 
wirklich hinter dieser Demarkationslinie nicht noch ganz 
andere Dinge verborgen seien, ob es sich wirklich um nichts 
anderes, als eine gleichsam geographische Maßregel handle ; 
wir müssen uns fragen, ob denn nicht etwa auch hier die Ehre 
Deutschlands beteiligt sei, ob es nicht doch darauf ankomme, 
hier altes Unrecht so gut als es möglich ist, zu vergüten, und 
vor allem neues Unrecht nicht zu begehen. Es handelt sich 
hier offenbar mit der Demarkationslinie zu gleicher Zeit um 
das Schicksal derjenigen Fraktion der polnischen Nation, 
welche bisher mit Preußen verbunden gewesen ist, um die 
ganze Zukunft dieses Teils der polnischen Nation. Es wird 
uns das Wort Reorganisation in Verbindung mit der zu zie- 
henden Demarkationslinie dargeboten. Damit eine Reorgani- 
sation dieses Teils des Großherzogtums Posen auf Grund der 
politischen Nationalität stattfinden könne, darum, heißt es, soll 
diese Demarkationslinie gezogen, und damit also dieser Teil 
des Großherzogtums Posen von der Verbindung mit Deutsch- 
land fern gehalten, der bei weitem größere Teil desselben aber 

*) Sitzung vom 7. Februar 1849, Stenogr. Ber. S. 5066 ff. 
116 



Deutschland einverleibt werden. Ist denn aber, frage ich, unter 
solchen Umständen überhaupt eine Reorganisation, wie sie von 
dem Könige von Preußen damals versprochen wurde, noch 
möglich und ausführbar? Kann diese Reorganisation, wenn die 
Demarkationslinie, wie sie uns jetzt vorgeschlagen ist, gezogen 
wird, noch eine Bedeutung, noch einen Wert für diejenigen 
haben, zu deren Gunsten sie angeblich stattfinden soll ? Es wird 
jetzt zugegeben, von den Verteidigern des Antrags, daß es nur 
noch ein kleines Bruchstück des Großherzogtums Posen sei, 
welches übrig gelassen werden soll; dieser Fetzen, abgerissen 
von dem übrigen Lande, und von der übrigen sowohl deutscheu 
als auch polnischen Bevölkerung, soll nun mit dieser angeb- 
lichen Reorganisation beglückt, seinem ferneren Schicksal als 
ein für sich gestelltes, nur durch Personalunion mit Preußen 
verbundenes Land überlassen werden, denn es scheint, daß die 
Grundsätze der Personalunion jetzt auf diesen losgerissenen 
Teil von Posen angewendet werden müssen. Die Reorgani- 
sation war von königlichem Munde den Polen versprochen 
worden, um ihre Nationalität zu schützen, um ihnen das zu 
gewähren, was ihnen bisher größtenteils versagt worden war, 
vor allem nationale Schulen, höhere Unterrichtsanstalten, Be- 
amte, aus der Nation genommen, ein eigenes nationales Heer 
und noch einiges andere, was zur Gewähr und dem Bedürf- 
nisse der Nationalität gerechnet wurde, — kann, wenn das 
der Sinn der versprochenen Reorganisation war, dieses alles 
jetzt überhaupt noch in dem übrigbleibenden oder losgerisse- 
nen Teile des Großherzogtums wirklich ausgeführt werden? 
bisher hatten die Polen drei Gymnasien; zwei davon werden 
ihnen jetzt entzogen, das heißt, es befinden sich in dem Deutsch- 
land einzuverleibenden Teile das Mariengymnasium zu Posen 
und das Gymnasium zu Ostrowo ; es bleibt also den zu reorgani- 
sierenden Polen jetzt noch ein einziges Gymnasium im äußer- 
sten Winkel des Landes in dem Städtchen Trzemesno an der 
russischen Grenze. Haben sie aber vielleicht die Mittel, die 
Reorganisation in dieser Beziehung, die doch die wichtigste ist, 

117 



zu einer Realität zu machen? Es ist bereits behauptet und 
meines Wissens nicht widersprochen worden, daß in dem übrig- 
bleibenden oder losgerissenen Teile von Posen gar keine öffent- 
lichen Güter, Nationalgüter und so weiter mehr übrig sind, 
sondern dort die Regierung alles veräußert hat; die reichen 
eingezogenen Kirchen- und Klostergüter, die Starosteigüter, 
das alles ist verschleudert und in Privathände übergegangen ; 
von öffentlichen Mitteln, welche zur Gründung neuer Unter- 
richts- und Bildungsanstalten verwendet werden könnten, ist 
also dort nichts mehr vorhanden. So sind denn die Polen außer- 
stande, auch nur dem mäßigsten Bedürfnisse höherer Unter- 
richtsanstalten zu genügen, und es bleibt ihnen wirklich nichts 
übrig, als ein einziges Gymnasium. Wie kann aber nun der 
andere Hauptpunkt der Reorganisation noch irgend einen Sinn 
oder praktischen Wert haben, nämlich die Besetzung der Ver- 
waltungsstellen mit polnischen Beamten? Wo sollen denn bei 
solchen Umständen diese polnischen Beamten herkommen, wo 
sollen sie ihre Bildung erhalten? Bisher waren die Polen der 
großen Mehrzahl nach überhaupt von den höheren Studien aus- 
geschlossen. (Unruhe und Widerspruch im rechten Zentrum) 
Ja ausgeschlossen . . . 

Schubert von Königsberg: Sie haben sich aus- 
geschlossen. 

Döllinger : Ganz richtig, Herr Schubert, sie haben sich 
ausgeschlossen, das heißt, die Maßregeln der Regierung haben 
dafür gesorgt, daß ihnen nichts anderes übrig blieb, oder daß 
die Erschwerung der höheren Studien für viele wenigstens 
einer Ausschließung gleich kam. Meine Herren, richten sie in 
einer deutschen Provinz das Studienwesen so ein, wie es in 
dem Großherzogtum Posen eingerichtet ist oder vor kurzem 
noch war, so stehe ich Ihnen dafür, daß die jungen Leute, aus 
denen Beamte gemacht werden könnten, in dieser Provinz bald 
ausgehen; wenn man in den höheren Gymnasialklassen die pol- 
nische Sprache als Unterrichtssprache ausschließt, wenn man 
polnische Knaben und Jünglinge nötigt, die schwierigsten Ge- 

rj8 



genstände, die alle Kraft und Tätigkeit des jugendlichen Gei- 
stes erfordern, die klassischen Sprachen, Mathematik, Ge- 
schichte und so weiter in einer ihnen fremden und schwierigen 
Sprache zu studieren, so ist von selbst klar, daß sie mit den 
leutschen Schülern einer solchen Anstalt die Konkurrenz nicht 
aushalten, daß sie entmutigt werden, die meisten auf der Lauf- 
bahn der Studien zurückbleiben und lieber einem Gewerbe oder 
t^inem anderen Lebensberufe sich zuw^enden werden. Das war 
bisher die Einrichtung in dem Großherzogtum. Posen; in den 
liöheren Gymnasialklassen war die deutsche Sprache die ein- 
zige Unterrichtssprache, die polnische aber ausgeschjojssen, 
und an allen Gymnasien des Großherzogtums Posen gab es nur 
sechs polnische Professoren, alle übrigen waren Deutsche und 
/war Deutsche, die zum größten Teile kein Wort polnisch ver- 
landen. Wenn nun auf solche Weise das abgerissene Bruch- 
stück Posens in die Unmöglichkeit versetzt wird, sich das zu 
verschaffen, was zu einer Reorganisation, falls diese eine Wahr- 
lieit werden soll, unumgänglich notwendig ist, was ist denn 
überhaupt das Schicksal, das diesem Lande bereitet wird? 
Kann eine gedeihliche Entwicklung der polnischen Nationa- 
lität für die Zukunft unter solchen Umständen erwartet 
werden? Muß dann nicht die ganze ihnen versprochene Re- 
organisation als ein leeres Schattenbild erscheinen, das auf 
dem Papier steht als königliches' Versprechen, das aber auf 
mehr als eine Weise gänzlich vereitelt wird, — vereitelt wird, 
erstens, indem man, was dem ganzen Großherzogtum ver- 
sprochen war, einem Vierteile oder höchstens einem Dritteile 
des ganzen Landes gewährt; zweitens, indem man ihm zwar 
die Namen der Dinge darbietet, die Sache aber im Grunde 
ihnen vorenthält oder unmöglich macht. Ihr könnt nun, sagt 
man ihnen, für euch selbst sorgen, seht, wie ihr zurecht kommt, 
versucht, aus eigenen Mitteln Studien- und andere Bildungs- 
anstalten zu gründen, seht, wie es euch gelingen möge, euch 
einen Beamtenstand heranzuziehen und überhaupt die nötige 
Bildung und Intelligenz unter euren Landsleuten zu ver- 

119 



breiten. Man sagt ihnen das, aber unter Verhältnissen, unter 
welchen ihnen zu allen diesen schönen und höchst wünschens- 
werten Dingen ganz und gar die Mittel gebrechen. Also, unter 
dem Namen einer Demarkationslinie, die jetzt gezogen werden 
soll, handelt es sich eigentlich, sagen wir es gerade heraus, um 
möglichste Schwächung und Verkümmerung der polnischen 
Nationalität. Es ist Ihnen gesag^t worden, daß bei der neuen 
Demarkationslinie, der dritten, die jetzt projektiert, ist, und 
die noch einen größeren Teil des Landes zu Deutschland 
schlagen und einen noch unbedeutenderen Bruchteil des alten 
Großherzogtums für Polen überlassen will, strategische und 
militärische Gründe vorzugsweise berücksichtigt worden seien. 
Daß diese militärischen und strategischen Gründe von großem 
Gewicht sind, daß sie, wenn man überhaupt eine Demarkations- 
linie ziehen will, notwendig mit in Anschlag gebracht werden 
müssen, das zu bestreiten fällt mir nicht im geringsten ein, 
concedo totum argumentum. Ich gebe zu, daß sie ein großes 
Gewicht in die Wagschale werfen müssen, denn das Unbillige 
oder Unmögliche kann auch da, wo es sich von der Gerechtig- 
keit handelt, die eine Nationalität der andern schuldet, nicht 
von uns verlangt werden. Es kann nicht von uns begehrt 
werden, daß wir, bloß um den Polen Gerechtigkeit angedeihen 
zu lassen, oder ihnen die Mittel zur Sicherung ihrer Natio- 
nalität zu geben, unsere Nordostgrenze preisgeben, sie in einem 
gefährlichen wehrlosen Zustande lassen sollen. Das alles er- 
kenne ich vollkommen an, behaupte aber, wenn wir nach stra- 
tegischen Gründen verfahren und eine Linie ziehen wollen, 
daß wir dann noch weiter gehen müssen, und daß auch diese 
Demarkationslinie noch immer nicht genügt, und daß die 
Sache sich so verhält, daß auch die jetzige dritte Linie stra- 
tegisch noch ungenügend ist, wird in dem Berichte selbst klar 
ausgesprochen auf Seite 15: 

,, Durch die Ausschließung von Gnesen aus deutschem Ge- 
biete wird die direkte Straße auf Thorn verloren, und dies 
ist ein außerordentlich großer Nachteil." Also auch die gegen- 

120 



\värtig"e Linie gibt noch strategische Blößen, und wenn wir 
auch noch einen Kommissär hinschicken, um eine Demarka- 
tionslinie festsetzen zu lassen, wird er durch die Natur der 
Sache genötigt, wiederum weiter zu greifen, wird also, wie 
wir sehen, zum Beispiel Gnesen hereinziehen, sodaß dann in 
der Tat zuletzt ein kaum nennenswerter Bruchteil des Landes 
noch übrig bleibt. Ich ziehe aus all diesen strategischen Grün- 
den und Rücksichten einen anderen Schluß, als der Ausschuß 
und sein Berichterstatter gezogen, nämlich den, daß eben das 
ganze Großherzogtum Posen, wie es ist, für das deutsche Reich 
nicht Avohl zu entbehren ist, und daß, wenn nicht andere Rück- 
sichten hier obwalten, wenn nicht eine Partei vorhanden wäre, 
der es vor Allem um möglichste Erniedrigung und Schwächung 
der polnischen Bevölkerung zu tun ist, diese Ansicht längst 
in Deutschland das Übergewicht erhalten haben würde, daß 
man ferner von Anfang an nicht auf diese unselige, nach allen 
Seiten hin schädliche Teilung des Großherzogtums verfallen 
sein würde. Überhaupt aber, meine Herren, sehen wir, es 
haben noch ganz andere Rücksichten, als strategische, wie auch 
schon von mir erinnert worden ist, mitgewirkt. Das hat der 
Berichterstatter ganz richtig bemerkt, und Belege dazu finden 
Sie im Berichte selbst. Wir sehen zum Beispiel, daß Rekla- 
mationen des Fürsten Thurn und Taxis eingewirkt haben. 
Ihnen zu gefallen hat man ein ganzes Stück polnischen Landes 
durch die neue Demarkationslinie mit Deutschland vereinigt. 
Worauf soll sich nun jetzt die Reklamation des Fürsten 
stützen? Was geht es ihn an, ob ein anderer Teil des Groß- 
herzogtums Deutschland einverleibt wird? Sein Besitztum 
bleibt ihm unverkürzt. Es läßt sich demnach hier, bei offen- 
barer Ermangelung jedes Rechtstitels, kaum etwas anderes, 
als ein Vorwand erkennen, um wieder ein Stück Landes Polen 
wegzurauben und Deutschland einzuverleiben. Es sind noch an- 
dere Gründe im Berichte, die auf die Veränderung der Demar- 
kationslinie, und zwar immer zum Nachteile des überbleibenden 
Teils Polens eingewirkt haben. Wenn ich die Gründe über- 

131 



schaue, die zur Rechtfertigung der neuen, wiederum den deut- 
schen Anteil vergrößernden Scheidungslinie angeführt sind, 
so erinnert mich das an die dreizehn Gründe, welche das preu- 
üische Landrecht für die Ehescheidung aufstellt. Unter diesen 
dreizehn Gründen kommt zuletzt einer, welcher die andern 
alle überflüssig macht, nämlich wechselseitige Abneigung. So 
ist auch hier ein Grund, der, weil er doch in der ganzen Ange- 
legenheit den leitenden Grundgedanken bildet, eigentlich die 
Anführung anderer unnötig macht: die Schwächung des zur 
Reorganisation bestimmten Polen, die möglichste Verkleine- 
rung des nicht einzuverleibenden Teiles. Es steht demnach 
in dieser Sache bedenklich mit der Ehre Deutschlands, die nur 
dadurch gewahrt werden kann, daß wir altes Unrecht ver- 
güten, neues Unrecht nicht begehen, wenn wir gleichwohl 
jetzt aufgerufen werden, die neue Demarkationslinie und mit 
ihr alles, was an ihr hängt, alle die Folgen, die diese notwen- 
dig für den überbleibenden Teil haben muß, zu genehmigen. 
Sollen wir denn immer wieder in den Ruf kommen, daß wir 
gegen andere Nationalitäten kein Gesetz der Gerechtigkeit 
kennen? Soll auch jetzt in unserer kritischen Lage, in der uns 
an dem guten Willen und der guten Meinung nichtdteutscher 
Nationalitäten soviel gelegen sein muß, die Forderung gerechter 
Rücksicht auf die Bedürfnisse, die Ansprüche und das Wohl eines 
unglücklichen Stammes keinen Anklang in unserer Brust finden ? 
An Sie wende ich mich, meine Herren, die Sie den Eintritt 
oder das Verbleiben Österreichs in dem deutschen Bundes- 
staate wollen und mit allen Kräften erstreben, Sie wissen es 
zu würdigen, wieviel von der Meinung abhängt, welche nicht- 
deutsche Völkerschaften — ich habe zunächst die österreichi- 
schen im Auge — von der Frankfurter Nationalversammlung 
hegen; Sie wissen es^ warum ein Teil der Wahlen dort nicht 
hat vollzogen werden können, Sie wissen, welche Stimmung 
dort herrscht, Sie wissen, wie wenig Gerechtigkeitssinn gegen 
andere Nationalitäten man der Frankfurter Nationalversamm- 
lung dort zutraut. Ich will nicht untersuchen, ob mit Recht 

122 



der Unrecht, ich will nicht untersuchen, ob dieses Mißtrauen 
auf einem Vorurteile oder auf Tatsachen beruht, ich frage 
nur, was wird das Verfahren, welches man uns jetzt gegen 
die polnische Nationalität zumutet, für einen Eindruck bei 
allen jenen nichtdeutschen Völkern und Stämmen machen, die 
(loch einmal an Deutschland angewiesen sind, die mit uns im 
engeren oder weiterem Zusammenhange stehen? Kann sich 
l>ei ihnen die Überzeugung bilden, daß das deutsche Parla- 
ment es mit seiner Erklärung, die fremden Nationalitäten in 
ihrem Rechte schützen und achten zu wollen, ernstlich gemeint 
habe? Kann diese Überzeugung bei ihnen Platz greifen, 
wenn wir solche Dinge, wie diese uns jetzt vorgeschlagene De- 
markationslinie enthält, ohne weiteres genehmigen, ohne 
näher zuzusehen, auf einen so w'enig motivierten Bericht hin, 
auf einen Bericht hin, in welchem die w-ahren Gründe hinter 
den Vorwänden zum Teil so deutlich hervorblicken; ja auf 
diesen Bericht hin sollen wir ohne weiteres den langsamen, viel- 
leicht auch ziemlich schnellen Ruin der polnischen Nationali- 
tät beschließen. Denn w^elche Existenz kann und soll diesem 
von seinen übrigen Stammesgenossen abgesonderten Bruch- 
teile beschieden sein? Zw-ischen Rußland und dem deutschen 
Reiche eingekeilt, zu schwach und unbedeutend, um politisch 
zu leben und doch nicht reif zum Sterben, muß er ein kümmer- 
liches, ein wahrhaft sieches Dasein hinschleppen. Wenn 
schon die preußisch-deutschen Provinzen an der russischen 
Grenze durch das System der russischen Regierung um ihren 
Wohlstand gebracht sind, und von dorther die bittersten Kla- 
gen zu uns herübertönen, w-as soll erst aus diesem losgerissenen 
Fetzen d-es Großherzogtums werden, der nun auf der einen Seite 
die" feindliche Grenze Rußlands hat und auf der anderen die 
vielleicht nicht minder feindliche der Deutschland einverleibten 
Teile? Was soll eine solche Handvoll Menschen machen, in 
welch einen Zustand politisch-nationalen Gedeihens wird die 
Handvoll Menschen, welche die neue Linie für. die politische 
Organisation ausscheidet, sich zu gestalten vermögen? Denn 

123 



ihre Zahl wird von dem Herrn Berichterstatter nicht höher an- 
gegeben, als auf 300 000. 

Schubert (vom Platze) 350 000 ! 

D ö 1 1 i n g e r: Also 350 000. Das Großherzogtum Posen 
enthält aber i 200 000 Seelen. Von diesen i 200 000 Seelen 
bleiben also jetzt, als der mit der Reorganisation zu beglük- 
kende Teil, 350 000 Seelen; wie soll dieser ein nationales Leben 
führen können? Ist es nicht ein wahrer Hohn und Spott, 
wenn man ihnen sagt, jetzt ist nichts mehr, was euch in eurer 
nationalen Entwicklung stört, jetzt habt ihr volle Freiheit, 
euch polnisch zu rekonstituieren? Man geht freilich noch 
weiter, man sagt: mit dieser Abscheidung ist der Punkt aus- 
gemittelt, von w^o aus sich künftig einmal das polnische Reich 
wieder erheben und entwickeln kann ; der Anfang da.zu ist nun 
gemacht und unter günstigen Verhältnissen wird das weitere 
Wachstum nicht ausbleiben, die so ersehnte Wiederherstellung 
des polnischen Reiches wird mit der Zeit von dort ausgehen 
können. Ich glaube kaum, daß alle, die das äußern, es im 
Ernste meinen; ich glaube auch nicht, daß, wenn wir jetzt 
entscheiden über das Geschick des Großherzogtums, wir über- 
haupt uns um jene Frage der Wiederherstellung eines polni- 
schen Reiches zu bekümmern haben, und w^enn ich von der 
Ehre Deutschlands rede, die dadurch gewahrt ward, daß wir 
altes Unrecht vergüten, dann denke ich nicht wie andere, meine 
Herren, an die Wiederaufrichtung des polnischen Reiches. 
Nein, ich verweise diesen Gedanken in das Reich der Träume; 
ich sehe keine Möglichkeit zur Verwirklichung, ich glaube 
nicht, daß wir verbunden sind, durch irgend einen Grund Rech- 
tens irgendwie die Hand zu bieten, ad imposibilia nemo te- 
netur. Es scheint nun einmal im Rate der Vorsehung be- 
schlossen, daß wenigstens in der nächsten Zeit eine Wieder- 
herstellung des polnischen Reiches nicht stattfinden soll; es 
müßte sich der Zustand Nordeuropas vom Grunde aus ändern, 
es müßte eine Schwächung der russischen Macht eintreten, 
zu der vorerst auch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit 

124 



vorhanden ist, es müßte sich selbst die Gesinnung anderer ehe- 
mals zu Polen gehöriger Länder ändern, denn wir sehen, daß zum 
Beispiel in der großen Masse der Bevölkerung Galiziens keines- 
wegs ein Verlangen nach Wiederherstellung eines polnischen 
Reiches vorhanden ist, kurz, ich sehe, für die nächste Zukunft, 
keine Möglichkeit dazu; also daran denke ich nicht, aber das 
meine ich, daß wir schuldig sind, dem Teile der polnischen Na- 
tion, der einmal per fas oder nefasmituns zusammenhängt, wahre 
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das heißt, Schonung seiner 
Nationalität und Gewährung der Mittel, durch welche ihm ihre 
Erhaltung und Entwicklung möglich wird. Daß wir ihm also 
nicht eine Reorganisation anbieten, die unter solchen Um- 
ständen ein bloßer Hohn und Spott wäre; darin suche ich 
die von unserer Seite ihnen gebührende Gerechtigkeit, daß wir 
die diesem Volke feierlich gegebenen Versprechungen, die mit 
ihnen oder wenigstens über sie geschlossenen Verträge nicht 
brechen oder brechen helfen. Wahrlich, es ist an diesem un- 
glücklichen Volksteile des Wortbruchs schon genug begangen 
worden, es ist ihm schon mehr als ein feierlich gegebenes 
Wort nicht gehalten, ja das Gegenteil der verbürgten Gabe 
aufgedrungen worden, und jetzt sollen wir die Ehre und den 
Vorteil Deutschlands darin suchen, daß wir zu einem neuen 
Wortbruch die Hand bieten ; denn, bemänteln Sie die Sache wie 
Sie wollen, es wird doch wohl nicht geleugnet werden können, 
daß es sich um einen neuen Wortbruch handelt. Was ist es, wenn 
man dem polnischen Volke die Reorganistion des ganzen 
Großherzogtums verspricht, und wenn man dann von 
I 200 ooo Seelen 350 000 absondert, um diesen allein die 
verheißene, jetzt aber freilich sehr zweideutige Wohl- 
tat zu gewähren, den übrigen aber sagt: für euch gilt das 
alles nicht; ich meine nämlich jenen Teil der polnischen Be- 
völkerung, der nun mit Deutschland einverleibt werden soll, 
und von welchem zugestanden wird, daß er die Mehrzahl, und 
zwar in doppelter Beziehung, bildet; denn einmal ist die in 
dem einzuverleibenden Lande befindliche polnische Bevölke- 

125 



rung bedeutend zahlreicher als die deutsche, zu dererv Vorteil 
die Demarkationslinie gezogen werden soll, dann aber ist sie 
auch größer, als die Zahl derer, welche von ihnen abgesondert 
für sich bestehen und ihre Nationalität, so gut sie es vermag, 
in dem übrig gelassenen Winkel des Landes pflegen soll. 
Weiter aber, abgesehen von den Forderungen der Gerechtig- 
keit, verträgt es sich dann irgendwie auch nur mit unserem 
wohl verstandenem Vorteile, daß eine solche Demarkations- 
linie gezogen oder eine solche Zerreißung des Landes nun- 
mehr vorgenommen würde? Was können wir uns denn von den 
künftigen Zuständen dieses losgerissenen Teiles des Landes 
überhaupt vorstellen? Was wird nach aller Wahrscheinlichkeit, 
mit Rücksicht auf frühere Ereignisse, was wird in diesem 
Stücke des alten Großherzogtums Posen, in diesem sich 
nunmehr überlassenen Teile vorgehen? Wir wissen alle: die 
sogenannte polnische Emigration ist unverbesserlich ! nie und 
durch nichts wird dieselbe von ihren Bestrebungen abgebracht 
werdefi können! Von der jetzigen Generation der polnischen 
Emigration ist nicht zu erwarten, daß sie jemals Ruhe geben 
werde, Unruhe und Verwirrung -/,u stiften und ihre Lands- 
leute aufzuwiegeln, sie wird unter allen Umständen ihre Be- 
mühungen fortsetzen ! Nun aber wird ein eigener Boden für 
dieselben hergerichtet, nämlich diese losgerissenen Teile des 
Großherzogtums Posen. Dort wird die Emigration freien 
Spielraum haben, dort wird sie ihren Sitz aufschlagen, ihre 
Komitees werden fort und fort von da aus die Insurrektion 
zu organisieren und die benachbarten polnischen Landesteile 
in Gärung zu bringen suchen. Wird sich die russische Re- 
gierung dies auf die Dauer gefallen lassen? Wird sie einem 
solchen Zustande sich zu befestigen gestatten ? Keineswegs ! 
Es wird also in nicht langer Zeit die bequemste und will- 
kommenste Veranlassung für die russische Regierung sich 
ergeben, dort zu intervenieren. Das wären doch auch, glaube 
ich, wenn nicht gerade strategische, so doch politische Gründe, 
die wohl in Erwägung gezogen zu werden verdienen, und 

126 



man wird wohl tun, sich gegen eine Eventualität vorzusehen, die 
nicht in das Reich d'er Unmöglichkeit gehört; wird etwa die 
preußische Regierung in diesem abgerissenen Teile Posens 
noch stark genug sein, dergleichen Zustände zu hindern? Die 
preußische Regierung wird dort weiter keinen Einfluß haben, 
als denjenigen, den die Personalunion gewährt, sie wird nicht 
berechtigt sein, mit Truppen und Mitteln ihrer übrigen zu 
Deutschland gehörigen Staaten die Herrschaft und das An- 
sehen der Gesetze, die Ordnung in jenem Landesteile aufrecht 
zu erhalten. Doch es drängt mich, zu jener Seite der Frage, 
nach welcher es sich nicht um Gutmachung, doch um möglichste 
Milderung eines früheren Unrechtes handelt, mich zurück- 
zuwenden. Blicken wir doch zurück, meine Herren, wie es 
mit der Einverleibung des Großherzogtums Posen in Preußen 
ülierhaupt gegangen ist! Denken wir doch darum an jenes 
Ereignis zurück, um zu sehen, was unsere Pflicht in den 
gegenwärtigen Verhältnissen sein darf? Ob wir irgendwie 
berechtigt sind, zu einer Maßregel wie diese Zerstücke- 
lung vermittelst der Demarkationslinie ist, die Hand zu bieten? 
Es ist hier nicht gesagt worden, soviel ich mich erinnere, und 
es ist doch eine historische Tatsache, daß der Vorwand zur 
Einverleibung des Großherzogtums Posen in den preußischen 
Staat von Seite der Polen dargeboten wurde, durch jene Ver- 
fassung, die sie sich im Jahre 1791 gaben, eine Verfassung, 
die damals von dem gebildeten und intelligenten Teile Europas 
bewundert wurde, von der ein großer Staatsmann, Burkc. 
sagte: ,,Sie sei die reinste öffentliche Wohltat, die jemals der 
Menschheit gelxDten worden sei." Dieselbe Verfassung, die 
wie auch deutsche Geschichtsschreiber sagen, das einzige Mittel 
Avar, um Polen zu retten, ihm in Europa eine Stellung zu geben, 
wurde von der preußischen Regierung als Vorwand benutzt, 
um diesen Teil des polnischen Reiches, das Großherzogtum 
Posen, an sich zu reißen. Alles, was die Polen damals taten, 
um ihre Verfassung zu verbessern, und die alten Sehärkn zu 
heilen: die Abschaffung des Wahlrechts, die Verwandlung der 

127 



Republik in eine erbliche Monarchie, die Erhebung der Städte 
und des Landvolkes; das alles wurde in öffentlichen Mani- 
festen der preußischen Regierung ihnen als Attentate ange- 
rechnet, als für die Wahrung der Sicherheit des preußischen 
Staates gefährlich, und dem Gifte dieser Neuerungen, hieß 
es, müsse durch Einverleibung der benachbarten polnischen 
Provinzen in den preußischen Staat begegnet werden. Der- 
selbe König von Preußen, der die Polen beglückwünscht hatte 
bei dem ersten Erscheinen ihres Verfassungsentwurfes, der- 
selbe König, der mit ihnen ein Schutzbündnis geschlossen 
hatte, erklärte nachher, er erkenne dies nicht mehr an, weil 
das Bündnis geschlossen sei mit einer Rupublik, und diese sich 
aber nunmehr in eine erbliche Monarchie verwandelt habe. 
Die Polen, hieß es, wie in dem sogenannten Friedensschluß 
von Grodnow vom Jahre 1793 gesagt ist, hätten sich verderb- 
lichen Neuerungsgelüsten hingegeben und gefährdeten dadurch 
die Sicherheit des preußischen Staates, und es müsse der 
preußische Staat der Ansteckung seiner Untertanen durch die 
Jacobinischen Grundsätze zuvorkommen. (Stimmen: Hört! 
hört !) Das waren die Umstände unter denen die Einverleibung 
des Großherzogtums Posen in die preußischen Staaten er- 
folgte, und nun sollen wir die Erbschaft der auf solche Weise 
gebildeten Verhältnisse nicht bloß antreten! nein! wir sollen 
auch auf altes Unrecht ein neues Unrecht, nämlich das einer 
letzten Zerstückelung Polens und einer systematischen Auf- 
lösung der polnischen Nationalität häufen? Der polnischen 
Nationalität, sage ich, denn was geschieht? — Die Polen in 
Posen werden wie ein Wurm in zwei Stücke zerrissen ; nach 
der einen Seite hier, der deutschen, werden 500 000, nach 
der andern 350000 geworfen; sie werden voneinander 
losgerissen, um sich und ihrer Nationalität keine wechselseitige 
Hilfe leisten zu können, der eine Teil soll dem anderen ent- 
fremdet werden — divide et impera (teile und herrsche) ! da- 
mit die deutsche Bevölkerung, die ohnehin mannigfach von ihr 
abhängige polnische noch mehr bedrücke und ihre Herrschaft 

128 



iingeirrt befestigen möge, muß die polnische Nationalität dort 
zerstückelt werden; dem einen kleineren Teile aber bietet man 
ein Trugbild der Reorganisation dar. Welches Los dem an- 
deren Teile bereitet sei, wird nicht gesagt. Freilich werden 
sie ja auch die deutschen Grundrechte haben, wenn sie nämlich 
dort eingeführt werden, sie werden ja auch der Wohltaten der 
neuen preußischen Verfassung teilhaft werden! — möglich — ! 
ich sage möglich! — so möglich wie es auch in Irland an 
sich möglich wäre, daß das Volk dort seinen vollen Anteil an 
den Rechten und Wohltaten der englischen Verfassung emp- 
finge und genösse; aber leider ist die Möglichkeit noch keine 
Wirklichkeit geworden, weil eben die eine herrschende und 
bevorzugte Nationalität dort Mittel genug in Händen hat, um 
den Gleichgenuß von Rechten und Freiheiten der anderen Na- 
tionalität zu hindern und zu verkümmern. Und in welchem 
Grade dies gegenwärtig noch in Irland der Fall sei, welche 
Zustände noch jetzt dort bestehen, wissen wir ja alle. Hüten 
wir uns alle, daß Deutschland nicht ein neues Irland an seiner 
Nordgrenze erhalte ! hüten wir uns, daß in jenem Landesteile 
nicht ein Zustand eintrete, wie wir ihn auf jener Insel sehen ! 
durch eine solche Gewalttat, wie sie in der Zerreißung eines 
von jeher enge vereinigt gewesenen Landes vermittelst der 
Demarkationslinie liegt, erzeugen Sie bei der polnischen "Be- 
völkerung eine bittere Stimmung, wenn und wo sie noch nicht 
vorhanden ist ; oder wenn sie vorhanden ist, so werden Sie die- 
selbe erst recht befestigen und kräftigen. Was werden dann 
die Folgen sein? Was werden sich da für Zustände bilden? 
Wir haben in Irland gesehen, was es für Folgen hat, wenn 
unter solchen Kämpfen friedlicher Stämme das Institut 
der Schwurgerichte eingeführt wird; dann wird es fast zur 
Regel, daß eine aus Personen einer Nationalität gebildete Jury 
die Angeklagten der anderen Nationalität verurteilt. Dann ist 
es äußerst schwierig, einen unparteiischen Urteilsspruch zu 
erhalten, weil der tiefe Haß der beiden Nationalitäten gegen- 
einander das Gerechtigkeitsgefühl unterdrückte. Könnte es 

BergstrHßer I. , 12i) 



nicht auch in Posen dahin kommen, welche Stimmung wird 
sich der dortigen polnischen Bewohner bemächtigen, wenn sie 
sehen, daß ihnen zwar eine Menge von Rechten und Frei- 
heiten auf dem Papier angeboten sei, daß sie sich aber faktisch 
in der Unmöglichkeit befinden, diese lockenden Früchte sich 
anzueignen, l'nd so bestätigt sich w^ieder, w^as ich bereits gel- 
tend zu machen suchte: nicht bloß unser Gerechtigkeitsgefühl, 
nein, auch unser wohlverstandener Vorteil, unser eigenes In- 
teresse als Deutsche fordert von uns, daß wür zu einer Maßregel, 
wie die uns vorgeschlagene ist, nicht die Hand bieten. Nein, 
meine Herren, ich weiß keine Demarkationslinie aufzufinden, 
welche auch nur einigermaßen dem Gebote der allergewöhn- 
lichsten Gerechtigkeit entsprechen könnte. Wie tief die jetzt 
vorgeschlagene, nunmehr dritte, Demarkationslinie in das 
Fleisch des polnischen Landes einschneidet, zeigt uns ja ein 
Blick auf die Karte. Lassen wir uns, meine Herren, durch 
alle die bisher geltend gemachten Gründe nicht bestimmen, 
eine solche Demarkationslinie anzunehmen, und damit zugleich 
vorhinein alles das zu sanktionieren, was dann als notwendige 
und unabweisbare Folge einer solchen Maßregel sich anschließen 
muß. Denn wenn dort ein Schlag nach dem andern erfolgt, 
wenn alle von dort kommenden Nachrichten uns zeigen, daß 
nichts zur Versöhnung geschieht, daß die Erbitterung immer 
höher steigt und die Unzufriedenheit der Masse mit den dor- 
tigen Zuständen immer bedrohlicher, nicht bloß für Preußen, 
auch für Deutschland wird, was werden wir dann sagen, mit 
welchem Gefühl der Reue müßten wir dann auf dieses unser 
Werk zurückblicken? Denn diejenigen, welche glauben, es 
sei damit, daß man ein Stück von Posen losreiße und es außer 
Berührung mit den übrigen setze, dem konservativen Interesse 
ein Dienst geleistet, möchten sich sehr irren. Ich glaube, der 
Erfolg der Wahlen in Posen zeigt uns jetzt schon, welche Ge- 
sinnung unter der einverleibten oder vielmehr einzuverleiben- 
den polnischen Bevölkerung herrscht, und je mehr Sie diesell)c 
erbittern, je mehr vSie zeigen,, daß für sie keine Gerechtigkeit 

130 



slatttindcn soll, desto jp-oßeren Vorschub fjewähren Sie deif 
l-iestTobfimgen der dorti|»cn Anardiisten, desto sicherer wird! 
«las polnische Volk die Beute derer werden, welche es auf den 
ITmstirrz der pr6ußischea MotiaTcliie oder auf mehr noch abg^e- 
scTien liaben. Ms scheint mir also, meine Herren, der von 
>{errn Ostcrrat'h und Genossen gestellte Antrag unter den g^e- 
1,'enwäTtigen Umständen derjeni-gc zu sein, welcher unserer, 
■-^telkinj^ und den an uns zu machenden Anforderungen noclv 
am meisten entsprechen kann, dem wir daher mit gutem' Ge- 
wissen unser-e Zustimmung greben können. Mir scheint, es 
bleibt nichts anderes übrig, als die Hand dazu zu reichen, daß 
(las ganze Großherzo^tum Posen mit dem Deutschen Reiche 
verbunden werde. Keine Demarkationslinie! Die strategischen' 
(Vünde müssLMi mit weit mehr Gewicht dafür sprechen, daß 
das ganze j.and Deutschland einverleibt werde, und nicht ein 
'Peil desselben als Herd von Intriguen und fortwährender Un- 
zufriedenheit an der Grenze gelassen werde. Lassen Sie uns 
vom dem Prinzip, auf dem wir ja selbst mit ganzer Existenz 
beruhen und welches wir immer vorangestellt haben, daß näm- 
lich der VolksAville entscheiden solle, nicht auf so flagrante 
Weise abgehen; lassen Sie ims in Bezug auf Posen keinen Be- 
schluß fassen, welcher sich über jenes Prinzip gänzlich hin- 
wegsetzt; denn das heißt nicht nach dem Prinzip, daß der 
\'olkswille das oberste Gesetz sein soll, handeln, wenn wir nur 
dem einen (deutschen) Teile Gehör geben, dem andern aber, 
dem polnischen, das mfdringen, was ihm das verhaßteste ist. 
Man hat es ehemals, zur Zeit Ludwigs XIV. als ein Zeichen 
OS französischen Übermutes ausgelegt, daß der französische 
( icsandte zu den Holländern sagte: Wir werden verhandeln bei 
euch und ohne euch! Und was anderes ist denn jetzt in Po- 
rKMi geschehen? Was haben denn die dahin gesandten Reichs- 
kommissärc anderes getan? Man hat verhandelt bei den Po- 
len, über die Polen und ohne die Polen! (Beistimmung von 
einigen Seiten. — Stimmen auf der Rechten: Oh! oh!) Daß 
sie. wie auch im Berichte bemerkt ist, sich an diesen Verhand- 

131 



lungen nicht beteiligten, war ganz natürlich und wird uns für- 
wahr nicht, wundernehmen, wenn wir bedenken, daß es doch der 
polnischen Nation am wenigsten zugemutet werden kann, auf 
das der Demarkationslinie zugrunde liegende Prinzip der Tei- 
lung einzugehen. Hätten sie dies getan, so würden sie ja da- 
mit die Berechtigung zu einer solchen, den völkerrechtlichen 
Verträgen offenbar zuwiderlaufenden Zerreißung anerkannt 
haben. Ich muß gestehen, wenn ich Pole wäre, so würde ich 
mich entschieden dagegen verwahren, und zwar sowohl im. In- 
teresse der Nationalität und alles dessen, was mir wert und 
teuer ist, als im Interesse der Aufrechterhaltung längst ge- 
schlossener Verträge. Also, meine Herren, lassen Sie uns 
unter allen Umständen und vor allem nach dem Prinzip der 
Gerechtigkeit handeln. Es ist die Lage der Dinge jetzt eine 
andere, die Gesinnungen sind wohl auch jetzt andere als da- 
mals, wo die Posenschen Stände mit sechsundzwanzig gegen 
siebzehn Stimmen die Einverleibung des ganzen Landes in 
den deutschen Bundesstaat ablehnten. Damals dachte diese 
Majorität nicht daran, daß man statt der Einverleibung des 
ganzen nur die des größeren Teils, und zwar ohne ihre Einwil- 
ligung beschließen und ausführen würde. Die Sache steht 
jetzt so, daß die Polen nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln 
haben, wenn ich nämlich vom Standpunkte der polnisch-natio- 
nalen Ansicht aus reden soll. Mögen sie damals jede Einver- 
leibung als ein Übel betrachtet haben, jetzt werden sie dieselbe, 
falls sie nur das ganze Land und die gesamte Bevölkerung um- 
faßt, als das kleinere Übel und folglich als ein relatives Gut 
dem größeren, nämlich der teilweisen Einverleibung, und der 
daraus hervorgehenden Zerstückelung ihres Landes vorziehen, 
und willig zu jener die Hand bieten. 



132 



Katholische 

Agitation und Vereinsbildung 

(1848— 1849) 

A 

Belehrung über den katholischen Verein 
des Erzbistums Freiburg 

. Es gehört zu dem Wesen der katholischen Kirche, daß sie, 
obwohl die Leitung derselben verfassungsmäßigen Obern, in 
der ganzen Kirche dem Papst, in jedem Bistum dem Bischof 
übertragen ist, zur Besorgung vielartiger kirchlicher Anliegen 
die Bildung von Genossenschaften und Vereinen billigt und 
begünstigt. 

Solche Vereine sind notwendig, einmal, um die Anord- 
nungen der kirchlichen Obrigkeiten im Volke zur lebens- 
vollen Übung zu bringen, sodann, weil viele religiöse Zwecke 
sich nur verwirklichen lassen, wenn sich viele dazu freiwillig 
verbinden: solche Vereine sind nützlich, weil viele gute Werke 
gar nicht zur Ausführung kämen, wenn nicht viele für die- 
selben zusammenständen: solche Vereine sind erlaubt, weil 
sie keinerlei Rechte anderer verletzen, nicht die der kirch- 
lichen Obrigkeit, nicht die der weltlichen Obrigkeit, nicht die 
Andersgläubiger. 

Diese Vereine sind aber ganz besonders in Zeiten notwendig 
und nützlich, wo ein plötzlicher Umsturz den ganzen öffent- 
lichen Zustand verändert hat. Unmöglich kann das Volk mit 
seinem Urteil sich in einer solchen Lage rasch zurecht finden ; 
es entstehen verworrene Begriffe, das Volk wird die Beute 
schlauer Verführer. 

So ist es in Deutschland, vor allem in Baden, 

133 



In solchen Zeiten ist es die Pfliclit redlicher, gottesfürch- 
tiger Freunde des Volkes, dasselbe zu belehren, zu leiten. 

In dem Bewußtsein dieser Pflicht haben einige dem katho- 
lischen Volke wohlbekannte Männer, wie v. Andlaw, Büß und 
andere die Stiftung des katholischen Vereins in dem Erzbis- 
tum Freiburg mit ausdrücklicher Genehmigung unsers hoch- 
würdigsten Herrn, Erzbischofs unternommen, um einerseits 
Gefahren abzuwehren, welche die Änderung unserer Zustände 
den Katholiken bringen könnte, und um andererseits Güter 
zu erlangen, welche das katholische Volk schon längst ersehnt 
hat, und die es jetzt erlangen kann, wenn es nur will. 

Diese Gefahren kann aber nur die vereinte Kraft der Katho- 
liken abwehren, diese Güter nur ihre gesammelte Anstrengung 
erringen. 

Welches sind diese Gefahren? 

Bekanntlich hat die Regierung allgemeine Religionsfreiheit 
und die Gleichstellung der Nichtchristen mit den Christen in 
bürgerlichen und politischen Rechten zugesagt und der Land- 
tag sie beschlossen; darnach darf jeder sich eine Religion 
machen, welche er will, und bleibt dennoch zur Verwaltung 
von Staats- und Gemeindeämtern fähig; sonach können Ju- 
den und Heiden und völlig Ungläubige die Leitung des katho- 
lischen A^olkes in ihre Hände bekommen. 

Das will aber das katholische Volk nicht. 

Es ist zu befürchten, daß diejenigen, welche von dem rö- 
misch-katholischen Glauben abfallen, dennoch einen Anteil an 
dem den römisch-katholischen Gemeinden gehörenden Kir- 
chen-, Schul- und vStiftungsvermögen ansprechen und erlangen 
werden. 

Das will aber das katholische Volk nicht. 

Es ist zu befürchten, daß die gemischten Schulen errichtet 
werden, in welchen die Kinder der Katholiken mit den Kin- 
dern Andersgläubiger zugleich unterrichtet werden, wodurch 
die katholische Erziehung geschädigt wird. 

Das wdll aber das katholische \'olk nicht. 

134 



Ks ist zu hcfürcliten, daß andere gemischte Anstalten, zum 
Beispiel Waisenhäuser, für die Angehörigen verschiedenen 
(ilau4)ens errichtet werden, welche dann nicht in katholischer 
Richtung geleitet werden, wodurch die Jugend ihrem" (ilauben 
entfremdet ward. 

Das will aber das katholische \ olk nicht. 

Was will aber das katholische Volk? 

iCs will seinen katholischen (jlauben, seine katholischen Schu- 
len, seine katholischen Stiftungen und seine katholischen An- 
stalten unverniischt für sich behalten. 

Das katholische \'olk will in dem Glauben seiner Väter leben 
und sterben, und denselben als den kostbarsten Schatz und die 
alleinige Gewähr der ewigen Seligkeit und der irdischen Wohl- 
fahrt unverkümmert auf seine Kinder vererben ; das katholische 
A'olk will, daß die Kirche Gottes von dem Papst und den 
Bischöfen und von keinem anderen regiert werde, daß die Ka- 
tholiken alles tun dürfen, was ihnen ihr heiliger Glaube ge- 
bietet und alle Stiftungen und Anstalten gründen dürfen, durch, 
welche die Sendung der Kirche gefördert wird, ohne daß die 
Rechte anderer verletzt werden. 

Die Katholiken wollen also hVeiheit der Kirche und der 
Schulen, des Glaubens und des Unterrichts. 

Die oben ausgesprochenen Gefahren will nun der katholische 
\'erein abwehren, die erwähnten Güter erstreber). 

Man beruft sich jetzt in allen Dingen auf den Willen des 
\'olkes. Gut! Das katholische Volk will, soll sich aussprechen. 
Ks spricht sich aus durch den Verein. 

So ist dieser A^erein streng katholisch, notwendig, nützlich, 
erlaubt, von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit nur zu 
billigen. 

Seine Stiftung war geräuschlos und einfach: ebenso soll 
seine Verbreitung sein. Man macht in jeder Gemeinde ein Ver- 
zeichnis mit der Aufschrift: ,, Verzeichnis der Mitglieder 
(Männer imd Frauen) des katholischen Vereins des Erzbis- 
tums Freiburg für die Erhaltung des römisch-katholischen 



Glaubens, für die Freiheit der Kirche, für die Erhaltung des 
katholischen Kirchen-, Schul- und Stiftungsvermögens, für die 
Freiheit des Unterrichts und die fortdauernde Verbindung 
der Schule mit der Kirche." 

Auf diese Listen zeichnen sich die Beitretenden ein. 

Hat sich eine genügende Anzahl, und seien es auch nur zwan- 
zig, gemeldet, so wählen sie einen Vorsteher und einen Schrift- 
führer für den Ortsverein: die Namen der Gewählten und das 
Verzeichnis der Mitglieder wird dann an den Vorstand des 
katholischen Vereins in Freiburg eingeschickt. 

Der Verein soll aber um so schneller ins Leben treten, als 
er sich mit Eingaben um die Verleihung der Freiheit der 
Kirche und der Schule und um Gewährleistung des katho- 
lischen Kirchen-, Schul- und Stiftungsvermögens an die 
Reichsversammlung in Frankfurt wenden soll, welche diesen 
Gegenstand bei der Beratung der Grundrechte des deutschen 
Volkes schon in kürzester Zeit verhandeln wird; 

Auf diesem Wege ist der Verband zwischen dem Gesamt- 
verein und den Ortsvereinen einfach vermittelt. Der Gesamt- 
verein bringt seine Entwürfe zur raschen Ausführung, die 
Ortsvereine finden in dem Vorstand des Hauptvereins die 
Quelle verlässigen Rats und sicherer Unterstützung in allen 
Anliegen des kirchlichen und des öffentlichen Lebens, Der 
Geist brüderlicher Gemeinsamkeit, ausgleichender tätiger 
Liebe tritt im vielfordernden Leben unter Gottes Segen anp 
Werk. 

Durch den Verein seid ihr, Katholiken des Erzbistums, eine 
siegreiche Macht, in der Vereinzelung seid ihr schwach und 
verlorne Trümmer. Wählt. 

(Aus: F. J. Büß, Der katholische Verein, S. 133^ 



136 



B 
Petitionen 

,,H o h e R e i c h s V e r s a m m 1 u n g" 1 *) 

In der gegenwärtigen Zeit, wo das Streben nach Freiheit 
das ganze deutsche Volk durchdringt, entbehrt die katholische 
Kirche noch jener Freiheit, in welcher allein sie ihre hohe Sen- 
dung erfüllen kann. Obwohl w^ir nun überzeugt sind, daß die 
hohe Reichsversammlung in eigener Ehrung des Rechts den 
christlichen Kirchen die ihnen gebührende Freiheit gewähren 
werde, so halten wir dennoch im Hinblick auf den traurigen 
Druck, der lange auf der katholischen Kirche in den deutschen 
Landen gelastet, und auf vielseitige Hemmung derselben in 
ihrer Wirksamkeit, es für notwendig, als treue Söhne unserer 
heiligen Kirche, die hohe Reichsversammlung unter An- 
schließung an die von dem Vorstande des katholischen Vereins 
Badens in Freiburg im Juli dieses Jahres eingereichte Eingabe 
in diesem Betreff zu bitten, gerechtest auszusprechen: 

1. Die bürgerlichen und politischen Rechte jedes Christen 
sind unabhängig von seinem religiösen Bekenntnisse. 

2. Alle christlichen Bekenntnisse genießen der gleichen 
Freiheit und des gleichen Schutzes. 

3. Jede Kirchengemeinschaft ist in ihren kirchlichen und 
religiösen Angelegenheiten, in Lehre, Gottesdienst, 
Verfassung, Anstellung ihrer Geistlichen, Kirchen- 
zucht, Verwaltung ihres Vermögens frei und unab- 
hängig. 

4. Die Staatsregierung wird sich nie und unter keinem 
Vorwand in die kirchlichen Angelegenheiten irgend 
einer Kirchengemeinschaft einmischen. 

5. Die Verordnungen und Erlasse der kirchlichen Behörden 
aller Kirchen unterliegen keiner vorgängigen Staats- 
genehmigung. 

*) Büß, s. 135. 

137 



6. Das freie Versammlungs- und \^ereinsrecht gilt auch auf 
dem religiösen Gebiet für alle Kirchengemeinschaften. 

7. Jede Kirchengemeinschaft hat das Recht, A^ermögen 
zu erwerben und es frei und selbständig zu verwalten 
und zu verwenden. 

8. Alle bestehenden und wohlerworbenen Eigentums- 
und Vermögensrechte der einzelnen Kirchengemein- 
schaften sind unantastbar. 

9. Jedem dazu befähigten .Staatsbürger, wie allen recht- 
mäßig bestehenden (jemeinden, Körperschaften und 
Kirchengemeinschaften steht es frei, Schulen zu er- 
richten und Unterricht zu erteilen. 

10. Jeder Familienvater darf seine Kinder nach seiner 
Wahl den iluu beliebigen niedern und höhern Schulen 
anvertrauen. Es gibt keinen Zwang zum Besuch ge- 
wisser Unterrichtsanstalten. Bei öffentlichen Anstel- 
lungen entscheiden bloß dieKenntnisse und Fähigkeiten, 
wo und aufweiche Art dieselben erworben sein mögen. 

11. Die bestehenden Schulen und Schulstiftungen der 
Kirchengemeinschaften dürfen ihrem Zweck nicht ent- 
fremdet werden. 

Wir erkennen in unserer heiligen Kirche die Gewähr unse- 
rer ewigen Seligkeit und der zeitlichen Wohlfahrt. Wir wollen 
die Freiheit, in unserem heiligen, uralten Glauben zu leben und 
zu sterben, und wie derselbe überliefert wurde, ihn auch auf 
unsere Kinder zu ihrer Beseligung zu überliefern. Freiheit der 
Kirche, Freiheit der Schule, sind die Grundlagen jeder Frei- 
heit: sie müssen es vor allem sein bei dem geistigsten, sittlich- 
sten, frömmsten aller Völker, bei den Deutschen. 
(Ortsnamen) im Großherzogtum Baden, den 13. August 1848. 
Im Namen des katholischen Vereins daselbst mit (so und so 
vielen) Mitgliedern: 

Der Vorstand 

N. N. 

N. N., Schriftführer. 

138 



c 

,,11 oh c 1\ c Ichs V e r s a rn m 1 u n g" ! *) 

Bitte des katholischen Ortsvereins in N. N. im Groü- 
herzogtum Baden die Erläuterung des in der fünfund- 
siebzigsten Sitzung der Reichsversammlung am ii. 
dieses Monats beschlossenen § 14 des Art. TU der Grund- 
rechte betr. — eventuell Verwahrung gegen den in 
diesem J\iragraphen enthaltenen Beschluß. 

Hochdieselbe hat nach ernsten und langen Verhandlungen 
durch ihre Beschlußfassung in der fünfundsiebzigsten Sitzung 
am II. September den § 14 der Grundrechte des deutschen 
\'olks gefaßt, wie folgt: 

.Jede Religionsgesellschaft (Kirche) ordnet und verwaltet 
ihre Angelegenheiten selbständig, bleibt aber, wie jede andere 
(lesellschaft im Staat, den Staatsgesetzen unterworfen. 

Keine Religionsgesellschaft genießt vor andern Vorrechte 
durch den Staat. Es besteht fernerhin keine Staatskirche. 

Neue Religionsgesellschaften dürfen sich bilden; einer Aner- 
1 rnnung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht." 

Untersuchen wir nun den ersten Satz, offenbar den wichtig- 
sten, so scheint es. sollten wir glauben dürfen, derselbe ge- 
währe den Katholiken alles, w^as sie begehrt haben ; denn wenn 
eine Kirche selbständig, als sie selbst, unabhängig vom Staat 
und von jedem Dritten, ihre Angelegenheiten, das heißt ihre 
sämtlichen kirchlichen Angelegenheiten ordnen, das heißt ur- 
sprünglich feststellen, und dann selbständig verwalten, das 
heißt gemäß der eigenen ursprünglichsten Anordnung unab- 
hängig vom Staat und von jedem Dritten ausführen und voll- 
ziehen darf, so ist offenbar die Freiheit der Kirche ausge- 
sprochen. 

Auch der zweite Teil des ersten Satzes: Die Kirche bleibt 
aber, wie jede andere Gesellschaft im Staate, den Staatsgesetzen 
unterworfen, zerstört die Auslegung des ersten Satzes zu- 

*) Büß, s. 141. ~^ 

130 



gunsten der Freiheit der Kirche nicht; denn die Kirche will 
nur in religiösen Dingen frei sein; in bürgerlich-rechtlicher, 
in polizeilicher, in staatsrechtlicher» Beziehung unterwirft sie 
sich willig den Gesetzen des Staates, wie jede andere Körper- 
schaft, wie jeder andere Bürger; zum Beispiel sofern sie 
Eigentum hat, befolgt sie willig die Bestimmungen des bürger- 
lichen Gesetzbuches über das Eigentum. Gerät sie in einen 
Rechtsstreit über dieses Eigentum, so unterwirft sie sich den 
Gerichten des Staates und den Bestimmungen des bürgerlichen 
Gerichtsverfahrens. Ordnet zum Beispiel die Polizei im Staat 
in ihrer Sorge für die öffentliche Gesundheit an, daß die Grab- 
stätte der Menschen von den Wohnungen der Lebenden ent- 
fernt liege, so gehorcht die Kirche, und versagt das Begräbnis 
in und in der Nähe der Kirche. 

Gewährt zum, Beispiel die Staatsverfassung eines- Landes 
der Kirche eine landständische Vertretung, so entscheidet über 
diese die Gesetzgebung des Staats. 

Also in privatrechtlicher, polizeilicher und staatsrechtlicher 
Beziehung unterwirft sich die Kirche den Gesetzen des Staates. 

Hingegen in allen religiösen Verhältnissen, sonach im Kreis 
der Lehre, des Gottesdienstes und der Leitung der Kirche, 
bedarf und fordert die Kirche unbedingte Freiheit, Selbständig- 
keit und Unabhängigkeit vom Staat. 

Unterwirft sich nun die Kirche, wie jede andere Gesell- 
schaft, wie jeder Bürger in privatrechtlicher, polizeilicher und 
staatsrechtlicher Beziehung den Gesetzen des Staates, so ist sie, 
wie es sich von selbst versteht, denselben auch nicht anders, 
als jeder Bürger, als jede Gesellschaft im Staat unterworfen, 
das heißt sie unterliegt keinen Ausnahmegesetzen, nämlich sie 
will nicht wenigere und nicht andere Rechte im Staat genießen, 
als andere Bürger und Gesellschaften im Staat genießen; sie 
will nicht mehrere und andere Pflichten im Staat übernehmen, 
als andere Bürger und Gesellschaften im Staat übernehmen. 

Die Kirche fordert hier nur die Gleichheit vor dem Gesetz. 

Es läßt sich nicht leugnen, diese unsere Auslegung des ersten 

140 



itzes des § 14 tut dem Wortlaut desselben, wenn man den Satz 
für sich und vereinzelt betrachtet, keinen Zwang an, und in- 
sofern wären wir Katholiken in allen unsern dcßfallsigen Be- 
gehren zufrieden gestellt, und der hohen Versammlung zu freu- 
digem Dank verpflichtet. 

Allein, vergleichen wir den Satz mit den in Hochderselben 
gestellten Anträgen auf verwandte Fassung, welche verworfen 
worden sind, so erwacht in uns die ernste Besorgnis, d^ß unsere 
Auslegung nicht die der hohen Versammlung ist. 

Denn warum hätte sie sonst das erste Minderheitsgutachten, 
welches das Auszudrückende deutlicher ausdrückt und nicht 
weiter geht, als die jetzt angenommene Fassung, mit 357 Stim- 
men gegen 99 verworfen ! Dieses erste Minderheitsgutachten 
lautet: ,,Die bestehenden und die neu sich bildenden Religions- 
gesellschaften sind als solche unabhängig von der Staatsgewalt 
und verwalten ihre Angelegenheit selbständig." 

Die Fassung ist viel deutlicher, als die angenommene ; denn 
nach ihr sollen die Religionsgesellschaften nur als solche, das 
heißt nur als religiöse von der Staatsgewalt unabhängig sein, 
während sie in jeder andern Eigenschaft von ihr abhängig sein 
sollen. 

Warum hätte die Versammlung sonst die von dem Herrn 
Abgeordneten Zachariä und Genossen beantragte Fassung ver- 
worfen, welche lautet: ,,Die bestehenden und neu sich bilden- 
den Religionsgesellschaften, ordnen und verwalten ihre Ange- 
legenheiten selbständig und unabhängig von der Staatsgewalt." 

Aus der geschehenen Verwerfung dieser beiden Anträge 
scheint hervorzugehen, daß man die angenommene Fassung 
so auslegen müsse: Jede Religionsgesellschaft ordnet und ver- 
waltet ihre Angelegenheiten selbständig, ist aber darin den 
Staatsgesetzen unterworfen. Darnach wäre die Selbständig- 
keit der Kirche allerdings die Regel. Allein sie wäre be- 
schränkt durch die jeweiligen kirchliche Angelegenheiten be- 
treffenden Gesetze der Staatsgewalt als eben so viele Ausnah- 
men ; es müßte allerdings immer die Selbständigkeit der Kirche 

141- 



vermutet werden; in jedem 1^'alle aber, in welchem das Dasein 
eines Staatsgesetzes über ein kirchliches Verhältnis bewiesen 
würde, würde dieses letztere gelten. Durch diese Annahme 
allein kommt Sinn und Zusammenhang in die verschiedenen 
Abstimmungen der hohen Versammlung, leider aber auch die 
Kirche um die ihr von Gott und Rechtswegen gebührende 
Freiheit. 

Daß diese betrübende Auslegung allein die richtige ist, das 
zeigt auch die Verwerfung solcher Anträge, welche, wenn sie 
angenommen worden wären, die wahre Freiheit der Kirche 
allein gesichert hätten. 

So wurde der Antrag verworfen, welcher lautet: ,,Die Be- 
stellung von Kirchenbeamten bedarf keiner Bestätigung vom 
Staat". 

Diese Verwerfung verletzt die Freiheit der katholischen 
Kirche, weil sie die Befugnis der Ernennung der Pfarrer den 
Kirchenobern benimmt, welche doch die Verantwortlichkeit 
für deren Leitung der (lemeinden tragen. 

Ferner wurde der Antrag verworfen, welcher forderte: ,,Die 
Bekanntmachung kirchlicher Erlasse ist nur denjenigen Be- 
schränkungen unterworfen, welchen alle übrigen Veröffent- 
lichungen unterliegen." 

Durch die Verwerfung dieses Antrages ist der Freiheit der 
Kirche die tiefste Wunde geschlagen. Das Placet, diese fluch- 
würdige Fessel der gottgebotenen Wirksamkeit der Oberhirten 
der Kirche in Verkündigung des Wortes Gottes, ist dadurch 
wieder aufs neue der Kirche Gottes angelegt. In einer Zeit, 
in welcher gemäß der in Deutschland geltenden unbedingten 
Rede-, Schreib- und Druckfreiheit selbst jeder sittlich Ver- 
worfene ungehemmt zum Volk sprechen darf, ist das pflicht- 
gebotene Wort, das freie Gebot der Oberhirten an dreißig Mil- 
lionen Deutsche gesperrt. 

Durch die Verwerfung des Antrags des Herrn Abgeordneten 
Nagel, welcher forderte: ,, Jeder Religionsgesellschaft wird der 
Besitz und die freie Verwaltung ihres Vermögens, sowie ihre 

142 



'ür (jottesdienst-, Unterrichts- und Wohltätij^keitszwecke l)c- 

iinmten Anstalten gewährleistet", hat die hohe Versammlung- 
nicht bloß die Freiheit der Kirche, welche auch in der Selbst- 
verwaltung des Vermögens sich betätigt, sondern durch die 
Nichtgewähr des Besitzes des Kirchenvermögens selbst die 
wohlerworbenen Rechte der Kirche verletzt, ja den Rechtsbe- 
griff selbst gebrochen, und zugleich den Weg zur Erleichterung 
einer die ganze sittliche Mächtigkeit der Nation zerklüftenden 
^L'ktenbildung gebahnt. Bis jetzt hat das alte gute Re^ht be- 
>iimmt, daß bei dem Abfall eines Teils der Gemeinde von ihrem 
(ilauben der dem alten Glauben anhängig bleibende Teil, und 
wäre er auch die Minderheit, das ganze für Gottesdienst, Unter- 
richt und Wohltätigkeit gestiftete Vermögen der Pfarrei 
behalte und nichts davon an die Ausscheidenden abzugeben 
habe. 

Wir hätten es für um so würdiger erachtet, diese Gewähr des 
Besitzes und der Verwaltung des kirchlichen Vermögens der 
Kirche in der Reichsverfassung zu geben, als dadurch das bloß 
aus menschlicher Hoffart erwachsende Gelüst zur Sekten- 
wucherung gezügclt wird, welches bald verglüht, wenn es mit 
Geldopfern seinen Scheinglauben nähren soll, und welches nur 
die Einheit unserer Nation vergiftend wegzehrt. . 

Wenn nun der Kirche die Selbstbestellung ihrer Priester. 
lie freie Ansprache der Oberhirten an das Volk, die Selbst- 
verwaltung und sogar das Anrecht ihres Vermögens abge- 
sprochen wird, was erübrigt denn noch von der im ersten 
Satz des § 14 durch die hohe Versammlung den Kirchen ver- 
heißenen Selbständigkeit in der Anordnung und Verwaltung 
ihrer Angelegenheiten ? Wahrhaft der Schatten eines Schattens, 
'!er, Schein eines Scheins; es träte ein Zustand der Kirche ein, 
\iel, unendlich viel schlimmer, als der gegenwärtige; darin läge 
aber die fruchtbare Saat eines verewigten Streites zwischen 
der Kirche und dem Staat. 

Die Kirche würde sich an den ersten Satz des § 14 halten, der 
von der Selbständigkeit der Kirche spricht, der Staat dagegen 

143 



an den zweiten Satz, der die Unterwürfigkeit der zur er- 
niedrigenden Gleichstellung mit jeder andern Geselllschaft 
im Staate herabgewürdigten Kirche unter den Staat ver- 
kündet. 

Da nun jeder Teil auf das neu gefestete Recht sich beruft 
und berufen darf, so wird der Kampf verheerender, denn je, 
entbrennen, und die arme Nation wird zuletzt den herben Scha- 
den schwer entgelten. 

Wir wollen gern glauben, daß durch die Verwerfung des 
Nageischen Antrags die hohe Versammlung den darin liegenden 
wohlbegründeten Rechtsschutz nicht habe aufheben wollen, wie 
sie ihn denn auch nicht aufzuheben vermag, sondern daß sie le- 
diglich diese Gewähr als überflüssig erachtet habe; allein Hoch- 
dieselbe möge uns die Bemerkung erlauben: in einem Reichs- 
grundgesetz, das sich herabläßt, so viele oft sich von selbst ver- 
stehende Kleinigkeiten zu gewährleisten, scheint es wohl der 
Mühe wert gewesen zu sein, die Gewähr des Vermögens der be- 
stehenden Kirchen auszusprechen, der Kirche zur Förderung, 
welche, wenn sie auch in den Himmel ragt, und im Wort Gottes 
wurzelt, doch, um den schwachen Menschen zu nahen, 
sich in irdische Verhältnisse einlassen und auf Eigentum 
siedeln muß, sodann dem Recht zu Ehren und dem Willen 
der sich und ihr Gut Gott aufopfernden Stifter zum ewigen 
Danke. 

Die Gefahr des Kampfes zwischen Staat und Kirche wird 
aber dadurch noch gesteigert, daß der von der hohen Versamm- 
lung angenommene Beschluß: „Neue Religionsgesellschaften 
dürfen sich bilden, einer Anerkennung ihres Bekenntnisses 
durch den Staat bedarf es nicht," die Zahl der Sekten, 
welche jetzt den alten Kirchen gleichgestellt sind, und 
sonach die in den Streit Verflochtenen nur zu mehren ge- 
eignet ist. 

Der Kampf wird um so mehr hervorgerufen werden, als der 
weiter beschlossene Satz: „Keine Religionsgesellschaft genießt 
vor der andern Vorrechte durch den Staat, es besteht fernerhin 

144 



keine Staatskirche," christliche Kirchen und nicht christliche 
Bekenntnisse dem Staat gegenüber einander völlig gleichstellt; 
darnach darf der Staat, der in Deutschland bei der Säkulari- 
sation am Anfang dieses Jahrhunderts ein ungeheures Ver- 
mögen der katholischen Kirche weggenommen, für die katho- 
lische Kirche fernerhin nicht mehr tun, als für das Bekenntnis 
der Juden und der Heiden. 

Nun — die Kirche Gottes könnte diese rechtsschuldige, ma- 
terielle Hilfe gern missen, wenn sie nur die Freiheit im Heilig- 
tum gewänne. 

Allein auch diese wird, wie durch den ersten Satz des § 14, so 
durch den ersten Satz des § 15 verkümmert, welcher bestimmt: 
„Niemand soll zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit 
gezwungen werden." 

Diese Bestimmung will der Kirche das Recht verkürzen, 
welches jeder gewöhnlichen Gesellschaft eignet, das Recht zur 
Verhängung von Gesellschaftsstrafen, hier von Kirchenstrafen, 
welche letztere im allgemeinen nur in Entziehung der Vorteile 
bestehen, welche die Kirche selbst gewährt. Die Mitte und 
strengste der Kirchenstrafen ist die Ausschließung der unver- 
besserlich Ungehorsamen aus der Gemeinschaft ; alle andern 
sind Nachteile, welche der Schuldige, zur Vermeidung der 
Ausschließung, freiwillig übernimmt. 

Gleichwohl wird Böswilligkeit und Unverstand den ersten 
Satz des § 15 anrufen, um die bessernden für die Kir- 
chenzucht unerläßlichen Kirchenstrafen als verboten zu er- 
klären. 

Die in neuester Zeit eingetretene Versäumung der Kirchen- 
zucht hat die Sittlichkeit der Nation tief erschüttert, da die 
Kirche hier in ein Gebiet hinein zu wirken vermag, auf 
welchem der bloß äußerliche Strafzwang des Staates unwirk- 
sam ist. 

Die Selbständigkeit der Kirche ist ferner verletzt durch 
den von der hohen Versammlung angenommenen zweiten Satz 
des § 15: 

Bergsträßer I. lo ^^45 



„Die Form des Eides soll eine für Alle gleichmäßige, an 
kein bestimmtes Religionsbekenntnis gebundene sein." 

Die ganze Gewähr des Eides wurzelt im Glauben an Gott, 
als den allwissenden und allgegenwärtigen Richter, und kam 
erst im Christentum zu ihrer Vollendung. 

Christen, Juden und Heiden können keine gemeinsame Form 
des Eides haben; daß hieße dem Eid seine religiöse Wurzel 
nehmen, und dann ist er eine leere Täuschung, das Werkzeug 
einer gräßlichen sittlichen Entartung. 

Ist durch die von der hohen Versammlung beschlossenen 
§§ 14 und 15 die Selbständigkeit der Kirche verletzt, so ist es 
mit ihr durch den angenommenen § 16 zugleich die öffentliche 
Sittlichkeit der Nation. 

Er lautet: ,,Die bürgerliche Gültigkeit der Ehe ist nur von 
der Vollziehung des Zivilakts abhängig; die kirchliche Trau- 
ung kann erst nach der Vollziehung des Zivilaktes stattfinden. 
Die Religionsverschiedenheit ist kein bürgerliches Ehehin- 
dernis/' 

Die Ehe hat allerdings eine religiöse und eine rechtliche und 
staatliche Seite, die religiöse den Katholiken als Sakrament 
und allen Christen als Einsetzung Gottes; die rechtliche als 
personenrechtlicher Stand, eingehbar durch Vertrag ; die staat- 
liche als Grundlage einer sittlichen Familienordnung. Welche 
Trauung, die kirchliche oder die bürgerliche, die wesentlich 
notwendige sei, das hängt davon ab, welche die religiösen, recht- 
lichen und staatlichen Anforderungen an die Ehe allein oder 
am besten erfülle. 

Nun erfüllt die kirchliche Trauung die religiösen, rechtlichen 
und staatlichen Anforderungen alle ohne Ausnahme, hingegen 
die bürgerliche Trauung erfüllt nicht die religiösen und sitt- 
lichen, ja selbst die rechtlichen und staatlichen nur ungenügend. 
Die kirchliche Trauung hat achtzehn Jahrhunderte zum 
Frommen der Gesittung und zum Segen der Christen- 
heit gewirkt. Jetzt will man aber die kirchliche und die 
bürgerliche Trauung auseinanderreißen, als wenn die Ehe nicht 

146 



eine einheitliche Anstalt wäre, und die hohe Versammlung 
hat nur die- bürgerliche Trauung als wesentlich und notwendig 
vorausgehend, die kirchliche als läßlich und erst nachfolgend 
erklärt. 

Das sittliche Gefühl der Nation weist das entrüstet zurück. 
Man wende nicht ein: das Volk werde nach der bürgerlichen 
Trauung die kirchliche von selber suchen; es vergesse niemand, 
daß, wie der Deutsche in seinem Wesen der gläubigste Mensch 
imter allen Völkern ist, er in der Entartung auch der un- 
gläubigste aller wird. Die Gesetzgebung soll erziehen; der 
deutsche Ernst sollte aber namentlich in unseren Tagen natio- 
naler Erhebung die erst aus dem revolutionären Frank- 
reich eingeschleppte Ehe als Impfe der Ausländerei von sich 
abwehren. 

Mitten unter schmerzlichen Verkümmerungen der deutschen 
Nation im Kreis der Völker hat sie unter allen Stämmen der 
Menschheit ein hohes Leben reiner Sittlichkeit geführt, — eine 
volle Entschädigung für große Verluste der Freiheit, eine 
sichere Gewähr einer großen Zukunft. Die nationale Sittlich- 
keit der Deutschen wurzelt in der Reinheit ihres Familienlebens ; 
das reine deutsche Familienleben aber wurzelt in der Heilig- 
keit der Ehe, dem Heiligtum, das die Kirche baut um den häus- 
lichen Herd. 

In dieses Heiligtum der Ehe schreitet man nicht durch das 
Tor des einer gesetzlichen Gottesleugnung immer mehr ver- 
fallenden Staats, sondern nur durch die Kirche. Es ist ein 
gesundes Gefühl deutscher Nation, welches die bürgerliche Ehe 
als eine staatsgesetzliche Beischläferei verurteilt, und damit 
zugleich die die bürgerliche Ehe einführenden Gesetze und auch 
Ihres richtet. 

Die hohe Versammlung hat im § i6 ferner beschlossen: 
„Die Religionsverschiedenheit ist kein bürgerliches Ehe- 
hindernis." 

Wir halten schon die Ehe unter Christen verschiedener Be- 
kenntnisse für unvollkommen und daher von der Gesetzgebung 

lo* 147 



nicht zu beg-ünstig-en, weil die Erziehung der Kinder, die 
wesentlich eine religiöse ist, bei dem geteilten Glauben der El- 
tern nicht gedeihen kann. 

Die von der hohen Versammlung angenommene Bestimmung 
gestattet aber selbst die Ehe zwischen Christen und Juden und 
andern Ungläubigen, ein gefährlicher Versuch leerer Philan- 
thropie, weil er das Wesen der Ehe und folgeweise die Gesit- 
tung der Gesellschaft opfert. 

Wir geben gern zu, die Bestimmungen der §§15 und 16 
sind strenge Folgerungen- aus der Trennung der Kirche und 
des Staates und der Gleichstellung aller Bekenntnisse ohne Un- 
terschied. Allein wir, die Katholiken des Erzbistums Frei- 
bürg, haben nur die Gleichstellung der christlichen Kirchen 
unter sich, nicht aber die christlichen Kirchen und der 
unchristlichen Bekenntnisse begehrt. 

Wähnte sich aber die hohe Versammlung zu der Gleich- 
stellung der Christen und der Nichtchristen gedrungen, so 
mußte sie als strenge Folge der verkündeten Trennung der 
Kirche vom Staate auch die unbedingte Unabhängigkeit der 
Kirche von der Staatsgewalt aussprechen. Das Eine setzt das 
Andere folgestreng voraus. Und warum sollte die hohe Ver- 
sammlung unserer, der katholischen Kirche, diese unbedingte 
Freiheit verweigern? Etwa weil mit der katholischen Kirche 
in ihrer Freiheit kein anderes Bekenntnis die Mitwerbung im 
Reich der Geister bestehen mag? Das wäre eine demütige 
Furcht. Oder hat die katholische Kirche diese Freiheit nicht 
verdient, sie, welche als große Macht der Sittigung die Welt- 
geschichte segnend durchschritt? Das weiß freilich nur die 
Wissenschaft und anerkennt bloß ein hoher weltgeschichtlicher 
Standpunkt. Wenn nun auch die hohe Versammlung in der 
Mehrheit ihrer Mitglieder solche Betrachtungen nicht an sich 
heranläßt, so ertrage sie doch wenigstens die Logik und den 
Anstand des Rechts! Es ist wahrlich kein billiges Maß, eine 
Kirche mit achtzehn Jahrhunderten Verdienst auf dem Boden 

148 



zu fesseln, und der Frechheit der SektieTerei freie Wucherung 
zu gewähren. 

Die Deutschen sind das Volk des Gewissens, und die Säule 
des Gewissens ist der christliche Glaube. Wer den Glauben 
verletzt, der verletzt, mordet sittlich die Nation. Eitel ist es, 
die Freiheit des Gewissens zu verkünden, wenn man die Frei- 
heit der Kirche, der Erziehung der Gewissen, zerstört. Nicht 
in der Entbindung der Einzelnen sondern in der Sammlung 
Aller zu einer großen sittlichen Einheit ruht die Größe, die 
Freiheit deutscher Nation. 

Der Ruhm des neuesten Umschwungs in unsetn öffentlichen 
Dingen ist der, an die Stelle des bevormundeten Polizei- und 
Beamtenstaats den Rechtsstaat mit seiner freien Bewegung 
aller Kräfte der Nation vorbehaltlich ihrer rechtlichen Ver- 
antwortlichkeit gesetzt zu haben. Und diese Verjüngung sollte 
nicht auch der Kirche Gottes gelten? 

Nein — ein frommes gläubiges Volk von fünfundvierzig 
Millionen gläubiger, erlöster Seelen hat die Versammlung zum 
bürgerlichen Heiligtum der edelsten der Nationen, zum Bau 
einer heiteren großen Zukunft abgeordnet, und diese Vertreter 
sollten das Volk in seinem höchsten Gut, in seiner Gläubigkeit 
nicht vertreten ! — 

Das können, das dürfen wir nicht glauben. Unmöglich dürfen 
wir eine so hoch gestellte Versammlung einer ihrer unwürdigen 
Verfänglichkeit und Zweideutigkeit beschuldigen, so sehr sie 
der erste Satz des § 14 der Grundrechte auch zu bieten scheint. 
Sie wird, sie muß es unter ihrer Würde halten, vor der Nation 
solche Doppelzüngigkeit zu üben. Deswegen bitten wir ehr- 
furchtsvoll die hohe Versammlung um hochgefällige Erläute- 
rung des ersten und zweiten Satzes des § 14 der Grund- 
rechte zur Taschen Beruhigung des durch die erwähnten Be- 
schlüsse hochderselben schmerzlich aufgeregten katholischen 
Volks. 

Wir wünschen, daß die hohe Reichsversammlung offen, un- 
umwunden und voll die Freiheit der Kirche ausspreche, über 

149 



das Verhältnis der Kirche zum Staat nichts der Anordnung" 
der deutschen Einzelstaaten überlasse. Hierfür verlangen wir 
unbedingte Einheit der deutschen Gesetze. 

Unsere katholische Kirche wurde von dem größten bis zum 
kleinsten Staat Deutschlands seit einem Jahrhundert durch ein 
heilloses Schreibertum bedrängt. Die Möglichkeit zu einer 
solchen Mißhandlung muß durch die Reichsverfassung in der 
Wurzel abgeschnitten werden. 

Wir Katholiken ehren und lieben unsern Fürsten, und dulden 
keinerlei Rücksichtslosigkeit gegen ihn, woher sie auch immer 
stamme ; aber wir ehren und lieben auch die Einheit des Reichs 
deutscher Nation. Wir sind treu dem zu bauenden Reich und 
in ihm unserem Fürsten; wir stehen zur deutschen Reichsver- 
sammlung, wenn sie zum Volke steht. In den ergangenen Be- 
schlüssen über das Verhältnis der Kirche zum Staat hat sie aber 
nicht zur deutschen Nation gestanden ; darum ergreifen wir die 
Berufung von der hohen Nationalversammlung an die deutsche 
Nation selbst, und dies sofort nach Hochderselben Beschluß- 
fassung. 

Möge die hohe Versammlung uns deshalb keiner Voreilig- 
keit beschuldigen; wurdeMoch an demselben ii. September 
auf den Antrag des Herrn Schoder von derselben beschlossen, 
eine Reihe von Beschlüssen über die wichtigsten Verfassungs- 
rechte des deutschen Volks durch den Verfassungsausschuß 
zusammenstellen zu lassen, das Ergebnis aber mit den in Folge 
der zweiten Beratung und Abstimmung sich ergebenden Ände- 
rungen ohne Verzug zu verkünden. Bei dem Stand der Ge- 
schäfte und bei dem ernst gebotenen Drang könnte diese Ver- 
kündigung schon in 14 Tagen gescliehen, ehe das katholische 
Volk im Verein mit seinen Oberhirten die Stimme seiner be- 
kümmerten Seele im tiefen Schmerz erhoben hätte. Das darf 
nicht sein. Nein, uns soll nicht das Zuspät, nicht die voll- 
endete Tatsache überraschen. Daher bitten wir unmittelbar 
nach der Kundwerdung der betreffenden Beschlüsse die 
hohe, verfassungsgebende Versammlung dringend und ehr- 

150 



furchtsvollst um eine hochgefällige öffentliche Erläuterung 
über die beiden ersten Sätze des § 14 Artikels III der Grund- 
rechte. 

Sollte aber diese Erläuterung gegen die Freiheit der Kirche 
ausfallen, dann erheben wir in unserem Gewissen, in dem 
Namen unserer Nation, im Namen der dadurch gefährdeten 
Einheit Deutschlands, unserer nationalen Zukunft, im Namen 
des ewigen Gottes gegen die über die Kirche ergangenen Be- 
schlüsse der hohen Versammlung die feierlichste Verwahrung. 

Hochdieselbe hat die Oberherrlichkeit des Volks ja immer 
und einstimmig anerkannt; wohlan, so muß sie denn auch 
wollen, was das Volk will. Das Volk will aber die Freiheit 
der Kirche. Wir, hunderttausend Katholiken des Erzbistums 
Freiburg, haben mit mehreren Hunderttausenden Katholiken, 
mit der stillgebliebenen unendlichen Mehrheit der Katholiken 
deutscher Nation elf Begehren für die Freiheit der Kirche und 
des Unterrichts gestellt, und nicht ein einziges hat die hohe 
Versammlung uns gewährt. 

Wir gehen einer schweren Zeit entgegen. Die hohe Versamm- 
lung — das merke sie sich — tagt auf einem Vulkan. Die 
Würfel können in jeder Stunde fallen. Wie sie aber fallen — 
die hohe Reichsversammlung wird nur stehen, wenn sie zur 
Nation hält; — die Nation selbst aber wird ihre äußeren und 
inneren Feinde und sich selbst nur dann besiegen, wenn sie das 
Heiligtum ihrer höchsten Überzeugungen bewahrt, wenn sie 
mit der christlichen Kirche geht unter der Fahne des nur in 
ihr und in dem erschreckten Gewissen des Volkes thronenden 
Gottes." 

N. in dem Großherzogtum Baden, i6. Sept. 1848 

Im Namen des katholischen Vereins daselbst mit 
. . . Mitgliedern 

Der Vorstand: 
N. N. 
Der Schriftführer: 
N. N." 

151 



D 

An die deutsche Nationalversammlung in 
Frankfurt erließ der katholische Verein 
Deutschlands folgende Verwahrung: 

,,Hohe Reichsversammlung"!*) 

Als der Ruf nach Freiheit durch alle deutschen Gaue erscholl 
und zugleich die Äußerungen falsch verstandener Freiheitsbe- 
griffe anarchische Bewegungen in manchen Teilen Deutsch- 
lands erregt hatten, blickten die Katholiken unseres Vaterlandes 
mit Hoffnung nach der gesetzlich berufenen Versammlung, 
welche die Grundrechte aller Deutschen feststellen, die wahre 
Freiheit gründen, die Anarchie niederdrücken sollte. 

Unter allen Aufgaben der Reichsversammlung war es un- 
streitig die höchste und wichtigste, die Grundzüge religiöser 
Freiheit festzusetzen. 

Die Lösung dieser erhabenen Frage mußte klar, gerecht und 
folgerichtig sein, wenn sie den gespannten Erwartungen vieler 
Millionen entsprechen sollte. 

Die Hohe Reichsversammlung hat diesen billigen Ansprü- 
chen nicht genügt. — Die Entscheidungen sind in bezug auf 
Kirche, Schule, Eigentum von Kirche und Staat nicht klar, 
nicht gerecht, nicht folgerichtig. 

In dem zweiten Abschnitte des § 14 der Grundrechte, lautend: 

,,Jede Religionsgesellschaft (Kirche) bleibt aber, wie 

jede andere Gesellschaft im. Staate, den Staatsgesetzen 

unterworfen." 

ist eine Beschränkung des in dem ersten Abschnitte desselben 

Satzes aufgestellten Rechtes zur selbständigen Ordnung und 

Verwaltung ihrer Angelegenheiten ausgesprochen, welche im 

Hinblick auf die Verwerfung des von dem Herrn Abgeordneten 

Z a c h a r i ä und Genossen formulierten Antrages, auf die 

Verwerfung des Antrages für freie, vom Staate unabhängige 

Bestellung der Kirchendiener, auf die Verwerfung des Antrages 

*) Baß, s. 251. 

152 



für freie Bekanntmachung kirchlicher Erlasse und so weiter 
und so weiter zu der Besorgnis führen muß, daß es fortwäh- 
rend den Staatsbehörden unbenommen bleiben soll, durch ihre 
schon bestehenden und etwa noch zu erlassenden Gesetze in 
das kirchliche Leben und Wirken und dessen segensreiche Ent- 
wickelung, wie bisher, hemmend einzugreifen. 

Schon diese Besorgnis allein reicht hin, das Vertrauen des 
katholischen Volkes zu der hohen Reichsversammlung auf das 
tiefste zu erschüttern. 

Die vollkommen freie und unabhängige Bewegung der 
Kirche in allen Beziehungen auf Lehre, Disziplin, Verfassung, 
ungefährdeten Besitz und sichere Verwaltung des Kirchen-, 
Schul- und Armenvermögens mußte das katholische Volk vor 
allem als den eigentlichen Schlußstein in Aufstellung seiner 
Grundrechte gewährleistet sehen. Das katholische Volk hatte 
sich der Hoffnung hingegeben, hohe Reichsversammlung werde 
es nicht verkennen, daß ohne Sicherstellung dieser höchsten, 
weil geistigen Freiheit, der Zustand des katholischen Volkes 
ein schlimmerer sein müßte, als der materieller Sklaverei. — 
Das katholische Volk sieht mit banger Besorgnis diese seine 
Hoffnung durch die in der fünfundsiebzigsten Sitzung der 
Reichsversammlung am ii. September jüngsthin gefaßten Be- 
schlüsse gefährdet. — Damit das erschütterte Vertrauen zu der 
hohen Reichsversammlung nicht vollends weiche, ist es durch- 
aus notwendig, daß Hochdieselbe durch eine beruhigende Er- 
läuterung des Eingangs erwähnten zweiten Abschnittes des 
ersten Satzes des § 14 der Grundrechte jeder Besorgnis vor 
möglichen Eingriffen staatsgesetzlicher Bestimmung in die 
freie, selbständige, unabhängige Bewegung der Kirche vor- 
beuge. 

Sowohl der Fortbestand vorhandener, als die mögliche Wie- 
derkehr staatsgesetzlicher, die kirchliche Freiheit verletzender 
Normen sind mit dem vorangestellten Grundsatze einer selb- 
ständigen Kirche unverträglich. 

Indem wir die geziemendste Bitte um Gewährung einer 

153 



solchen Erläuterung ehrfurchtsvoll aussprechen, können wir 
nicht umhin, für den Fall, daß solche nicht befriedigend bewil- 
ligt werden möchte, vor den Augen Gottes und des katho- 
lischen Volkes die feierlichste Verwahrung der in den ewigen 
Forderungen der Gerechtigkeit gegründeten Ansprüche, Rechte 
und Freiheiten des Volkes. gegen die Beschlüsse des ii. Sep- 
tembers, wie hiermit geschieht, auszusprechen. 

Eine solche feierliche Verwahrung sehen wir uns schon 
heute gedrungen einzulegen gegen die Art und Weise, wie in 
den Beschlüssen der hohen Versammlung das Verhältnis der 
katholischen Schulen aufgefaßt, oder besser, das naturnotwen- 
dige Verhältnis der Schule zur Kirche geradezu geleugnet 
worden ist. 

Der Kirche ist als solcher die Leitung der Schulen entzogen, 
hingegen die Eigenschaft der Schule als Staatsanstalt dadurch 
ausgesprochen, daß die Schullehrer zu Staatsdienern auf der 
einen Seite erklärt, der Tat nach zu den Dienern der Ge- 
meinden, aber in einer für die letztern beschränkenden Weise, 
ernannt sind. — Die Freiheit des Unterrichts erheischt, daß 
den Familieti, daß den Gemeinden allerdings, als Inbegriff vie- 
ler Familien, die Sorge für die Schule verbleibe. Soll die Frei- 
heit des Unglaubens unbeschränkt walten können, so gestatte 
man der Schule auch die Freiheit des Glaubens. 

Weiter hat das katholische Volk ein unverkennbares Recht 
auf freie Vereinigung und freie Institutionen. — Dieses 
Recht wurde durch Ausnahmebestimmungen in dem Gesetze 
selbst auf eine Weise verkümmert, welche alle wahren Katho- 
liken tief verletzen mußte, da sie eine Herabwürdigung der 
erhabenen katholischen Kirche, dieser Mutter europäischer Ge- 
sittung, in sich schloß. 

Es handelt sich nicht um die Frage, ob die Berufung be- 
stimmter religiöser Genossenschaften in diese oder jene Ge- 
genden und Orte im eigenen Interesse der Kirche liege, sondern 
um einen einseitigen Ausschluß bestehender und von der Kirche 
gutgeheißener Körperschaften von einem Allen, auch den 

?54 



verworfensten, unumschränkt eingeräumten Rechte. Und was 
uns bei dieser von hoher Versammlung beliebten, für die Katho- 
liken Deutschlands schon an und für sich tief kränkenden Aus- 
nahmsmaßregel am peinlichsten berührte, war die Wahrneh- 
mung, daß hohe Versammlung hier eine genauere Prüfung des 
wahren Sachbestandes für so überflüssig betrachten zu dürfen 
glaubte, daß Hochderselben in ihrer Eile sogar der Umstand 
entging, daß der von dem heiligen Alphons von Liguori ge- 
stiftete Orden der Redemptoristen mit dem der Liguorianer nur 
einer und derselbe ist, und daß es somit im vorliegenden Falle 
einer Verbannung von drei katholischen Orden, statt nur von 
zweien, gar nicht bedurft hätte. In der Tat, die hohe Achtung, 
welche wir den gesetzlichen, so ausgezeichnete Männer unter 
sich zählenden Vertretern des deutschen Volkes so gerne zollen, 
verhindert uns, hier die Betrachtungen in ihrer Vollständigkeit 
darzulegen, welche uns ein unter solchen Umständen statt- 
gehabtes Versehen aufdringt, und es kann uns nur dabei die 
Hoffnung beruhigen, hohe Versammlung werde bei der zweiten 
Abstimmung über diesen Gegenstand, durch gänzliche Weg- 
lassung dieser dem Geiste echter Freiheit und: Toleranz -Wider- 
strebenden Ausnahmsmaßregeln, sich selbst und der katho 
lischen Kirche diejenige Genugtuung verschaffen, welche der 
hohen Würde beider entspricht. 

Endlich haben wir auf das schmerzlichste zu beklagen, daß 
in den Verhandlungen über die Unabhängigkeit der Kirche so- 
wohl als über das Verhältnis derselben zur Schule Entstellun- 
gen und Schmähungen der katholischen Kirche, ihrer Institu- 
tionen und Korporationen laut werden konnten, welche die 
edlere Sitte kaum irgendwo, auch der augenfälligsten Igno- 
ranz zugute halten zu sollen, sich bequemen möchte. 

Daß das katholische Volk dergleichen Erscheinungen im 
hohen Rate der Vertreter der deutschen Nation nur mit Ent- 
rüstung vernommen, dies laut und unverhohlen auszusprechen, 
ist uns eine heilige Pflicht. 

155 



Also beschlossen auf der ersten allgemeinen Versammlung 
des katholischen Vereines Deutschlands. 

Mainz, am 6. Oktober 1848. 

Im Auftrage sämtlicher Abgeordneten des kathol. Vereines 
Deutschlands. 
Der Vorsitzende des Mainzer Pius-Vereins, A. F. L e n n i g , 
Moser, Schriftführer." 



1=^6 



über Staat und Kirche 

(1848) 

Rede dos Abgeordneten von Radowitz 

in der Frankfurter Nationalversammlung 
im Auftrage des katholischen Klubs 

Meine Herren ! Ich bin mir bewußt, zu der Betrachtung, die 
uns heute beschäftigt, die Ruhe und Leidenschaftslosigkeit mit- 
zubringen, die sie erheischt. Mag sie den tiefsten Gegensätzen 
verwandt sein, die zwischen uns bestehen, warum sollte es 
einer ernsten und patriotischen Versammlung nicht möglich 
sein, sie außerhalb aller Gehässigkeit zu halten? Wir haben 
allerdings von dieser Stelle hier mannigfache Verletzungen und 
Verdächtigungen vernommen, aber wir werden nicht im glei- 
chen Tone und Geiste fortfahren, das hoffe ich. — Meine 
Herren! Wenn man den Artikel III der Grundrechte vor sich 
hat, so drängt sich sofort die Bemerkung auf, daß er eine Reihe 
von Folgerungen aus dem Prinzip der Unabhängigkeit der 
Kirche vom Staate enthält, ohne dieses Prinzip selbst auszu- 
sprechen. Dies scheint mir bedenklich und schädlich, denn hier- 
durch wird die Forschung nach einem obersten Prinzip hervor- 
gerufen und Interpellationen veranlaßt, für welche kein Anhalt 
gegeben ist. Die Mehrheit des Verfassungs-Ausschusses hat 
ohne Zweifel reiflich erwogen, weshalb sie ihr Werk mit diesem 
Mangel behaftet ließ. Ihre Motive geben drei Gründe dazu an: 
die Besorgnis von konfessionellen Schwierigkeiten, die mög- 
lichen Übergriffe ins Staatsgebiet, und die jetzige Lage der 
protestantischen Kirche. Ich glaube nicht zu irren, meine Her- 
ren, wenn ich zu diesen Gründen noch einen vierten hinzu- 
füge: die Besorgnis, daß den protestantischen Genossenschaften 
aus einer unabhängigen katholischen Kirche Nachteile erwach- 

157 



sen könnten. Erlauben Sie mir, daß ich diesen Bedenken ein- 
zeln nähertrete. — Niemand kann inniger wünschen als ich, 
daß nur unser großes Verfassungswerk von dem Zwist der 
Konfessionen unberührt bleibe. Ich bin lebhaft davon durch- 
drungen, daß hierin eine der obersten Bedingungen für jedes 
Gelingen liegt. Eben darum aber verlange ich, daß der Grund- 
satz der Scheidung jener beiden Gebiete offen und unverhohlen 
an die Spitze gestellt werde. Nur hierdurch kann verhindert 
werden, daß neben den politischen Parteien auch die religiösen 
Parteien in die Schranken treten, innerhalb welcher unser 
Kampf ausgefochten werden muß. Sollte die zweite Besorgnis 
begründeter sein, daß die Befreiung der Religionsgesellschaften 
den Staat größeren Übergriffen aussetzen werde, als bisher? 
Ich wüßte nicht, was sie rechtfertigen sollte. Bei der Sonde- 
rung beider Gebiete wird weder der Staat von seinen Rechten 
aufgeben, noch die Kirche einen Teil dieser Rechte an sich er- 
werben. Es handelt sich lediglich darum, daß der Staat das- 
bisherige Präventivsystem verlasse und hier wie überall sich 
auf das Repressivsystem beschränke, das ihm niemand streitig 
macht. Letzteres aber ist im § 12 vollkommen vorgesehen, der 
alle Verbrechen und Vergehen, die bei Ausübung der kirch- 
lichen Freiheit begangen werden, dem Gesetze überweist. Was 
darüber hinaus liegt, das ist eben jene Polizeihoheit, die Sie 
aus allen Teilen des Staatswesens verbannen wollen. Soll hier 
allein der mögliche Mißbrauch einer Freiheit deren rechtliche 
Anerkennung hindern? Blicken Sie auf Ihren Entwurf der 
Grundrechte, auf die Preßfreiheit, die Redefreiheit, die Frei- 
zügigkeit, das Versammlungsrecht, das Vereinsrecht, die 
Unterrichtsfreiheit ! Sind nicht alle diese Freiheiten der gefähr- 
lichsten Ausartung fähig und haben Sie sich dadurch abhalten 
lassen, das auszusprechen, was Ihnen als notwendige Folgerung 
aus einem obersten Prinzip erschien? — Achtbare Stimmen 
innerhalb und außerhalb des Hauses haben ferner darauf hin- 
gewiesen, daß die Unabhängigkeit der protestantischen Kirche 
vom Staate nicht ohne Gefahr für erstere in völlige Trennung 



übergehen könne. Hier ist zunächst zu bemerken, daß die ge- 
forderte Unabhängigkeit keineswegs eine Trennung der Kirche 
vom Staate in sich schließt. Was konnte die protestantischen 
Genossenschaften im Ganzen oder in einzelnen deutschen Län- 
dern abhalten, den Regierungen gewisse Vollmachten zu ihrem 
eigenen Besten zu übertragen, oder, wie sich ein einsichts- 
voller protestantischer Theologe unlängst ausdrückte, im Inter- 
esse des Friedens, der Einheit. Wenn denn das Bekenntnis, die 
Lehre, der Gottesdienst, die eigentliche Autonomie der Kirche 
den geistlichen Vertretern der Kirche überlassen bliebe, so 
stände doch nichts entgegen, daß den Regierungen ein gewisses 
Schutz- und Aufsichtsrecht, selbst eine Mitwirkung bei der 
Besetzung der Kirchenämter übertragen würde. Nur würden 
diese Befugnisse nicht wie bisher aus einer vorausgesetzten 
bischöflichen Gewalt des Landesherrn fließen, sondern die Frucht 
freiwilliger, selbst revokabler Verträge sein, — Ich muß endlich 
auch der Besorgnis gedenken, daß eine unabhängige katholische 
Kirche dem Prottestantismus Gefahren und Nachteile bereiten 
könne. Entsprungen ist dieser Gedanke wohl zumeist aus 
der Wahrnehmung, daß die Scheidung beider Gebiete von der 
Mehrheit der Katholiken gewünscht und angestrebt wird. Aber, 
meine Herren, sollte es wirklich so stehen, daß, was einer der 
christlichen Kirchen nützlich ist, eben deshalb von der anderen 
zurückgewiesen werden müßte? Nein, so weit ist es gottlob 
mit dieser schmerzlichen Spaltung nicht gediehen, daß jede Seg- 
nung des einen Teiles notwendig zum Unsegen für den andern 
werden müßte! Sollte selbst die Unabhängigkeit der Kirchen 
der katholischen wegen ihrer festeren Organisation größere 
Vorteile versprechen, als der protestantischen, so würde letztere 
dafür doch nicht den Preis zu zahlen haben. Die katholische 
Kirche hat seit einer Reihe von Jahren das sonderbare Schick- 
sal gehabt, von den einen als nahem Tode verfallen angesehen 
zu werden, und gleichzeitig von den andern als maßloser An- 
grifTspläne dringend verdächtig. Allerdings wird sie stets dar- 
nach streben müssen, ihre Lehre auszubreiten. Ist ihr aber 

'59 



hieraus ein Vorwurf zu machen? Hat jede Genossenschaft das 
Recht, ihre Überzeugung- frei zu bekennen, so erwächst ihr 
auch hieraus die Pflicht, sie mit allen erlaubten Mitteln zu ver- 
breiten. Sie befindet sich dazu wenigstens doch in derselben 
rechtlichen Stellung, wie jede politische Partei, denen unsere 
Zeit hierzu die weiteste Bahn eröffnet hat. Aber ich sagte: mit 
allen erlaubten Mitteln; die Schranken sind hier nicht bloß 
durch den äußeren Richter gezogen, sondern auch durch den 
innern, nicht bloß alle ungesetzlichen Mittel, sondern auch alle 
unsittlichen bleiben ausgeschlossen. Würden nun die protestan- 
tischen Religionsgesellschaften durch die beiderseitige Unab- 
hängigkeit wirklich in unabweisliche Nachteile versetzt? Ich 
vermag nicht die Gründe davon einzusehen. Auch sie würden 
ganz ebenso die freie Presse, das freie Vereinsrecht benutzen; 
ja, da sie innigere Beziehungen mit dem Staate einzugehen ver- 
mögen, als die katholische, so würden sie sich eines größeren 
Schutzes und wirksamerer Hilfe zu erfreuen haben. Wie eine 
solche Lage praktisch wirkt, kann an dem «achtzehnjährigen 
Beispiel Belgiens gezeigt werden. Eine Klage belgischer Pro- 
testanten über Übergriffe seitens der unabhängigen und dort so 
übermächtigen katholischen Kirche ist dort, so viel ich weiß, 
nirgends vorgekommen. Ja, als im Jahre 1832 sich in Brüssel 
eine St. Simonistische Gemeinde auftat und die Regierung sie 
als gefährlich unterdrücken wollte, waren es katholische, prie- 
sterliche Deputierte, welche die Freiheit auch dieser religiösen 
Gemeinschaft aufrecht erhielten und durchsetzten. 

Weshalb sollte ich nicht auch das letzte Wort aussprechen! 
Nicht wenige innerhalb und außerhalb des Hauses erblicken in 
der eröffneten Unabhängigkeit der katholischen Kirche eine 
eröffnete Tür, um den Jesuitenorden in Deutschland einzufüh- 
ren. Dieses Schreckbild wirkt auch auf das Urteil in der Haupt- 
frage zurück. Auch diejenigen, welche den Kirchen volle Frei- 
heit gönnen, glauben ihrer besseren Überzeugung Schranken 
setzen zu müssen, um nicht in jene Folgerungen zu geraten. 
Meine Herren, ich trage kein Bedenken, Ihnen ohne allen und 

160 




~^^ii^t^\ 




jeden Rückhalt darzulegen, wie wir die Frage über das Verhält- 
nis des Jesuitenordens zu Deutschland betrachten. (Links 
tinige Unruhe). Es ist Ihnen bekannt, daß die sichtbare katho- 
lische Kirche einen lebendigen Organismus darstellt, der an 
Haupt und Gliedern vollständig geordnet ist. Nur diese Ord- 
nung ist wesentlich und notwendig, alles andere ist vorüber- 
gehend, ist lediglich eine Aushilfe für augenblickliche Zwecke, 
für augenblickliche Bedürfnisse. Nun, meine Herren, der 
Jesuitenorden war im sechzehnten Jahrhundert eine solche Aus- 
hilfe, um augenblicklichen Bedürfnissen der katholischen Kirche 
zu genügen. Es kommt hier durchaus nicht darauf an, diese 
kirchengeschichtlichen Verhältnisse näher darzulegen. Aber 
ich spreche es deutlich und klar aus: ein solches Bedürfnis be- 
steht in Deutschland jetzt in keiner Weise. Der deutsche Epi- 
skopat, der deutsche Klerus bedürfen dieser Hilfe nicht, um 
ihre Aufgabe zu erfüllen, die deutsche Wissenschaft bedarf kei- 
ner Unterstützung dieser Art. (Links Heiterkeit). Der Nutzen, 
welchen man sich aus dem Jesuitenorden für die katholische 
Kirche Deutschlands versprechen könnte, würde daher in gar 
keinem Verhältnisse zu den tiefen Störungen und Gefahren 
stehen, welche seine Gegenwart hervorrufen müßte. Daher, 
meine Herren, ist es weder unser Wunsch, noch weniger unser 
Bestreben, den Jesuitenorden über Deutschland auszubreiten. 
Ja, obgleich wir uns gegen den Antrag erklären müßten, die 
allgemeine Kirchen- und Vereinsfreiheit durch gesetzliche Aus- 
schließung irgend eines Ordens anzutasten, so würden wir den- 
noch, wenn uns von irgend einer Seite der Vorschlag entgegen- 
träte, in irgend einem deutschen Lande den Jesuitenorden ein- 
zuführen, aus höheren Interessen der katholischen Kirche gegen 
die Ausführung eines solchen Planes uns mit vollster Entschie- 
denheit aussprechen. (Unruhe.) Dieses ist unsere offene Erklä- 
rung. (Zuruf: Wer sind wir?) Wir? Meine Herren, ich bin 
zwar nicht verpflichtet, hierauf zu antworten, aber ich stehe 
nicht an, zu erwidern: „Wir sind die unter Ihnen sitzenden 
katholischen Mitglieder, Ihre Kollegen. Ich erwarte denje- 

Berg-sträßer I. n l6l 



nigen, der mit auf diesem Platze widerspricht. Bis daher 
werden Sie aber die Güte haben, zu schweigen und mich zu 
hören. (Beifall auf der einen Seite, Unterbrechung auf der an- 
dern, Unruhe). 

Eisenmann von Nürnberg (vom Platze aus) : Ich bin 
auch Katholik, gehöre aber nicht zu dieser Partei. 

V. R a d o w i t z : Meine Herren ! Wenn ich auf die Reihe 
jener Einwürfe zurückblicke, so kann ich in keinem derselben 
die zwingende Gewalt erkennen, die uns abhalten dürfte, die 
notwendige Unabhängigkeit der Kirche vom Staate auszu- 
sprechen. Denn eine Notwendigkeit ist sie geworden. Hierfür 
erlauben Sie, daß ich Ihre Aufmerksamkeit noch einige Augen- 
blicke in Anspruch nehme, — Das Verhältnis der Kirchengesell- 
schaften zu den Staatsgesellschaften war zu jener Zeit ein 
schwieriges. Wir haben zwar hier die einfache Lösung ver- 
nommen: „Man vernichte die Kirche, man lasse sie im Staate 
aufgehen!" Ich werde mich mit dieser Lösung indessen nicht 
beschäftigen, da sie neben vielen Mängeln auch noch an dem 
krankt, daß sie unmöglich ist. Keine Macht auf Erden ist 
mächtig genug, die katholische, die protestantische Kirche zu 
vernichten, selbst wenn sie hierzu gewissenlos genug wäre. 
(Beifall.) Es ist nicht notwendig, darzulegen, wie, nachdem das • 
Christentum Weltreligion geworden, das Durchdringen der 
beiden großen Gebiete des Daseins erstrebt wurde, und wie 
hieraus der Begriff des christlichen Staates erwuchs. In Byzanz 
zeigte dieser Begriff bekanntlich den einen seiner Pole: die 
Cäsaropapie; im Abendlande oft genug die Erscheinung, daß 
die Kirche sich auch eine weltliche Gewalt zu verschaffen strebte, 
die ihrem Wesen fremd bleiben muß. Ich untersuche nicht,' 
wieviel hierbei in dem Drange der Zeit oder der damaligen 
Gesellschaft lag. Vielleicht würde es sich dabei zeigen, daß die 
Kirche unter dieser aufgedrungenen Rolle nicht minder litt, 
als der Staat. Die Reformation hat auf dieses Verhältnis einen 
tiefgreifenden Einfluß ausgeübt. Wir wissen, daß es nicht in 
der Absicht ihrer Führer lag, die neuen Kirchengenossenschaf- 

162 



ten in die Botmäßigkeit der weltlichen Herrscher gelangen zu 
lassen, aber es geschah aus bekannten Gründen. Auch auf die 
katholischen Staaten Deutschlands hat sich dieses neue Staats- 
kirchenrecht erstreckt, auch dort hat sich das Territorialprin- 
zip mehr oder minder geltend gemacht. Wenn auch die 
concordia imperii et sacerdotii seit der Spaltung der Konfes- 
sionen ein offener Widerspruch wurde, so blieben den Kircheu- 
gesellschaften doch noch zwei Bürgschaften übrig. Die eine 
lag in dem damaligen Staatsprinzip, welches neben der zentra- 
len Staatsgewalt eine Mannigfaltigkeit von sondertümlichen 
Rechtsverhältnissen bestehen ließ und wirksam schützte. Die 
andere in dem christlichen Charakter der Regierungen, den sie 
als Grundlage der Staatsgesetzgebung bekannten. In den 
flrückenden Zeiten, die seit dem westphäli sehen Frieden ver- 
flossen sind, haben die Kirchengesellschaften hierin noch immer 
die notwendigste Hilfe gefunden. Eben diese Bürgschaften 
->ind es aber, die seit geraumer Zeit untergraben, jetzt auch for- 
mell untergegangen sind. Der neue Staat ist absolut, er hat die 
Schranken des gewordenen Rechts und der hierin wurzelnden 
Sonderrechte gebrochen und sich als alleinige Quelle alles des- 
sen hingestellt, was innerhalb seiner Grenzen als Recht gelten 
soll. Gleichzeitig auch hat er den christlichen Charakter ab- 
gelegt, indem er die Gleichberechtigung aller Religionen in 
religiösen Ansichten zum obersten Satze seiner Verfassung 
erhoben hat. Ob man darüber jubelte oder trauerte, darauf 
kommt es nicht an, es ist Tatsache. Dann aber wolle man auch 
die notwendigen Folgerungen nicht abweisen. Man wolle er- 
kennen, daß das bisherige Verhältnis zwischen Kirche und Staat 
vollständig gelöst, seine Fortsetzung unter anderer Form un- 
möglich und eine neue Schöpfung unerläßlich sei. Das ist hier 
unsere Aufgabe. Sie ist es, die keine andere Lösung zuläßt, 
als daß man die Religionsgesellschaften, bestehende wie neue, 
vom Staate unabhängig erkläre und ihnen überlasse, wie andern 
Vereinen, ihre eignen Angelegenheiten zu ordnen. Was jedem 
Vereine, vom kleinsten bis zum größten, durch § 24 gesichert 

163 



ist, seine eigene Gesetzgebung Leitung und Disziplin, das ist 
es, was auch die Religionsgesellschaften fordern und was man 
ihnen nicht ohne offenbarste Ungerechtigkeit vorenthalten 
kann. Nicht mehr und nicht minder! (Mehrere Stimmen von 
der rechten Seite Bravo ! auf der linken Unruhe.) 

(Stenographische Berichte Bd. III, S. 1695. Sitzung am 29. Aug. 1848) 



164 



über die deutsche Frage 

(1849) 

Parlamentsrede von Aag-ust Reichensperger') 

So groß auch das Gewicht ist, welches ich, trotz aller der 
gegenteiligen Versicherungen auf dieser Seite (zur Linken 
gewandt), auf diese hohe Versammlung lege, so kann ich ihr 
doch unmöglich die Macht zutrauen, den Tatsachen und Ver- 
hältnissen zum Trotz etwas zu schaffen. Wo der lebendige 
Keim nicht vorhanden ist, da hilft alle Kunst des Gärtners 
nichts. — Wie ich glaube, daß man durch bloßes Dekret die 
Freiheit einem Volke nicht schenken kann, welches dieselbe 
oder wenigstens ihre Elemente nicht bereits in sich trägt, so 
glaube ich auch, daß man einen Souverän, geschweige denn eine 
Dynastie, einem Volke nicht geben kann, wenn dieselben nicht 
gleichsam naturgemäß aus dem Volke herausgeboren werden. 
Nein, nie und nimmer glaube ich, daß ein Souverän durch eine 
Majorität von ein paar Dutzend Stimmen improvisiert werden 
kann. Eine solche Improvisation würde gleich einer Seifen- 
blase eine Weile vielleicht lustig schillern, dann aber platzen 
und in die Luft aufgehen, woher sie stammte. Warum befindet 
sich England seit vielen Generationen im gedeihlichsten 
Wachsen? Weil seine „glorreiche" Revolution von 1688, wie 
deren neuester Geschichtsschreiber Macaulay sagt, eine konser- 
vative und nicht eine subversive Revolution war, weil sie ge- 
wissenhaft an die unmittelbare Vergangenheit anknüpfte und 
nur das ganz Unerträgliche beseitigte; weil seine Verfassung 
nicht aus der Studierstube stammt, sondern gewachsen ist mitten 
im Leben; weil dort der Gemeingeist fort und fort in natür- 

*) Deutsche Nationalversammlnng in Frankfurt, 18. Januar 1849. Steno- 
graphischer Bericht Bd. VI, S. 4737 ff. 

165 



lieber Triebkraft die Institutionen aus sich herausgebiert von 
welchen die wichtigsten zum Teil nicht einmal schriftlich for- 
muliert sind, die aber so sehr als ein Ergebnis des jedesmaligen 
Bedürfnisse erscheinen, daß man in bezug auf viele kaum sagen 
kann, ob sie die Regel, ob sie die Ausnahme bilden. Wie 
in der physischen Welt der einzelne Mensch nur ein Faktor, 
und zwar nicht eben ein sehr bedeutender ist, so oder mehr 
noch in der sozialen Ordnung; er möge sich nicht vermessen, 
in derselben als Schöpfer, als Urheber auftreten zu wollen ; im 
besten Falle vermag er dann für das bereits wesenhaft vor- 
handene nur den adäquaten Ausdruck zu finden. Ich knüpfe 
an diese Betrachtung die Behauptung, daß der erbliche Kaiser, 
soviel auch davon geredet werden mag, ein Bedürfnis des 
deutschen Volkes nicht ist, wenigstens noch nicht ist, daß er 
noch nicht in dessen Bewußtsein als eine Notwendigkeit lebt. 
Schütteln Sie aber, meine Herren, ja nicht am Baume der Ge- 
schichte, bevor die Frucht reif geworden; an der Erde liegend 
würde sie nimmer reifen. Ja, wenn wir insgesamt, die wir hier 
als Repräsentanten des deutschen Volkes versammelt sind, den 
uns vorgeschlagenen erblichen Kaiser auf das Schild erhöben, 
dann will ich rufen: Es lebe der deutsche Kaiser! mit einer 
knappen Mehrheit von einigen Stimmen ihn auszurufen und 
dazu noch ausgestattet mit einem Suspensivveto, das 
scheint rryr sehr gewagt, mehr als gewagt I — Ich gehe vom 
Allgemeinen zum mehr Konkreten über. Die Verfechter des 
erblichen Kaisertums tragen dabei stets die Krone Preußens 
im Sinne, und Herr Scheller hat sogar keinen Anstand ge- 
nommen, es unumwunden auszusprechen, daß er nur in dem 
Falle für den erblichen Kaiser sei, wenn der König von Preußen 
dazu ausersehen werde. Gewiß ist das viel Ehre für uns 
Preußen, und ich danke vor allem bestens meinerseits für die 
unserem Fürstenhause zugedachte Ehre. Es ergibt sich aber 
dabei die Frage, ob diese Ehre nicht allzu teuer erkauft sein 
würde, und diese Frage glaube ich bejahen zu müssen. Fast 
alle Verfechter des fraglichen Plans sind darin einverstanden, 

i66 



daß die preußische Einheit zu Grunde gehen müsse, wenn die 
deutsche Einheit aus ihr erstehen solle. Sie geben zu, daß eine 
Nationalversamlung in Berlin neben einer Nationalversamm- 
lung in Frankfurt unmöglich tagen könne. Sie schlagen daher 
vor, Preußen in seine Provinzen zu zerschlagen, oder wie der 
Kunstausdruck lautet: „In Deutschland aufgehen zu lassen". 
Ich für meinen Teil hege die Überzeugung, daß viele Altpreußen 
mit mir dem Neupreußen, die Ansicht teilen, daß ein solches Ex- 
periment ein überaus gefährliches wäre, daß, wenn man einmal 
mit demselben begonnen hätte, ein Weg betreten sei, auf dem 
ein Umkehren nicht mehr möglich ist. Ich fürchte allen Ernstes, 
Preußen könnte das Schicksal jenes Greisen erleben, der, wie 
die Volkssage berichtet, um sich zu verjüngen, sieb zerhacken 
und in einen Zauberkessel werfen ließ. Der Zauber versagte; dem 
Zerhackten wurde nicht bloß nicht die gehoffte ewige Jugend zu- 
teil ; er hatte auch außerdem noch das Leben eingebüßt. Unter 
denjenigen Argumenten, welche man vorzugsweise für den 
preußischen Erbkaiser anführt, gehört das Gewicht der öffent- 
lichen Meinung. Man sagt, dieselbe habe sich auf das Entschie- 
denste für den Plan ausgesprochen und müsse schon für sich 
allein maßgebend sein. Ich glaube fürs erste nicht, daß sie sich 
wirklich in solcher Weise ausgesprochen hat. Abgesehen aber 
davon, erinnere ich daran, wie diese sogenannte öffentliche Mei- 
nung in der dänischen Waffenstillstandssache so plötzlich zu Fall 
gekommen ist; ich erinnere an ihre neuliche wilde Jagd auf das 
Ministerium Brandenburg; ich erinnere daran, wie die öffent- 
liche Meinung, nachdem sie in Frankreich vor wenigen Monaten 
noch erst der Republik zugejauchzt, in den letzten Tagen eine 
Verschwörung von sechs Millionen Franzosen gegen Cavaignac 
organisierte, und warum?, weil er, wie selbst seine Gegner zu- 
geben, der honetteste unter den Republikanern ist ! Herr Basser- 
mann hat sich dieses Beispiels zugunsten seiner Argumentation 
bedient. Mir scheint es jedoch, daß es in seinem Munde zu- 
viel beweist, wenn es nicht gar gegen ihn spricht. Sollte oder, 
könnte es sich wirklich begeben, daß sein erblicher Kaiser so 

167 



aller Sympathien bar dastünde, so wurzellos, in der öffentlichen 
Meinung, wie Lamartine in Frankreich, so sähe es doch wahrlich 
schlecht aus um diesen Kaiser, trotz aller Erblichkeit und 
äußerer Macht ! Ich reihe an diese Bemerkung noch eine andere, 
gleichfalls durch Herrn Bassermann veranlaßte an. Herr 
Bassermann hat uns auf die Königswahl in Belgien aufmerk- 
sam gemacht, und hieraus ein für sein System günstiges Argu- 
ment herleiten zu können geglaubt. So entschieden ich auch 
im wesentlichen zu der konstitutionellen Staatsreform mich be- 
kenne, so glaube ich doch, daß nichts gefährlicher sein kann, 
als diese konstitutionelle Schablone auf die Verhältnisse von 
Deutschland anwenden zu wollen, dieselben nach ihr zu- 
schneiden zu wollen. Nichts ist mißlicher, als die konstitutio- 
nellen Einrichtungen Belgiens für die himmelweit verschiedenen 
Verhältnisse unseres Vaterlandes irgendwie als Norm aufzu- 
stellen. — Man sagt ferner zur Unterstützung der Erbmonarchie, 
ein Direktorium führe uns geradeswegs zurück, zurück zum 
alten Bundestage. Die Wahlmonarchie aber habe Deutschland 
schon einmal zerrissen und öffne der Intrigue wie der Beste- 
chung Tür und Tor. Es ist ein gewöhnlicher dialektischer Kunst- 
griff, daß man die Gründe des Gegners künstlich und gewaltsam 
auf die Spitze treibt, um selbige dann desto besser abbrechen 
zu können. Ich glaube, daß man auch hier von diesem dialekti- 
schen Fechterstreiche Gebrauch gemacht hat. Es grenzt wirk- 
lich ans Wunderbare, wie man es wagen kann, uns hier die 
Gestalten der sieben Kurfürsten zu zitieren, um der Wahl- 
monarchie den Todesstoß zu geben ! Was aber die noch in Aus- 
sicht gestellten Intriguen oder gar Bestechungen betrifft, so 
möchte ich doch fragen, ob in unserer Versammlung, die gewiß 
weit größeres und wichtigeres zu tun hat, indem, sie nicht nur 
das Oberhaupt, sondern die ganze Verfassung, worauf es ruht, 
bestimmen soll, sich solche Intriguen und Bestechungen gel- 
tend gemacht haben? Wenn aber wir uns frei und rein davon 
zu halten wußten, so dürfen wir unseren Nachfolgern doch 
wohl auch nichts Schlimmeres zutrauen ! Ich dächte, dieses 

i68 



Argument sollte man ein für allemal aus der Liste streichen. 
Mit einem Direktorium aber soll also der alte Bundestag wieder 
entstehen, dieser achtunddreißigköpfige Bundestag, worin jeder 
Kopf sein Veto zu üben hatte. Ich begreife ebensowenig, wie 
man hier noch einmal diese so oft schon zur Erde bestattete 
Leiche uns hier vorführen kann, wie man vergessen kann, was 
wir selbst mittlerweile alles geschafft haben, was, so Gott will, 
im wesentlichen wenigstens uns erhalten bleiben wird, wie man 
übersehen kann, daß neben dem Direktorium, wenn es ge- 
schaffenwerden sollte, ein Reichsrat, ein Staatenhaus, ein Reichs- 
gericht, ein Volkshaus und noch manche andere Garantie für 
die Einheit und Freiheit Deutschlands bestehen würde! Kann 
man da wirklich noch im Ernste ein Auferstehen des Bundes- 
tages in seiner alten Form befürchten? Ähnelt dieses Direk- 
torium auch nur dem alten Bundestage? Nein, es ähnelt ihm 
nicht, und eben deshalb, behaupte ich, würde es auch nicht „zu 
Schanden werden". Auch ich, meine Herren, will den Bundes- 
staat. Das Wesen des Bundesstaates aber ist meiner Über- 
zeugung nach gerettet, wenn eine konzentrierte Gewalt vor- 
steht, wenn das Veto einer einzelnen Regierung diese Gewalt 
nicht hemmen kann und wenn neben ihr feste Institutionen 
zur Sicherung der Volksrechte bestehen. Im Übrigen ist der 
Bundesstaat, wie uns Herr Dahlmann in seinem Neujahrs- 
wunsche gesagt hat : „Ein Staatswesen von der mannigfaltigsten 
Dehnbarkeit." Nun wohl, meine Herren, dehnen wir ihn so, 
daß alle deutschen Stämme sich in demselben behaglich fühlen 
und vor allem auch Österreich Platz darin finden kann! Herr 
Bassermann hat gesagt, wenn es nach den neuesten Beschlüssen 
und dem, was bei der gegenwärtigen Sachlage zu erwarten steht, 
auch scheine, daß Österreich zurzeit nicht eintreten werde, so sei 
ihm doch darum die Tür nicht verschlossen. Machen Sie sich 
oder uns darüber keine Illusionen, meine Herren: wenn wir 
das jetzt vorgeschlagene System annehmen, so ist die Türe ver- 
schlossen, der preußische Erbkaiser schließt für Österreich un- 
widerruflich und auf immer zu! Meine Herren! Die Einheit, 

169 



führt man noch gegen uns an, sei außer der Erbmonarchie auf 
das allerbedenklichste bedroht, ohne Einheit aber gebe es keine 
Freiheit. Vor allem muß ich hier bemerken, daß Einheit in 
politischen Verhältnissen ein gar relativer Begriff ist. Der 
Bundesstaat ist doch wahrlich auch keine Einheit! Hat die 
Einheit einen so absoluten unbedingten Wert, so begreife ich 
nicht, warum der Verfassungsausschuß, wie es ihm ja so oft 
angeraten worden ist, nicht tabula rasa ä la franqaise gemacht 
hat, warum er nicht ganz Deutschland in eine Hauptstadt kon- 
zentriert hat, von der aus alles dirigiert würde, wie von Paris 
aus ganz Frankreich, Man muß daher wohl' immer die Frage 
stellen, inwieweit die deutschen Verhältnisse mit den Verhält- 
nissen solcher einheitlich gestalteten Länder übereinstimmen, 
wie weit man nach diesen Verhältnissen einer Forderung der 
Einheit wie der Freiheit nachgeben kann, damit das Einzelne 
neben dem Ganzen zu bestehen und gedeihlich sich zu entwickeln 
vermag. Mit dem bloßen Worte Einheit ist daher ebensowenig 
entschieden, als mit dem Worte Freiheit alles über den Haufen 
geworfen werden kann, was dieselbe in irgend einer Weise 
beschränkt. Meine Herren ! Es gibt auch in der Einheit Stufen ! 
Überspringen wir mehrere Stufen, so könnten wir gar leicht zu 
Fall kommen, — Endlich wirft man uns auch noch das 
Schreckenswort Republik entgegen und denkt, wenn die übrigen 
Popanze, die sieben Kurfürsten und der alte Bundestag, ihre 
Wirkung etwa verfehlen sollten, so müßte doch jedenfalls die 
Republik uns Konservative dem erblichen Kaiser in die Arme 
scheuchen. In der Theorie kann ich mich fürs Erste so ganz 
unbedingt nicht gegen die Republik erklären ; es gibt und hat 
ganz neuerlich eine Zeit gegeben, wo uns die einheimischen Re- 
publikaner bald dahin gebracht hätten, bei anderen Republikanern 
jenseits des Meeres Schutz zu suchen. Ich bin aber überzeugt, 
daß man der Republik, und zwar nicht der zahmen, der „k ü h - 
len Laube" des Herrn Schüler, sondern der wilden, 
der roten Republik eine Gasse bahnen würde, wenn man gewalt- 
sam alles nach dem erblichen Kaiser hindrängte, daß dann viel- 

170 



leicht sehr bald schon diese Spitze herabgeworfen sein würde, 
wo dann nur die Anarchie an die Stelle treten könnte. — Auch 
von den konfessionellen Verhältnissen ist hier die Rede ge- 
wesen. Man hat teilweise geglaubt, oder doch zu glauben 
sich den Anschein gegeben, als ob dieses Moment zu gewissen 
Parteibildungen der letzten Zeit zunächst der Anlaß gewesen 
wäre. Ich trage kein Bedenken, in dieser Hinsicht meine 
Überzeugung unumwunden auszusprechen; ich glaube, daß 
wir uns nicht bloß die Wahrheit, sondern die ganze Wahr- 
heit schuldig sind. Die konfessionellen Gegensätze, meine 
Herren, sind Tatsachen, denen gegenüber kein Ignorieren oder 
Vertuschen etwas hilft, und wollte man sie selbst ignorieren, 
so wird einem das unmöglich gemacht, wenn man gewisse 
norddeutsche Blätter liest, in denen Sie noch ganz andere Aus- 
fälle finden können, als das eine, isolierte, allerdings überderbe 
Wort von Görres, welches Herr Bassermann, aus dem Zu- 
sammenhange gerissen, zuvor anführte. Eine gesunde Politik 
wird jene Tatsachen aber um so sorglicher berücksichtigen, 
weil sie die zarteste und verletzbarste Seite des Volksbewußt- 
seins darstellen oder doch berühren. Wohl mögen viele glauben, 
es sei das alles Vorurteil, welches der fortschreitenden Bil- 
dung und Aufklärung weichen werde. Aber, meine Herren, 
es gibt auch noch viele andere, und diese anderen haben ein 
Recht darauf, berücksichtigt zu werden, welche in einer posi- 
tiven Religion, nicht in einem bloß allgemeinen instinktmäßigen 
religiösen Drange, den Grundpfeiler der bürgerlichen Ordnung, 
sowie die sicherste, wenn nicht einzige Gewähr für die 
Zivilisation und deren Güter erblicken. Diese aber haben eine 
sehr begründete Veranlassung, bei jeder Neuerung, bei jeder 
staatlichen Einrichtung zu fragen, welches Verhältnis dieselbe 
zu ihrer Religion, ihrer Kirche einnimmt. Wie besagt, wer das 
engherzig nennt, und als solches vornehm bei Seite liegen 
lassen will, dem erwidere ich, daß er keinen Begriff, ja keine 
Ahnung von der Größe einer Idee hat, welche alle Länder und 
alle Zeiten umfaßt, deren Ausdruck, die Kirche, allen Stürmen 

171 



und allen Verfolgungen seit achtzehn Jahrhunderten Trotz ge- 
boten hat. Daß man nun von diesem Gesichtspunkte aus eine 
Suprematie des Nordens über den katholischen Süden nicht 
mit ganz gleichgültigem Blick ansieht, zumal wenn noch 13 -Mil- 
lionen Österreicher ausscheiden sollten, das versteht sich wohl 
von selbst, und braucht nicht von mir besonders hervorgehoben 
zu werden. Die Beispiele von Bedrückung der Minorität durch 
die Majorität in religiösen Angelegenheiten liegen uns noch 
viel zu nahe, als daß nicht eine gewisse ängstliche Besorgnis 
noch geblieben sein sollte. Die ausdrücklichsten Stipulationen 
der Bundesakte, ich erwidere dies auf das, was Herr Stahl ge- 
sagft hat, haben in der Schweiz die übermächtigen Kantone 
nicht verhindert, unter allerhand Vorwänden die tnindermäch- 
tigen katholischen Kantone um ihrer religiösen Einrichtungen 
willen niederzuwerfen und ihr Unterdrückungswerk endlich 
durch die Plünderung und Konfiskation des Hospizes auf dem 
St. Bernhard würdig zu krönen! So ist es, ich weiß es wohl, 
daß es an Phrasen und Vorwänden für derartige Unterneh- 
mungen niemals fehlt; man behauptet bloß, man stehe auf der 
vSeite der Humanität, der Aufklärung, des Fortschrittes und 
hat damit alles gerechtfertigt. Aber gerade, weil diese Vor- 
wände so nahe liegen, und weil weiter in unserer Zeit die abso- 
lute Herrschaft der Majoritäten sich immer mehr geltend macht, 
gerade deshalb halten sehr viele es für dringend nötig, daß mit 
dem guten positiven Rechte auch eine materielle Macht ver- 
bunden sei, auf welche es im Notfalle sich lehnen könne. Ich 
für meinen Teil bin weit entfernt, eine drohende Gefahr für 
Deutschland zu erblicken, daß hier im Geiste des Schweizer 
Radikalismus verfahren werden möchte. Weit mehr als auf 
die preußische Verfassung aber und als auf die Satzungen der 
Grundrechte baue ich auf den Geist der wahren Duldung, die 
zu achten weiß, was anderen heilig ist, und auf den Geist der 
Billigkeit, welcher von Tag zu Tag fortschreitet und sich auch 
in dieser Versammlung bereits auf eine höchst erfreuliche Weise 
kundgegeben hat. Allein das darf uns doch nicht abhalten, 

172 



vorsichtig alles zu vermeiden, was auf dem religiösen Gebiete 
dem Glauben, es werde die Suprematie einer Religionspartei be- 
günstigt, irgend wie Vorschub leisten könnte ; gar leicht 
aber würde sich dieser Glaube in das katholische Deutschland 
eindrängen, wenn man in übereilter Weise ein Hauptgewicht 
in die Wagschale der einen Konfession legen wollte. Die kon- 
fessionellen Unterschiede beschränken sich übrigens keines- 
wegs auf ein paar Katechismussätze, wie vielleicht mancher 
glauben mag, sie greifen unendlich weiter, sie wurzeln unend- 
lich tiefer, es hängt damit die Geistesrichtung, die ganze An- 
schauungsweise, das innerste Leben und Bewußtsein der Völker 
zusammen; deswegen muß man doppelt vorsichtig verfahren, 
wenn man auf diesem Gebiete Befürchtungen zu wecken im 
Begriffe steht. Ein Volk,, welches für seinen Glauben fürchtet, 
fürchtet damit für sein eigenstes innerstes Sein und Wesen, wie es 
dasselbe auch mit seinem Glauben einbüßt. Nach allem Diesem, 
glaube ich, einem Direktorium, ungefähr in der Art, wie Herr 
von Rotenhan uns vorgeschlagen hat, unter den obwaltenden 
Verhältnissen den Vorzug geben zu müssen. — Ich lege um 
so w^enrger Gewicht auf die einzelnen Modalitäten, als ich der 
Überzeugung bin, daß wir nach der ersten Lesung unseres Ver- 
fassungswerkes das Produkt desselben, namentlich aber den 
hier in Frage stehenden Abschnitt, den Regierungen vorzulegen 
haben, nicht damit sie statt unser — denn dies ist und bleibt 
Sache der verfassunggebenden Reichsversammlunf — den de- 
finitiven Ausspruch tun, wohl aber, damit wir >on ihnen, in 
welchen ich die Repräsentanten der betreffenden Volksstämme 
erblicke, ihre Ansichten und Wünsche hören, um dieselben nach 
Möglichkeit zu berücksichtigen. Je breiter aber die Basis des 
Projektes ist, desto eher kann eine Einigung unter den Regie- 
rungen sowohl als unter den Stämmen, welche sie vertreten, 
stattfinden. Wenn dann alle Stämme, oder doch die bedeu- 
tendsten unter ihnen, sich dahin einigen, daß ein preußischer 
Erbkaiser an die Spitze gestellt werden solle, so werde ich 
wahrlich der Letzte sein, der dagegen etwas einzuwenden hat. 

^7?> 



Es ist aber jedenfalls viel leichter, bei der zweiten Lesung vom 
Direktorium zum Erbkaiser hinauf, als umgekehrt vom Erb- 
kaiser zum Direktorium oder einer ähnlichen Institution, die 
vielleicht durch die Macht der Tatsachen, durch die Verhältnisse 
als notwendig sich herausstellen möchte, hinabzusteigen. Lassen 
Sie sich, meine Herren, frühere Vorgänge zur Warnung in dieser 
Beziehung gereichen. Als wir hier über die Paragraphen 2 und 3 
verhandelten, sagte man uns von allen Seiten, es wäre das nur 
ein Projekt, der Berichterstatter des Ausschusses erklärte uns 
nicht ein- und zweimal, sondern fünfmal, in mehr oder weniger 
direkten Ausdrucke!^ daß diese Paragraphen nur die Grund- 
lage zur Unterhandlung mit Österreich bilden sollten, und nun, 
nachdem dieselben votiert sind, was ergibt sich nun? In alle 
Welt redet und schreit man hinaus, ja sogair in offiziellen Akten- 
stücken aus der höchsten Sphäre des Reiches wird behauptet, 
es sei durchaus nicht anzunehmen, daß die Versammlung von 
den Paragraphen 2 und 3 lassen könne, das könne man uns 
unmöglich zumuten, kurz diese Paragraphen 2 und 3 werden be- 
reits wie eine Art von Dogma behandelt, ganz so, als ob die 
zweite Lesung eine reine Formalität sei ; man gibt sie gewisser- 
maßen als Grundsteine des Verfassungswerkes aus und baut 
darauf richtig weiter. Sie sind einmal in diese Falle gegangen, 
nehmen Sie sich in acht, daß es nicht zum zweiten Male ge- 
schieht. Überhaupt scheint es mir, als ob der Verfassungs- 
ausschuß - - mit aller Hochachtung im übrigen von den ge- 
lehrtet H errn, die ihn bilden, gesprochen ! — seine Mission 
zum Teil verfehlt habe. Statt sein Werk möglichst dem Tat- 
sächlichen, wie es einmal vorliegt, den Verhältnissen des Landes 
anzupassen, hat er sich wie ein orthopädisches Institut konsti- 
tuiert, er hat sich ans Ziehen, ans Recken, ans Strecken und 
ans Foltern gemacht, damit um den schönen idealen Leib ein 
kunstgerechtes Gewand sich werfen lasse ; aber der Verfassungs- 
Ausschuß hat dabei vergessen, daß derartige Kuren in einem 
gewissen Alter und bei einer gewissen Konstitution des Pa- 
tienten gefährlich, ja sogar lebensgefährlich sind. Meine 

174 



Herren! Noch ist es Zeit, umzukehren; tun Sie *s, selbst auf 
die Gefahr hin, nicht bloß zwei, sondern zwanzig Paragraphen 
und noch mehr von unserem Verfassungswerk auszuschneiden 
oder umzubilden, andernfalls bin ich sehr bange, daß, wenn wir 
nach Hause kommen, wir allerdings etwas recht schönes 
Schwatzes auf Weißes mitbringen, daß es damit aber geradezu 
sein Bewenden hat. Insbesondere aber sehen Sie zu, ob die 
Massen recht homogen und im Flusse sind, aus denen Sie Ihr 
Kaiserbild gießen wollen. Sind sie nicht homogen und 
flüssig genug, und ich bezweifle dies, so möchte es sich leicht 
ergeben, daß über dem Gusse die Form zerplatzt und das 
flüssige Metall sich über das Vaterland ergießt. Ich aber 
rufe: Gott bewahr das Haus! 



i7S 



Die deutsche Einheit 

und die Preussenliebe 

(1849) 

Von Dr. F. J. Büß 

Aber Sie mögen es mir glauben oder nicht, in der so ungläu- 
bigen und glaubensgleichgültigen Paulskirche war der Kampf 
über die Oberhauptsfrage von Seiten der Mehrheit vorherr- 
schend ein konfessioneller. Ich habe es offen auf der 
Tribüne ausgesprochen, und die gereizte Art, mit welcher 
man mir geantwortet, hat mir gezeigt, daß ich die Wunde be- 
rührt hatte. Und auch in dem jetzigen Stand der Frage beherrscht 
dieses Moment die Protestanten viel mächtiger, als uns Katho- 
liiken; aber daß wir, die wir unter dem Bund durch die Be- 
günstigung der fast ausschließlich protestantischen Klein- 
staaten ohne Rücksicht auf die Zahl der Bevölkerung bei fast 
drei Fünftel katholisch :r Bevölkerung nur ein Viertel Stimmen 
hatten, jetzt wieder aus falscher konfessioneller Demut und 
wahrer Feigheit in die Lage der Minderheit uns herabdrücken 
lassen sollten, das ist bei Gott zu viel uns zugemutet. 

Wir haben nie Fehde gegen das protestantische Volk, sondern 
stets nur gegen uns Katholiken protestantisierende Regierungen 
geführt, solang sie für die Katholiken Sklavenhalter gewesen. 
Jetzt, wo die Freiheit der Kirche verfassungsmäßig verkündet, 
wenn auch praktisch noch gar nicht durchgeführt ist, fällt auch 
diese Klippe der Einigung weg. Die Kirchen haben jetzt freie 
Bahn: Ehre jener, welche der Menschheit am meisten nützt! 
Unter gemeinsamer Freiheit kein Streit, nur Wettstreit, zwi- 
schen Katholiken und Protestanten mehr! 

Wir haben keinen Haß gegen Preußen, wir haben aber, so 

176 



gern wir l^reußen seinen Wert und seine Ehre lassen, objektive 
CiTÜnde gegen Preußens Oberhauptschaft. 

Wir haben von ihr keine Gewähren für unsere religiösen 
Interessen; denn eine Regierung, welche die Freiheit der katho- 
lischen und der eigenen protestantischen Kirche so feindselig 
verfolgt hat, wie die preußische, wechselt über Nacht das Sy- 
stem, das feste, nicht, wenn auch die Gerechtigkeit des Königs 
iiim vorübergehende Zugeständnisse abtrotzt. 

Wir haben keine Gewähren für die Reinerhaltung unserer 
Schulen: eine Regierung, wie die preußische, welche eine so 
peinliche Schulpolizei geübt und dennoch alle ihre Schulen von 
Unglauben und Hegelei anfressen gelassen, beruhigt uns nicht. 

Wir haben keine Gewähr für die Verfassung des Reichs: eine 
Regierung, die erklärt hat, es soll kein Fetzen Papier störend 
zwischen den König und das Volk treten und später, der ge- 
rechten Forderung des Volks entsprechend, doch eine ver- 
briefte Verfassung oktroyiert, und das Oktroyierte wieder um- 
oktroyiert, weiß entweder nicht, was sie gibt, oder sie achtet 
das Gewährte nicht. 

Wir haben keine Garantie für die Ehre, Würde, Größe 
r!es Vaterlandes, wenn diese Opfer von der reichsvor- 
-tändlichen Monarchie fordern. Eine Regierung, welche im 
Jahre 1795 schon des deutschen Reiches Freiheit und Ehre aus 
Selbstsucht durch den Abschluß des Baseler Friedens und durch 
die Ziehung der Demarkationslinie an den Reichsfeind hingab, 
und welche im Jahre 1848 die Ehre des wieder geeinigten 
großen Deutschlands durch den Malmöer Waffenstillstand und 
den noch demütigenderen vom 10. Juli dieses Jahres an das 
kleine Dänemark überantwortet, weil Preußen für Deutschland 
die Opfer der Sperrung seines Handels nicht ferner bringen 
wollte, hat bewiesen, daß ihr die dem Reichsoberhaupt an- 
stehende Hingebung für das Gesamtvaterland nicht eignet. 

Wir haben aber auch keine Gewährung für die rechtmäßigen 
Sonderinteressen der einzelnen Stämme. Die preußische Regie- 
rung hat den Regierungsgrundsatz: alles sich anzugleichen 

Hergstriißer 1. i.; I77 



und anzuorganisieren; selbst die Sprache findet da keine Scho- 
nung; mit der so zentralisierten Reichsverfassung, wie sie 
Preußen oktroyiert hat, wären die rechtmäßigsten Sonderinter- 
essen der deutschen Stämme gefährdet. 

Mit dem Ausschluß Österreichs sind uns Süddeutschen aber 
alle festen Stellungen der Kriegsverteidigung entzogen: wir 
sind schutzlos dem deutschen Erbfeind bloßgestellt: die preu- 
ßischen Festungen und die preußischen Heere, in Reichskosten 
stehend, nützten uns nichts. An Österreich aber, unserm Boll- 
werk, finden wir später einen, durch die natürlichsten Vesten 
begünstigten Feind, der stets aus dem gleichgültigen Freund 
erwächst. 

Überhaupt ist aber unser ganzes süddeutsches Wesen gegen 
das Preußentum natürlich gestimmt. Wir sind gewohnt, und 
mit uns der Österreicher, uns gehen zu lassen: wir bleiben 
auch in der Kultur natürliche Menschen. Bei dem Preußen ist 
alles gemacht, gespreizt, er ist ewig auf der Parade, im Schlaf- 
rock macht er Dienst. Auch ekelt uns die ewige Selbstvergötte- 
rung der Preußen, wie wir Badener in neuestem Tag sie er- 
fahren. 

In wirtschaftlicher Beziehung finden wir im Anschluß an 
Preußen, wie uns der Zollverein so lange belehrt, nur eine Hem- 
mung unserer jungen Industrie, die von Preußen den Inter- 
essen des norddeutschen Freihandels und seinem eigenen ge- 
opfert wird. In Österreich, das sich nach Ungarns Besiegung 
und nach uns gegebenem Versprechen dem Zollverein an- 
schließt, finden wir dagegen für unsere entwicklungsreiche 
Industrie Absatz und für unsere Übervölkerung in dem frucht- 
baren Ungarn und andern Provinzen des Kaiserstaats wohl- 
feile, durch Reisekosten nicht verteuerte Niederlassung. 

Gingen wir aber in d'en preußischen Sonderbund ohne Öster- 
reich ein, so wären wir Süddeutsche, die schon durch die Frank- 
furter Reichsyerfassung und durch die Dreikönigeverfassung 
im Stimmenverhältnis Verkürzten, der norddeutschen Mehrheit 
als geltungslose Minderheit zur steten Beute verfallen. 

178 



Von der Union zwischen dem so sich nennenden deutschen 
Reich und zwischen dem weitern Bunde, dem verwundbarsten 
Teil des preußischen Plans, spreche ich gar nicht; so etwas ist 
eine politische Unmöglichkeit und es gehört eben so viele 
.NTaivität der Herrschsucht dazu, so etwas zu bieten, als Selbst- 
wegwerfung dazu gehören würde, sich so etwas bieten zu 
lassen. 

Und das wäre also das große Vaterland, das die Nation im 
vorigen und im laufenden Jahr geträumt! 

Mit siebzig Millionen wären wir Deutschen die Herren der 
Welt: w'ir trügen die Schlüssel zum Tempel des Janus: Die 
X'ation, welche zur Zeit ihrer Entwürdigung nur noch das Vor- 
recht hatte, den andern Völkern Handwerksburschen, Bediente 
Lind Hofmeister zu liefern, und in Allerweltsgelehrten die No- 
tare für fremden Ruhm, erstände inmitten der Bildung der 
neuesten Zeit wieder als erneuertes Reich Karls des Großen, 
Und dessen sollen wir verlustig -werden, weil es einen Staat ge- 
lüstet, unsere Lage in Selbstsucht zu nützen. Ewig wird es eine 
Anklage gegen Preußen bleiben, daß es die Not Österreichs, 
die Verlegenheiten der kleineren Staaten für sein Wachstum 
hat ausbeuten wollen. Nein — das ist und bringt Unsegen dem 
preußischen Volk, das gew^iß nicht diese Schädigung seiner 
deutschen Brüder wall, und der deutschen Nation, welche solche 
Zumutungen von sich abzuwehren weiß. 

(Aus der Flugschrift gleichen Titels, Stuttgart 1849, S. 32 ff. [Wentzckes 
Bibliographie Nr. 851]) 



I7Q 



Hundert Schlagworte 
zurVerlassungspolitik derZukunit 

(Auszüge) 
(1851) 

Von Carl Ernst J a r c k e 

23. Monarchie oder Republik? 

Wer heute in Europa die Gesellschaft retten will, muß die 
Monarchie retten. Die Republik ist keine Verfassungsform 
für unsere Zeit, und dies zwar, weil es keine Republikaner 
gibt. Es gibt aber keine Republikaner, weil der individuelle 
Egoismus durchgängig den Korporationsgeist erstickt hat. 

34. Statistik der Revolution 
Die Vaterschaft der deutschen Revolution gehört zur größern 
Hälfte def Beamtenwelt, welche, durch Rationalismus und falsche 
Staatslehre auf die Republik dressiert, sich schlechterdings 
nicht in den Gedanken finden konnte, daß der Beamte Diener 
seines Fürsten sei. In die andere Hälfte haben brotlose Lite- 
raten und literarische Juden, talentvolle antichristliche Poeten, 
verbildete Handwerksburschen, viele Ärzte, viele Professoren 
und Gymnasiallehrer, viele rationalistische Prediger, einige ab- 
trünnige katholische Priester, die Mehrheit der Buchhändler 
und eine Legion Dorfschullehrer sich mit den Regierungen ge- 
teilt, welche den Wahn hegten, in Konzessionen liege das Heil, 
und wer seine Macht zum Opfer bringe, werde seine Existenz 
retten. 

Was wir wollen 
Eine große Anzahl denkender Menschen hat heutzutage bereits 
den Täuschungen des Repräsentativsystems auf den Grund ge- 

180 



sehen, und will unter keiner Bedingung in den Abgiund hinein, 
welchem diese Straße notwendig zuführt, wenn man „vorwärts*" 
schreitet. Auf der andern Seite hat aber auch die überwiegende 
Mehrzahl aller gescheiten Leute in Deutschland die Schwäche. 
lie Verdorbenheit und innere Faulheit der reinen Beamten- 
regierung durchschaut, und will unter keiner Bedingung in 
den Zustand zurück, wie er etwa vor Anfang der Revolution 
in Oestereich oder Preußen bestand. Dies sind zwei Negationen. 
Aber das neue Positive, welches uns gegen das Verderben vor 
und gegen die Verwesung hinter uns schützen könnte, dies ist 
noch nicht einmal annäherungsweise formuliert worden. Wir 
wissen, was wir nicht wollen, aber, wenigstens nicht genau und 
praktisch ausgedrückt, was wir wollen. Und. dies eben ist die 
schwache Seite der Wohlgesinnten, und die Stärke der bor- 
nierten und unheilbaren Anhänger Delolmes die, ohne es zu 
wissen und zu wollen, dem Kommunismus die Wege bereiten. 

80. Vertretung des Proletariats 
Kein Stand bedarf mehr der Vertretung, und keiner ist we- 
niger fähig, seine eigenen Interessen zu kennen, zu würdigen 
und zu vertreten, als der vierte. Nun kann aber der Arme nicht 
schlechthin vom Reichen, der Arbeiter nicht vom Fabrikherrn, 
der Tagelöhner auf dem Lande nicht unbedingt vom Grund- 
besitzer vertreten werden, weil die Interessen dieser verschic- 
lenen Klassen nicht nur nicht identisch, sondern einander 
größtenteils gerade entgegengesetzt sind. Jener vierte Stand, 
(das moderne Proletariat) der seiner Natur nach ohne Bevor- 
mundung nicht leben kann, darf nur von der Regierung ver- 
treten werden, und diese allein ist imstande, dessen Interessen 
den höheren Klassen der Gesellschaft gegenüber wahrzunehmen 
und zu schützen. Nur auf diesem Wege wird dem Kriege 
zwischen Armen und Reichen vorgebeugt. 

96. Lehre der Geschichte 
Ohne Träger der Gewalt, die Gott zur Regierung geschaffen 
und berufen, ohne Völker, die einer freien, menschlich milden 

181 



Regierung fähig und würdig sind, ist alles Suchen und Trachten 
nach politischen Formen, welche Freiheit und Ordnung sichern 
sollen, rein vergeblich. Ist das in einem Volke liegende sittliche 
Kapital vergeudet, so ist dort nur noch eine Staatsform mög- 
lich: Der Despotismus des Schwertes. Und hat die Nation 
nicht selbst mehr die Kraft, diesen aus sich hervorzubringen, 
so ist sie reif zu ihren letzten Dingen. Dann folgt die Ent- 
kräftung, wie beim Einzelnen der Tod: fremde Invasion und 
Eroberung. 

98. Är.gernis und Torheit 

Deutschlands und Europas politische Genesung ist unmög- 
lich, wenn ihr nicht eine Rückkehr der modernen Bildung zum 
Christentume und die Heilung des Bruches vorausgeht, der 
die abendländische Christenheit zerreißt. 

99. Kirche und vStaat 

Ohne daß die christliche Gesinnung wieder oben und unten 
zur Herrschaft über die Gemüter gelangt, ist die europäische 
Gesittung verloren. Auch der moderne, atheistische Staat be- 
darf des Christentums, um sein Leben zu fristen. Aber die 
despotische, alles regierende Bureaukratie und die Kopfzahl- 
majorität sind darin vollkommen einig, dem Christentum jeden 
Einfluß auf die Wiederherstellung der Gesellschaft abzuschnei- 
den. Wenn Kirche und Religion günstig auf den Staat zurück- 
wirken sollen, so bedürfen auch sie solcher politischen Formen 
und Institutionen, welche ihnen Luft und Licht zur Entfaltung 
ihrer Lebenstätigkeit gewähren. 

(Aus: Hundert Schlagworte zur Verfassungspolitik der Zukunft [anonym], 
München, J. G. Weiß, 185 1 [als Manuskript gedruckt]. Wieder abgedruckt 
in C. E. Jarcke, Prinzipienfragen, Paderborn 1854. — Die Schlagworte ent- 
standen in der Revolutionszeit.) 



182 



Katholische Politik 

(1851) 

Von Dr. F. J. Hüll 

Es gibt allerdings eine katholische Politik. .Es hat zwar an 
der TIT. Generalversammlung ein Redner erklärt: „Wie jetzt die 
Dinge in Deutschland stehen, gäbe es für uns keine katholische 
Politik, über die wir uns verständigen könnten, sobald wir 
auf die einzelnen Fragen eingehen wollten." Ein O'Connel hat 
im englischen Parlament sie groß geübt, ein Montalembert 
handhabt sie sicher in der gesetzgebenden Versammlung Frank- 
reichs, ein Gerlache in dem gesetzgebenden Senate Belgiens. 
Freilich, die Katholiken der Paulskirche haben sie nicht ge- 
übt > sonst hätten sie den Karren der deutschen Politik nicht 
so tief in den Kot schieben geholfen. 

Aber eine katholische Politik besteht, überall die gleiche, und 
so auch für Deutschland, mit folgenden -Grundzügen: 

1. Der Katholizismus huldigt ehrlich der Freiheit und strebt 
nach ihr; aber jede Freiheit ist ihm begrenzt durch Sittlich- 
keit, er will sie nicht, um dem einzelnen Bürger Raum zur 
Ausübung seiner Willkür, sondern zum aufopfernden Zusam- 
menwirken mit seinen Mitbrüdern für die Erringung jener 
Rechte undi Interessen zu geben, durch welche er den Anforde- 
rungen seines ganzen sittlichen Wesens nnd den Bedürfnissen 
eines sittlichen Gemeinwesens Befriedigung geben kann. 

2. Der Katholizismus huldigt der Ordnung und strebt nach 
ihr, nicht nach der Ordnung der den Menschen niederhaltenden 
Polizei, sondern nach der Ordnung, welche die Grundlage eines 
Reichs von Institutionen ist, die aus dem innersten Wesen der 
Gesellschaft der Menschen nach göttlicher Vorbildung stammt 
Es besteht ein Kreis solcher großen Gesamteinrichtungen, wie 

183 



der Kirche, der Schule, des Staats und der von ihm' geübten 
Rechtspflege und Wohlfahrtsordnung, der Familie, der Ehe, 
des Eigentums. Nie wird der Katholizismus dulden, daß diese 
großen Anstalten verletzt werden. 

3. Der Katholizismus huldigt der organischen Entwicklung 
der öflfentlichen Zustände; das heißt er weiß, daß nur eine all- 
mähliche Fortbildung derselben zulässig ist ; daß Nationalrechte 
und Freiheiten gewisse Voraussetzungen, Bildung und so wei- 
ter haben, und daß jeder sprungweise Fortschritt auf frühere 
Stufen zurückwirft. 

4. Der Katholizismus verwirft die Revolutionen, er macht 
sie nicht, er nimmt sie aber an, als natürliche Selbstbestrafung 
übermütiger Willkür von oben oder unten. 

5. Der Katholizismus will den Staat zu einer natürlichen 
Ordnung der Gesellschaft machen ; nicht zwingt er die Nei- 
gungen des Volkes in künstliche Formen und Schranken: 
nein, er will freie Entwicklung und Teilnahme der Bürger unter 
eigner Verantwortlichkeit, er liebt einfaches, offenes, unmittel- 
bares Verhandeln, ohne Papierwirtschaft und Bureaukratie. 

6. Der Katholizismus trägt Rechnung der Eigentümlichkeit 
der Gestaltung öfif entlicher Zustände und Verhältnisse: er 
liebt die Selbständigkeit der Körperschaften und haßt eine 
verallgemeinernde und nur zwangvolle Verflachung. ' 

7. Der Katholizismus liebt seinem Wesen gemäß große Ge- 
sichtskreise, Auffassungen und Konzeptionen in der Politik, 
die Universalität ; aber er liebt und erkennt auch die Nationen, 
als die von der göttlichen Vorsehung bestellten Träger und 
Gefäße der Menschheit, in deren Geschichte er einen Plan 
Gottes verehrt. Er weiß stets mit dem menschheitlichen Ge- 
sichtspunkt den nationalen zu vermitteln und mit dem letztern 
die Interessen der Körperschaften und der Einzelnen. 

8. Der Katholizismus nimmt sich in Wahrheit der Wohlfahrt 
des Volkes an, indem er nach Vereinfachung der öffentlichen 
Verwaltung, nach Erleichterung der Staatslasten strebt, dem 
184 



Volk das erreichbare Maß der Freiheit, deren Wirklichkeit, 
^latt ihrer leeren Schlagwörter gibt, und überall die Ansprüche 
der Selbstsucht dem Gemeinwohl zu opfern gebietet. 

So weiß die katholische Politik, voll und reich, wie das Le- 
ben, allen Vorkommenheiten des Lebens der Menschheit, der 
Nationen und der einzelnen Menschen mit dem sichern Maß 
ihres Urteils und dem Heil ihrer Tat zu nahen. 

Von einer solchen Politik haben gerechte Regierungen nichts 
zu befürchten: wohl aber fordert ihr Interesse, die von einer 
solchen Politik geleiteten katholischen Vereine als gleichge- 
sinnte Leiter des Volkes nach Kräften zu fördern. 

Überhaupt aber braucht man die Katholiken Deutschlands in 
der Politik nicht abzuspannen, sie sind ihrer Natur nach nur 
gar zu ruhig. 

Wohl aber darf man ihnen das Vorbild der Katholiken ande- 
rer Völker vorhalten. 

(Aus: Die Aufgaben des katholischen Teils deutscher Nationen in der Ge- 
genwart, oder der katholische Verein Deutschlands. Durch den ersten Präsi^ 
deuten F. J. Büß Regensburg 1851, S. 401 ff. "l 



185 



Reaktion und kirchliche Rechte 
in Preussen 

Brief des Abg^eordneten L in hoff 

an den Bischof Drepper von Paderborn 

Berlin, den 19. März 1851 
,,\'on der in dem liochgeehrten Schreiben vom 5. dieses 
Monats mir gütigst erteilten Erlaubnis mache ich schon gegen- 
wärtig Gebrauch, überzeugt, daß ich den Josefstag nicht besser 
anwenden kann, als wenn ich mit dem hochwürdigsten Herrn 
Bischof mich in A'erbindung setze, und. in der Hoffnung, daß 
Ew. Bischöfl. Gnaden die Mitteilungen mit derselben Nach- 
sicht wie früher aufnehmen werden. 

Die Äußerungen des Kultusministers v. Raumer, worüber 
sich mein ehrerbietigstes Schreiben vom 19. vorigen Monats 
verbreitete, gewinnen leider durch neue Vorgänge eine Bedeu- 
tung, welche bei mir und meinen Freunden nicht geringe Be- 
sorgnis erregt. Wurde damals offen ausgesprochen, daß der 
König als membrum praecipuum der evangelischen Kirche mit 
seiner Macht und seinem Ansehen diene, so verkündigt die 
,,Neue Preußische Zeitung" — das Organ derjenigen Partei 
(Gerlach, v. Kleist-Retzow), welcher sich von Raumer sicht- 
lich anschließt — in einer Reihe von Leitartikeln mit einer 
seit dem Jahre 1848 unerhörten Unverschämtheit, daß die Re- 
gierung endlich den Beruf von Preußen als eines protestan- 
tischen Militärstaates erkenne und anerkenne, und als Gerlach 
kürzlich darüber zur Rede gestellt wurde, war die Antwort, es 
sei doch einmal nicht anders. 

Bringt man hiermit die neueste Erklärung des Ministers bei 
Gelegenheit der Verhandlung über den Etat des geistlichen 

186 



Ministeriums in Verbindung,, welche dem Vortrage des Abge- 
ordneten Landfermann über die Notwendigkeit der endlichen 
Dotation der evangelischen Kirche und der Erwiderung des 
Abgeordneten Rohden folgte, so drängt sich unwillkürlich der 
iedanke auf, daß von nun an die evangelische Kirche als die 
bevorzugte und herrschende, die katholische nur als die ge- 
duldete, als ein Stiefkind behandelt werden soll. 

Während die Verfassungsurkunde beide Kirchen nebenein- 
ander nennt, um, wie sich die ,, Erläuterungen" ausdrücken, 
darzutun, daß diese in der ihnen zustehenden feierlich verbrief- 
ten Stellung nicht beeinträchtigt werden sollen, während nach 
Art. 15 das Rechtsverhältnis einfach dahin festgestellt ist, daß 
beide Kirchen ihre Angelegenheiten selbständig ordnen und 
verwalten, beide im Genuß und Besitz der für ihre Kultus-, 
Unterrichts- und Wohltätigkeitszwecke bestimmten Anstalten, 
Stiftungen und Fonds bleiben, deren sie sich bei Erlaß der oktroy- 
ierten, beziehungsweise bei der Verkündigung der Verfassungs- 
urkunde vom 31. Januar 1850 zu erfreuen hatten, während da- 
nach von Ansprüchen auf fernere Unterstützungen, soweit sie 
nicht auf einem Rechtstitel beruhen, nicht die Rede sein kann, 
jedenfalls nicht anders als bei gleichzeitigen Zuwendungen an 
beide je nach der Zahl der Konfessionsverwandten, wird von 
demselben Ministerium, welches mehr als einmal versprochen 
hat. mit der Revolution, also mit jeder Rechtsverletzung, zu 
brechen, eine Stellung eingenommen, als wäre ausschließlich 
oder wenigstens vorzugsweise auf die Protestanten Rücksicht 
zu nehmen, als könne von den sechs bis sieben Millionen Ka- 
tholiken erst in zweiter Linie geredet werden. 

Niemand wird dieser Folgerung widersprechen können, wel- 
cher erwägt, daß die Bulle De salute animarum trotz aller feier- 
lichen, bis in die neueste Zeit reichenden Erklärungen (als ich 
während der vorigen Sitzungsperiode einmal mit v. Ladenberg 
über die Ausführug derselben mich unterhielt, äußerte derselbe, 
er müsse offen bekennen, es sei ihm unerklärlich, wie jene so 
lange hingehalten) noch nicht ausgeführt ist, daß Hunderte von 

187 



Rechtsansprüchen noch unbeachtet geblieben sind und daß des- 
ungeachet eine neue Dotation der evangelischen Kirche aus 
Vergünstigung in Aussicht gestellt wird, ohne mit einem Worte 
der zunächst zu erfüllenden Verpflichtungen gegen die katho- 
lische Kirche zu gedenken. 

Ew. Bischöfl. Gnaden und die übrigen Herren Bischöfe wer- 
den gewiß die Ansicht teilen, daß eine Vergleichung zwischen 
den für beide Kirchen bestimmten Mitteln erst dann angestellt 
werden kann, wenn entschieden ist, welche Summe auf recht- 
licher Verpflichtung, welche auf freier Bewilligung beruhen. 
Ein sehr unterrichteter Mann äußerte, das Ergebnis dieser 
Trennung werde sein, daß von den Beträgen für die katholische 
Kirche noch nicht ein Fünfzigstel anders als aus Rechtsan- 
sprüchen herzuleiten sei. Wie dagegen bei den Protestanten? 
Mein enger Gesichtskreis erinnert mich schon an die aus Staats- 
fonds ohne jeden Rechtstitel gegründeten Kirchensysteme zu 
Arnsberg, Meschede, Brilon, Marsberg, Attendorn, Belecke 
und so weiter, sowie daran, daß der Staat für die evangelischen 
Elementarschulen in Münster, wo so viele hochgestellte und 
wohlhabende Protestanten wohnen, sechshundert Taler jährlich 
zahlt. 

Ebenso glaube ich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß 
dieselben allein berechtigten Vertreter der Katholiken in Preu- 
ßen den unzweifelhaft für das Jahr 1852 zu erwartenden Forde- 
rungen für die evangelische, verhältnismäßige für die katho- 
lische Kirche entgegensetzen und frühzeitig anmelden werden. 

Nach dieser Auseinandersetzung erlaube ich mir, Ew. Bischöfl. 
Gnaden Augenmerk noch auf einen andern wichtigen Punkt 
zu lenken, auf die katholische Abteilung im Kultusministerium. 
Früher bestand dieselbe aus einem wirklichen Direktor (v. Dües- 
berg) zwei ordentlichen Mitgliedern (Schmedding und Aulike) 
und mindestens einem Hilfsarbeiter (Reg.-Rat Mazerath).- 
Gegenwärtig fehlt ein Direktor, indem der Geh. Oberregierungs- 
rat Aulike nur mit der Geschäftsleitung beauftragt ist. Außer 
demselben sind der Geh. Justizrat v. Ellerts und der Assessor 

188 



Ulrich nur als Hilfsarbeiter anzusehen, da keiner von beiden 
definitiv angestellt ist. Wenn das Staatshandbuch den Geh. 
Reg-ierungsrat Brüggemann als Mitglied der katholischen Ab- 
teilung aufführt, so ist das eine Unwahrheit, indem derselbe, 
worauf ich noch zurückkommen werde, ausschließlich in der 
Unterrichtsabteilung beschäftigt, und demselben nur gestattet 
ist, nach Relieben den Sitzungen der katholischen Abteilung 
beizuwohnen. 

Es ist mir recht wohl begreiflich, daß die Herren Bischöfe 
an diesen Gegenstand nur mit einer gewissen Vorsicht heran- 
treten können, ebenso unzweifelhaft aber auch, daß für die 
Katholiken die größten Nachteile erwachsen werden, wenn die 
Abteilung bis zur völligen, voraussichtlich erst nach zehn Jah- 
ren, vielleicht nie, durchzuführenden Auseinandersetzungen zwi- 
schen Kirche und Staat nicht wiederhergestellt und mit einer 
bis jetzt fehlenden Allerhöchst zu genehmigenden, bestimmten 
Instruktion über die von ihr ausschließlich oder in Gemeinschaft 
mit der Unterrichtsabteilung zu bearbeitenden Gegenstände ver- 
schen wird. 

In der Unterrichtsabteilung wurde vor Jahren das katho- 
lische Elementarschulwesen von dem Geh. Reg.-Rat Brüggemann 
bearbeitet, dem auch die katholischen Gymnasien und Univer- 
sitäten zur Bearbeitung überwiesen sind. Später mußte er sich 
in jenes mit dem famosen Geh. Rat Stiehl teilen, zuletzt ganz 
darauf verzichten. Daß ein solches Verfahren nicht länger fort- 
dauern darf, braucht kaum angedeutet zu werden. Wohlunter- 
richtete glauben sogar, es müsse darauf gedrungen werden, 
daß fortan das katholische Unterrichtswesen in Gemeinschaft 
mit der vorher zu vervollständigenden katholischen Abteilung 
bearbeitet werde." 

(Abgedruckt bei O. Pfülf S. I., Josef Linhoff, Freiburg 1907, S. 33!.) 



189 



Die Bildung 

der katholischen Fraktion im 

preussischen Abgeordnetenhause 

August Reich ensperger an Steinle 
23. September 1852 

,,Die preußische Regierung hat nun auch in ihrer Weisheit 
die religiöse Gärung wieder in Gang gebracht. Und das nach 
allen Erfahrungen der letzten Jahre ! Sie kommt mir vor wie 
ein Rekonvaleszent von einer schweren Krankheit, der sich auf 
seinem ersten Ausgang in geistigen Getränken übernimmt und 
dann in krankhaftem Übermut die harmlos Vorübergehenden 
mißhandelt. Aber der Protestantismus lebt ja nur vom Hasse 
und der Ignoranz. Das Einzige was die Regierung entschul- 
digt, ist, daß die Katholiken sich immer so ruhig haben ducken 
lassen." 

Derselbe 

Berlin, 6. Dezember 1852 

,,Hier schwimmt noch alles im Trüben herum, indes hat 
sich doch bereits eine katholische Fraktion von etwa 60 Mit- 
liedern gebildet, die freilich in politischer Beziehung ziem- 
lich weit auseinandergehen. Auf Zahlenmajoritäten gebe ich 
nicht viel, dafür aber danke ich dem Konstitutionalismus 
bestens, daß er die Katholiken aus allen Gegenden der Wind- 
rose auf einen Punkt zusammenführt." 

,,Vnn unserem hiesigen Tun und Treiben, unserer katho- 
lischen Fraktion, unsern Anträgen und Debatten und so weiter 
erfährst Du wohl so gut wie nichts? Und doch scheint mir 

190 



nicht unwichtig- zu sein, was sich hier begibt, und dazu im 
L^anzen ad majorem Dei gloriam auszuschlagen. In einigen 
Pagen will ich Dir den stenographischen Bericht über unsere 
am 12. dieses Monats gelieferte Hauptschlacht mitteilen. Wir 
sind zwar abmajorisiert worden, allein alle Welt meint, daß dem 
Ministerium mit solchen Siegen nicht gedient sein könne.'' 

(Aus: A. M. V. Steinle, Eduard v. Steinle und August Reichensperger, 
Köln 1890, S. 74. Görresgesellschaft, Dritte Vereinsschrift.) 



Zusammentritt der katholischen Abgeord- 
neten 

,,i. Dezember. Was unsere politische Stellung betrifft, so 
halte uns Gott einig, was ich von seiner Gnade fest hoffe, dann 
werden wir wohl sicher stärker sein als jede der anderen Par- 
teien ; deshalb möchte jede uns zu sich herüberziehen: wir sind 
aber entschieden, uns keiner anzuschließen. Treffen sie mit uns 
zusammen, so wird es dann uns recht Sein. Übrigens bete und 
laß für uns beten." 

,,3. Dezember. Unsere äußere Stellung geht nun zunächst 
darauf hinaus, daß Wilderich Bornheim, mehrere unserer 
Bekannten und ich die Katholiken, die hier zugegen sind, zu 
einer Fraktion gesammelt haben, die, ihr Banner an der Spitze, 
sich die ,, Katholische Fraktion" nennt. Zu dieser Fraktion 
haben wir diejenigen Katholiken, denen es um die Sache ernst 
ist, dadurch zu ziehen uns bestrebt, daß wir entschieden als 
Katholiken auftreten. Dadurch sind dann auch viele zurück- 
geschreckt — tant mieux ! — Ich möchte vielleicht wünschen, 
daß dieses Schreckmitel noch entscheidender gewirkt hätte, in- 
des wird Gott das schon leiten. Als Katholiken haben WMr 
uns nun für alle kirchlichen Fragen fest un- 
tereinanderverbündet. Da aber alle politischen Nu- 
ancen unter uns sich befinden, haben wir in politicis uns inso- 
fern freigestellt, daß die Abstimmung jedem frei bleibt. Zur 
.gegenseitigen Aufklärung aber und zur möglichsten Annähe- 

191 



rung und Ausgleichung werden in unseren Fraktionssitzungen 
alle vorkommenden Fragen unter uns scharf und entschieden 
diskutiert Und zur Abstimmung gebracht, und da glaube ich 
wohl wahrzunehmen, daß einige Ausgleichung sich anbahnt." 

(Aus dem Tagebuch des Abgeordneten Josef Graf v. Stolberg-Westheim, 
mitgeteilt in dem Lebensbild von Otto Pfülf S. L, Freiburg i. B. 19 13, S. 125.) 



ÜberdieBildungderkatholischen Fraktion 

„In norddeutschen Blättern ist die Bildung einer katho- 
lischen Fraktion mehrfach unter einem ungünstigen Lichte be- 
sprochen worden. Mögen im Interesse der Wahrheit folgende 
Bemerkungen eines persönlich Unbeteiligten eine unbefangene 
Würdigung finden! 

1. Die Bildung der Katholischen Fraktion ist nicht durch 
ein unbestimmtes konfessionelles Interesse, sonicrn durch 
eine bestimmt vorliegende Verletzung verfassungsmäßiger 
Rechte und Freiheiten der katholischen Kirche veranlaßt 
worden. 

2. Die Katholische Fraktion besteht aus Männern, die sich 
in dem Gedanken begegnet sind, daß die Abhilfe dieser ver- 
fassungsmäßigen Beschwerden im Interesse der Kirche wie 
des Staates von hoher Wichtigkeit und als solche von den 
Kammern anzusehen, daß aber die Abhilfe nur durch mühsame 
und zeitraubende Anstrengungen zu hoffen sei. 

3. Die Katholische Fraktion läßt in rein politischen Fragen 
die Meinungsfreiheit unbeschränkt, sie hat daher kein Pro- 
gramm, sondern nur eine Geschäftsordnung aufgestellt, und 
die Erfahrung hat auch gezeigt, daß bei Wahlen und anderen 
Gelegenheiten die Mitglieder teilweise auseinandergingen. 

4. Wenn sich in der Mehrzahl der Katholischen Fraktion 
auch in politischen Fragen eine Übereinstimmung gezeigt hat 
und noch zeigen wird, so ist dieses nicht die Wirkung der 
katholischen Fraktionsbildung als solcher, sondern die Wir- 

192 



kung der Übereinstimmung und Sympathie, die unter den 
Katholiken von selbst auch in politischen Anschauungen ent- 
steht, welche Sympathie auch bei anderen Fraktionsbildungen 
tätig ist und von selbst deren geistiges Band bildet. 

5. Die katholische Fraktion als bloß für kirchenstaatsrecht- 
liche Fragen bestimmt, wofür sie nur Gerechtigkeit und Parität 
in Anspruch nimmt, schließt Altkatholiken nicht aus und wird 
sich durch deren Zutritt sehr erfreut finden. 

6. Die katholischen Abgeordneten, die sich in jener Richtung 
begegneten, sind von den öffentlichen Blättern selbst zuerst 
die ,, Ultramontane Partei", dann die ,, Katholische Partei oder 
Fraktion" genannt worden, und die Fraktion ist nur in den 
ihr bereits zugewiesenen Namen eingetreten, der ihr auch im 
Sprachgebrauche immer verblieben wäre, wenn sie sich auch 
eine andere Benennung ausgewählt hätte. 

7. Wenn in Bayern eine Verletzung der verfassungsmäßigen 
protestantischen Kirchenfreiheit vorkäme, wenn in der dor- 
tigen Kammer die Abgeordneten der evangelischen Konfession 
zur Bekämpfung derselben sich vereinigten, wenn diese Ver- 
einigung die „Evangelische Fraktion" genannt würde und sich 
selbst so nennte, so würde katholischerseits jeder das voll- 
kommen begreiflich finden und nichts dawider einzuwenden 
haben. 

8. Der vorgekommene Einwand, daß zur Vertretung der 
katholischen kirchlichen Interessen die Bischöfe, nicht eine 
Kammerfraktion, das berechtigte Organ seien, ist offenbar 
unbegründet. Denn wenn die Verfassungsurkunde Rechte der 
Kirche zugewährt, so haben die Abgeordneten das Recht wie die 
Pflicht, wo sie solche Rechte für verletzt halten, die Beschwerde 
an die Kammer als Wächter der Verfassung zu bringen, und na- 
türlich werden sich dazu vorzugsweise die Abgeordneten der 
Konfession bewogen fühlen, welche die beschwerte ist. 

9. Der Einwand, daß die Bildung einer katholischen Frak- 
tion mit dem von einer gemischten Bevölkerung übernom- 
menen Mandat in Widerspruch stehe, ist ebensowenig be- 

BergstrHßer I. i ; I93 



gründet. Denn daraus, daß katholische Abgeordnete ihre 
evangelischen Mitbürger nach der vollen Gerechtigkeit mit 
zu vertreten haben und vertreten werden, folgt nicht, daß ste 
die verfassungsmäßigen kirchlichen Rechte der katholischen 
Mitbürger nicht vertreten dürften; sie haben dazu ebensogut 
wie zu jenem die Pflicht, also auch die Pflicht, die Mittel zu 
ergreifen, die sie zu jenem Zwecke als die wirksamsten er- 
kennen, insoweit dadurch die Rechte der evangelischen Mit- 
bürger nicht verletzt werden, was hier gewiß niemand be- 
haupten wird. 

10. Die Ansicht, daß die Mitglieder der Katholischen Frak- 
tion besser getan hätten, sich in die andern Fraktionen zu ver- 
teilen und bloß für die katholischen Fragen zusammenzutreten, 
widerspricht der parlamentarischen Erfahrung; denn erstens 
nimmt die Teilnahme an einer Fraktion, wenn man im. Zusam- 
menhang der Geschäfte bleiben will, die Kräfte so sehr in An- 
spruch, daß zu besondern nebenhergehenden Versammlungen 
keine Zeit übrig bleibt. Dieses ist der Grund, weshalb in der 
Berliner Nationalversammlung 1848, wo man keine katholische 
Fraktion gebildet hat, als es an die Kirchen- und Schulfrage 
kam, gar keine ordentlichen Versammlungen der Katholiken 
mehr zusammengebracht werden konnten. Zweitens legt die 
Teilnahme an einer Fraktion Verpflichtungen gegen die Ma- 
joritätsbeschlüsse auf, und wenn die Majorität gegen die katho- 
lische Frage wäre, so bliebe den katholischen Mitgliedern jener 
Fraktion nichts übrig, als entweder auszutreten, was für Männer 
immer peinlich ist, oder gegen ihr Gewissen zu stimmen, min- 
destens sich der Abstimmung zu enthalten. Die Zer- 
streuung der katholischen Abgeordneten unter die andern Frak- 
tionen würde daher mit dem Aufgeben der vorliegenden katho- 
lischen Fragen gleichbedeutend sein. 

11. Jedenfalls ist die katholische Fraktions-Bildung nur 
eine untergeordnete Frage der Zweckmäßigkeit und des Mit- 
tels. Die Hauptsache ist, die Verletzung verfassungsmäßiger 
Rechte wieder rückgängig zu machen, und es ist keine aufrich- 

194 



tige Taktik, \venn norddeutsche Blätter die Aufmerksamkeit 
auf jene, bloß sekundäre Frage hinlenken, um die Kraft und das 
Interesse für den Hauptpunkt zu teilen und zu schwächen." 

(Einsendung einer „bedeutenden Persönlichkeit" an die Kölnische Zeitung, 
aus ihr in der „Deutschen Volkshalle" 1853 Nr. 13 ohne Bemerkung über- 
nommen, abgedruckt bei Pfülf, Stolberg, S. 125 Anm. 2) 



195 



„Die Ministerialerlasse" 

A 

Rede des Abfreordneten von Wal dbott-B o rnheim 

Über die Raumerschen Erlasse 

im preußischen Abgeordneten hause 

am 12. Februar 1853 

Meine Herren ! Der Antrag, den, wie Sie eben von dem Herrn 
Referenten*) gehört haben, wir eigentlich so trocken behandeln 
sollten, und den er durch den Bericht des Zentral-Ausschusses als 
erledigt betrachtet, er trägt meinen Namen ; aber deshalb, so 
lieb er mir seiner Tendenz und seiner Begründung wegen ge- 
worden, ist er doch nicht mein Eigentum: er ist das Eigentum 
vorzugsweise, wenn auch andere Herren mit unterschrieben 
haben, der so vielfach angefeindeten Katholischen Fraktion, — 
einer Fraktion, die man daran erinnern zu müssen glaubte, 
daß sie auch evangelische Mitglieder des Staates zu vertreten 
habe; der man geglaubt hat vorführen zu müssen, daß sich die 
Kammer mit l^olitik und nicht mit Religion zu beschäftigen 
habe, die aber eigentlich weiter nichts als eine Versammlung von 
Menschen, die jede nach den einzelnen Lebensstellungen Man- 
chem fremde Frage besprechen, dann aber in allen nicht spezi- 
fisch katholischen Sachen, als worüber sich jeder klar ist, es 
jedem überlassen, nach der Überzeugung, die er gev/onnen, 
sein Ja oder Nein in die Wagschale zu legen. Zusammenge- 
drängt wurde allerdings diese Fraktion gleichsam durch den 
Willen ihrer Wähler, welche in der heutigen Frage die wich- 
tigste, die uns beschäftigen kann, erkannten ; und im Gegensatz 



*) Dar Berichterstatter der KommissioQ war der Abg. von Gerlach-Neu- 
stetiin. 



196 



zu dem Rate, den von Waldbottschen Antrag als abgemacht zu 
behandeln, erinnere ich daran, daß, wenn wir auf die Wähler 
zurückblicken, welche die Mitglieder der Fraktion hierher- 
schickten, es zwei Fünftel der Bevölkerung der Monarchie sind, 
die die Frage für eine wahre Lebensfrage unseres Vaterlandes 
halten. 

Hierin liegt wohl auch teilweise mit die Bedeutung, welche 
der Antrag weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus 
erhalten hat. Der Herr Referent verläßt nun auch wirklich 
seinem Rate getreu den Antrag und die Motive für und gegen 
in dem Berichte des Zentral-Ausschusses fast gänzlich, und 
spricht vorzugsweise über religiöse Gegenstände, namentlich 
über Jesuiten. Es handelt sich aber hier weder um eme Kirchen- 
geschichte, noch um Widerlegung der dem Jesuiten-Orden 
zu allen Zeiten gemachten Vorwürfe, oder um eine Lobrede auf 
dieselben, sondern einfach um Zurücknahme eines Unrechts, und 
hierauf bezüglich sind die Motive, welche dem uns beschäf- 
tigenden Antrage zugrunde gelegt wurden, doch näher ins Auge 
zu fassen; einmal ist es der Rechtspunkt, dann auch die poli- 
tische Seite der Sache. Das Recht glauben sie verletzt und ihre 
Gründe hierfür nicht widerlegt. In politischer Hinsicht glauben 
sie, daß nur in dem Christentum die tiefen Schäden der Zeit 
ihre Heilung finden können, und daß alle bürgerliche Ordnung 
nur dann als dauernd gesichert erachtet werden kann, wenn sie 
in einem lebendigen religiösen Glauben wurzelt, daß also die voll- 
kommene und wahre Restauration und Regeneration unserer 
Zustände nur auf dem kirchlichen Gebiet zu suchen, daß die 
sozialen Zustände nur aus den Händen der Religion die allein 
dauernde wahre Weihe wiederum erhalten können, daß dies nur 
erreicht werden kann, wenn jede Kirche frei ist, das zu tun, 
was sie nach ihrem Bekenntnisse zur Förderung dieses reli- 
giösen Glaubens für das Ersprießlichste hält. 

.Sie sehen, meine Herren, aus dem Gefühl, daß auf dem kirch- 
lichen Gebiete dejji Staate geholfen werden müsse, ist der 
Antrag vorzugsweise entstanden. Daß meine Freunde mir 

197 



erlauben, einem Antrage solcher Tendenz meinen Namen an 
die Spitze der Unterschriften setzen zu dürfen, dafür bin ich 
um so dankbarer, als eine Anerkennung- dessen darin liegt, was 
die Provinz, der ich angehöre, in dieser Sache getan hat. Er ist 
freilich auch entstanden aus dem Gefühle verletzten Rechtes, 
und wenn ein solches auch nur bei den Katholiken verletzt wurde, 
so gehörte er doch um so mehr und recht eigentlich vor die 
Kammer, als er ferner hervorgegangen ist aus dem gefühlten 
Bedürfnisse der Einheit, und daß bei der massenhaften Teilung 
unseres Staates nach Konfessionen der Wohlfahrt desselben und 
seiner Fortentwicklung nichts verderblicher als Mißtrauen, 
das schädlichste Mißtrauen aber jenes sei, welches in der Ver- 
schiedenheit religiöser Bekenntnisse wurzelt, daß dem Mini- 
sterium und noch mehr der Kammer die Gelegenheit gegeben 
werden müsse, dies Mißtrauen und die Aufregung, welche die 
Erlasse in die Bevölkerung unverkennbar gebracht, in ein 
segensreiches Vertrauen umzuwandeln, und Preußen wirklich 
zu einer einheitlichen Großmacht zu einigen, während es das 
verderblichste Streben sei, in Verfolgung des Zweckes eines 
spezifisch evangelischen Staates das Vaterland in zwei große 
Hälften mit zehn Millionen Berechtigten und sieben Millionen 
Nichtberechtigten zu zerlegen. Hiernach gehe ich nun näher auf 
das Referat ein, und frage, ob, aus diesen Gesichtspunkten be- 
trachtet, denn wirklich die Sache durch den Bericht oder die 
Erklärung des Ministeriums in demselben abgemacht sei. 

Ich muß gestehen, solange die Erlasse die Unterschrift des 
Ministeriums des Kultus, des Unterrichts und der Medizin 
tragen, scheint mir, müssen sie ganz zurückgenommen werden, 
weil dieses Ministerium nach dem Reskripte vom Jahre 1851 
nicht mehr ressortmäßig ist, und nichts mit der Polizei, weder 
mit der Straßenpolizei, noch mit der Paßpolizei zu tun hat. 

Der Erlaß vom Jahre 1851 hat, wenn ich recht berichtet bin, 
seine Entstehung folgendermaßen nachzuweisen: In dem Jahre 
1850 wurde zuerst eineMission in dem jetzigjen preußischen Erb- 
lande Hohenzollern gewünscht; sie sollte vor sich gehen; der 

198 



damalige Präsident, Graf Spiegel, frug an, wie es damit zu hal- 
ten? Und das Staatsministerium trat zusammen und setzte fest, 
daß nach der neueren Gesetzgebung, nach unserer Verfassung 
das Kultus-Ministerium mit den inneren Angelegenheiten der 
Kirche, also auch mit den Missionen, nichts mehr zu tun habe, 
daß aber nötigenfalls das Ministerium des Innern, als das der 
Polizei, und selbst, wenn es erforderlich, auch das Justiz-Mini- 
sterium ressortmäßig einzuschreiten habe, wenn Polizeiwidrig- 
keiten oder gar weiter gehende Ungehörigkeiten vorkommen 
sollten. 

Wenn nun noch ein Jahr später der Kultus-Minister die Er- 
lasse, die wir jetzt so beanstanden, mit vollzogen hat, so liegt 
darin schon das Zuweitgehen von seiner Seite, das heißt: das 
Eingreifen in die Rechte der Kirche. 

Man verbietet Missionen, weil man fürchtet, es könne da- 
durch Aufregung herbeigeführt werden ; diese Aufregung ist 
nicht nachgewiesen, der Berechtigte aber doch jedenfalls in 
seinem Rechte zu schützen. Die Befugnis zu Repressiv-Maß- 
regeln sprechen wir dem Staate gewiß nicht ab, aber wir be- 
haupten, daß die Präventiv-Maßregeln zu weit gegangen sind. 
Was würde man wohl sagen, wenn in einer vorzugsweise 
katholischen Gegend den sporadisch dort sich bildenden Ge- 
meinden der Evangelischen von Seiten der Katholiken nichts 
wie Unfug bei ihrem Gottesdienste entgegengesetzt würde. 
Würde die Regierung sie nicht schützen, würde man ihnen 
nicht Schutz schuldig sein? Wäre es also umgekehrt wirklich 
an der Zeit gewesen, zu sagen, wenn solche Missionen in ein^ 
zelnen zerstreut liegenden katholischen Gemeinden gehalten wer- 
den sollen, so hat die Behörde vorzugsweise darauf zu sehen, 
daß dieselben nicht von Seiten der umwohnenden Nichtkatho- 
liken gestört werden. In diesem Sinne wären die jetzt so sehr 
beanstandeten Erlasse, wenn man gewollt hätte, auch leicht zu 
ändern gewesen, und zwar in ganz faßlicher Weise, wenn es 
z. B. hieße: ,,Der Fall einer, die öffentliche Ruhe gefährdenden 
Aufregung kann besonders in Orten gemischter Konfession 

199 



leicht eintreten", „und wird ein Auftreten der Missionare in 
katholischen Gemeinden, welche mitten in evangelischen Pro- 
vinzen zerstreut liegen, leicht Verdacht erregen können, daß 
hier andere Zwecke zugrunde liegen", und wenn das Kultus- 
Ministerium solchen Erlaß abschriftlich den geistlichen Behör- 
den, den Bischöfen, mitgeteilt, und nun gebeten hätte, damit das 
Gute, welches in den Missionen gefunden wird, den katholi- 
schen Untertanen nicht verkümmert werde, möchten sie auch 
die Missionare anweisen, dafür zu sorgen, daß keine Auf- 
regung bei anders Glaubenden vorkomme. Ja, meine Herren, 
dann wäre der Erlaß nicht allein milde, sondern sogar wohl- 
Avollend zu nennen, wir würden dem Ministerium sogar sehr 
dankbar sein, dann wäre das Ministerium ganz auf dem Boden, 
den ich eingangs bezeichnete, indem ich sagte, auf dem kirch- 
lichen Gebiete wollen wir dem Staate helfen, daß er wieder zur 
sozialen Ordnung zurückkehre. Der zweite Erlaß vom i6. Juli 
ist ebensowenig durch die Erklärungen des Ministeriums j;e- 
rechtfertigt. Man sagt, die Erlaubnis, nach Rom zu gehen, 
habe nur zentralisiert werden sollen, und müssen, weil (wie es 
scheint) das Besuchen des Collegii germanici, das Studieren 
daselbst bei den Jesuiten so etwas Gefährliches ist, die Pässe 
vom Ministerium erteilt werden. Ich gestehe Ihnen, ich habe 
bei dieser Auffassung durch den Bericht des Zentral-Aus- 
schusses das Reskript nochmals und mehrmals durchgelesen 
und kann nichts als ein Verbot herauslesen. 

Zentralisiert hat man da nichts, wohl aber eine auf einen 
Fall angewendete Verfügung generalisiert, und zwar heißt es, 
dem Herrn Rosenbaum soll die Erlaubnis nicht gegeben wer- 
den, weil kein Grund vorhanden ist, ihm den Paß zu geben, 
und soll in allen folgenden Fällen die Regierung so verfahren. 
Es heißt also doch offenbar, wo kein besonderer Grund ist, wird 
die Regierung den Paß ins Collegium germanicum nicht er- 
teilen; umgekehrt sollte ich doch glauben, verweigert man in 
der Regel nur Pässe, weil ein Grund der Verweigerung da ist. 

Nehmen sie nun das Datum der beiden so schnell hinterein- 

200 



ander folgenden Reskripte vom 22. Mai und vom 16. Juli, das 
ine, die Misson der Jesuiten verbietend, das andere das Stu- 
dieren bei den Jesuiten — beide eben unverständlich oder miß- 
verständlich abgefaßt, — so wird es Ihnen, wenn Sie den Be- 
richt des Zentral-Ausschusses noch dazu lesen, und den letzten 
Vortrag über die Jesuiten, den Sie eben von dem Herrn Refe- 
renten gehört haben, auch noch hinzunehmen, offenbar und klar 
werden, daß es sich nicht darum handelte, in milder Form Auf- 
regung zu verhindern oder Paßpolizei zu üben, sondern 
darum, der Furcht, die sich gegen den Jesuiten-Orden ver- 
breitet hat, gerecht zu werden und seiner Ausbreitung einen 
Damm entgegenzusetzen. Deshalb läßt sich auch aus dem Res- 
kripte unmöglich herauslesen, was das Ministerium behauptet, 
daß es nur ein Verbot der Missionen auf öffentlichen Plätzen 
habe aussprechen wollen, daß es nur bei Paßerteilungen ins 
Collegium germanicum die Erteilung sich selbst vorbshalte. 

Wenn die Missionen anzuordnen zum Ressort der Bischöfe 
ii^ehört, und die Lehre ihrer Diener zu leiten Sache der Kirche 
ist, so hätte man erwarten dürfen, daß das Ministerium sich mit 
diesen über die in dem Reskripte berührten Punkte benommen 
hätte. Das wäre wohlwollend gewesen ; wollte man dieses aber 
nicht, so hätte wenigstens erwartet werden dürfen, daß öffent- 
lich, und zwar zunächst denen, die es anging, das Verbot mit- 
geteilt worden wäre. Der Bericht des Zentral-Ausschusses sagt 
uns aber, daß die Reskripte eine heimliche Korrespondenz mit 
den Behörden gewesen seien. Mich streng am Antrage haltend, 
folge ich dem Berichte und dem Referenten in dem Gebiete der 
Geschichte der Jesuiten nur sehr beschränkt. 

Der Standpunkt, den wir alle einnehmen, kann so verschie- 
den sein, muß für den, der aus Eugene Sue geschöpft hat, und 
für den, der aus den Schriften der Jesuiten selbst schöpfte. Ich 
sage nun mit Heinrich IV. von Frankreich, was er seinem Par- 
lamente antwortete, als er damit umging, die Jesuiten wieder 
in Frankreich einzuführen, und das Parlament ihm seine Be- 
denken entgegenstellen wollte, er sagte unter andrem: Wenn es 

20 r 



dumme Professoren, ungeschickte Prediger wären, so würdet 
ihr sie verachten; jetzt da es geschickte Prediger sind, wollt ihr 
es ihnen zum Vorwurf machen. 

Für den Antrag genügt die Bemerkung: sie sind ein Glied 
der katholischen Kirche und das Konzilium von Trient nennt 
sie eine fromme Anstalt. 

Auf das Gebiet, auf welches wir sollten geführt werden, daß 
selbst der Erzbischof von Köln sich „gegen die Jesuiten" ausge- 
sprochen habe, werde ich noch weniger folgen, und hoffe, daß 
keiner meiner politischen Freunde es betreten werde. Denn wir 
sind vorgetreten mit unserem Antrage, nicht um zu erbittern und 
alte Wunden aufzureißen, sondern um zu zeigen, daß wir es ge- 
rade sind, die nicht Preußen, was der Referent vielleicht meint, 
in zwei Teile teilen wollen, sondern die herzlich gern durch 
Vertrauen von beiden Seiten es dahin bringen und diese Ge- 
legenheit benutzen möchten, um. zu sagen, Preußen ist nur 
eins; es sind zwei Konfessionen im Vaterlande, aber nur eine 
Großmacht Preußen. 

Nein, meine Herren, seitdem Schlesien, Posen, Westfalen, 
die Rheinprovinz selbst wie Erblande mit verbrieften Rechten 
zu unserm Preußen gezählt werden, da gibt es nur noch ein 
Preußen mit Katholiken und Evangelischen, die, wenn auch in 
verschiedenen Provinzen vorherrschend lebend, völlig friedlich 
mit und durcheinander leben, und die es nur beklagen, wenn 
höhern Orts durch solche Erlasse Zwietracht und Mißtrauen hin- 
eingesät wird. Ich gebe es nicht zu, daß unsere westlichen Pro- 
vinzen (denn es ist gesagt worden, der Antrag gehe vorzugs- 
weise von da aus) durch diesen Antrag minder preußische Her- 
zen als die östlichen Provinzen zeigen. Ich darf wünschen, daß 
mein geehrter Vorredner mit demselben guten preußischen 
Herzen aus unserer Versammlung gehe, wie ich und meine 
Genossen in die Versammlung gegangen sind, und ich würde 
nur wiederholen, wenn ich anführte, aus welchen Motiven 
der Antrag hervorging. Man entgegnet nun endlich, die Erlasse 
seien nicht recht verstanden worden. Acht Bischöfe haben sie 

202 



>u verstanden, wie wir sie verstanden haben, und man hat bis 
heute, so viel ich weiß, es nicht der Mühe wert gefunden, durch 
irgend eine Antwort zu sagen, wie denn eigentlich die Sache 
zu verstehen gewesen wäre. Zwei Landtage haben sie auch 
verkehrt verstanden, sie haben sich an das Herz Se. Majestät 
wenden wollen gegen eine Bedrückung, gegen eine Auslegung 
der Verfassung, wenn ich nicht einen stärkeren Ausdruck ge- 
l)rauchen will; sie haben sie nicht verstanden, denn sie haben 
sich dagegen erklärt. Die Ober-Präsidenten als Landtags-Kom- 
missarien müssen sie auch falsch verstanden haben, denn was 
wäre leichter gewesen, als den Landtags-Mitgliedern zu sagen, 
es handelt sich ja nur darum, daß auf öffentlichen Straßen keine 
Mission abgehalten werden soll, und nur darum, daß vom Mini- 
sterium und nicht von der Provinzialbehörde Pässe nach Rom 
erteilt werden. Alle Präsidenten, wenigstens die unserer west- 
lichen Provinzen, müssen sie falsch verstanden haben ; denn die 
einen legten sie ad acta und taten nichts weiter damit, die an- 
dern ließen sie an die Landräte gehen ; die Landräte müssen sie 
auch falsch verstanden haben, denn von ihnen sind sie teilweise 
an die einzelnen Bürgermeister gegangen ; die Presse muß 
sie auch falsch verstanden haben. Der eine Teil verteidigte 
die Erlasse, und zwar aus dem Gesichtspunkte, daß ein evan- 
c^elischer Staat (wie sich die ,,Zeit" ausdrückt) einen notorisch 
zur Vernichtung der evangelischen Ketzerei gegründeten Or- 
den nicht in sich dulden könne. Der andere Teil der Presse 
,i;riff sie an als mit der Verfassung nicht vereinbar; bis heute 
aber blieb die Ausrede, daß sie nicht richtig verstanden seien, 
neu. Wenn also die ganze Presse, die Landräte, die Oberprä- 
sidenten, W'cnn, mit einem Worte, ich glaube jeder, sie so falsch 
verstanden hat, dann muß ich gestehen, wäre es doch der Mühe 
wert gewesen, ein besseres Verständnis in das Volk zu bringen; 
um so mehr als wahrlich das Mißverstehen mehr Aufregung 
ins Volk brachte, als alle Missionen zusammen. Die Antrag- 
steller haben auch zu diesem Verständnis alle Zeit lassen wollen, 
sie haben durch eine Deputation den Herrn Minister-Präsiden- 

203 



ten in Kenntnis gesetzt von allen Schritten, die sie tun wollten ; 
sie haben den Zeitpunkt der Eingabe ihres Antrages gewählt, 
daß er vor die Weihnachtsferien fiel. Meine Herren, es sind 
seitdem zwei Monate fast verflossen, und erst heute kommt der 
Antrag, der so lange besprochen worden ist, zur Sprache, 
gewiß haben die Antragsteller das Ministerium nicht gedrängt. 

Wenn es aber in dieser ganzen Zeit nicht die Muße gefunden 
hat, durch irgend eine genügende Antwort an die Bischöfe 
den Gegenstand zu beseitigen, können wir dann, kann die Bevöl- 
kerung, die uns hierher geschickt hat, dann ein Zutrauen 
fassen, daß Abhilfe erfolge, ohne daß wir an die Quelle gehen, 
an die eigentliche Quelle jedes Preußen, mag man ein absoluter 
oder konstitutioneller Preuße sein; ist es auffallend, daß wir 
uns mit einer Adresse an Se. Majestät den König wenden 
wollen, um ihm zu sagen, dieses Mißtrauen wird in Dein Volk 
hineingelegt, daß wir ihm sagen, das ist die Auslegung, die 
man zwischen Dir und uns geschworenen Worten geben will? 

Der Antrag einer Adresse ist um so gerechtfertigter, als man 
uns versichert hat, das Ministerium des Kultus wünsche die 
Debatte, es wünsche also durch die Majorität das Ja oder Nein 
über diesen Antrag. Glauben Sie, meine Herren, daß damit 
die Sache erledigt ist, wenn sie hier gefallen? Ich gestehe, 
ich glaube es nicht! Stände ich hier bloß als Katholik vor 
Ihnen und verteidigte bloß eine katholische Angelegenheit, dann 
meine Herren, würde ich sagen, die Sache ist bereits erledigt, 
dadurch erledigt, daß sie hier zur Sprache gekommen ist, daß 
die Katholiken Preußens gezeigt haben, auf welchen Boden sie 
die sozialen Zustände regeneritieren wollen, daß sie gezeigt 
haben das Zutrauen, was sie zu ihren andersglaubenden Mit- 
brüdern haben. Aber für unser Vaterland ist damit die Sache 
heute noch gar nicht erledigt. 

Denken Sie sich, meine Herren, was es heißt, zwei Preußen, 
oder ein Preußen mit zehn Millionen berechtigter und sieben 
Millionen unberechtigter Einwohner, das ist keine Großmacht; 
aber das wird eine Großmacht sein, wenn die Protestanten und 

204 



Katholiken vom fernsten Osten bis zum fernsten Westen sich 
brüderlich die Hand geben, wenn jeder auf der Leiter, wie er 
es glaubt, tun zu können oder tun zu müssen, zum Himmel her- 
ansteigt, deshalb aber gerade dem Andersglaubenden gerecht 
wird und jeder sich bemüht, dem Vaterlande ohne Haß und 
ohne Mißtrauen gegen Andersglaubende auf dem Boden, auf 
dem er steht. Zustände herbeizuführen, die demselben allein 
dienlich, allein nützlich und ersprießlich sind. (Lebhafter 
Beifall.) 

B 

AusderRededesAbgeordnetenAugust 
Reichensperger (Köln)*) 

Der Herr Berichterstatter hat uns noch, um den Jesuiten oder 
ihren nunmehrigen Verteidigern eins zu versetzen, in die neue- 
ste Zeit unserer politischen Enwicklungen oder Verwicklungen, 
die stenographischen Berichte der Paulskirche in den Händen, 
eingeführt; mit welchen Empfindungen er sie in der Hand ge- 
habt haben mag, überlasse ich Ihnen zu beurteilen. Er hat uns 
aus der Paulskirche mitgeteilt, wie der Träger eines berühmten 
katholischen Namens,' den ich hochschätze, — ich glaube nicht 
so zurückhaltend sein zu müssen, wie der Herr Vorredner, und 
nenne den Namen von Radowitz — im Frankfurter Parlamente 
sich gegen die Einführung der Jesuiten in Deutschland aus- 
gesprochen habe, und zwar nicht bloß in eigenem Namen, son- 
dern indem er sich hier des Ausdrucks bedi'ente: „Wir sind nicht 
dafür, daß jetzt Jesuiten in Deutschland auftreten". Irre ich 
nicht, so äußerte damals Herr von Radowitz, der Ausdruck: 
Wir bedeute ihn und seine katholischen Freunde. Ich bin 
stolz darauf, unter der letzteren Bezeichnung damals mit ein- 
begriffen gewesen zu sein, und erkläre dem Herrn Bericht- 
erstatter, daß ich unter denjenigen war, welche in einer Vor- 
beratung (die Sache ist nämlich speziell unter uns beraten 

*:i a. a. u. S. 74 ff. 

20«; 



worden) beschlossen hatten, daß Herr von Radowitz die frag- 
liche Erklärung- abgeben möge, sodaß derselbe damals nur im 
Auftrage der Katholiken, die um ihn versammelt waren, gehan- 
delt hat, und letztere seine Verantwortlichkeit teilen. Warum 
haben wir so gehandelt? Wir haben es erstlich aus dem. Grunde 
getan, weil eben, wie der Abgeordnete für Neuwied gesagt, 
der Jesuitenorden so wenig', wie irgend ein anderer Orden, sich 
mit der Kirche identifiziert, weil die Kirche noch höhere Inter- 
essen kennt, als die irgend eines Ordens, selbst aller Orden zu- 
sammen. Damals standen die Gesamtinteressen der Kirche in 
Frage. Im Deutschen Parlamente wurden die Grundrechte aus- 
gearbeitet, und in denselben sollten die Rechte der katholischen 
Kfrche fixiert w^erden. Ich muß nun daran erinnern, daß gerade 
damals die Jesuiten das Stich- und Schlagwort des ganzen 
großen Publikums, nicht bloß der Republikaner, sondern auch 
der Liberalen, selbst von den gemäßigten Schattierungen, wa- 
ren. Ich will nur den Abgeordneten für Neustettin daran er- 
innern, mit welchem unendlichen Applaus aus allen Zeitungen 
der Sturz des Sonderbundes und die Vertreibung der Jesuiten 
als eine der bedeutendsten Großtaten gepriesen wurde. Es er- 
folgte dieser Sturz durch diejenigen, welche jetzt noch die 
frevelhafte Faust auf Neufchatel legen. (Bravo!) 

Damals, als alles, was nicht zu den entschiedensten Katholiken 
gehörte, so dachte, handelte es sich darum, ob wir uns um der 
höheren Interessen wüllen gegen die Niederlassung von Jesuiten 
erklären sollten, das heißt gegen ihre sofortige Niederlassung 
in Deutschland. Es ^teht nämlich ausdrücklich ,,für jetzt" da; 
Herr von Gerlach hat dies Wort etwas obenhin gelesen. Da 
haben wir denn dieses Opfer der damaligen Situation und 
der öffentlichen Meinung gebracht. Ich muß noch einmal 
bemerken, daß diese öffentliche Meinung getragen war von 
allen Schattierungen des Liberalismus und selbst von hoch- 
stehenden königlichen Beamten, von welchen einer sogar, ein 
Protestant, mit seinen Freunden so weit gegangen war, in das 
Deutsche Parlament eine Bittschrift zu bringen: der Papst 

3o6 



möge ersucht werden, das Zölibat der Priester aufzuheben! 
Daß man solchen Kollegen nicht mit den Jesuiten nahekommen 
konnte (Heiterkeit), das versteht sich von selbst. Wir verzich- 
teten vorübergehend auf die Tatsache, um das durch einen An- 
trag bedrohte Recht der Jesuiten zu retten, wie dann auch bei 
der zweiten Lesung der Grundrechte die Verbannungssentenz 
wirklich zurückgenommen wurde. Allein, meine Herren, damit 
will ich doch keineswegs gesagt haben, daß das, was wir da- 
mals optima Tnente, was wir als treue Söhne der Kirche getan 
haben, daß dies durch und durch gerechtfertigt sei. Ich nehme 
aber für uns in Anspruch, was uns so oft vom Ministertische 
aus gesagt wird, daß man sich irren, daß man zum Bewußt- 
sein des begangenen Irrtums kommen könnte, ohne daß damit 
der Sache und dem Rechte ein Abbruch geschehe; ich glaube 
aber, meine Herren, daß unser Irrtum unter den obigen Ver- 
klausulierungen jedenfalls ein sehr entschuldbarer war. 

C 
Vus d erRede des Grafen Stolbcrg- Westheim 

Die Tatsachen führen uns zurück auf eine tiefe Wunde, sie 
führen uns zurück auf die Stellung der Katholiken in Preußen, 
auf die paritätische Stellung, oder, will man dieses Wort nicht, 
auf die Gleichberechtigung der Katholiken, und das, meine 
Herren, ist die Stelle, die uns Katholiken wurmt und nagt, und 
wer diese Wunden berührt, der berührt einen brennenden Fleck, 
der durch die Katholiken durch und durch geht. Dies ist der 
Gegenstand, den ich hier sehr gern behandelt hätte, weil ich die 
Überzeugung habe, daß in diesem Punkte der Brennpunkt 
nicht allein dieser Frage, sondern der Frage der ganzen Zu- 
kunft liegt. Was ich Ihnen gern ausgeführt und mit mehr 
Gründlichkeit behandelt hätte, ist der Punkt der Gleichberechti- 
gung, insofern diese den Begriff unserer Stellung im Staate, 
oder unsers staatlichen Verhältnisses, der Vertretung der Ka- 
tholiken im Staate in sich faßt. 

207 



' Es ist dies ein unendlich lehrreiches Beispiel, und ich würde 
Ihnen bewiesen haben, daß in der Tat von oben bis unten wir 
gar nicht vertreten sind. Ich gehe nicht in die Sache ein, 
sondern zitiere einfach das Beispiel, daß wir ganze Provinzen 
und Regierungsbezirke haben, in denen vom Oberpräsidenten 
bis zum Landrat herab in der ganzen Administration kein ein- 
ziger Katholik angestellt ist. Ein summarischer Abschluß ist 
zum Beispiel der, daß von 1227 Beamten, welche in der Ad- 
ministration angestellt sind, vom Minister bis zum Landrate 
herab nur 108 Katholiken sind. Ich wäre sehr gern tiefer in 
die Sache eingegangen, weil ich gern gezeigt hätte, daß die 
Mißgriffe, welche de'n konfessionellen Frieden stören und ein 
beständiges Mißtrauen erregen, die alten Provinzen gegen die 
neuen, die westlichen gegen die östlichen aufregen, darin ihre 
Ursache haben. Meine Herren! Dieses Mißtrauen wohnt in 
Preußen, dieses Mißtrauen ist die Ursache, daß Preußens Macht 
sich nicht so entwickelt und sich nicht so entwickeln kann, wie 
es sein sollte. (Murren.) 

Ihr Murren soll mich nicht abhalten, mich auszusprechen; 
dieses Mißtrauen wird bleiben, es wird wühlen und zehren an 
dem Staate Preußen, bis uns Recht wird; wir werden uns be- 
klagen, wir werden uns beschweren, wir werden auf diesen 
Punkt zurückkommen, so lange noch ein Atem in uns ist. Wir 
sind Preußen, das heißt wir gehören der Krone Preußen an 
und haben bewiesen, daß wir diese Pflicht erkennen und ihr 
treu bleiben wollen; sind wir aber Preußen, das heißt bei uns 
im Westen, nein, das können wir nicht sein (Unruhe. Pfui, 
pfui !), ich wiederhole es . . . 

Präsiden t: Äußerungen, wie ich sie eben vernommen habe, 
sind nicht in der Ordnung. Ich bitte den Herrn Redner durch 
solche Rufe nicht zu unterbrechen. Wenn auf der Tribüne etwas 
geschieht, was der Ordnung nicht entsprechend ist, so werde 
ich unterbrechen. Ich bitte, Herr Graf, daß Sie sich mehr an 
die Sache halten. 

Abgeordneter Graf zu Stolberg-Stolberg: Wir 

208 



sind nicht Preußen, insofern wir mit Freudigkeit unser Heiz und 
iinsern Willen an Preußen anschließen sollen, insofern wir ge- 
hindert sind, das geschichtliche Fideikomiß Preußens an uns zu 
nehmen, so lange Preußen nicht auch unsere historischen Fidei- 
kommisse an sich nimmt. Wir können nicht Preußen werden, so 
lange nicht auch von Ihrer Seite das, was uns stark und kräftig 
macht, so lange unsere Geschichte und der Schatz ihrer Erinne- 
rungen nicht auch von Ihrer Seite mit Ehrfurcht und Achtung 
behandelt wird, in diesem Sinne sage ich allerdings, wir können 
^rst mit Freudigkeit Preußen sein, wenn wir mit Freudigkeit 
und Stolz sagen können, daß wir katholische Preußen sind. 
Das können wir aber nicht, weil man uns das staatliche Recht, 
<iie Gleichberechtigung nicht angedeihen läßt. (Unruhe.) 

Meine Herren! Man hat von dem Berufe Preußens gespro- 
chen: auch ich habe meine Ansichten darüber. Preußen hat 
nach meiner innigsten Überzeugung einen sehr großen und 
liohen Beruf. Durch eine eigentümliche Fügung der Geschichte 
sind die konfessionellen Gegensätze in Preußen in einem so 
massenhaften Verhältnisse vortreten, wie in keinem andern 
Staate. Wir dürfen uns nicht wundern, daß die Ausgleichung 
der konfessionellen Gegensätze im staatlichen Gebiete sehr 
viele Kämpfe erfordert. Es wäre von uns eine sehr große Tor- 
heit, erwarten zu wollen, daß diese Ausgleichung, diese faktische 
rileichberechtigung mit einem Federstriche erreicht werden 
könne. Sie dürfen es uns aber nicht übelnehmen und werden es 
auch anerkennen, daß wir in dieser Beziehung empfindlich sind, 
und werden anerkennen, daß diese Schwierigkeit nur dann erst 
überwunden werden kann, wenn eine vollständige Gleichberech- 
tigung erreicht ist, daß wir aber bis dahin uns in einem ge- 
wissen Zustande des Druckes, der Zurücksetzung befinden. Der 
Beruf Preußens ist diese Ausgleichung der konfessiötiellen 
( Gegensätze in staatlicher Beziehung. Dieser Beruf kann rii cht 
in kurzer Zeit erfüllt werden, aber zur Erreichung dieses Zieles 
voranzuschreiten, das ist unsere Aufgabe. Eine jede dieser Kri- 
sen ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Völkef'ünd ich 

Hergstraßer I. 14 209 



hoffe, wir stehen auf einem solchen. Deshalb, ich wiederhole es, 
halte ich es für ein sehr großes Glück, daß auch diese konfes- 
sionellen Gegensätze uns zu gleicher Zeit hier ergriffen haben, 
die wir aus den verschiedensten Provinzen, mit den verschie- 
densten Interessen und Ansichten hier zusammengetreten sind. 
Ich halte es für ein großes Glück, daß der Kampf hier ent- 
brennt und daß wir auf denselben hingewiesen werden. Wie 
tief dieser Kampf auch eingreife und alle Verhältnisse unseres 
staatlichen Lebens durchzucke, doch scheue ich den Kampf 
nicht, und scheue es nicht, die Wunde unseres Staates nackt 
hinzulegen. Wenn Sie es mir aber verdacht haben, daß ich mich 
hier stark ausdrückte, so beruhige ich mich durch die Über- 
zeugung, daß Sie früher oder später einsehen werden, daß das 
Vertuschen dieser Wunde dieselbe nicht heilt, sondern daß es 
nötig ist, dieselbe anzusehen. Wer so, wie ich, davon durch- 
drungen ist, wird auch den Mut haben, trotz aller Mißdeu- 
tungen und aller Mißbilligung diese Wunde aufzudecken, und 
dies hat mich veranlaßt, so zu sprechen, und ich hoffe, daß die 
Herren dies anerkennen werden. (Ruf von der Rechten: Nein !) 

(Nach rechts gewandt:) Dem sei, wie ihm wolle, der Kampf 
ist da, und der Kampf muß zum Austrag kommen. Unser 
Wunsch, unser Streben wird sein, diesen Kampf auf dem 
geistigen Feld durchzukämpfen. Es ist uns vielfach zugerufen, 
man wolle ein geistiges Aneinanderplatzen. Wohlan, wir wollen 
es, wir bieten die Hand dazu. Aber, wenn man das will, möge 
man diesem geistigen Aneinanderplatzen, dieser geistigen Kraft, 
die von einer Seite aufgestellt wird, nicht mit Ministerial- 
reskripten, nicht mit Verordnungen, nicht mit Bretterplanken 
entgegentreten ! 

Meine Herren ! Durch alle diese Schroffheiten, durch alle 
materielle Macht wird das nicht überwunden werden, und da- 
v^on bin ich überzeugt, die Wahrheit wird sich ihren Weg bah- 
nen! Die große Aufgabe, der große Beruf Preußens, den ich 
soeben angedeutet und von dessen hoher Würde ich durch- 
drungen bin, kann aber nur erreicht werden dutch ein kräftiges 

2IO 



Zusammenwirken. Deshalb ersuche ich Sie allerseits heute, die 
Gelegenheit zu ergreifen und zum Zeichen, daß Sie unsere 
Stellung Avohl anerkennen, daß Sie unsere Ansprüche, die aus 
unserer Stellung hervorgegangen, anerkennen, — für unsern 
Antrag zu stimmen. 

(a. a. u. 1., c, S. 119 ff. nicht Stolberg-Stolberg, wie dort fälschlich steht. Vgl. 
Pfülf, a. a. O. S. 140 ff., wo Teile des handschriftlichen Entwurfes abgedruckt 
sind, auch ein an die Rede anschließender Briefwechsel mit Friedrich Wil- 
helm IV.) 



D 

A u s d c ni Schi u ß w o r t des Buches 

Durch Jahrhunderte war Preußen ein evangelischer Staat 
und in diesem evangelischen Charakter des Staates, sowie in 
dem dadurch bedingten Einflüsse auf die kleineren protestan- 
tischen Länder des Kontinents lag ebensosehr, als in der per- 
sönlichen Bedeutung seiner Herrscher und mehr noch als in 
seiner materiellen Macht der Schwerpunkt seiner politischen 
Stellung. Diesen Schwerpunkt aber hat die Neuzeit verrückt. 
In dem umgekehrten Verhältnisse, wie der Umfang und die 
materielle Macht des Staates gewachsen sind, ist der evan- 
gelische Charakter desselben verschwunden. Mehr und mehr 
hat der evangelische Staat sich zu gemischter Ehe den katho- 
lischen Staat verbunden. Denn die alten Lande haben nicht als 
Sieger die neuen Provinzen sich unterworfen, sie besitzen die- 
selben nicht kraft der Eroberung zu Eigentum, die Neugestal- 
tungen der letzten Kriege sind nicht nur Akte des Triumphes 
auf der einen, der Niederlage auf der anderen Seite, sondern 
sie sind ein großer Akt der Befreiung für alle, und indem die 
alten und neuen Lande zu dem Preußen der Gegenwart ver- 
einigt wurden, haben die evangelischen und katholischen Staa- 
ten sich zu dem einen paritätischen Staate verbunden, zu dem 
Staate voller Gleichberechtigung der beiden Bekenntnisse. So 
war das Verhältnis seit lange von rechtswegen und so hätte 

' ;* 211 



es sich verwirklichen sollen. Allein dieTatsachen zeugen anders. 
Verwaltung und Politik trugen nach wie vor die Färbung des 
einseitig evangelischen Staates und eben diese Verwaltung war 
es, deren Hand nach Josephinischer Auffassung den Bewe- 
gungen der kirchlichen Organe die beengendsten Schranken 
zog und die Ereignisse des Jahres 1837 herbeiführte, deren 
befriedigenden Austrag die katholischen Untertanen nur des 
Königs wohlwollender Gerechtigkeit zu danken haben. Aber 
auch dann vermochten die unteren Organe noch nicht, dem 
Könige auf die Höhe seiner Anschauung zu folgen, vielmehr 
verriet die fortbrennende Eifersucht und Mißgunst gegen die 
katholische Kirche sich bald nachher wieder in der Gunst, 
welche man dem Abfall von derselben entgegentrug. 

Erst als die Revolution des Jahres 1848 das Land erschüt- 
terte und vor aller Augen die tiefen Schäden der Zeit in ihrer 
ganzen häßlichen Nacktheit aufdeckte, da erkannte man in dem 
Glauben des Volkes und in der freien Tätigkeit der selbstän- 
digen Kirche den allein festen Boden der Zukunft und, da man 
zugleich das Bedürfnis fühlte, der berechtigten Forderung und 
Erwartung der Bevölkerung genug zu tun, warf man den An- 
ker darnach aus. Die Artikel 12 und 15 der Verfassung wurden 
die Grundlage des Staats-Kirchenrechts, die Gewährung und An- 
erkennung der vollen Selbständigkeit der Kirche trat an die 
Stelle mißtrauensvoller Beaufsichtigung und Bevormundung, 
und die paritätische Stellung beider christlichen Kirchen zum 
Staate fand neuerdings ausdrückliche Anerkennung. 

Die kirchlichen Oberhirten haben die dargebotene volle Frei- 
heit nicht allein mit Eifer empfangen, sondern sie. haben auch 
sofort weisen Gebrauch davon gemacht, und seitdem hat der 
Baum, der aus dem Senfkorn erwachsen, in Jugendkraft Blüten 
und Knospen mannigfacher Art getrieben, und es begann die 
Hoffnung sich zu befestigen, daß noch einmal dei Geist der 
Zucht und Sitte, des Opfers und der Hingebung den dauernden 
Sieg erringen werde über die verneinenden und zerstörenden 
Geister der jüngsten Zeit. Wo nun diese kirchliche Freiheit, 

212 



an welcher die Hoffnung der Zukunft hängt, nur irgend bedroht 
erscheint, was ist natürlicher und berechtigter, als daß da das 
katholische Volk sich zusammenschart zur Verteidigung sei- 
nes Rechts und seines Besitzes Fuß um Fuß und Zoll um Zoll, 
und nicht minder zur Abwehr aller derjenigen Einflüsse, welche 
der freien und vollen Entwicklung des jungen Rechtszustandes 
entgegenstreben. 

Ob dessen aber wirklich not war und ist? Wahrlich, es wäre 
gut, wenn die Besorgnisse der Katholiken nur Hirngespinste 
wären. Aber, wenn das, an Veranlassung dazu hat es minde- 
stens nicht gefehlt. Mit ziemlicher Sicherheit läßt sich verfol- 
gen, wie die lebendige Bewegung in der katholischen Kirche 
auf Seiten der evangelischen neben dem Wetteifer im Guten 
auch alte Befürchtungen wieder weckte und wie der Wächter- 
ruf aus den unteren Kreisen zu den höheren und mittelsten 
(il ledern des Kirchenregiments sich fortpflanzte, und wie er 
liinübergeschlagen ist als Hilferuf an das Ohr der Staatsgewalt. 
Als deshalb von hier aus unter Mitwirkung des Kultusmini- 
sters Verfügungen ergingen, deren erste bei an und für sich 
richtiger Bezeichnung der beiderseitigen Beziehungen zwischen 
Staat und Kirche zunächst nur den ausländischen Geist- 
lichen galt, als man dann ohne Rücksicht auf die Herkunft der 
Missionare die Missionen selbst, wenngleich nur erst die Mis- 
sionen in überwiegend protestantischen Landesteilen traf, als 
hieran die Wiederaufnahme älterer Bestimmungen wegen des 
Besuches der theologischen Lehranstalten zu Rom und deren 
Verschärfung sich anreihte und obendrein ohne irgendwelche 
direkte Veranlassung ein allgemeines Verbot der Niederlas- 
sung der Jesuiten beigefügt wurde, als außerdem von einer 
Verfügung verlautete, welche die Einstellung dotationsmäßiger 
Zahlungen in Aussicht stellte, — da sah man in diesen Reskrip- 
ten eben so viele Rückschritte zu der früheren wenig heilvollen 
Lage der katholischen Kirche, ja — um die ganze Wahrheit 
zu sagen — man beargwöhnte die Staatsregierung als heim- 
liche Verbündete des Protestantismus gegen die katholische 

213 



Kirche, und man hielt die darin sich anlehnenden Befürchtun- 
g^en um so gerechtfertigter, als ziemlich gleichzeitig- seitens des 
evangelischen Kirchentages zu Bremen die Festhaltung der Auf- 
sicht über die katholische Kirche beantragt wurde, und das 
öffentliche Preßorgan, welches den Ministern des Kultus und 
des Innern zumeist befreundet ist, mit der Aufstellung des 
Satzes ,, Preußen kein paritätischer, sondern ein evangelischer 
Staat" den Handschuh hinwarf. Auch zur Stunde vermißt man 
noch eine irgend befriedigende Antwort auf die sehr nahe lie- 
gende Frage, durch welche — von dem Vorangeführten unab- 
hängige — Vorgänge und Erwägungen die Minister denn 
sonst eigentlich bestimmt worden seien, zwei Zirkular-Verfü- 
gungen zu erlassen, von welchen, wie man auch über deren 
Recht- oder Unrechtmäßigkeit urteilen mag, zum mindesten 
mit Sicherheit vorauszusehen war, daß sie bei ihrem Bekannt- 
werden Mißtrauen und Aufregung unter den Katholiken her- 
v^orrufen würden. Der Minister der geistlichen Angelegen- 
heiten scheint zwar selbst das Bedürfnis einer Antwort auf 
diese Frage gefühlt zu haben, und hat deshalb darauf hinge- 
Aviesen, wie durch die Bestimmung der Verfassungs-Urkunde 
die Auffassung der Behörden über ihre Stellung in diesen An- 
gelegenheiten zweifelhaft geworden sei und gegenüber den zum 
Teil einander geradezu entgegenstehenden Auffassungen sich 
für die Regierung die Notwendigkeit gezeigt habe, ihre Grund- 
sätze in einer klaren Anordnung auszusprechen. Mit dieser An- 
führung ist indessen schwer zu vereinigen, daß schon der 
Minister von Ladenberg, wie derselbe den Kammern im De- 
zember 1849 mitteilte, gleich nach dem Erscheinen der Ver- 
fassungs-Urkunde an sämtliche Provinzial-Behörden mehrere 
Zirkular-Reskripte über die durch die Verfassungs-Urkunde 
hinsichtlich der katholisch-kirchlichen Angelegenheiten einge- 
tretenen Ressortveränderungen erlassen hat, welche geeignet 
waren, irrigen Auffassungen der angegebenen Art zuvorzukom- 
men. Auch war jedenfalls den Provinzial-Behörden seitens des 
jetzigen Kultus-Ministers schon durch das Zirkular-Reskript 

214 



vom 25. Februar 185 1, und zwar unter ausgedehnter und sehr 
bestimmter Wahrung des staatlichen Standpunktes die ent- 
sprechende Weisung erteilt worden. Es bleibt demnach die 
Veranlassung zu streitigen Erlassen um so mehr im Dunkeln, 
als das Reskript vom 22. Mai auf einen etwa vorhergegangenen 
anfragenden Bericht gar nicht Bezug nimmt, das Reskript vom 
16. Juli aber das Gesuch eines katholischen Studenten um einen 
Paß nach Rom als Gelegenheit ergreift, um allgemeine Anwei- 
sungen zu erteilen, welche mit dem Gegenstande des Gesuchs 
zum Teil in gar keiner Verbindung stehen. Ja, das Dunkel 
wird vollends undurchsichtig, wenn man nicht nur den von dem 
Berichterstatter verlesenen amtlichen Bericht ins Auge faßt, 
worin der Wirksamkeit der Jesuiten nachgerühmt wird, daß 
sie sich von Erregung konfessionellen Unfriedens vollkommen 
freigehalten, daß sie überall den Grundsatz der Autorität so- 
wohl in weltlichen wie in kirchlichen Dingen verfochten, daß 
sie die sozialistischen Trugbilder schonungslos entlarvt, daß sie 
mit ihrer tiefen und gewaltigen Glaubenskraft auch den ein- 
gewurzelten Indifferentismus erschüttert, daß nach den über- 
einstimmenden Berichten der Landräte nicht genug zu rühmen 
sei, wie wohltätig sich der Erfolg der Missionen auf dem Ge- 
biete äußerer Sittlichkeit und Gesetzlichkeit, wie in der Er- 
weckung christlicher Zucht und Liebe gestaltet habe — son- 
dern, wenn man auch ferner noch das eigene Zeugnis des Mi- 
nisters erwägt, welcher selbst den in der Verfügung vom 22. Mai 
ausgesprochenen Verdacht, daß bei den Missionen andere 
Zwecke als eine Einwirkung auf die katholischen Gemeinden 
verfolgt würden, auf das vollständigste entkräftet, indem er 
ausdrücklich erklärte, „die Jesuiten-Missionen hätten bisher für 
die Evangelischen keinen anderen Erfolg gehabt, als daß sie 
die Gemeinden aufgeweckt und zu neuem Leben befestigt hätten 
in der Liebe und Treue gegen ihren Glauben". Wir gestehen, 
diese Tatsachen und Äußerungen auf der einen, die polizeilichen 
Ausnahme-MaßregeJn auf der andern Seite, daneben einerseits 
die Konkurrenz des Ministers der geistlichen Angelegenheiten 

215 



bei den polizeilichen Anordnungen, andererseits aber die durch 
die unbeantwortet gebliebene Anfrage des Abgeordneten 
Reichensperger I konstatierte Nichtzuziehung der katholischen 
Abteilung bei dieser ganzen Angelegenheit, darin zeigen sich 
Widersprüche, deren Lösung in einer dem Minister günstigen 
Weise nicht über unsere Wünsche, wohl aber über unsere Ein- 
sicht hinausgeht. Außerdem berechtigt der letzterwähnte Um- 
stand zu der Bemerkung, daß die Umgehung der katholischen 
Abteilung bei diesen nicht minder religiösen Gefühlen wie den 
Rechten der katholischen Untertanen des Königs zuwider- 
laufenden Maßnahmen offenbar nicht der Absicht entspricht, wel- 
che Se. Majestät bei Errichtung jener Abteilung geleitet hat. 
Hervorgegangen aus Kölner und Posener kirchlichen Wirren, 
sollte sie dazu dienen, der Wiederkehr ähnlicher Ereignisse vor- 
zubeugen und den Katholiken des Landes für die Beachtung 
der Rechte und Interessen ihrer Kirche eine Bürgschaft zu 
gewähren. War diese Bürgschaft allerdings keine rechtliche, 
so kam sie einer solchen doch tatsächlich gleich, so lange die 
Achtung vor hergebrachten Geschäftsformen, welche früher 
bekanntlich auch in anderer Beziehung vielfach den Mangel 
rechtlicher Garantie vertrat, in Geltung gebracht. Wie der 
erwähnte Vorgang beweist, hat diese Bürgschaft aufgehört. 

Solchen Verhältnissen gegenüber genügt nicht ein gelegent- 
liches gutes Wort, auch nicht ein Wort vom Ministertische in 
der Kammer, um das wirkliche Unrecht, welches durch die Er- 
lasse vom Mai und Juli vorigen Jahres — zwar nicht unwider- 
sprochen, aber doch unwiderleglich, wenn auch vielleicht nur 
unbewußt — den Katholiken angetan worden ist, gänzlich zu 
beseitigen und der Vergessenheit zu übergeben. Es hätte dazu 
mindestens auch der ausdrücklichsten anderweitigen Anweisung 
der einmal zu Unrecht instruierten Behörden bedurft. Die 
Kammer hat leider ihre Mitwirkung abgelehnt, um dieses Ziel 
auf dem Wege einer Adresse an Se. Majestät den König zu er- 
reichen. 

Dies Ergebnis berechtigt indessen keineswegs zu dem 

216 . 



Schlüsse, daß die Majorität die Beschwerden selbst für unbe- 
gründet halte. Im Gegenteil hat ein ansehnlicher Teil, die Frak- 
tion Bethmann-Hollweg, in einem besonderen Amendement 
diese Beschwerden großenteils als begründet ausdrücklich aner- 
kannt und lediglich, die Form einer Adresse als einen außer- 
ordentlichen, nur im äußersten Falle zu betretenden Weg be- 
anstandet. Welche Beweggründe für die übrigen Mitglieder 
der Mehrheit vorzüglich bestimmend gewesen seien, wollen und 
können wir füglich nicht näher erforschen. Jedenfalls sind die 
Reden der Abgeordneten Hahn und Beyer als getreuer Aus- 
druck der herrschenden Meinung nicht anzusehen; viel eher 
möchte das folgende letzte Wort des Berichterstatters ein rich- 
tiges Schlaglicht darauf werfen: ,,Ein Tadel gegen die Regie- 
rung in dieser Angelegenhieit wird das Land nicht beruhigen und 
versöhnen, sondern erst recht aufregen." Bedauerlicherweise 
läßt indessen auch dieses Wort nur noch zu sehr durchfühlen, 
'laß der Ausspruch der Kammer nicht aus Erwägung des Rechts 
allein, sondern daneben auch aus Berücksichtigung konfessio- 
neller Stimmungen, Besorgnisse und Antipathien hervorge- 
gangen ist. Doch wie dem sei, wir wollen nicht nachträglich 
Tadel häufen. Dahingegen aber müssen wir andererseits um so 
mehr mit Anerkennung und Dank die wesentlich vorurteils- 
freie Auffassung und Beurteilung hervorheben, welche der 
Streitgegenstand immerhin doch bei nicht wenigen Abgeord- 
neten evangelischen Bekenntnisses gefunden hat, und zwar zu- 
nächst bei denjenigen Abgeordneten der linken Seite des Hau- 
ses, welche mit den Antragstellern stimmten, sodann aber auch, 
wenn schon nicht im gleichen Maße, bei den denselben sich 
bedingterweise gegenüber stellenden Mitgliedern der Beth- 
inann-Hollwegschen Fraktion. Es liegt darin allein schon eine 
Art Ereignis, denn es bekundet einen großen Fortschritt zu 
allgemeiner unbefangener Beurteilung konfessioneller Veihält- 
r.isse und berechtigt zu der Erwartung, daß es in der Folge nicht 
wieder der Teilung emes politischen Körpers in ein corpus 
catholicorum und ein corpus evangelicorum bedürfen wird, 

217 



um den kirchlichen Rechten des einen oder andern Teiles 
Schutz zu sichern. Mehr aber noch als über diese erfreuliche 
Erscheinung' haben, die Katholiken Ursache der Einmütigkeit 
froh zu sein, welche sich in ihrer Mitte kundgegeben hat, wie 
weit auch sonst die Ansichten auseinanderweichen. Dieses 
hundertfache „Ja" der katholischen Landesvertreter in solcher 
Sache ist an und für sich schon von geschichtlicher Bedeutung. 
Es gibt Kunde, daß die Unterscheidung zwischen ultramon- 
tanen und aufgeklärten Katholiken bei uns aufgehört hat, eine 
Realität zu haben ; es begründet das Vertrauen, daß der Stand- 
punkt der , .liberalen" Katholiken Frankreichs, Belgiens und 
Sardiniens für die Katholiken Preußens als ein glücklich über- 
wundener angesehen werden darf; es hat ein lautes und weit 
hinausdringendes Zeugnis gegeben zu Ehren der am meisten 
und am heftigsten angefeindeten Orden und Institute der hei- 
ligen Kirche; es wird endlich neu belebend und zu fernerem 
Mühen und Hoffen ermutigend auf nahezu sieben Millionen 
Preußen zurückwirken. 

Unser vertrauenvolles Hoffen lehnt sich an den Geist und 
das Herz unseres Königs. Die Konflikte, welche aus den vor- 
handenen Gegensätzen hervorgehen, werden trotz aller Schwie- 
rigkeiten zuletzt befriedigende Lösung finden. Mit Vertrauen 
sehen daher die katholischen Untertanen und deren Vertreter 
zunächst der Entscheidung entgegen, welche von höchster Stelle 
auf die noch unerledigte Beschwerde der preußischen Bischöfe 
ergehen wird, und mit Zuversicht hoffen sie, daß von dort aus 
die Mittel und Wege gefunden werden, welche geeignet sind. 
für die Zukunft ähnliche bedauerliche Verwicklungen zu ver- 
meiden und die Aufrechterhaltung jener erleuchteten Grund- 
sätze in der Behandlung katholischkirchlicher Angelegenheiten 
wieder sicher zu stellen, welche nach dem Regierungsantritte 
Friedrich Wilhelms TV. zum Heile des Landes befolgt worden 
sind. 

(a. a. u. S. 109 ff. Verfasser unbekannt, wahrscheinlich Abg. Otto, der 
auch die späteren verfaßte.) 

218 



Die Texte sind entnomniea der Schrift: Die Ministerial^rlasse rom 22. Mai 
und 16. Juli 1852 in der zweiten Kammer mit zwei Beilagen. Paderborn 
1853, Verlag von F. Schöningh, zrgS. — Der in der Schrift gegebene Text 
der Waldbottschen Rede ist vom Redner eigens zu diesem Abdruck noch- 
mals durchgesehen. Der Redner hat einige Veränderungen vorgenommen. 
Die Schrift bildete den ersten Rechenschaftsbericht der Katholischen Fraktion. 



219 



Die Wahlen zum Hause der Abge- 
ordneten in Preussen 

(1858) 

Von Peter Reichensperirer') 
I 

Die Stellung- der Krone in Preußen ** ) 

Der Regel- und Schwerpunkt des Preußischen Staatswesens 
liegt seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung nach sicherlich 
im Königtum, allein dies Königtum selber, welches im sieb- 
zehnten Jahrhundert die abgestorbene Feudalverfassung in die 
Formen der absoluten Monarchie hinübergeführt, hatte bereits 
im achtzehnten Jahrhundert die Unverträglichkeit jener abso- 
luten Gewalt mit der Rechtsauf fassung und den politischen Be- 
dürfnissen der Neuzeit erkannt und deren Überleitung in die 
repräsentative Staatsordnung beizeiten vorbereitet. Darum ist 
dann auch die Verfassungsurkunde Preußens im mindesten 
nicht das Produkt einer willkürlichen Doktrin neuesten Datums, 
sondern sie beruht auf der breitesten historischen Grundlage 
des uralten Rechtes aller deutschen Stämme, sie beruht unmittel- 
bar auf der ganzen Reform-Gesetzgebung dieses Jahrhunderts, 
deren Grundprinzipien durch Friedrich Wilhelm III. und durch 
Se. Majestät den regierenden König allmählich, aber sicher 
ihrer allseitigen Verwirklichung zugeführt worden sind. 

Wenn daher auch der Preußischen Landesvertretung durch 
das Staatsgrundgesetz von 1850 eine entscheidende Stimme in 
den wichtigsten Angelegenheiten des Staates zugewiesen und so 
die absolute Monarchie in eine beschränkte umgewandelt wor- 



*) anonym: von einem Katholiken, Paderborn 1858. 
**) a. a. O. S. 4. 



220 



den, so ist damit in keiner Weise ein verderbliches, revolutio- 
näres Element in unser Staatswesen hineingebracht worden, 
dessen ernstliche Benutzung möglicherweise den Rücksichten der 
Loyalität widerspräche. Seinen wesentlichen Grundzügen nach 
wurzelt es in den altverbrieften historischen Rechten und den 
neuesten Verheißungen des deutschen Bundes. Die gesamte 
Staatsgewalt ist, wie die Wiener Schlußakte es vorschreibt, nach 
wie vor in dem Oberhaupte des Staates vereinigt, der Souverän 
aber in der Ausübung bestimmter Rechte an die Mitwirkung 
der Stände gebunden. Durch diese Mitwirkung der Landesver- 
tretung wird also keinem fremden Götzen gehuldigt, sondern 
das berechtigte Freiheitsinteresse des Landes mit der Würde 
der Krone in den wünschenswertesten Einklang gebracht. 



Die Aufgabe der Volksvertretung im All- 
gemeinen und die katholische Fraktion 
im Besonderen 

Eine *) Landesvertretung kann ja in der Tat kaum eine Be- 
deutung, kaum einen vernünftigen Sinn haben, wenn es nicht 
der ist, daß eben die Möglichkeit des Irrtums hinsichtlich der 
Bedürfnisse und Interessen des Landes seitens der Staatsregic- 
rung bestehe, und daß zur Abwendung der hieraus erwachsen- 
den Schäden und Gefahren ein Mittel der Berichtigung und 
der Kontrolle gesucht und gefunden w^erden müsse. Die Kam- 
mern sind darum wesentlich kontrollierende, neben der Regie- 
rung und im Wechselverhältnis mit ihr wirkende Körperschäften. 
Wenn nun aber denjenigen, welche zur Ausübung jener Kon- 
trolle berufen wurden, nicht der erforderliche Charakter der Un- 
abhängigkeit und der Festigkeit beiwohnt, um als echte Zeugen 
des Volksbewußtseins das für recht und heilsam Erkannte der 
Regierung gegenüber 7.ur Geltung zu bringen, — wenn die 

*) S. 6. 

221 



Landesvertretung vielmehr durch die Wahlen abhängiger Per- 
sonen, oder gar infolge ungebührlicher Einwirkungen als eine 
bloße Schöpfung der Regierung erscheint, alsdann ist der Zweck 
jeder Landesvertretung schlechthin verfehlt, dieselbe ist nur 
noch ein gemeinschädliches, hemmendes Räderwerk im Staate, 
welches denselben nicht stärkt, sondern abnutzt. Ja eine solche 
Landesvertretung ist nicht bloß von keinem denkbaren Nutzen, 
sondern alle Übel, welche sie abwenden sollte, werden gerade 
durch sie unter dem Schleier offizieller Selbsttäuschung in 
wachsenden Progressionen hervorgerufen, es ist dann, wie Ed- 
mund Burke sagte, ,,ein wahrhaft monstruöser Zustand ein- 
getreten, gleich bedrohlich für die Krone, wie für das Land." 
Die Landesvertretung stellt alsdann nicht mehr eine große, 
ehrfurchtgebietende Staatsgewalt, sondern in der Tat nur noch 
ein klägliches Gaukelspiel dar, in welchem die Staatsregierung 
als ihr eigener Doppelgänger erscheint, Steuern fordert und 
sich selbst bewilligt, sich selber lobt und preist, ihre eigenen 
Finanzprojekte und Gesetzentwürfe gut und vortreflflich findet. 
Hiermit kann niemandem gedient sein, wenigstens nicht den 
allein berechtigten Interessen der Krone und des Landes, die 
ja bei richtiger Würdigung stets Hand in Hand gehen. 

Es*) darf behauptet werden, daß die zu Recht bestehende 
Verfassungsurkunde den wahrhaften Interessen und Bedürfnis- 
sen aller Landesteile der Monarchie entspricht, insofern sie unter 
Abschaffung des Systems der Standesbevorzugung das gleiche 
Recht und die Wohlfahrt aller Klassen der Bevölkerung für die 
Richtschnur der Gesetzgebung und den Zweck des Staatsver- 
bandes erklärt. Allein mit verdoppeltem Rechte erblicken ge- 
rade die westlichen Provinzen in dieser Verfassungsurkunde 
das Palladium ihrer bürgerlichen, politischen und religiösen 
Freiheit; sie fühlen sich um so dringender zur einträchtigen 
Verteidigung derselben aufgefordert, je lauter und eifriger 
deren Änderung seitens der Freunde des ständischen, auf Son- 

*) S. 9. 
222 



(lerprivilej^ien und Bevorzugung beruhenden Feudal- und Patri- 
inonialstaates gefordert wird. 

Die Grundlagen und Grundbestimmungen dieser Verfas- 
sungsurkunde sind aber die Gleichheit vor dem Gesetze, die 
Unbeschränktheit und Teilbarkeit des Grundeigentums, die 
gleiche Tragung der öffentlichen Toasten, die Selbstverwaltung 
der Gemeinden, endlich die religiöse Freiheit, wie sie die 
Art. 12 und 15 der Verfassungsurkunde proklamieren. 

Diese beiden Verfassungsbestimmungen haben prinzipiell 
alle die unseligen Streitigkeiten abgeschnitten, welche Jahrhun- 
derte hindurch den Staat und die Kirche erschütterten und die 
gedeihliche Wirksamkeit beider lähmten ; sie tragen in sich 
die Keime einer großen, fruchtbaren Zukunft, sie bedürfen aber 
zu ihrem gesicherten, unverkümmerten Fortbestande aller der- 
jenigen Garantien, welche die Verfassungsurkunde im allge- 
meinen der Rechts- und Freiheitsentwicklung des Landes ge- 
währt, — sie stehen und fallen mit diesem letzteren. In diesen 
Fundamentalsätzen ist also die tiefbegründete Rechtsüberzeu- 
gung der Gegenwart in feierlicher Weise anerkannt und sank- 
tioniert worden, allein es fehlt viel daran, daß dieselben auch 
bereits überall in der Gesetzgebung und Verwaltung ihre tat- 
sächliche Verwirklichung gefunden hätten. Es fehlt noch viel 
mehr daran, daß jene großen Rechtsprinzipien auch von allen 
Klassen der Bevölkerung, namentlich der östlichen Provinzen, 
offen und unumwunden angenommen würden. Bei der wesent- 
lich veränderten Lage der Gegenwart akzeptiert zwar dermalen 
selbst die Kreuzzeitungs-Partei die Verfassungsurkunde, die 
sie früherhin auf Tod und Leben bekämpft und nach Kräften 
verstümmelt hat, — in welcher der Abgeordnete von Gerlach 
nur einen guten Artikel fand, nämlich den Art. 107, welcher 
die Abänderung und mithin auch die Abschaffung der Verfas- 
sungsurkunde selber in so gar erfreulicher Weise erleichterte. 
Allein das Land erblickt in jener Änderung der Kreuzzeitungs- 
Position mit Recht keine Bekehrung, sondern nur einen ihr 
auferlegten Zwang, weil jetzt nur noch der Weg der Verfas- 



sungsurkunde zu ihrem unverändert gebliebenen Ziele führen 
kann. Der Abgeordnete Wagener (Neustettin) hat es klar 
genug ausgesprochen, ,,die Rechte halte an der Hoffnung fest, 
daß es gelingen werde, eine ständische Vertretung Preußens 
auf einer reinen und klaren Grundlage herzustellen." Wir 
müssen diese Tatsachen konstatieren, wenn wir sie auch im 
Interesse des Landes und des preußischen Adels selber in vollem 
Maße beklagen. Gewiß ist es, daß der englische Adel jederzeit 
eine gerechtere und weisere Stellung gegenüber der Freiheits- 
entwicklung des Landes eingenommen und nur auf diesem 
Wege seinen ebenso mächtigen, als segensreichen Einfluß 
begründet hat. Es darf indessen an der Hoffnung festge- 
halten werden, daß auch der preußische Adel sich nicht auf die 
Dauer der richtigen Erkenntnis seiner Aufgabe verschließen 
werde, da durch definitive Begründung des Herrenhauses die 
durch Ansehen und Besitztum ausgezeichneten Elemente des- 
selben von der übergroßen Zahl derjenigen ausgeschieden wor- 
den sind, für welche die Beibehaltung oder Wiederherstellung 
des ehemaligen Privilegienstandes nicht bloß eine Frage des 
Parteiinteresses, sondern, wie sie selbst erklären, wegen der 
bestehenden Überschuldung ihrer Rittergüter eine eigentliche 
Existenzfrage bildet. Der Adel des Herrenhauses, dieser 
eigentlich politische Adel Preußens, wird sich hoffentlich nach- 
gerade auf einen höheren Standpunkt zu erheben wissen und 
sich nicht immer engherzigen Sinnes nach untergegangenen 
Zuständen zurücksehnen, sondern in Gemeinschaft mit der 
Krone und dem Lande die große Zukunft im Auge behalten, 
welche die politische Neugestaltung der Monarchie eröffnet. 

Im Hinblicke auf diese Frage des Landes muß die erste posi- 
tive Anforderung, welche an jeden zu wählenden Abgeordneten 
gestellt wird, die sein, daß er volle Bürgschaft dafür gebe, treu 
dem Grundgesetze des Landes dasselbe aufrecht zu erhalten 
und durchzuführen, jedenfalls nur zu solchen Verfassungs- 
änderungen die Hand zu bieten, deren Notwendigkeit im Inter- 
esse des Staates in klarster Weise hervortreten möchte. Diese 

224 



Haltung haben in der abgelaufenen Legislaturperiode die- 
jenigen drei Fraktionen eingenommen, welche sich im vollsten 
Sinne des Wortes: ,,Sr. Majestät getreueste Opposition" nennen 
durften. Sie haben dieselbe mit Ehre, ja mit einem anfangs 
kaum für möglich erachteten Erfolge behauptet. Das Land 
wird daher auch bei den bevorstehenden Wahlen auf die Män- 
ner und die Bestrebungen dieser Seite des Abgeordnetenhauses 
vor allem sein Augenmerk zu richten haben. Es wird sich da- 
her durch den gewöhnlichen taktischen KunstgfiflF nicht beirren 
lassen, daß man jene Kammerfraktionen unter der Bezeich- 
nung ,, Linke" oder , .Opposition" schlechthin als systematische 
Gegner der Regierung, wenn nicht gar als eine gegen dieselbe 
unablässig arbeitende Koalition zu kennzeichnen sucht, um 
mittelst dieses Parteimanövers die gerechte Antipathie des 
wahrhaft konservativen Volkes gegen dieselben zu erregen. 
Wer irgend die Verhandlungen unserer Landesvertretung ver- 
folgt hat, der kennt den völligen Gegensatz, welcher in 
dieser Beziehung zwischen der tendenziösen, nur auf Porte- 
feuille-Jägerei abzielenden Opposition des vormaligen französi- 
schen Konstitutionalismus und dem loyalen Verhalten unserer 
preußischen Opposition besteht. Diese letztere hat nach dem 
unbestechlichen Zeugnis der Tatsachen niemals die Regierung 
als solche bekämpft, sondern mit der größten Loyalität die- 
selbe unterstützt, sobald ihre Maßregeln dem Rechte und dem 
wahren Interesse desLandes entsprachen. Diese verfassungstreue 
Opposition, die Linke, wurde gebildet durch die Katholische 
Fraktion (51 Mitglieder), die Fraktion des Grafen von 
Schwerin-Putzar (28 Mitglieder) und die Fraktion 
Mathis (20 Mitglieder), welche wohl nach Herrn von 
Bethmann-Hollweg fortgenannt wurde, obgleich der- 
selbe nicht mehr Mitglied des Hauses war, endlich die polni- 
schen Abgeordneten (5). Die numerisch stärkste Frak- 
tion, nämlich die katholische, hat der Mehrzahl nach aus rhei- 
nischen, westfälischen und schlesischen Abgeordneten bestan- 
den, und diese Provinzen haben die Wirksamkeit derselben 

Her>rstr;ißer I. 15 225 



im ganzen und einzelnen mit so viel Teilnahme verfolgt, daß 
es für dieselben am. wenigsten der Aufforderung bedarf, 
die von jener Fraktion erstrebten Ziele durch den Wahl- 
akt nach Kräften zu unterstützen und zu fördern. Die- 
selbe hat zur Verwirklichung ihrer Bestrebungen mit den 
zwei andern Parteien der Linken teilweise im Bündnis ge- 
standen, zeitweise dieselben Ziele verfolgt und ist fast in allen 
Fragen, welche nicht besondere katholische Angelegenheiten 
betrafen, mit dehselben Hand in Hand gegangen. Sie hat sich 
dieser Finigung stets aufrichtig erfreut, allein auch die pein- 
liche Überzeugung immer wieder gewinnen müssen, daß die 
Schranken, welche schon vor sechs Jahren der vollen Einigung 
der genannten Parteien entgegenstanden, ungeachtet jenes 
langjährigen Zusammenwirkens noch immer teilweise bestehen 
und daß dieselben erst gänzlich fallen werden, wenn die Gegen- 
seite zu der Einsicht gelangt, daß den kirchlich-konfessionellen 
Interessen im Allgemeinen und der durch Artikel 12 der Ver- 
fassungs-Urkunde gewährleisteten Autonomie der katholischen 
Kirche insbesondere, mindestens dieselbe politische Berechtigung 
beiwohnt, wie den andern Grund- und Freiheitsrechten. 

Wenn*) trotz allem das Dasein der Katholischen Fraktion 

noch- immer manchen Gegnern unbequem und störend ist, so 

mögen dieselben überhaupt nicht aus dem Auge verlieren, daß 

das Repräsentativsystem, der Natur der Sache nach notwendig 

ein System gegenseitiger Opfer und Transaktionen zwischen 

mancherlei sich kreuzenden Interessen ist, die nun einmal in der 

modernen Gesellschaft, ganz besonders im Preußischen Staate 

nebeneinander bestehen. In demselben Verhältnisse, wie das 

Repräsentatiysystem jene Gegensätze hart aneinanderrückt, 

legt es allen die absolute Notwendigkeit auf, sich gegenseitig 

zu verständigen und zu vertragen und durch ein volles Maß 

von Takt und Selbstverleugnung die Erreichung der großen 

gemeinsamen Zwecke möglich zu machen. Wer dieseNotwendig- 
_______ 

226 



keit verkennen wollte, würde die möglichen Segnungen des 
Repräsentativsytems in ebenso viele Schädlichkeiten umwandeln 
und alles verderben. 

Es*) ist daher wahrlich nicht abzusehen, wie in dem Be- 
stände dieser Fraktion etwas Verletzendes und Trennendes für 
irgendwen gefunden werden kann, da gerade in ihr, ja in ihrem 
Streben allein, die Bedingungen und Wurzelkeime der innig- 
sten und reellsten politischen Einigung des Landes liegen. Die 
Religion wird damit in keiner Weise als trennendes Element in 
die gesetzgebende Versammlung hineingetragen, da ja, wie be- 
reits oben bemerkt, die sogenannten katholischen Anträge nicht 
auf konfessionellem, sondern auf staatsrechtlichem Boden stehen. 
Dabei handelt es sich auch nicht etwa um Geltendmachung einer 
sogenannten katholischen Politik, wie sie von der Gegenseite 
supponiert wird, sondern lediglich der politischen Anschauung 
deutscher Katholiken, die so tief als irgend jemand von der 
Überzeugung durchdrungen sind, daß das religiöse Gebiet als 
solches keine Vermischung mit dem staatlichen erheischt. 

Gern*) mag endlich anerkannt werden, daß die vorbezeichne- 
ten, sich selbst rechtfertigenden Zwecke der Katholischen Frak- 
tion auch ohne jenen Parteinamen verfolgt werden können, 
letzterer also nicht das wesentliche ist. Wenn daher trotz alle- 
dem jener Name, welcher eben nur als Antwort auf die oben- 
bezeichneten ministeriellen Erlasse dienen sollte, immer und 
immer wieder störend nach anderer Seite hin wirken möchte, so 
'vird dessen Beibehaltung oder Aufgebung sicherlich als eine 

tfene Frage gelten, nachdem seine spezielle Veranlassung be- 
seitigt ist. Jene Beibehaltung oder Aufgebung wird eben nur 
von der mehr oder minder hellen Aussicht in die Zukunft, mit- 
hin von der Frage abhängen, ob die Rückkehr der Fraktion 

u einer rein politischen Parteigliederung nur als ein Zeichen 
der Waffenruhe und nicht der Desertion gedeutet werden kann. 

*) s. 17. 
. * 227 



Die*) Zahl der katholischen Abgeordneten wird freilich selbst 
bei der größten Wahlanstrengung- dem zwischen Konfessionen 
bestehenden Bevölkerungsverhältnisse (bei einer Gesamtzahl 
von 352 Abgeordneten müßten über 140 Katholiken erscheinen) 
so lange nicht entsprechen können, als nicht entschieden mit 
demjenigen Systeme gebrochen ist, welches der Mini- 
sterialrat Hahn in der Sitzung der Tl. Kammer vom 7. Fe- 
bruar 1856 als Regierungs-Kommissar ganz unverhohlen zu 
proklamieren kein Bedenken getragen hat. Katholischerseits 
war nämlich Beschwerde darüber geführt worden, daß die 
Staatsregierung bei der letzten Abgeordnetenwahl mehrfach 
katholische Landesteile, namentlich Ermeland, welches bis dahin 
katholische Abgeordnete gewählt hatte, allem historischen 
Rechte und aller Billigkeit zuwider, ja im Widerspruche mit 
traktatmäßigen Verpflichtungen, in drei Bruchteile zerrissen 
und dieselben als Minoritäten den benachbarten protestanti- 
schen Wahlbezirken zugeworfen, das heißt politisch annulliert 
habe. Herr Hahn erklärte hierauf von der Ministerbank wört- 
lich: ,,Die Regierung habe es für ihre Pflicht gehalten, da 
Wahlbezirke in ihrer bisherigen Zusammensetzung entschieden 
oppositionellen Einflüssen, teils korporativer (!) teils persön- 
licher Natur unfehlbar unterliegen' mußten, eine Änderung 
dieser Wahlbezirke, insoweit es möglich war (!) herbeizu- 
führen" Sapienti sat! In den weltlichen Provinzen ist dies 
System vor drei Jahren durch mancherlei Verlegungen der 
Wahlorte in Wirksamkeit gesetzt worden, allein nach der Na- 
tur der Sache ist es eben nicht überall mit gleichem Erfolge 
,, möglich" gewesen und wird dermalen bei der veränderten 
Situation wohl noch weniger als ,, möglich" erachtet werden. 



*) S. 24. 

228 



Die Namensänderung 

(1859) 

(^ M a 1 1 i n c k r o d t an seine Familie*) 

„Mit unserer Nomenklatur sind wir nach langen Debatten 
ins Reine gekommen. Die Ansichten standen einander ziem- 
lich schroff gegenüber, die Mehrheit offenbar für Namensände- 
rung, die Westfalen aber meist hartnäckig dagegen. Als alles 
mürbe war, und keiner ein befriedigendes Ende absah, weil das 
Abmajorieren über die Frage wegen der weiteren Folgen für 
uns selbst bedenklich war, habe ich Vertagung und vorläufige 
(Überweisung an den Vorstand beantragt und dort die kombi- 
nierte Statutenüberschrift: , Fraktion des Zentrums (Katholi- 
sche Fraktion)' vorgeschlagen, sodaß der erste Name der offi- 
zielle in der Kammer werde, der andere aber Festhalten an der 
Sache und Geschichte ausdrücke und zum beliebigen Gebrauch 
in Gespräch und Presse neben dem neuen Namen bleibe. Der 
Vorstand einigte sich, und die nunmehrige einstimmige Propo- 
sition fand ohne Abstimmung allseitige Billigung und An- 
nahme. Auch in den anderen Parteien und höheren Regionen, 
wo man Gewicht auf die Frage legte, wird man wohl befriedigt 
sein." . 



AugustReichensperger an Steinle, • 
9. Februar 1859 (Berlin)**) 

„Im großen und ganzen dürfen wir nicht klagen ; da es wenig- 
stens im Innern besser geworden ist als früher. Das beste aber 
ist jedenfalls, daß unsere Partei trotz ihrer Namensänderung, 

*) O. Pfülf, S. I, H. V. Mallinckrodt, Freiburg i. B. 1892, S. 200. 
**) a. a. O. 

229 



teilweise sogar infolge derselben einiger dasteht als je. Über- 
haupt sehe ich mit Vertrauen in die Zukunft, insofern sich 
dieselbe nur friedlich entwickeln kann. Da liegt nun aber leider 
der Knoten. Es ist schon traurig genug, daß alle Welt das Ohr 
spitzt, wenn in Paris gepfiffen wird, daß der Pulsschlag aller 
Börsen sich darnach richtet. Es braucht nur der Deutsche Bund 
und England ein entschiedenes Wort zu sprechen, so würde es 
auch ein entscheidendes sein. Allein man will nicht reizen ! ! 
Im übrigen ist aber doch unter den verschiedenen Parteien 
dermalen mehr Erkenntnis von der Notwendigkeit des Zu- 
sammengehens mit Österreich vorhanden, als früher; man 
scheint sich daran zu erinnern, daß auf Austerlitz ein Jena 
folgte. Wenn das bißchen deutscher Patriotismus nur nicht 
über den Manöverien des Pariser Diktators verfliegt" Gott 
möge alles zum Guten lenken!" 



230 



Eine Petition fi^ir den Papst 

(•859) 

Die Katholiken der Stadt Münster und des 

Kreises Stein fürt an den Prinzref^i-enten 

von Preuße n*) 

Durchlauchtigster TVinz und Regent ! Gnädigster Prinz und 

Herr! , 

l'.w. Königlichen Hoheit nahen sich die unterzeichneten ka- 
tholischen Untertanen voll unbeschränkten Vertrauens zu 
Höchstdero hohem Sinn für das Recht und die Sache der Ord- 
nung mit der untertänigsten Bitte, Ew. Königliche Hoheit 
wollen geruhen, dem durch die Ränke der sardinischen Regie- 
rung im Bupde mit der Revolution aufs äußerste bedrohten 
ehrwürdigen Besitz der katholischen Kirche Höchstihren 
ritterlichen Schutz angedeihen zu lassen und; im Rate der Für- 
sten ihre Stimme zu erheben für die Integrität des Kirchen- 
staates. Der älteste Thron der europäischen Staatenfamilie, des- 
sen Rechtstitel ein Jahrtausend geheiligt, soll der neuen Ausge- 
burt der Demagogie, einem Prinzip, welches die Auflösung 
aller sozialen Verhältnisse in sich begreift, dem sogenannten 
Nationalitätsprinzip, zum Opfer fallen. Mit Schmerz und 
Bangen sehen wir als Katholiken, deren geistlicher Vater in 
der freien Ausübung seiner hohenpriesterlichen Pflichten -durch 
den Verlust seiner weltlichen Macht bedroht ist — mit Schmerz 
und Bangen sehen wir als treue Untertanen unseres glorreichen 
Könighauses der Hohenzollern in die Zukunft — wenn so die 
ältesten und heiligsten Rechte der Fürsten mit Füßen getreten 
und die Throne der Spielball des Ehrgeizes und der pcrmanen- 

*) Nach dem Abdruck bei B.istgen, Die römische Frage l (1917) S. 333. 

231 



ten Revolution werden sollen, Se. Majestät, unser allergnädig- 
ster König, bot nun vor elf Jahren, der erste der Fürsten, dem 
Heiligen Vater Schutz und Asyl vor den andrängenden Fluten 
der Revolution. Ew. Königliche Hoheit wollen geruhen, den 
ehrwürdigen Oberhirten unserer Kirche gegen Verrat und Raub 
zu schützen, und Gottes Segen, den wir auf Ew. Königliche 
Hoheit herabflehen, wird die fürstliche Tat lohnen. 



232 



Programm der „Kölnischen Blätter" 

Köln, März 1860*) 

Rücksichtlich der Beurteilung der Tagesereignisse bekennen 
sich die Kölnischen Blätter zu folgenden Grundsätzen: 

,,i. Wir sind katholisch und werden uns bei allem, was wir 
schreiben, vor der leisesten Verletzung der Lehren und Grund- 
sätze der Kirche hüten, vielmehr durch dieselben uns in unserem 
Urteile leiten lassen und die Rechte der Kirche nach Kräften ver- 
treten. Es versteht sich ganz von selbst, daß wir in konfessio- 
nellen Fragen den abweichenden Ansichten, ja selbst den An- 
griffen anderer gegenüber, bei aller Entschiedenheit unserer 
Überzeugung, uns Ruhe und Milde zur Pflicht machen. 

Daß die Kölnischen Blätter eine katholische politische Zei- 
tung, nicht eine Kirchenzeitung sein werden, brauchen wir 
wohl kaum hervorzuheben. 

2. Wir sind konservativ und werden darum die Achtung vor 
dem rechtmäßig Bestehenden immer betätigen und die wohl- 
erworbenen Rechte eines Jeden, wer es auch sei, gegen Umsturz 
und Despotismus verteidigen. 

3. Die Kölnischen Blätter werden patriotisch sein. Wir wer- 
den für die Aufrechterhaltung der Verfassung und für die Ent- 
wicklung des Verfassungslebens in unserem preußischen Vater- 
lande eintreten; durch freimütige und wohlwollende Darstel- 
lung und Beurteilung der Verhältnisse wollen wir die rechte 
patriotische Gesinnung bei unseren Lesern zu fördern und das 
rechte Verhältnis zwischen Regierung und Volk zu befestigen 
suchen." 



*) Entworfen von Dr. Reusch, Professor der Theologie in Bonn. Vgl. 
ür. Hermann Cardanns, Fünfzig Jahre Kölnische Volkszeitung, Köln (1916), 

S. 18 f. 

233 



Die Fraktion des Zentrums 

Aus dem Rechenschaftsbericht vom Jahre 1861 ") 

T 
Religion und ]* o 1 i t i k 

Ich spreche es schon gleich und ohne Rücksicht aus: Wohl 
hat die Religion etwas mit der Politik zu schaffen und nicht 
bloß etwas, sondern viel, sehr viel ! 

Die christliche Religion besteht nicht in einer Sammlung 
von äußeren Formen und Gebräuchen. Sie ist vielmehr ein 
Komplex von genau determinierten Glaubens- und Sittenvor- 
schriften, bestimmt, das ganze Leben des Menschen in allen 
seinen Beziehungen zu Gott, zu sich selbst und seinen Mitmen- 
schen zu regeln. Wer sie angenommen hat und sich zu ihr be- 
kennt, hat damit die Verpflichtung übernommen, sein gesamtes 
Tun von ihr durchdringen zu lassen. Man legt also die Religion 
nicht ab, wenn man in die Kammer eingeht, ungefähr wie man 
Hut und Mantel, Stock und Überzieher ablegt, um sie beim 
Nachhausegehen wieder aufzunehmen. In der Kammer, wie 
überall, in den Verhältnissen der Fürsten zu den Untertanen, 
wie in den Beziehungen der Nationen zueinander sollen die 
ewigen unabänderlichen Gesetze der Religion Norm und Richt- 
schnur sein. 

Wir alle kennen sehr gut das glaubenslose Geschlecht, wel- 
ches in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit jenem 
Prinzip und anderen, die aus derselben Pfütze des Unglaubens 

*) Aus der Schrift: Die Fraktion des Zentrums, ([^katholische Fraktion.) 
Gewidmet den katholischen Wählern in Preußen. Mainz, Verlag von Franz 
Kirchheim 1861. 44 S., 8". Staatsbibliothek Berlin, Fe. 4510. I, S. 21 ff., 
II, S. 36-37, ni, S. 37 ff., IV S. 41 fl" 

234 



geschöpft waren, die menschliche Gesellschaft aus ihren Angeln 
zu heben sich 1)estrebte. Gewiß hat es zu keiner Zeit an gott- 
und gewissenslosen Fürsten und Ratgebern derselben gefehlt, 
die in der Politik aller höheren Interessen bar und ledig waren; 
aber die Enzyklopädisten haben das Mißverdienst, die Reli- 
gionslosigkeit auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens 
in ein förmliches System gebracht zu haben. Wie man das Chri- 
stentum vom häuslichen Herde verbannte, die väterliche Ge- 
walt aufhob, die Ehe der Heiligkeit des Sakramentes entkleidete, 
wie man die Religion aus den Schulen verdrängte, aus den 
Werkstätten, aus den Hospitien und endlich aus den Tempeln 
selbst, so noch weit mehr aus der Politik, wo dem Ehrgeiz, 
der Habsucht und jeder wilden Leidenschaft das weiteste Feld 
der Gewalt und ITngerechtigkeit geöflfnet war. 

Wohin eine Politik führt, welche die Religion über Bord ge- 
worfen hat, das lehren uns die italienischen Zustände. Oder 
ließe sich wohl eine unmoralischere Politik ersinnen, als die ist, 
die Sardinien gegen das unglückliche Italien befolgt? Die 
Untertanen fremder Fürsten werden durch geheime Agenten, 
durch Flugblätter und Zeitungen, durch Bestechung und lügen- 
hafte Verheißungen gegen ihre Herrscher aufgewiegelt; mit 
Proklamationen voll Verleumdung und Heuchelei wird das Volk 
irre geleitet, ohne Kriegserklärung fällt man ins Gebiet ver- 
wandter Fürsten ein, verleitet die Generale und Offiziere durch 
Geldspenden und Zusicherung ihrer Stellen zu Meineid und 
Treubruch, vergießt das Blut der treugebliebenen Krieger in 
Strömen auf dem Schlachtfeld und in Füsilladen, brennt Städte 
und Dörfer nieder, füllt die Gefängnisse mit Schuldlosen, zer- 
stört Kirchen und Klöster, beraubt sie ihres Eigentums und 
bringt die Bewohner der letzteren so\vie zahllose andere an den 
Bettelstab, verkauft die geraubten Gefäße und Paramente auf 
öffentlichen Vergantungen und überzieht mit einem Worte das 
ganze schöne Italien mit unsäglichem Elend. Eine eklatantere 
Verleugnung der Moral des Evangeliums, als hier vorliegt, ist 
wohl nimmer aufzutreiben. Wenn es aber eine ausgemachte 

235 



Sache ist, daß zwischen Moral und Dogma ein noch innigeres 
Verhältnis der Unentbehrlichkeit besteht, als in der Zusammen- 
setzung des menschlichen Körpers zwischen Fleisch und Ge- 
bein, und daß die Moral nur das Dogma im Leben und Han- 
deln, der Glaube in seiner Betätigung ist, dann ist die Wahr- 
heit, Sardiniens Politik eine total irreligiöse zu nennen. Aber 
ihre Früchte sind der Ruin der Völker. 

Daß Preußen Sardiniens Politik in Deutschland aufnehme, 
ist nun allerdings seit geraumer Zeit der geheime und öffent- 
liche Wunsch der fortgeschrittenen Liberalen. Darum also ruft 
man den Katholiken zu: ,,Die Religion hat nichts mit der Poli- 
tik zu schaffen." Die katholischen Abgeordneten sollen ihren 
Bund und damit ihren einträchtigen Widerstand gegen solche 
gottlose und unmoralische Politik aufgeben. Ihre Stimmen 
sollen verschallen, damit Deutschland zerrissen und das katho- 
lische Österreich hinausgestoßen werde. Sie sollen schweigen, 
wenn den deutschen Fürsten mit Gewalt ihre Kronen entrissen 
werden, der deutsche Boden mit Bürgerblut getränkt wird. 
Aber das Christentum brandmarkt diese Greuel und der 
christliche Abgeordnete wird zum Verräter an demselben, wenn 
er sie fördert oder zu ihnen stillschweigt. 

Wenn also gerade die Religion es gebietet, sich in diesen 
schwebenden Zeitfragen auf die Seite des Rechtes und der Mo- 
ral zu stellen, und den katholischen Abgeordneten die besondere 
Pflicht auferlegt, ihre Stellung zur Lösung derselben in christ- 
lichem Sinne zu verwenden, so ist ihnen also auch gewiß er- 
laubt, die geeigneten Mittel dazu zu gebrauchen. Als das ge- 
eignetste Mittel aber steht die Bildung eines festen und ein- 
heitlichen Bundes obenan. In solcher Parteibildung erschauen 
auch die Gegner das wirksamste Förderungsmittel ihrer eige- 
nen Pläne, und wenn es ihnen erlaubt ist, Fraktionen zu bil- 
den, um Deutschland zu zerreißen, und unmoralische Zwecke 
zu verfolgen, dann wird es gewiß den katholischen Abgeord- 
neten auch erlaubt sein, sich zu einer Fraktion zu einigen, um 
den Zerfall Deutschlands zu hindern und jeden durch ihren 

236 



Glauben wie durch ihre Moral g^eforderteu Zweck zu er- 
streben. • 

Nicht bloß nach allen Regeln des parlamentarischen Lebens, 
sondern auch von dem Standpunkte der Religion aus ist es dem- 
nach den katholischen Abgeordneten erlaubt, eine eigene 
Fraktion zu bilden. Hört man die Gegner der Fraktion des 
Zentrums, dann sollte man sich zu der Vermutung für be- 
rechtigt halten, sie betrachten die Religion als ein Hindernis 
für die gewissenhafte Prüfung politischer Fragen. Die Religion 
soll den Blick trüben, die Einsicht schwächen, das Urteil be- 
fangen machen. Man kann über solchen Unsinn nur lachen. 
Aber einer Zivilisation gegenüber, die allein dem Christentum 
ihren Ursprung und ihre gegenwärtige Höhe verdankt und 
die in kurzer Zeit sich wieder in die einst an ihrer Stelle ge- 
standene Barbarei verwandeln würde, wollten wir das Licht, 
das in die Welt gekommen ist, auslöschen, wäre es Torheit, 
denselben einer weitläufigen Widerlegung zu würdigen. Wenn 
schon jeder Verein um so leichter seine Aufgabe erfüllen kann, 
je inniger das Freundschaftsband ist, welches die Mitpflieder 
desselben verbindet; wenn ferner bei jeder politischen Fraktion 
ein gewisser Grad der Freundschaft, welche indessen nur auf 
der Übereinstimmung in den Grundanschauungen der poli- 
tischen Fragen zu beruhen braucht, sich vorfinden muß, um eine 
allseitige und genaue Prüfung der vorliegenden Materien zu 
ermöglichen und zu erleichtern, und wenn diese Freundschaft 
wirklich die Aufgabe des Abgeordneten erleichtert, dann 
müssen diejenigen, deren Freundschaft noch eine tiefere Grund- 
lage hat, gewiß ebenfalls geeignet sein, politische Fragen ge- 
wissenhaft zu prüfen. Ich sollte meinen, daß, wenn dies bei 
Freunden überhaupt schon der Fall ist, es noch mehr der Fall 
sein muß bei solchen, welche bezüglich des Höchsten, was es 
gibt, nämlich der Religion, auf demselben Boden stehen und 
nicht bloß sich äußerlich zu derselben bekennen, sondferri auch 
stets bemüht sind, nach den Grundsätzen der Religion zu leben. 
Finden wir doch im täglichen Leben, daß, wo das religiöse Band 

237 



die Menschen in Freundschaft einigt, die höchsten Ziele, mate- 
rielle wie geistige, viel leichter erreicht werden. Warum sollte 
es auf den parlamentarischen Gebieten nicht ebenso sein? 



11 

Die !"" r a k t i o n des Zentrums u n 1 

das ,,p r a k t i s c h e Leben" 

Nun w ill ich auch zeigen, daß die Meinung, die Fraktion des 
Zentrums lasse ,,das praktische Leben" unberücksichtigt, ganz 
irrig ist. Zunächst brachte die Fraktion des Zentrums im 
Jahre 1859 durch den Abgeordneten Reichensperger 
(Geldern) mit den Abgeordneten v. Vincke und Mathis den 
Antrag auf Erlaß einer Adresse an Se, Königliche Hoheit, den 
damaligen Prinzregenten ein. Ferner stellte Reichensper- 
ger (Geldern) mit seinen politischen Freunden den Antrag 
auf Errichtung eines ständigen deutschen Bundesgerichts. Im 
Jahre 1860 brachten die Abgeordneten Reichensperger 
(Geldern) und Genossen den Antrag ein, daß für das künftige 
Etats jähr Vorsorge dahin getroffen werde, daß das Grundsteuer- 
kontingent der beiden westlichen Provinzen, sowie der Pro- 
vinzen Sachsen und Schlesien um zwanzig Prozent herabgesetzt 
werden könne; ferner stellten sie einen Antrag, betreffend die 
Reform des Hypothekenrechtes im Bezirke des rheinischen Ap- 
pellationsgerichtshofes zu Köln; ebenso beteiligten sie sich an 
dem Antrage der Abgeordneten von Ammon und von Dier- 
gardt, betreffend die Aufhebung des Rheinzolles und des 
Lotsenzwanges ; endlich stellten sie einen Antrag, betreffend 
die Bewirkung der Einnahmen und Ausgaben des Staates auf 
Grund des genehmigten Staatshaushaltes. Nachdem sie vor 
zwei Jahren den Bau einer Eisenbahn vom Rhein nach Trier 
zur direkten Verbindung der Bundesfestung Luxemburg mit 
den Festungen Koblenz und Köln beantragt, reichten sie in 
diesem Jahre einen Antrag ein, betreffend die Verpflichtung der 

238 



Rheinischen Eisenbahngesellschaft zum Bau der Bahn von Kre- 
feld nach Kleve. Ferner stellten sie den Antrag, die in den 
westlichen Provinzen eingeleitete Revision des Grundsteuer- 
katasters zu sistieren, und brachten durch den Abgeordneten 
R o h d e n einen Gesetzentwurf ein, betreffend den Kaufstem- 
pel, durch welchen Immobilien auf Deszendenten übertragen 
werden; sodann stellten ihre Mitglieder Brüning, Her- 
bert z, P laß mann und Schult mit fünf anderen Abge- 
ordneten der Fraktion Vincke einen Antrag auf Genehmigung 
eines Gesetzes betreiTend die Landgemeindeordnung für die 
Provinz Westfalen und die Rheinprovinz. Diese und andere 
Vnträge, von denen die meisten eine günstige Erledigung ge- 
funden haben, beweisen wohl hinlänglich, daß die Fraktion des 
Zentrums überaus , .praktisch" ist. Daß sie sich ferner an allen 
andern Fragen, ohne gerade besondere Anträge zu stellen, be- 
teiligt hat, wird wohl nunmehr jeder, der die Verhandlungen 
nicht genau verfolgt hat, auf mein Wort glauben. Hier beispiels- 
weise eine Tatsache. Es ist bekannt, wie gegenwärtig die,,Fo r t- 
schrittsmänner" gewallig auf Einführung der geheimen 
Stimmabgabe bei den Wahlen und Abschaffung des Dreiklas- 
sensystems, tesp, Modifikation desselben hinarbeiten ; wie sie 
in ihren Wahlprogrammen tun, als hätten sie zuerst die For- 
derung gestellt. Auch hier können wir konstatieren, daß die 
Fraktion des Zentrums sich schon längst dafür ausgesprochen 
hat, zuletzt durch den Abgeordneten. Reichensperger 
fGeldern), dessen Rede über diesen Gegenstand, die er bei Ge- 
legenheit der Beratung eines Gesetzentwurfes über die Städte- 
ordnung für die sechs östlichen Provinzen gehalten hat (Steno- 
graph. Ber. I, S. 1267, Sitzung vom 16. Mai 1861), an Klar- 
heit und Entschiedenheit wohl alles übertrifft, was bisher dar- 
über gesagt worden ist. Um schließlich noch einen Beweis zu 
i;eben, bis zu welchem Grade die Fraktion des Zentrums „das 
l>raktische Leben" ins Auge faßt, will ich nur anführen, daß 
auch in dieser Legislaturperiode der Abgeordnete Reichens- 
perger (Köln) wiederholt beantragt hat, das Briefporto für 

239 



alle Briefe auf einen Silbergroschen festzusetzen und das Be- 
stellgeld gänzlich fallen zu lassen, indem er darauf aufmerksam 
machte, wie das Bestellgeld nur ein faktisches Privilegium 
einer Klasse von Korrespondenten begründe, die geradezu vor- 
zugsweise in der Lage ist, Porto zu bezahlen, ja oft sogar, das- 
selbe überzuwälzen, daß dagegen die ärmeren Klassen vorzugs- 
weise von demselben betroffen werden. 



III 
Die Fraktion als Hort der kirchlichen' 
Interessen 

„Die Fraktion hat sich ihrer Hauptaufgabe, der Vertretung 
und Verfolgung der katholischen Interessen, fortwährend mit 
Hingebung gewidmet, daneben aber auch an allen übrigen An- 
gelegenheiten, der Unabhängigkeit des Charakters und der 
Stellung aller ihrer Mitglieder entsprechend, mit Ausdauer und 
Entschiedenheit sich beteiligt. Sie hat auch während der letz- 
ten Session in Eintracht fortbestanden. Die Vorhersagungen, 
welche in der ersten Zeit nach ihrer Bildung im Spätherbste 
1852 hinsichtlich ihres Fortbsstandes vielfach laut wurden, sind 
nicht in Erfüllung gegangen." Mit diesen Worten, welche der 
selige Otto in der Vorrede zu seiner Schrift: „Die Lage der 
Katholiken in Preußen, am Schlüsse der dritten Legislatur- 
periode. Düsseldorf 1855" aussprach und die wörtlich auf die 
Fraktion des Zentrums während der letzten Legislaturperiode 
anwendbar sind, könnte ich füglich schließen, doch dürften wohl 
noch einige Bemerkungen hier nicht am unrechten Platze sein. 

Was zunächst die Vertretung und Verfolgung der katho- 
lischen Interessen in unserem Vaterlande betrifft, so hat sich 
freilich in der verflossenen Legislaturperiode die Fraktion des 
Zentrums nicht so bemerkbar gemacht, wie früher; es liegt das 
zum Teil in dem Eintritt des neuen Ministeriums, welches, wenn 
es auch noch nicht dahin gekommen ist, die Parität offen zu 

240 



handhaben, doch zu Beschwerden, wie sie das vorige Mini- 
sterium hervorgerufen, keinen Anlaß gegeben hat. Was aber 
den noch nicht erledigten Teil der bekannten Ottoschen Anträge 
betrifft, so hat die Fraktion des Zentrums bisher die geeigneten 
Schritte durchaus nicht unterlassen. Überhaupt wird jeder, der 
die Verhandlungen des Hauses verfolgt hat, ihr die Anerken- 
nung nicht versagen, daß sie überall die katholischen Interes- 
sen, wo dieselben verletzt waren, mit Entschiedenheit .vertreten 
hat. Zu diesem positiven Resultate, welches freilich nach der 
gegenwärtigen Lage nicht so groß sein konnte, wie in frühe- 
ren Jahren, kommt aber noch ein negatives, auf welches ich be- 
sonders hinweisen zu müssen glaube, da es weniger in die Au- 
gen fällt. Beispielsweise erinnere ich hier nur an die wohlbe- 
gründete Nachricht von dem beabsichtigten Erlaß sogenannter 
Organischer Artikel zu dem fünfzehnten Paragraphen 
der Verfassungsurkunde, wodurch die Freiheit der Kirche zu 
irabe getragen werden sollte. Daß es in Preußen manche Be- 
amte gibt, welche nur zu gerne die Rolle französischer Prä- 
fekten spielen, ist bekannt. ^\ber was auch der Verfasser der 
,, Briefe eines Sorglosen" und seine Anhänger, Richter, 
Dove, Friedberg und so weiter tun, um den Boden urbar 
zu machen, auf dem die Präfekten hantieren können,. — sie wer- 
den einstweilen ihre Ideale nicht ins Leben führen. Sie und 
ihre Freunde in der Kammer, die bereits vor Jahr und Tag ein 
Vorgehen gegen die katholische Kirche verlangten, haben er- 
fahren, daß an letzteres nicht zu denken ist. Wer weiß aber, 
wie es gekommen wäre, wenn die Fraktion des Zentrums nicht 
gewesen? Es müßte sich alles gewaltig ändern, ehe in Preußen 
gewisse Leute mit ihren Tendenzen durchdringen können ; dazu 
würde nicht allein ein Napoleon III., sondern auch ein ,,E m - 
p i r e" gehören, ohne ,, Empire" geht es nicht. Sehen wir ab 
von den katholischen Interessen in Preußen; es gibt heutzutage 
höhere katholische Interessen, als die in Preußen, ich meine die 
Frage der weltlichen Herrschaft des Papste sl 
Das sind katholische Interessen, welche die ganze Welt berüh- 

Hergsträßer I. k. 24'I 



ren und um die sich alles dreht, was gegenwärtig den Boden 
unter unsern Füßen zittern macht. Ich will indessen keine Re- 
flexionen über diese Frage anstellen, sondern nur einige kurze 
Bemerkungen an dieselbe anknüpfen. !Die Frage bezüglich der 
weltlichen Herrschaft des Papstes hat zwei Seiten, die des 
Papstes und die des Rechtes. Die eine Seite können 
wir füglich unbeachtet lassen, denn es versteht sich von selbst, 
daß jeder gute Katholik zu dem Papste stehen muß. Zudem 
haben wir ja hier, wie unsere Gegner sagen, nur mit der Poli- 
tik zu tun, und darum wollen wir ihnen zu Liebe uns an die 
Rechtsfrage halten. Betrachten wir aber auch nur die Rechts- 
frage, so kann kein Mensch, er mag sogar ein Heide sein, wenn 
er noch einen Funken von Ehrlichkeit in sich trägt, die Berau- 
bung des apostolischen Stuhles billigen. Ob es gut oder nicht 
gut ist, daß der heilige Vater ein weltliches Besitztum hat, dar- 
auf kommt es hier zuvörderst gar nicht an ; es handelt sich nur 
um das Recht. Angenommen, selbst der türkische Sultan 
herrsche infolge ähnlicher Rechtstitel, wie der apostolische Stuhl 
sie aufweisen kann, über Rom und einen Teil Italiens, so 
könnte das sehr zu beklagen sein, aber niemand hätte ein Recht, 
ihm seinen Besitz zu nehmen. Und was dem türkischen Sultan 
gegenüber Recht ist, das bleibt doch auch wohl Recht dem Papste 
gegenüber. Will man die Handlungen, wie sie die Revolutio- 
näre in Italien verüben, durch Berufung auf ähnliche .in ande- 
ren Staaten und Zeiten beschönigen und verteidigen, so beweist 
das ebenfalls, daß man allen Rechtssinn verloren hat; denn das 
Unrecht eines andern berechtigt keinen, ebenfalls Unrecht 
zu tun. 

Auf Deutschland angewendet stellt sich die Antwort in der- 
selben Weise heraus. Es mag Menschen schön und vorteilhaft 
dünken, wenn zum Beispiel der König von Bayern seine Krone 
niederlegen wollte zugunsten eines einigen Deutschlands unter 
einem Herrscher; aber ihn dazu durch Gewalt zwingen, dazu 
hat niemand das Recht. Nach diesem Grundsatze allein schon 
ist das Auftreten der Fraktion des Zentrums bestimmt; ihre 

242 



Mitglieder werden daher nie und nimmer zugunsten der Revo- 
lutionäre diesseits und' jenseits der Alpen das Wort ergreifen, 
sondern hier wie dort für das Recht in die Schranken treten, maj,^ 
es sich auch um das Recht eines Gegners handeln. So hat sie e> 
gehalten von ihrer ersten Bildung an bis auf diesen Tag, und 
so wird sie es auch in Zukunft halten, trotz alles Geschreies der 
sogenannten liberalen Zeitungen und Tageshelden, Die Heilig- 
haltung des bestehenden Rechtes und die Fortentwickelung 

lesselben auf gesetzmäßigem Wege ist die Richtschnur für 
ihre politische Tätigkeit. 

Man hält gewöhnlich der Fraktion des Zentrums ihr Auf- 
treten in der kurhessischen Verfassungsfrage 
vor, um ihr einen Vorwurf zu machen. Zunächst sei hier be- 
merkt, dai3 die kurhessische Frage überaus verwickelt und 
durchaus nicht so einfach ist, wie die liberalen Blätter vor- 
geben; letztere sind bekanntlich bald immer fertig, wo es gilt, 
Hindernisse, die ihren Tendenzen im W-ege stehen, wegzuräu- 
men. So wollen sie und ihre Genossen in dem Abgeordneten- 
hause auch in dieser Frage frischweg durch die preußische Re- 
gierung dem Kurfürsten befehlen resp. denselben mit Gewalt 
zwingen lassen, daß er sich dem Willen der Unzufriedenen 
beuge. Die Fraktion des Zentrums dagegen, die nicht minder 
wie die Liberalen den traurigen Konflikt in Kurhessen bekla- ' 
gen, erkennt nur in dem Bundestage die einzige zu Recht be- 
stehende Behörde an, welche denselben zu schlichten berufen 
ist. Wie inkonsequent die Liberalen sind, zeigt sich auch hier 
wieder; in der kurhessischen Frage erkennen sie den Bundes- 
tag nicht an, für S c h 1 e s w i g - H o 1 s t e i n dagegen wohl ; 
in die kurhessische Angelegenheit hat sich nach ihrem Willen 
der Bundestag gar nicht einzumischen, indem er nach ihrer An- 
schauung nicht zu Recht besteht, Schleswig-Holstein dagegen 
soll er von dem Joche der Dänen befreien. Bekanntlich hat der 
Bundestag auch wirklich Anstalt gemacht, gegen die Dänen 
ernstlich vorzugehen. Was geschah aber? Als es wirklich Ernst 
wurde, setzten die Liberalen „Himmel und Erde" in Bewegung, 

243 



um die Exekution zu hintertreiben. Man sieht aus diesem Ge- 
bahren, daß es den Liberalen und vor allem dem Herrn 
von Vincke, ihrem Führer, nur um Alarm zu tun ist. Mögen die 
Inkonsequenzen und Widersprüche noch so kolossal sein, 
von Vincke bringt sie vor mit einer Keckheit, wie sie dem aus- 
gebildetsten Sophisten Ehre machen würde. Sobald eine An- 
gelegenheit, über die er einen Antrag mit obligater Rede vor- 
gebracht, anfängt in Vergessenheit zu geraten, holt er eine 
neue hervor, um sich als Held des Tages in frischem Andenken 
zu erhalten. Bis jetzt hat er mit keinem seiner ,, großartigen" 
Anträge etwas erreicht, indem die Regierung keinem derselben 
Folge gegeben hat, sei es nun aus Klugheit, sei es aus Schwäche, 
Ob er endlich zur Einsicht kommen wird, daß alle Nadelstiche, 
mit 'denen er das Ministerium heimsucht, ohne Wirkung blei- 
ben? Und ob er endlich sein großes Talent nur dazu benutzen 
wird, wirklich Erreichbares und dem preußischen wie dem deut- 
schen Vaterlande wirklich Heilbringendes zu erstreben? Bis jetzt 
war Herr v. Vincke in der Tat der kostspieligste und unnützeste 
Mann im ganzen Abgeordnetenhause. Um diesen Ruhm, un- 
ausführbare Anträge zu stellen, bloß um vor der Welt zu glän- 
zen, hat die Fraktion des Zentrums nie gebuhlt; ihre Mitglieder 
verzichten stets auf die Ehre, solche Anträge zu unterschreiben, 
um dadurch ihre Namen in die Zeitungen zu bringen. 



IV 
Die Fraktion und die andern Parteien 

Die Fraktion des Zentrums hat kein Programm 
aufgestellt, einesteils weil sie sich die Lehre der Geschichte 
von der Nutzlosigkeit eines solchen zu eigen gemacht hat, an- 
dernteils weil sie es verschmäht, das Volk zu täuschen, als wäre 
sie imstande, durch ein bloßes Programm das Glück und die 
Freiheit desselben zu begründen. Was sie erstrebt, liegt klar 
vor in den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses, sowie in 

244 



den früher erwähnten Schriften ; in diesen ist, wenn man den 
Ausdruck gebrauchen will, ihr Programm enthalten. Darnach 
ist sie, um mit der deutschen Frage zu beginnen, g r o ß - 
deutsch, das heißt sie will, daß das ganze Deutschland 
vereinigt bleibe, daß Österreich nicl^t von uns getrennt werde; 
sie will das, weil das Nationalgefühl und die Pflicht der Selbst- 
erhaltung es fordern. Sie will nicht die Einheit Deutschlands, 
welche nur durch die Revolution und Bruderkrieg zu erreichen 
ist; sie will zunächst eine Einigung Deutschlands auf der Grund- 
lage der Fortentwicklung der bestehenden Rechtsverhältnisse, 
die weit eher zur Macht und Freiheit des Vaterlandes führt, 
als der gewaltsame Umsturz der legitimen Obrigkeiten, wie ihn 
die sogenannten Kleindeutschen beabsichtigen. Aus diesem 
Grunde kämpft sie auch für das legitime Recht der Obrigkeit 
in andern Ländern, Sie kämpft ferner für die Freiheit nicht 
allein der katholischen, sondern jeder Konfession von staatlicher 
Bevormundung, für die Verbindung der Schule mit der Kirche, 
für die korporative Selbständigkeit des Handwerkerstandes 
und der volkswirtschaftlichen Genossenschaften, kurz, für die 
Selbstregierung auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens. 
Aus diesem Grunde hat sie sich bisher nicht für die unbe- 
schränkte Gewerbefreiheit erklärt: sie will, daß der Handwer- 
kerstand selber sich darüber ausspreche, was er für heilsam 
hält, aber nicht daß Kapitalisten und Demagogen, von denen die 
einen wie die andern nur ihren Vorteil im Auge haben, über 
sein Wohl und Wehe Gesetze machen, ohne seinen Willen und 
seine Wünsche zu beobachten. Der Handwerkerstand muß am 
besten selbst wissen, was ihm not tut; bisher aber hat die bei 
weitem größere Zahl desselben sich gegen die unbedingte Ge- 
werbefreiheit erklärt. Hoffentlich wird er mit der Zeit die gol- 
dene Mittelstraße finden. 

In den angedeuteten Punkten steht die Fraktion des Zen- 
trums mit der Kreuzzeitungspartei auf demselben Standpunkte. 
Dagegen kämpft sie ihren Grundsätzen getreu mit den Libe- 
ralen für die Grundsteuerausgleichung, für die Aufhebung un- 

245 



berechtigter Privilegien, für die Ausbildung des Rechtsstaates, 
für die Beseitigung bureaukrati scher Willkür, für eine freie 
Gemeinde-, Kreis- und Provinzialverfassung. Aus dieser Zu- 
sammen- und Gegenüberstellung der Hauptpunkte auf dem Ge- 
, biete der inneren und äußeren Politik geht schon hervor, daß 
die Fraktion des Zentrums ihren eigenen Weg geht, daß sie 
weder mit den „Junkern" oder „Kreuzrittern", noch mit den 
Liberalen im Bunde steht; sie sucht das Gute zu erreichen, wo 
und wie sie kann, und darum geht sie zuweilen mit dieser, zu- 
weilen mit jener Partei. An einen Bund aber, mit der einen 
oder andern Fraktion ist nicht zu denken, dafür sind die Unter- 
schiede zwischen ihr und ihnen zu groß. 

Nun nocheinige Wo r t e f ü r d i e bevorstehen- 
den Wahlen ! Kein Unbefangener wird mit Recht etwas 
gegen die Fraktion des Zentrums vorbringen können. Sie ver- 
bietet nicht einzelnen ihrer Mitglieder, . ihre Überzeugung in 
der Kammer auszusprechen und sich ihrer Stimme zu enthalten, 
sobald die Majorität der Fraktion etwas anderes beschlossen 
hat, — solche Fraktionen sind nicht nur unsittlich, sondern 
sie sind auch geradezu gegen die Verfassung. . Die Fraktion 
des Zentrums ist kein Staat im Staate, Tceine Kammer in der 
Kammer, sie übt keinen Gewissens- und Stimmzwang aus; auf 
dergleichen Machinationen hat sie sich nie eingelassen. Alle 
Ausstellungen, die man ihr gemacht hat, sind, wie wir gesehen 
haben, völlig unbegründet. In die Fraktion c^es Zentrums kann 
jeder Ehrenmann von gutem Willen eintreten. Wie aber Katho- 
liken Mitglieder einer andern Fraktion sein können, das ver- 
stehe ich nicht. 

Ein katholischer Wahlmann, der noch von wahrem Katholi- 
zismus durchdrungen ist, kann nicht allein keinen Anstand neh- 
men, einem solchen Kanditaten bei der Wahl seine Stimme zu 
geben, der in die Fraktion des Zentrums eintreten will, sondern 
er hat sogar die moralische Verpflichtung, nur 
einen solchen zu wählen, der sich für den- Eintritt in: dieselbe- 
erklärt. Ein solcher Abgeordneter wird nämlich nicht allein .die 

246 



katholischen Interessen vertreten, sondern auch für die Interes- 
sen des bürgerlichen und politischen Lebens wirken; er wird 
also tun, was jedem Katholiken sowohl als solchem wie auch als 
Staatsbürger die Pflicht auferlegt. Während der Katholik, 
der in eine andere Fraktion eintritt, immer nur halb dieselbe 
erfüllen kann, — um keinen andern Ausdruck zu gebrauchen, 
— erfüllt er als Mitglied der Fraktion des Zentrums dieselbe 
ganz und in ihrem vollen Umfange. Die Wahl kann demnach 
einem katholischen Wahlmann von guter Gesinnung gewiß nicht 
schwer fallen. 



247 



Programm entwurf 

von Mallinckrodt 

(1863) 

Fraktion des Zentrums 
Programm 

Die Unterzeichneten begegnen sich in folgenden Anschau- 
ungen: 

T. Die wesentliche Unterlage eines gerechten, freien Staats- 
lebens besteht in den Lehren und Grundsätzen des Christen- 
tums. Deshalb gegen alle Bestrebungen, welche diese Grund- 
lage des Staatswohles zu untergraben drohen, Widerstand; da- 
hingegen volle, tatsächliche Entwicklung des in Geschichte und 
Verfassung beruhenden paritätischen Charakters des preußi- 
schen Staates, und zu dem Zwecke Förderung gleichen Wohl- 
wollens und gleicher Gerechtigkeit für die gleichberechtigten 
Bekenntnisse und deren Angehörige. 

2. Je höher Beruf und Recht der obrigkeitlichen Gewalt zu 
achten, um so weniger darf verkannt werden, daß deren Rechts- 
sphäre in dem Recht der Individuen, Familien und Korpora- 
tionen ihre Beschränkung findet; demgemäß starkes, im eige- 
nen Recht wurzelndes Königstum und freie, selbstbewußte 
I.andesvertretung, beide fest und treu auf dem Boden der Ver- 
fassung stehend — besonnene, den Bedürfnissen der Gegenwart 
entsprechende Fortbildung des Verfassungslebens — Entwick- 
lung korporativer Selbständigkeit in den Gemeinden, Kreisen 
und Provinzen. 

3. Die Grundsätze der Moral und des Rechtes müssen auch 
in der Politik Leitsterne sein. Unwürdig eigenen Rechtes, wer 
fremdes Recht mißachtet. Deshalb Bekämpfung aller revolutio- 

248 




Hermann v. Mallinckrodt 



f% 



nären Tendenzen, sei es in den äußeren Beziehungen, sei es auf 
(1cm inneren Gebiete des Staates. Eine deutsche Politik, welche 
dem Machtverhältnis wie den Interessen unseres preußischen 
Staates volle Würdigung zu teil werden und die letzteren kemem 
fremden Sonderinteresse nachsetzen läßt, aber auch ebenso- 
wenig in engherzigem Pflegen eigener Sonderinteressen den 
laßstab sucht für die Bedürfnisse und die nationale Aufgabe 
des deutschen Volkes. Diese Aufgabe erfordert Eintracht und 
festere Einigung aller Glieder Deutschlands, sie erheischt 
Bundesreform und Gründung einer Zentralgewalt, aber sie ge- 
stattet nicht behufs engerer Verbindung einzelner Glieder die 
Sprengung des Bundes und Zerteilung der Nation. Eben in 
dem festeren Zusammenschluß Gesamtdeutschlands liegen die 
Bedingungen zum Wiedergewinn nationaler Macht und Größe, 
zum Wachstum der materiellen Wohlfahrt auf allen Gebieten 
produktiver Tätigkeit, zur Festigung des Friedens und zu dau- 
ernder Verminderung des eigenen Staatsaufwandes. 

(O. Pfülf, Hermaun v, Mallinckrodt, P'reibur^' i. B. 1892, S. 241.) 



249 



Ein Rückblick auf die letzten Ses- 
sionen des Preussischen Abgeord- 
netenhauses 

(Auszüge) 

(1864) 

Von Angust Reichensperger 

A' 

DieKatholischeFraktion 
ist konstitutionell 

Ich hatte mit meinen Fraktionsgenossen einen Zusatz zum 
Artikel 2 des Entwurfs proponiert, welcher dahin lautete: 
„Das Preußische Volk will ein starkes, auf eigenem Rechte, über 

den Parteien stehendes Königtum." 
Der Entwurf hatte aufgestellt, daß der Gegensatz zwischen 
königlichem und parlamentarischem Regimente verfassungs- 
widrig sei und die Redner des ,, Fortschritts" hatten denselben 
nicht undeutlich dahin kommentiert, daß die Majorität des Ab- 
geordnetenhauses für das zu befolgende Regierungssystem 
maßgebend sein müsse, während der Abg. Virchow die ganze 
Distinktion als eine Erfindung und zugleich als das Parade- 
pferd des verewigten Professors Stahl bezeichnete. Gegen 
Herrn Virchow führte ich näher aus, was mein Bruder in bezug 
auf Frankreich bereits angedeutet hatte, indem ich ihn daran 
erinnerte, wie der übrigens royalistisch gesinnte Fortschritts- 
mann Laf itte (doch gewiß kein Professor oder Doktrinär !) so- 
gar bereits an der Spitze seines Ministerprogramms erklärt 
habe: „In welcher Art die Wahlen auch immer ausfallen mögen, 
die Regierung wird sich dieselben unbedingt zur Richtschnur 
nehmen", wie demnächst überhaupt unter der Julimonarchie^ un- 
ausgesetzt das parlamentarische Regiment von der Opposition 

250 



als eine dringende ,, Zeitforderung" auf ihre Fahne geschrieben 
und verlangt worden sei, daß der Regierungsgedanke stets 
aus der zweiten Kammer hervorzugehen habe. Den Herren 
vom „Fortschritte", die mehr als lo Jahre hindurch bis dahin, 
laß sie selbst Ma}orität geworden waren, es nicht hatten gel- 
len lassen wollen, daß der Schwerpunkt der Regierung im 
Volkshause liege, erwiderte ich im übrigen, daß es hieße, die 
Zügel der Anarchie zuwerfen, wenn unter den bei uns zu 
Lande obwaltenden Verhältnissen eine Regierung ihre innere 
und äußere Politik nach den, so häufig und mitunter so launen- 
haft wechselnden Majoritäten einzurichten sich veranlaßt sehen 
wolle; am wenigsten werde aus solchem Systeme die Freiheit 
hervorgehen und ,die Achtung' des Rechtes aller; für Freiheit 
und Recht finde ich meinerseits nicht in dem Prinzip der Majo- 
ritäts-Ortinipotenz die solideste Garantie, sondern in dem der 
Selbstregierung, in der stets fortschreitenden Entwicklung der 
letzteren auf dem Boden der Verfassung, und unter dem 
Schutze eines über allen Parteien stehenden Königtums. 



B 
Die Polenfrage 

Seit dem Beginne meiner parlamentarischen Tätigkeit nahm 
stets alles, was sich auf Polen bezog, mein besonderes Interesse 
in Anspruch, und ich mache nicht das mindeste Hehl daraus, 
daß auch konfessionelle Sympathien sich einmischten. Die 
offene, ja wahrhaft grausame Verfolgung der polnischen Katho- 
liken in Rußland war nur geeignet, diese Sympathien zu 
steigern. Aber auch im Großherzogtum Posen ging das De- 
nationalisieren mit dem Dekatholisieren vielfach Hand in Hand. 
Allerdings war beides nicht in russischef Weise betrieben; die 
Tendenz indes war aus gar vielen Tatsachen, die im Abgeord- 
netenhause und sonst aus glaubhafter Quelle zu meiner Kennt- 
nis kamen, unschwer zu entnehmen. Allen solchen Tatsachen 

251 



gegenüber hielten wir — meine Freunde und ich — stets zur 
Polnischen Fraktion, die ihrerseits unter den ungünstigsten Ver- 
hältnissen eine Energie, eine ausdauernde Opferwilligkeit und 
zugleich ein Geschick in der Benutzung ihrer Hilfsmittel be- 
kundete, wie solches wohl niemals eine andere Partei in der 
parlamentarischen Versammlung getan. Es hatte etwas Er- 
greifendes für mich, diese kleine Schar nur von einem Gedanken 
erfüllt und getrieben zu sehen; fast alle waren begabte, nicht 
wenige tiefreligiöse Naturen — auch ihr prinzipieller Feind 
konnte, wenn er anders ein loyaler Feind war, ihnen seine 
Hochachtung nicht versagen. Ich weiß sehr wohl — und wie 
oft habe ich es gehört! — daß man mit den Polen als solchen 
nicht fertig werden zu können glaubte ; allein mir will scheinen, 
es verhielte sich nur so, weil man das Heil des Staates allzusehr 
in seiner Uniformierung und Zentralisierung erblickte, weil 
man den Besonderheiten möglichst wenig Spielraum lassen zu 
müssen glaubte, um die Einheitlichkeit der Staatsmaschine nicht 
zu gefährden; wenigstens hat man, meines Wissens, niemals 
einen gründlichen Versuch gemacht, auf einem anderen Wege 
mit den Polen fertig zu werden, obgleich doch gewiß der 
Staat Preußen stark genug war, um einen solchen Versuch ohne 
alle Gefahr wagen zu können. 

So lange die Polen auf legalem Wege ihre Besonderheit zu 
wahren suchten, glaubten wir, wie gesagt, mit unseren geringen 
Mitteln sie unterstützen zu sollen, wie sehr es auch von anderer 
Seite her verdacht werden möchte; eine ganz neue Frage aber trat 
uns entgegen, als irti russischen Polen die Flammen der Revo- 
lution aufloderten und es keinem Zweifel unterliegen konnte, 
daß der Brand weiter um sich greifen werde. 

Jedes Volk ist gewissermaßen, ein Individium, jedenfalls ein 
organisches Glied der Menschheit; es hat ein ursprüngliches 
Recht, sich geltend zu machen und zu erhalten, seine eigentüm- 
lichen Anlagen zu entfalten. Jede egoistische, absichtliche Un- 
terdrückung einer Nationalität ist ein Frevel, der früher oder 
später sich rächt. 



Die Teilung Polens kann nicht gerechtfertigt werden, am 
wenigsten durch den inneren Zwiespalt unter den Polen, da sie 
dadurch für ihre Nachbarn nur um so ungefährlicher wurden. 

Vom christlichen Standpunkte aus kann man ein Recht der 
Revolutionen nicht statuieren. Auch im Interesse der unter- 
drückten Volksstämme selbst liegt es, daß dies im Prinzip aner- 
kannt bleibt; widrigenfalls wäre ein steter Kriegs- oder Be- 
lagerungszustand, eine Ausrottung oder Vertreibung ganzer 
Stämme, wie solches alles in den vorchristlichen Zeiten üblich 
war, die fast unausbleibliche Folge. Allerdings gibt es auf dem 
Gebiete des öffentlichen Rechtes, wie auf dem des Privatrechtes 
gegen ungesetzliche, tyrannische Gewalt eine erlaubte Notwehr, 
und sie mag der russischen Rekrutierungs-Maßregel gegenüber 
am Orte gewesen sein; allein von solcher Notwehr bis zur 
Revolution ist noch ein großer Schritt, der freilich mitunter 
getan werden mag, ohne daß derjenige, welcher ihn tut, sich 
genaue Rechenschaft darüber ablegt. Soviel indes darf wohl 
jedenfalls gesagt werden, daß, wenn je einer Revolution mil- 
dernde Umstände zur Seite standen, es im Königreich Polen 
der Fall war, wo man eine lange Reihe von Jahren hindurch 
neben der Nationalität auch noch das heiligste, was der Mensch 
hat, seinen letzten Trost im Unglück, die Religion mit allen 
Mitteln auszurotten getrachtet hatte. Um so bedauerlicher aber 
war es wieder von der anderen Seite, daß es gar sehr den An- 
schein gewann, als ob weder die Religion noch auch die Natio- 
nalität in erster Linie ständen, als ob vielmehr die kosmopo- 
litische Revolutions-Partei beides nur als Hebel für ihre Zwecke 
gebrauchen wollte. Die vielfach angewendeten Mazzinistischen 
Mittel so wenig wie die Männer, welche unter der Fahne eines 
Garibaldi den keltischen Polen feindlich gegenüber gestanden 
hatten, die den Hort ihres Glaubens zu verteidigen von 
ihrer grünen Insel herübergekommen waren, konnten irgend- 
welche Gewähr in dieser Beziehung verleihen. Und dazu end- 
lich noch, welches furchtbare Würfelspiel! Auf wen und auf 
was konnte mit Sicherheit gebaut werden? Wie oft hat es 

253 



nicht von Frankreich herübergetönt: ,,La nationalite polonaise 
he perira pas" und was ist von dort aus dafür geschehen ? Un- 
sägliches Elend war ebenso gewiß, als der endliche Erfolg 
zweifelhaft. Dies waren im wesentlichen die Betrachtungen, 
welche sich mir aufdrängten, und ging meine Absicht dahin, 
so weit es sich um Preußen handelte, die allseitige Achtung 
des Gesetzes und auf Grund desselben die Wahrung der öffent- 
lichen Sicherheit als eine Pflicht der einen und beziehungs- 
weise der andern Seite als das durch die Situation Gebotene 
hinzustellen. Ein Weiteres aber schien mir das bei der frag- 
lichen Debatte so vielfach und stark, wenn auch in versclfl^de- 
nem Sinne, betonte Interesse Preußens nicht zu fordern, nament- 
lich keine Parteinahme für Rußland. Es kann unmöglich im 
Interesse Preußens liegen, daß die Wunde, wenn sie auch äußer- 
lich gewaltsam geschlossen werden mag, innerlich forteitert; 
die einzig wahre Interessenpolitik ist die Politik der Gerechtig- 
keit. Discite justitiam moniti! 

Im übrigen aber scheint es mir aber auch auf der Hand zu 
liegen, daß, abgesehen von allen Moralprinzipien, es nicht im 
Interesse der preußischen Politik liegen kann, Polen schlecht- 
hin zu einer russischen Provinz werden zu lassen. Das Ein- 
springen eines selbständigen Polen in Preußen, wie in Öster- 
reich, kann, abgesehen von zufälligen und darum stets vorüber- 
gehenden politischen Konjunkturen, diesen Ländern unmöglich 
so gefahrdrohend sein, als wenn der russische Koloß unmittel- 
bar an den beiderseitigen Grenzen eine halbe Million Soldaten 
zu konzentrieren in der Lage ist. Wie schon der kriegskundige 
General v. demKnesebeck in einem Berichte an den Freiherrn vom 
Stein gesagt hat, „bedroht Rußland durch eine solche Stellung 
die Sicherheit und Unabhängigkeit beider Staaten und bringt 
sich in dieselbe Lage gegen sie und Deutschland, in welche 
Napoleon Frankreich gegen obige Länder versetzte, als er mit 
dessen Übergewicht ihnen auf den Hals rückte; daß heißt: „Ruß- 
land bringt sie und sich in einen permanenten Kriegszustand 
gegeneinander." — Mag man die augenblicklich von selten der 

2S4 



kosmopolitischen Demagogie her drohenden Gefahren auch noch 
so hoch anschlagen, so sollte man doch keinesfalls darüber ver- 
gessen, daß mit Rußland vielleicht am v^renigsten ein ewiger 
Bund zu flechten ist und daß der Druck, den es auf seine west- 
lichen Nachbarn übt, der Natur der Sache nach, ein stetig 
wachsender sein wird. Endlich hat aber auch Rußland im Jahre 
1859 noch eins gezeigt, wie wenig es Anstand nimmt auch die 
Geschäfte der europäischen Revolution machen zu helfen, 
wenn es dadurch den eigenen irgendwie aufhelfen zu können 
vermeint, wie denn überhaupt zwischen allem Absolutismus 
allerwärts eine gewisse innere Verwandtschaft besteht. 



C 

Die Judenfrage 

In ganz besonders lebhafter und eingehender Weise wurden 
stets diejenigen Debatten geführt, in welchen es sich um das 
Interesse von Juden handelte, zum Teil vielleicht um deswillen» 
weil alles, was zu deren Gunsten vorgebracht wurde, in der Zei- 
tungspresse ein ungewöhnlich lautes Echo zu finden pflegte. 
Wir würden gerne annehmen, daß diese Sympathie hauptsäch- 
lich darin ihren Grund hat, weil die Juden im Volke sowohl, 
als in der Vertretung desselben sich so sehr in der Minorität 
befinden und daher des Schutzes doppelt bedürftig sind, wenn 
auch sonst die Sorge für das Interesse der Minoritäten, ins- 
besondere unserer katholischen, sich ebensowohl bemerklich ge- 
macht hätte. Dem sei nun aber, wie ihm wolle, den Juden .muß 
ihr volles Recht werden, wie den Christen ; am wenigsten aber 
sollten letztere sich eine ungerechtfertigte Bedrückung der- 
selben auf den vielfach gehörten Grund hin erlauben, daß sie 
sonst überflügelt würden, und zwar schon um des Ehrenpunktes 
willen, der es nicht gestattet, sich selbst ein solches Armuts- 
zeugnis auszustellen. Überhaupt will es mir scheinen, als ob 
in einer Zeit, in welcher der offene Abfall vom Christentum, 

^5S 



ja sogar die Verhöhnung desselben durch Namenchristen zu den 
alltäglichen Erscheinungen gehört, die spezifische Aversion 
gegen das Judentum, das sogenannte Reformjudentum nicht 
ausgenommen, vollends ein Anachronismus wäre — keines- 
falls darf sie sich auf dem Rechtsgebiete geltend machen. Die- 
sen Standpunkt haben wir — meine Freunde und ich — denn 
auch stets eingenommen, wenn Fragen der in Rede stehenden 
Art zur Entscheidung kamen, und ist derselbe bereits im Jahre 
1854 von dem Abgeordneten für Geldern in umfassendster 
Weise dargelegt worden. Damals handelte es sich darum, die 
Juden für unfähig zur Bekleidung des Gemeindevorsteher- 
Amtes zu erklären, und gaben unsere Stimmen den Ausschlag 
für die Verwerfung des diesbezüglichen Artikels. Seitens der 
Liberalen sowie seitens der Juden aller Parteischattierungen 
ward uns, und namentlich meinem Bruder, damals die lebhaf- 
teste Anerkenung zu teil, die insofern unverdient war, als wir 
eben nur einfach unserer Rechtsüberzeugung Ausdruck -gegeben 
hatten. Mittlerweile hat sich das Blatt auf der anderen Seite 
gar sehr gewendet, während wir unserer damaligen Ansicht 
treu geblieben sind. In der Sitzung vom 14. März 1863, wie 
schon bei früheren Gelegenheiten, wurden wir der Intoleranz, 
Engherzigkeit, konfessioneller Beschränktheit und was der- 
gleichen mehr ist, geziehen, weil wir, auch im Verhältnis zu 
den Juden, das Recht der Christen, insbesondere der christ- 
lichen Schule, nicht der fortschrittlichen Doktrin von kon- 
fessionslosem Tolerantismus zum Opfer bringen wollten und 
beispielsweise uns gegen die Anstellung jüdischer Lehrer an 
konfessionellen Gymnasien aussprachen. ,,Wenn die Juden," so 
erklärte ich unter anderem, „ein Gymnasium hätten, als solches 
gestiftet und anerkannt, kurz wenn ein jüdisches Gymnasium 
existierte, so würde ich mit derselben Entschiedenheit gegen 
die Intrusion christlicher Lehrer in dies Gymnasium auftreten. 
Ich glaube aber auch ganz ebenso für die christlichen Gymna- 
sien argumentieren zu dürfen. Sie sehen also, meine Herren, 
daß hier eine Differenz zwischen uns obwaltet, welche in den 

256 



verschiedenen rechtlichen Überzeugungen ihren Grund hat!" 
Allein die Herren von der Majorität wollten oder konnten das 
imn einmal nicht sehen, indem zum Beispiel Herr Dr. Techow 
mir erwiderte, es sei meine Auslassung nicht hervorgegangen 
aus dem Sinne und Geiste des Christentums und der Verfas- 
sung, sondern aus dem Sinne und Geiste eines bestimmten 
Kirchcntums; zur Pflege eines solchen, zur Pflege orthodoxer 
kirchlicher Satzungen seien aber, nach seiner Auffassung, 
unsere Gymnasien nicht gegründet. 

Man sieht, es läuft dies auf die von Sybelsche Theologie hin- 
aus, deren ganzer Inhalt sich auf die „Gottbedürftigkeit und das 
Gottvertrauen" beschränkt und den exzessivsten Christianismus 
vagus noch weit hinter sich zurück läßt. Solcher Theologie 
gegenüber konnten wir freilich den Vorwurf konfessioneller Be- 
schränktheit nicht von uns ablehnen, wenngleich es sich in den 
fraglichen Fällen gar nicht einmal um katholische Schul- 
anstalten handelte. 

D 

Die konfessionelle Seite 

der Deutschen Frage 

Vor allem handelt es sich darum, bloß eingebildete Hin- 
dernisse nicht für wirkliche anzusehen oder die Bedeutung der 
wirklich vorhandenen zu überschätzen, und dadurch die ohne- 
hin so schwierige Aufgabe nicht noch erheblich schwieriger zu 
machen. 

Zu jener Gattung von Hindernissen scheint mir besonders 
eine Tatsache gerechnet werden zu müssen, von welcher nicht 
wenige unter den wärmsten Vaterlandsfreunden glauben, daS 
sie die Herstellung eines kräftigen, das Ganze zu gemeinsamer 
Aktion verbundenen Verfassungsorganismus in Deutschland 
nahezu unmöglich mache — die konfessionelle Verschiedenheit 
nämlich, der Gegensatz zwischen Katholizismus und Prote- 
stantismus. Meines Frachtens hängt diese Anschauungsweise 

BergsfräHer I. 17 2^7 



mit tatsächlichen Verhältnissen zusammen, die dermalen nicht 
mehr existieren oder doch bei weitem nicht mehr so schwer ins 
Gewicht fallen, wie ehemals. Ganz gewiß würde die Über- 
einstimmung im kirchlichen Glauben, würde die kirchliche Ein- 
heit der politischen Einigung einen wesentlichen Vorschuh 
leisten können, aber wohlgemerkt, die Einheit im Glauben, 
nicht die bloße Tatsache, daß die Deutschen, oder wie es in der 
französischen Charte von 1830 hieß, die Majorität derDeutschen 
sich beispielsweise zur katholischen Religion bekennten. 

Werfen wir doch nur einen Blick nach Italien, Portugal, Spa- 
nien, ja auch nach Belgien oder über das Weltmeer hinüber 
nach Südamerika, wo alles sich katholisch nennt und doch 
fortwährend entweder ein unerbittlicher Parteikampf geführt 
oder die eine Partei gewaltsam von der andern unterjocht 
wird ! Welches Land hat mehr innere Umwälzungen zu be- 
stehen gehabt und weiß weniger seinen eigentlichen Schwer- 
punkt zu finden, als das katholische Frankreich? Den Angel- 
punkt, worauf es hier ankommt, bildet, mit einem Worte, der- 
malen nicht mehr wie vordem der Gegensatz zwischen Katho- 
lizismus und, Protestantismus, sondern vielmehr der Gegensatz 
zwischen Christentum und Materialismus öder Antichristentutr, 
und wird die Unterscheidung zwischen protestantischen und 
katholischen Staaten oder Völkern, für deren politische Ge- 
staltung immer m.ehr — soweit überhaupt die Zukunft in un- 
sern Gesichtskreis gezogen werden kann — an praktischer Bj- 
deutung verlieren. 

Sehen wir doch selbst im Lager der ihrer Kirche aufrichtig 
ergebenen durchaus gläubigen Katholiken (namentlich leider 
in Frankreich) hinsichtlich der politischen Anschauungen und 
Wünsche die Gegensätze immer wieder aufs neue in offenen 
Hader ausbrechen ! Wie die Dinge einmal liegen, können wir 
Katholiken den offenbarungsgläubigen Protestantismus sozu- 
sagen als ein Vorwerk des Katholizismus ansehen, nach dessen 
Schleifung durch den Unglauben der Sturm auf die eigentliche- 
Veste mit um so konzentrierterer Energie seinen Fortgang neb. 

258 



rnen wird. Es ist unter den dermaligen obwaltenden Verhält- 
nissen eine mehr als gewagte Annahme, daß die katholische 
Kirche gewinnt, was die evangelische einbüßt, und ebenso um- 
gekehrt. Wenn wirklich noch einmal, wie von mancher Seite 
her prophezeit wird, ein dreißigjähriger Religionskrieg 
Deutschland verwüsten sollte, so wird derselbe sicherlich nicht 
/.wischen gläubigen Katholiken und gläubigen Protestanten ge- 
führt werden. 

Dies schließt natürlich den sehnlichsten Wunsch nach einer 
Wiedervereinigung der im Glauben Getrennten in keiner Weiso 
aus, vielmehr kann es denselben nur verstärken ; allein es geht 
daraus, w^ie mir scheinen will, hervor, daß diejenigen im Irr- 
tum Ix^fangen sind, welche meinen, der Umstand, daß die sta- 
tistischen Tabellen neben 24 Millionen deutscher Katholiken 
21 Millionen deutscher Protestanten aufführen, daß Preußen 
eine vorzugsweise protestantische, Österreich eine vorzugsweise 
katholische Bevölkerung hat, sei die gefährlichste Klippe für 
alle Reformpläne. Der konfessionelle Gegensatz mag immer- 
hin eine Scheidewand bilden, aber ganz gewiß ist dieselbe in 
bezug auf den hier fraglichen Zweck nicht unübersteiglich. 
Schon der bloße Hinblick auf das Verhalten Hannovers und 
Württembergs, gegenüber den verschiedenen Konstituierungs- 
versuchen, zeigt wohl übrigens zur Genüge, daß die in Rede ste- 
hende Schwierigkeit jedenfalls nicht in erster Linie steht oder 
gar als eine unüberwindliche anzusehen ist. Auch im Interesse 
des konfessionellen Friedens liegt, daß man sich mehr und 
mehr davon überzeugt, wie bisheran die konfessionelle Tren- 
nung vielfach lediglich zum Zwecke von Parteimanövern durch 
solche in den Vordergrund gezogen und ausgebeutet worden 
ist, welchen die eine und die andere Konfession durchaus gleich- 
gültig erscheint, denen vielleicht sogar die eine und die andere 
gleich sehr zuwider ist. 

Zu dieser letzten Gattung gehören denn auch erfahrungs- 
mäßig fast immer diejenigen, welche, angeblich im Interesse 
^'es Staates, Konflikte desselben mit den Kirchenbehörden bei 

.7^^ 259 



den Haaren herbeiziehen und so das Gefühl des Gegensatzes 
wach erhalten und verbittern. 

Ein weiteres Schreckbild ist die Viel- und Kleinstaaterei mit 
einem Worte: der Partikularismus. Zwar scheint es, als ob in 
allerneuster Zeit viele von denjenigen, die unausgesetzt auf 
dieses Schreckbild hinzuweisen pflegten, entgegengesetzten 
vSinnes geworden seien, indem man sie mit Ungestüm nocli 
einen weiteren kleinen Fürsten verlangen sieht; allein in der 
Tat scheint es auch nur so. Der neue kleine Fürst soll eben, 
für diejenigen wenigstens, die am lautesten darnach schreien, 
bloß ein Mittel gegen die alten abgeben ; in solcher Art werden 
denn auch die so wunderbar über Nacht zur Legitimität Be- 
kehrten sich innerlich gegen den Vorwurf der Inkonsequenz 
verteidigen ; vielleicht wird es binnen nicht allzulanger Frist 
auch nach außen hin geschehen, und das Privatfürstenrecht mit 
seinen ,, vergilbten Pergamenten" abermals dem Trödler über- 
wiesen. Jedenfalls ist durch diese Wendung die Frage inbetreff 
der Verträglichkeit des Partikularismus mit der Größe Deutsch- 
lands noch keineswegs eine unpraktische geworden. , 

Dem in Rede stehenden Steine des Anstoßes gegenüber tut 
es vor allem not, über gewisse Grundanschauungen sich ins 
klare zu setzen, zu welchem Zwecke indes etwas weit ausgeholt 
werden muß, wie es denn überhaupt rätlich ist, solche Sätze 
vorzugsweise genau ins Auge zu fassen, die als ausgemachte 
politische Wahrheiten in stereotypen Phrasen kursieren. 

Diejenigen freilich, welche, wie die ungeheure Majorität 
unseres Abgeordnetenhauses, der Überzeugung leben, daß 
Deutschland nur auf den Wegen, die Jung-Italien eingeschlagen 
hat, zu Macht und Glück gelangen könnte, sind natürlich in 
bezug auf das oben gedachte Hemmnis vollständig im Reinen. 
Es muß eben aufgeräumt werden mit allen Mitteln, welche nur 
irgend Erfolg versprechen, nur daß, je nach dem Temperament 
und Klugheit, die einen den direkten, die andern den indirekten 
Mitteln den Vorzug geben. Bei Gelegenheit der italienischen 
Debatte haben sich die verschiedenen Schattierungen dieser 

260 



I'atrioten zureichend selbst charakterisiert, sodaß es hier eines 
Weiteren darüber nicht mehr bedarf. Für sie bleibt nur die 
l'>ag-e übrig-, wann der günstige Zeitpunkt eingetreten sein 
wird, und die Sorge, alsdann einen Cavour und einen Garibaldi 
zur Hand zu haben, welche dem Gedanken die Tat substituieren. 

Allein außerhalb dieser Gruppe gibt es noch gar viele in 
Deutschland, die so schnell mit den moralischen Bedenken nicht 
fertig sind, die ihre „sittliche Entrüstung" nicht bloß für die- 
jenigen Fälle aufsparen, in welchen ein bedenkliches Mittel ihre 
.^igenen Pläne durchkreuzt. Ein namhafter Teil von Reformen 
ieser Gattung erblickt denn in der Vielstaatlichkeit ein über- 
aus ernstes, kaum, zu bewältigendes Hindernis. 

Trre ich nicht, so liegt der Grund dieser Besorgnis hauptsäch- 
lich darin, daß diejenigen, welche sie hegen, meist ohne es so 
recht zu wissen, von französischen, statt von deutschen Grund- 
gedanken ausgehen. Die sogenannten Prinzipien von 1789 
sind durch die Ereignisse und durch die Literatur allerwärts 
hingetragen worden; man hat sie unwillkürlich mit der Luft ein- 
geatmet und unsere Staatsmänner haben überdies größtenteils 
redlich das ihrige dazu getan, damit die aus jenen Prinzipien 
hervorgegangenen Bildungen, wenn auch nur als Karikaturen, 
bei uns einheimisch wurden. Dadurch war es wahrhaft Mode- 
sache geworden, über die mikroskopischen Staaten und Fürsten 
zu witzeln, die dann ihrerseits freilich auch nicht selten solchem 
Witze gedeihliche Nahrung zuführten. Und wie wenige wissen 
es, daß in Frankreich selbst schon seit geraumer Zeit der Glaube 
an die Wunderkraft besagter Prinzipien, soweit dieselben nicht 
bloß altchristliche, allerdings vielfach in Vergessenheit geratene 
Wahrheit reproduzieren, arg erschüttert ist, daß dort in der 
wahrhaft intelligenten Schicht die Ansicht immer tiefere Wur- 
zeln schlägt, daß die Nation die betreffenden Errungenschaften 
viel zu teuer bezahlt habe, zumal da das Wahre und Bleibende, 
was sie beschließen, schon durch eine naturgemäße Entwicklung 
der bereits gegebenen Tatsachen und der herrschenden Ideen 
hätte creicht werden können ! 

261- 



Bis in die tiefsten Wurzeln des germanischen Stammes geht 
das Bedürfnis nach individueller Selbständigkeit, die so wenig 
identisch ist mit der modernen, wesentlich generalisierenden 
und nivellierenden Freiheit, daß man sie weit eher als einen 
Gegensatz derselben bezeichnen darf. Während der Germane 
stets den Akzent auf die Besonderheit legte, strebten die Ro- 
manen nach Verallgemeinerung, wie deren Urbild, das Römer- 
tum, die Völker der halben Erde zertraten, um denselben ihren 
Stempel aufzudrücken. Schon in unseren ältesten geschriebenen 
Rechtsurkunden tritt uns der Satz entgegen, daß „Jeder nach 
seinem angestammten Gesetze lebe" und niemals später ist 
die Idee der germanischen Einheit, eines gemeinsamen Rechtes, 
mächtig genug geworden, um die Verschiedenheiten gänzlich 
ineinander zu schmelzen, ja sogar in nicht wenigen Gauen des- 
selben Volksstammes walteten gar häufig die auffallendsten 
Rechtsverschiedenheiten ob. Die monotone, mehr oder weniger 
abstrakte Einheit widerstrebt einmal der germanischen Sinnes- 
weise, dieselbe verlangt nach Harmonie, das heißt nach Ver- 
schiedenheit in der Einheit, wobei das Bewußtsein zu- 
grunde liegt, daß nur in ihr die in unserem Volkstume beruhen- 
den eigentümlichen Kräfte und Anlagen ihre volle Entfaltung 
finden können. Wenn dem so ist, so fragt es sich, ob unabhängig 
von aller Erfahrung die Theorie walten und ohne Rücksicht auf 
die Opfer, die es kosten mag, praktisch durchgeführt werden 
muß, oder aber, ob die Theorie für die Menschen gemacht ist, 
beziehungsweise gemacht werden soll, um dasjenige, was ein- 
mal in ihnen beschlossen lie^t, zur möglichsten Ausbildung 
und Verwendung zu bringen. Die bei weitem überwiegende 
Mehrzahl unserer Professoren und Politiker steht auf der Seite 
des ersten Gliedes dieser Alternative; das hat ihr Tun und Las- 
sen mehr als zur Genüge bewiesen. Hätten dieselben nur die 
Hälfte ihres Wissens und ihres Scharfsinnes darauf verwendet, 
um das ihnen einmal vorliegende Material nach dessen Natur zu 
bearbeiten und ihre Konstruktionen darnach zu entwerfen, so 
würde die ,, Deutsche Frage" ganz gewiß längst schon um viele 

262 



Stadien ihrer Lösung näher gerückt sein. vStatt dessen aber 
stellten und stellen sie sich den Staat ungefähr wie ein großes 
Fabriketablissement vor, das von Grunde aus naqh den neue- 
sten Mustern herzurichten ist, und wobei es sich hauptsächlich 
nur darum handelt, daß die Räder und die Hände auf das prä- 
ziseste ineinandergreifen und den ihnen überlieferten Rohstoff 
in der von den Fabrikherren und -meistern von vornherein 
gewollten Gestalt ins Magazin liefern. Um diesen Vergleich 
schon im voraus gegen den Vorwurf der Übertreibung zu 
sichern, sei auf die Vorrede zur zweiten Auflage des Aretin- 
Rotteckschen ,, Staatsrechtes der konstitutionellen Monarchie" 
verwiesen, worin Herr von Rotteck, indem er einen verachten- 
den Seitenblick auf die ,, Nacht des Mittelalters" wirft, den von 
ihm dozierten Konstitutionalismus mit der ,, besterdachten, 
kunstreichsten, vollendetsten Maschine" parallelisiert, die nicht 
dafür könne, wenn die ,, wohlberechnete Bewegung ihres Räder- 
werkes durch Einbringung fremdartiger Körper gestört werde." 
Die Welt ist eben nur dafür da, damit die Hirngespinste der 
sogenannten Denker und die Systeme der Männer vom Fache 
in ihr oder an ihr verwirklicht werden, ähnlich wie unsere 
akademischen ,, Schönbaumeister" sich in irgend einem Jahrhun- 
dert bei irgend einem Volke einen ,,Stil" aussuchen, etwa den 
hellenischen oder ägyptischen, und denselben dann, natürlich 
so wie sie ihn verstehen, den guten Deutschen aufhalsen, gänz- 
lich unbekümmert darum, daß dieselben nun doch einmal nach 
Gottes Fügung keine Hellenen und keine Ägypter sind, daß 
überdies aber auch fast alle Vorbedingungen fehlen, nach wel- 
chen die Architekten dieser Völker sich zu richten hatten und 
sich auch wirklich gerichtet haben. 



263 



E 
Grenzen der 1-2 i n h e i t 

Wären wir erst einmal wieder an Kopf und Herz echte, rechte 
Deutsche, so würde die Form der gemeinsamen Verfassung' 
sich bald wie von selbst ergeben ; dadurch aber, daß eine Ver- 
fassung von A bis Z fix und fertig in irgend einem Diplo- 
maten-, Professoren- oder Fortschrittskomitee nach Maßgabe 
des gerade herrschenden Windes der ,, öffentlichen Meinung": 
improvisiert w'ird, geraten wir zweifelsohne nur noch tiefer 
in die Konfusion hinein, selbst wenn solche Verfassung für eine 
Zeitlang in Gang gesetzt werden könnte. Das allerbedeilklichste 
aber wäre, zu dem verzweifelten Notbehelf des suffrage uni- 
versel ohne die äußerste Not (wie sie im Jahre 1848 dagewesen 
sein mag) seine Zuflucht zu nehmen. Es ist bemerkenswert, 
daß in unserer Zeit, die sich so viel auf ihre politische Bildung 
zu gut zu tun pflegt, von so manchen Seiten her auf diese 
eklatante Bankerotterklärung derselben gedrungen, sie sogar 
als eine moderne ,, Errungenschaft" präkonisiert wird ! Um 
nur einigermaßen konsequent zu sein, müßte man doch jeden- 
falls die Volksabstimmung in Permanenz erklären, da nach 
allen bisher gemachten Erfahrungen die Vermutung auf das 
entschiedenste dafür streitet, daß die Mehrzahl von Demjenigen, 
was sie heute votiert, spätestens binnen Jahresfrist das Gegen- 
teil w^ll und überdies, in allen größeren Staaten wenigstens, 
diese Mehrzahl stets nur eine fingierte, niemals die wirkliche 
ist. Oder läßt sich auch nur ein Scheingrund dafür anführen/ 
daß das souveräne Volk von 1864 dem ganz ebenso souveränen 
Volke von 1865 die Hände sollte binden können? 

Ich meine daher, daß in bezug auf den fraglichen Verfas- 
sungsbau einstweilen nur das unabweisbar Notwendige vorge- 
kehrt werden und man der Zeit Zeit lassen soll, sich zu erklären, 
sowie dem Volke, sich zu orientieren, und sich mit sich selbst 
zu verständigen. Während der Freiheitskriege hatte Deutsch- 

264 



land gar keine Verfassung, und doch stand es groß und sieg- 
icich da. 

Ganz insbesondere gilt das Gesagte auch hinsichtlich des 
\ erhältnisses des Partikularen zum Allgemeinen, der Einzel- 
Staaten zu Gesamtdeutschland, der Kleinen zu den Großen. \ 

Idh "erinnere mich noch sehr wohl der Zeit, in welcher alles, 
was in Deutschland nur irgend liberal war, mit den Kleinstaa- 
ten kurzen Prozeß gemacht sehen wollte, ähnlich wie die aufge- 
klärten Stadtphilister, wenn irgend ein alter Turm oder auch 
eine Kirche (und sollte es selbst ein Kaiserdom, wie der zu 
Goslar sein), die nicht gerade Pfarrkirche war, ihren Verschö- 
nerungsprojekten im Wege stand und dazu vielleicht gar noch 
die Unterhaltung des Dachwerkes einige Kosten veranlaßte. 
Schon im Frankfurter Parlamente, obgleich dort doch alles sich 
so ziemlich im Flusse befand, war sehr deutlich wahrzuneh- 
men, daß selbst die radikalsten Gleichmacher denjenigen Klein- 
staat, dessen Deputierte sie gerade waren, vor dem Wandern 
in den großen Schmelztiegel gerne ausnahmsweise bewahrt 
sehen mochten. So weit ich die betrefifenden Kollegen kannte, 
stammten freilich diese partikularistischen Anflüge nicht aus 
ihrem eigenen Innersten; sie für ihre Person hätten nichts 
dagegen gehabt, wenn in die Fürstenschlösser von Dresden, 
Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt, Wiesbaden, Kassel, Weimar! 
und selbst Gotha erbkaiserliche Oberpräsidenten eingezogen 
wären, um demnächst republikanischen Präfekten Platz zu 
machen; allein sie kpnnten sich nun einmal nicht verhehlen, daß 
die ungeheure Mehrzahl der Wähler nicht auf solcher Hohe 
stand, und daß sie schwerlich Triumphbogen zu gewärtigen 
haben würden, wenn sie mit ihren Oberpräsidenten oder Prä- 
fekten in ihr, zum Range eines Reichskreises erhobenes engeres 
Vaterland, zurückkehrten. * 

In der Tat lebt oder vegitiert doch im innersten Bewußtsein 
aller deutschen Stämme eine Rückerinnerung an das, was sie; 
waren, als das Reich deutscher Nation eine weltgebietende Stel-' 
lung einnahm, so wie eine tiefe Scheu vor allen Experimenten,' 

265 



die dahin abzielen, sie gewissermaßen auf einer Drehscheibe 
in ein ganz neues Geleise zu bringen. Insbesondere fühlen sie 
sich mit ihren angestammten Dynastien verwachsen, und wenn 
hier und dort einmal ein ernster Widerstreit das Gegenteil dar- 
zutun scheint, so liegt dem immer nur eine Abneigung gegen 
bestimmte Persönlichkeiten zugrunde. Sie wollen, soviel tun- 
lich, ein individuelles Leben führen, von ihrer Eigentümlichkeit 
möglichst wenig zum Allgemeinen abgeben. Und es gereicht 
die,ser Grundzug den Deutschen zur Ehre, wie, auf die Dauer 
wenigstens, zum wahren Heile. Durch die Vielstaatigkeit blei- 
ben der Freiheit immerdar einige Sicherheitshäfen offen, in wel- 
chen sie überwintern kann. Die Machtgebote der Willkür bre- 
chen sich an hundert Hindernissen ; den Widerstandskräften 
bleibt Zeit, sich zu besinnen, zu sammeln und zu organisieren. 
Auch der Partei- oder Majoritätsdespotismus, der zur Zeit 
weit bedrohlicher ist, als der fürstliche, stößt in nicht geringe- 
rem Maße allerwärts auf Dämme, welche er so leicht nicht 
überfluten kann. Fast noch wichtiger, als für das politische, 
ist die Vielstaatigkeit für das intellektuelle Leben der Nation. 
Man darf im allgemeinen wohl sagen: so viel Hauptstädte 
oder auch Hauptstädtchen, so viele Brennpunkte der Wissen- 
schaft und der Kultur, wenn auch dermalen nicht in Wirklich- 
keit, so doch in Möglichkeit; jedes höhere Streben hat sofort 
einen Stützpunkt zur Hand und kann in seiner Eigentümlich- 
keit sich geltend machen. — Statt sich von der Pariser Herr- 
lichkeit blenden zu lassen, sollte der Deutsqhe gründliche Um- 
schau im übrigen Frankreich halten und dasselbe mit seinem 
Vaterlande vergleichen ; er würde dann bald gewahren, wie we- 
nig er ersteres darum zu beneiden hat, daß sich jeder Winkel 
desselben unter der Botmäßigkeit der Pariser Zentral-Tele- 
graphenstation befindet. Und vermag denn der Selbstherrscher 
an der Seine darum, weil in Frankreich nur e i n Wille herrscht, 
nach außen hin alles, was er will? Gewiß nicht, denn sonst sähe 
es längst schon in der übrigen Welt ganz anders aus. Nament- 
lich ist er sich zweifelsohne wohlbewußt, daß ein auf das viel- 

266 



■^liedrige Deutschland geführter Stoß leicht in sehr bedenk- 
licher Weise auf das unitarische Frankreich zurückprallen 
könnte, dessen furchtbar kompakter Angriffsmacht es an unse- 
rer inneren Elastizität gebricht, welche nach jedem Drucke so- 
fort wieder ausgleichend hervortritt. Mit einem Worte, nicht 
an der Vielheit der Fürsten und Territorien liegt es, wenn 
Deutschland nicht seine ganze Machtfülle entfaltet und im- 
ponierender in der Reihe der Nationen dasteht ; es liegt viel- 
mehr daran, daß in nicht wenigen dieser Territorien unten ein 
falscher Konstitutionalismus, oben ein falsches Gottesgnaden- 
tum haust, daß hier der Partikularismus zu engherzig und selbst- 
süchtig ist, um sich zum Allgemeinen erheben, dort zu vag und 
rü)strakt, um seine berechtigte Besonderheit mit den rechten 
Mitteln geltend machen zu können. Das aber sind persönliche, 
nicht sachliche Gebrechen, und sollte hier, wenn irgendwo der 
Satz Beherzigung finden, daß wer das Allgemeine bessern will, 
mit sich selbst zuerst anfangen muß. Statt mit unitarischen Pro- 
jekten sich hinzuhalten und an dieselben die kostbare Zeit und 
die noch kostbarere Kraft zu vergeuden, verwende man beides 
auf die Säuberung des Partikularismus von seinen Schlacken, 
überhaupt von den fremdartigen Elementen, die ihn verfälschen 
und ihn zu spröde machen, um in die föderalistische Gestal- 
tung sich einfügen zu lassen, zu welcher im Übrigen alle Vor- 
bedingungen gegeben sind und die allein der geschichtlichen 
Entwicklung wie dem Naturelle unserer Nation entspricht, die 
jedenfalls für unsere Zukunft die größtmöglichen Vorteile bei 
den geringsten Nachteilen in Aussicht stellt. Wer nur das Beste 
gelten lassen will, was alle Vorzüge in sich vereinigt, jagt einer 
Chimäre nach. Besonders gilt dies in bezug auf politische In- 
stitutionen, die nicht bloß für die Gegenwart, sondern mehr 
noch für die kommenden Tage geschaffen werden und daher 
vor allem lebendig sein müssen, um sich deren Elemente assi- 
milieren und Jahresringe ansetzen zu können. 

Die Föderativverfassung ist in solchem Maße für Deutsch- 
land indiziert, daß unter allen denjenigen, die nicht bereit sind. 

267 



irgend einem politischen Phantome zuliebe, tabula rasa zu 
machen, kaum eine wesentliche Meinungsverschiedenheit hin- 
sichtlich des o b herrschen könnte, wenn nicht ein Stein des An- 
stoßes vorhanden wäre, von welchem viele glauben, daß er 
schlechterdings erst beseitigt werden müßte, bevor an den wei- 
teren Ausbau jener Verfassung auch nur gedacht werden könne: 
es ist das Nebeneinanderbestehen Preußens und Österreichs 
in Deutschland und der durch dasselbe bedingte Dualismus. 

Man kann es sich leicht erklären, daß in einem Volke mit 
monarchischen Traditionen, dessen Geschichte während vieler 
Jahrhunderte von Kaisern durch die Weltgeschichte geleitet 
worden ist, die Vorstellung einer nicht einheitlichen Ober- 
herrschaft schwer Wurzel schlägt, daß sein politisches Ideal fort 
und fort in der einstmals so strahlenden Krone kulminiert. Es 
mag allerdings eine traurige Notwendigkeit sein, aber es ist 
einmal eine Notwendigkeit, jenes Ideal nur höchstens als solches 
festzuhalten, da der Versuch, dasselbe unter den gegebenen Ver- 
hältnissen zu verwirklichen, es sofort zerstören würde: ein 
Kaiser von Halbdeutschland ist kein deutscher Kaiser. Diese 
Ansicht teilen bekanntlich Viele nicht, und wurzelt darin der, 
Gegensatz zwischen den sogenannten Großdeutschen und den 
Kleindeutschen, der nun schon im i6. Jahre die nicht republi- 
kanisch gesinnten Deutschen in zwei Lager teilt. 

Paderborn 1864. A Abteilung I, S. 14. B Abteilung II, S. 27. C Ab- 
teilung IT, S. 39. D Abteilung II, S. 122. E Abteilung II, S. 140. 



268 



Deutschland 
nach dem Kriege von 1866*) 

\'oa Wilh. iMiimaniiel Frciherrii von Kette! er. }?ischof von Mainz 
I 

Der \' e r f a s s 11 11 g s k o n f 1 i k t in Preußen 
als Kriegs m a c b. e r 

Wir dürfen bei Beurteilung des inneren Verfassungs- 
konfliktes in Preußen nicht bei der nächsten Veranlassung 
in der neuen Heeresorganisation stehen bleiben. Sie liegt viel 
tiefer. Wenn wir die Anstrengungen beider Parteien sahen, 
ihr Verfahren durch die Verfassungsbestimmungen zu recht- 
fertigen, so erweckte das in uns immer das Gefühl eines ver- 
geblichen und unmöglichen Bemühens. Nicht dadurch ist die- 
ser Konflikt entstaniden, daß eine der beiden Parteien einen 
Paragraphen der Verfassung unrichtig deutete, sondern da- 
durch, daß im Wesen des modernen Konstitutionalismus Wider- 
sprüche liegen, die mit derselben Notwendigkeit immer wieder 
aufeinander platzen müssen wie zwei Dampfmaschinen, die auf 
demselben Geleise gegeneinander getrieben werden. In England 
zeigten sich diese Folgen des Konstitutionalismus noch nicht 
in dem Umfange, weil hier die große politische Irrlehre von der 
Allgewalt des Staates noch nicht so um sich gegriffen hat, weil 
man dort die Freiheit noch vor Allem unter dem Gesichts- 
punkte der persönlichen Freiheit auffaßt. In den ü])rigen 
europäischen Staaten dagegen müssen diese inneren Konflikte 
um so mehr permanent werden, je reiner sich der Konstitutio- 
nalismus nach seinen Prinzipien entwickelt und je allgemeiner 
die Richtung wird, den Staat zu einer Fxperimentieranst:ili 



*)' Aus der Flugschrift gleichen Titels, Mainz, 1867. I, S. 24 ft". 

269 



für neue Systeme zu machen. Nach der Fiktion des Konstitutio- 
nalismus ruht diese absolute Staatsgewalt in der Hand von drei 
Faktoren, die sich koordiniert sind. Schon diese Vorstellung ist 
lauter Maschine und lauter Mechanik, die der Wirklichkeit nicht 
entspricht. Es ist zwischen den wirklichen, lebendigen und dem 
fiktiven gemachten Staate des modernen Doktrinarismus kein ge- 
ringerer Unterschied, als zwischen einem lebendigen Menschen 
und einem Automaten, und zu wähnen, man könne den wirklichen 
Staat durch die künstlichen Mittel und Gesetze des modernen 
Konstitutionalismus gründen und erhalten, ist keine mindere 
Täuschung, als wenn man den lebendigen Organismus des 
Menschen nach den Gesetzen und durch die Mittel der Mecha- 
nik behandeln wollte. Die Maschinerie des Konstitutionalismus 
bewegt sich so lange ohne Störung, bis eine Meinungsverschie- 
denheit zwischen diesem Triumvirat ausbricht. In einem 
solchen Falle tritt die Bedeutung des einen Faktors mehr zurück, 
während die beiden anderen, von denen der eine das monarchi- 
•sche Prinzip vertritt, der andere, freilich auch durch große 
Illusionen, das Volk vertreten soll, sich ohne Vermittlung 
gegenüber stehen. Dieser Kampf zwischen der Autorität der 
Regierung und zwischen der Majorität einer Kammer liegt 
im Wesen des doktrinären Konstitutionalismus. Daher auch 
überall absolut dieselben Erscheinungen, ein immer wiederkeh- 
render Kreislauf, und zwar nicht in den langen Perioden, sondern 
in ganz wenig Jahren, wo immer dieser Konstitutionalismus 
sich in seinem eigenen Wesen zeigen kann. Zuerst eine kurze 
Zeit des Friedens, dann ein Kampf zwischen Regierung und 
Majorität, die nicht das Volk, sondern nur eine Partei, oft nur 
eine kleine Partei ist; dann die Periode einer ,, neuen Ära"\ 
das heißt jener Moment, wo die Regierung der Majorität weicht 
und mit namenloser Kurzsichtigkeit meint, die Huldigungen, 
die sie empfängt, wären Zeichen ihrer Stärke ; dann nach ganz 
kurzer Zeit der Moment, wo die Regierung einsieht, daß sie 
das Regiment der Majorität abtreten muß, wenn sie noch fort- 
existieren will, und eine Krisis, für die es im innern Ver- 

270 



tassungsleben, in den innern Prinzipien des Konstitutionalis- 
mus keine Lösung gibt, und wo entweder ein Napoleon kömmt, 
um die innere Revolution niederzuhalten, oder ein Bismarck, 
um durch Schleswig-Holstein und Königgrätz auf kurze Zeit 
allen Widerspruch zu unterdrücken. Der moderne Konstitutio- 
nalismus ist, so wie er nach den Doktrinen des sogenannten 
modernen Staates aufgefaßt wird, einSj^stem voll innerer Wider- 
sprüche, und es ist eine unselige Illusion, zu glauben, diese 
Widersprüche ließen sich heben durch Interpretatiop des Buch- 
stabens der Verfassung. Es trifft daher auch keinen einzelnen 
Menschen die ganze Verantwortung für diese Konflikte. ' In 
einem Sinne hatte die Kammermajorität Recht. Sie stand am 
meisten auf dem Boden des modernen Staates, obwohl die Kon- 
sequenz desselben in der Herrschaft der Parteimajorität für 
Preußen ein unermeßliches Unglück gewesen wäre. Auf der 
andern Seite lag die Berechtigung Bismarcks darin, daß er die 
Autorität und das monarchische Prinzip vertrat, und er hat 
dies mit beispiellosem Mute und Geschick getan und dadurch, 
wenigstens vor der Hand, von Preußen das Unheil dieser Ma- 
joritätswirtschaft der Kammer abgewendet, wenn auch die erste 
Veranlassung dieses Streites unberechtigt war, denn nur 
vom Standpunkte des absoluten schrankenlosen monarchischen 
Prinzipes kann man dem Monarchen das Recht zusprechen, 
solche Anforderungen an sein Volk zu stellen, wie sie- infolge 
der neuen preußischen Militär-Organisation an Menschen und 
Geld gestellt wurden. Wir beklagen es daher, daß ein an sich 
vielfach berechtigter Kampf des monarchischen Prinzipes ge- 
gen die Parteiherrschaft nicht auch eine durchaus berechtigte 
Veranlassung gehabt hat. Dieser innere Konflikt scheint uns 
also die wahre Ursache des Krieges gewesen zu sein, während 
er selbst ein Symptom jener Krankheit war, an welcher das 
ganze europäische moderne Staatswesen durch seine falschen 
Staatsdoktrinen darnieder liegt. 



2/' 



II 

Der Krieg- und das monarchische Prinzip*) 

Daran schließt sich weiter als Folge des Krieges eine tiefe 
Erschütterung des monarchischen Prinzips. Es ist uns immer 
als eine beispiellose Verirrung erschienen, daß die Fürsten und 
deren Ratgeber im Anfange dieses Jahrhunderts geglaubt haben, 
man könne ganz beliebig nach den nächstliegenden Zweckmäßig- 
keitsgründen das historische Band, das ein Fürstengeschlecht 
an sein Land knüpft, auflösen, und dann ebenso beliebig und 
ganz mit derselben Kraft auf Kommando mit einem andern 
Fürsten wieder anknüpfen. Das war das Übermaß des Unver- 
standes, ein ganz entarteter Begriff von Monarchie und Fürsten- 
gewalt, wie er sich unter dem Einfluß des Absolutismus an den 
Höfen ausgebildet hat. Diesem Irrwahne huldigten selbst die 
persönlich tüchtigsten Fürsten. Ein merkwürdiges Beispiel 
wurde uns früher von einem Augenzeugen erzählt. Als die alten 
kaiserlichen Länder in Vorderösterreich abgetreten waren, 
machten einige Bauern den weiten Weg bis Wien, um dagegen 
zu protestieren, daß man willkürlich das uralte Band zerreiße, 
das sie mit Österreich verbinde. Sie wurden mit jener Leut- 
seligkeit vom Kaiser Franz empfangen, die ihm eigen war, er- 
hielten aber keinen anderen Trost, als den Rat, sie möchten 
nun dieselben Gefühle der Liebe und des Gehorsams, die sie 
bisher gegen das alte Kaiserhaus gehegt, auf den neuen Landes- 
herrn übertragen. Der alte Kaiser vergaß nur, den guten 
Schwarzwälder Bauern das Mittel' anzugeben, wie man Ge- 
fühle, die sich in einer vielhundertjährigen Geschichte gebildet 
hatten, dahin übertragen könne, wo diese ganze Geschichte 
fehlt. Das war so dieser Souveränitätsschwindel des monarchi- 
schen Absolutismus, diese verfälschte Legitimität, wie sie sich 
an allen europäischen Höfen ausgebildet hatte, wo das ganze 
Verhältnis zwischen einem alten Fürstengeschlechte und seinem 
Lande nur aufgefaßt wurde unter dem Gesichtspunkt 

*) S. 59 ff- 
272 




Bischof Kettele r 



vi 



ines absoluten Rechtes des Fürsten über seine Unter- 
tanen und der Pflicht des absoluten Gehorsams der 
letzteren. Wie man daher ein Stück Land verhandeln, 
eine Summe Geldes übertragen kann, so kann man 
nach dieser Auffassung auch das Verhältnis zwischen Fürsten 
und Volk beliebig wechseln und übertragen. Dieser Grundirr- 
turti beherrscht die Anschauung der Höfe überall seit der Säku- 
larisation ; man sah nicht die unermeßliche Verschiedenheit in 
dem Verhältnis jener Volkstämme, die mit ihren neuen Fürsten 
keinen geschichtlichen Zusammenhang haben, und jener, die in 
ihnen ein altes Fürstengeschlecht anerkennen, mit dem sie seit 
Jahrhunderten alle Schicksale teilten. In dieser historischen 
Zusammengehörigkeit eines Fürstengeschlechtes und eines 
Volkes liegt eine Grundsäule des monarchischen Prinzipes. Der 
letzte Krieg hat wieder viele dieser Säulen niedergeworfen. Die 
Pietät zwischen Fürst und Volk, die so recht aus dem histori- 
schen Verhältnis entspringt, wird dadurch immer mehr besei- 
tigt; die Monarchie, von ihrer unmittelbaren lebendigen Bezieh- 
ung zu dem Volke abgelöst, erhält nun statt dieser lebendigen 
Wurzel im Herzen des Volkes nur die äußerlichen, die nur durch 
die monarchischen Verfassungsbestimmungen getragen sind. 
' Dieses Zerreißen der alten Verbindung der ältesten deutschen 
Fürstengeschlechter mit ihren Völkern ist daher eine große 
Gefahr für die Zukunft des monarchischen Prinzips. Das Band, 
das die abgesetzten deutschen Fürsten an ihre betreffenden Län- 
der knüpfte, ist vielfach weit älter, als jenes, das die preußischen 
Könige mit ihrem Lande verbindet. Wenn jenes Band beliebig 
zerrissen werden durfte im Interesse eines angeblichen Berufes, 
einer Zweckmäßigkeits- und Nützlichkeitstheorie. wie sehr ist 
dann zu befürchten, daß eine Zeit kommen wird, wo man ganr 
auf demselben Boden behauptet, daß auch das Band, das die 
preußische Monarchie mit ihrem Volke verbindet, einer anderen 
Zweckmäßig'keits- und Nützlichkeitstheorie weichen müsse. 
Jedenfalls wird man die Logik dieser Anschauung aus den Tat- 
sachen, die wir im Kriege erlebt haben, nicht bestreiten können. 

Bergsträßer I. i8 273 



III 

ReligionundPolitik*) 

Die erste Forderung, welche wir an eine gesunde innere Poli- 
tik stellen müssen, ist Achtung vor der Religion und den sitt- 
lichen Grundlagen, auf denen alle menschlichen Verhältnisse 
ruhen, weil der Mensch vor allem ein teligiöses und sittliches 
Wesen ist. Das innerste Wesen dessen, was wir Macchiavellis- 
mus nennen, ist eine Politik ohne Gott, eine Politik ohne Reli- 
gion, eine Politik ohne Sittlichkeit, eine Politik lediglich des 
Kalküls, der nächsten Zweckmäßigkeitsberechnung, der An- 
wendung aller, auch der unsittlichsten Mittel, um diesen Zweck 
zu erreichen. Dieser Macchiavellismus in der Politik ist immer 
in der Welt gewesen; er hat aber in dem Maße zugenommen, 
wie die Menschen sich von Gott abgewendet haben. Man hat 
in neuerer Zeit denselben insbesondere den katholischen Höfen 
vorgeworfen; insofern mit einem gewissen Scheine, als er sich 
an einen katholischen Namen knüpft und als Macchiavelli sein 
Werk il Principe für italienische Fürsten, für die Medicäer ge- 
schrieben hat. Im übrigen geht es mit diesem schlechten Sy- 
stem, wie mit dem ihm verwandten Grundsatz: der Zweck hei- 
ligt die Mittel ; wir werden beide nicht los, wenn wir sie 
anderen vorwerfen ; es ist wahrer, anzuerkennen, daß sie böse ■ 
Prinzipien in sich schließen, denen alle Regierungen verfallen 
können, sie mögen einer Religion angehören, welcher sie wollen, 
weil alle der Sünde und dem Irrtum zugänglich sind; und 
besser als hin- und herzerren, um das Böse anderen, vorzu- 
werfen, ist es daher, wenn wir uns vereinen, es zu meiden. Mac- 
chiavellismus kann an allen Höfen herrschen, katholischen wie 
protestantischen, und er hat an vielen geherrscht und leider die 
innere Politik der Regierungen in den letzten Jahrhunderten 
nur zu viel geschädigt. Dieser reinen NützHghkeitsberechnung, 
nach dem kleinen Umfang menschlicher Einsicht, ohne Rück- 
sicht auf die ewigen Grundsätze der Gerechtigkeit, der Wahr- 

■ *) S. 98 H". 
274 



heit und der Sittlichkeit fallen unaufhaltsam alle Staatsmänner 
anheim, die selbst innerlich von der Religion getrennt sind. 
Der Mangel an wahrer Achtung vor der Religion, an Erkennt- 
nis der sittlichen und religiösen Fundamente, auf denen auch 
die staatlichen Verhältnisse der Menschen beruhen, ist der 
tiefste Grund der innerlichen Schwierigkeiten, in welche die 
modernen Staaten geraten sind. 

Wenn wir aber die Achtung vor der Religion, die Achtung 
vor der religiösen Überzeugung des Volkes und die Kundge- 
bung dieser Achtung, wenn wir die Anerkennung, daß die 
Grundlage der bürgerlichen Ordnung nicht eine verschmitzte, 
schlaue Politik, sondern die religiöse sittliche Gesinnung des 
Volkes ist, als die erste Bedingung einer gesunden, zu dauern- 
den Zuständen führenden inneren Politik fordern, so sind wir 
weit davon entfernt, damit sagen zu wollen, daß der Staat Re- 
ligion machen soll. Wir werden uns darüber später weiter aus- 
sprechen; wir wollen nur hier schon gegen diese Mißdeutung 
uns auf das Entschiedenste verwahren. Jedes Religionmachen- 
wollen durch den Staat führt zu einer andern Art von Alacchia- 
vellismus, der dann nur um so gefährlicher wird. Wie dieser 
seinem Wesen nach ein System schlauer politischer Berechnung 
ist, das sein Ziel mit allen Mitteln verfolgt, so wird dann selbst 
die Religion leicht ein Mittel zu schlechten politischen Zwecken. 
Macchiavelli hat dies geradezu ausgesprochen, indem er die 
Frechheit hatte zu sagen, der Fürst müsse dem Volke gegen- 
über Religion zeigen, er brauche selbst aber keine Religion zu 
haben. Wieviele Fürsten haben die Religion in diesem Sinne 
mißbraucht. Wir wünschen wahrhaft nicht solche Könige 
wieder, die sich die allerchristlichsten nennen und als solche 
gepriesen werden, die Kirche und Religion aber nur beschützen, 
um sie zu Werkzeugen ihrer Politik zu machen. Wenn wir 
daher Achtung vor der Religion fordern als erstes Prinzip 
einer guten inneren Politik, so sind wir doch unendlich weit da- 
von entfernt, damit ein Religionmachen durch den Staat fordern 
zu wollen. Die Religion ist nicht unmittelbar Aufgabe des 



Staates, sondern Aufgabe der christlichen Kirche; er soll sich 
daher auf seine eigene, ihm von Gott gestellte Aufgabe be- 
schränken, er soll aber die Religion ehren und achten, er soll 
dem Glauben seines Volkes gegenüber die höchste Rücksicht 
nehmen, er soll anerkennen und davon erfüllt sein, daß durch 
die Religion im Herzen des Volkes jene sittlichen Grundlagen 
gelegt werden, ohne die er nimmermehr bestehen kann. 



IV 

Ständisch-organische Ordnung !*) 

Wir fordern drittens für ein gesundes politisches Leben einen 
vollständigen gründlichen Bruch mit der Nachäfferei französi- 
scher Staatsformen. Unsere politische Gesinnung, unsere poli- 
tischen Begriffe und Anschauungen müssen wieder deutsch 
werden. Wir müssen wieder auf deutschem Fundamente unser 
deutsches Staatswesen aufbauen, nicht den Formen nach, wie 
wir sie in den letzten Jahrhunderten vorfinden, aber den Ideen 
nach, die das germanische Staatswesen durchdrungen haben. 
Das Deutschland der letzten Jahrhunderte war schon vielfach 
nicht mehr Deutschland. Der Geist, der einst das ganze 
bürgerliche politische Leben beherrschte, ist, wir wiederholen 
es, vom deutschen Volke .gewichen, als der monarchische Ab- 
solutismus mehr und mehr um sich griff, alles absorbierte und 
dem liberalen Absolutismus die Bahn brach. Für diese Geistes- 
richtung ist dann Frankreich das Musterland geworden und 
zugleich die Quelle der ganzen modern-politischen Bildung. 
Wir werden nie zu einem ruhig fortschreitenden inneren poli- 
tischen Leben kommen, so lange wir immer nach fremden 
Mustern schauen und gedankenlos nachschwätzen, was dort vor- 
geschwätzt wird. .Ein Volk, das sich von dem Geiste abwendet, 
den die Vorsehung in seine Geschichte gelegt, verliert seinen 
sicheren Halt und gerät in endlose politische Schwankungen. 

*) S. 104 ü. 

276 



Wir fordern deshalb ein Staatswesen mit deutscher Frei- 
heit, nicht mit Franzosenfreiheit; mit Freil^eit dem Inhalte 
nach, nicht mit Freiheit der bloßen Form nach, mit wahrer 
persönlicher Freiheit. Wir können den Unterschied in einer 
kurzen Form fassen: Nach germanischem Rechte ist jeder freie 
Mann berechtigt, alles zu tun, was er seiner inneren Überzeu- 
gung nach tun darf, insoweit er nicht durch wohlerworbene 
Rechte anderer und durch die geschichtlichen Rechte der Staats- 
gewalt beschränkt ist. Nach modernem Franzosenrechte ist der 
Bürger der Staatsgewalt gegenüber absolut unfrei und hat nur so- 
viel Rechte, als diese ihm täglich gnädig einräumt, oder als die 
Majorität einer Kamm#, wenn diese die Staatsgewalt beherrscht, 
ihm gnädigst verwilligt. Im Sinne der germanischen Freiheit 
ist der Mensch alles, im Sinne der französischen ist der Mensch 
nichts und die Staatsgewalt alles, der Gottstaat. Die fran- 
zösische Freiheit fällt daher absolut mit dem Begriff der Gleich- 
förmigkeit zusammen. Alle Geister, die von diesem falschen 
Begriff beherrscht sind, verwechseln ununterbrochen Freiheit, 
mit Gleichförmigkeit und können gar nicht mehr fassen, daß 
Gleichförmigkeit auch bei der ärgsten Sklaverei mög- 
lich ist. Die größte Gleichförmigkeit ist ja die Gleich- 
förmigkeit des Zuchthauses. Nach dieser Gleichförmig- 
keits-Staatstheorie unter der Herrschaft des absoluten Staats- 
gedankens werden sich aber die Abkömmlinge unserer deut- 
schen Voreltern, mögen sie auch noch so sehr in moderne Ideen 
verrannt sein, nimmer in eine Franzosenuniform — mag sie 
eine Jakobinermütze oder ein konstitutioneller Frack sein — 
einzwängen lassen. Vollständiger Bruch mit dieser Periode 
französischer Imitation für unsere innere Politik ist die not- 
wendige Bedingung gesunder innerer Verhältnisse. Diesem 
wahren deutschen Begriffe von Freiheit widerstehen daher auch 
alle jene oben bezeichneten Formen der inneren Politik, die 
auf Wiederherstellung eines absoluten Königtums, eines abso- 
luten Militärstaates, eines absoluten Konstitutionalismus und 
so weiter gerichtet sind. Wer auf diese Zeiten preußischer Ge- 

277 



schichte hinblickt und ihre Erzeugnisse wieder herstellen 
möchte, der steht nicht auf deutschem Boden. Wir fordern 
deutsche Freiheit, aber auch diese voll und wahr. Von ihr haben 
unsere deutschen Freiheitshelden meistens keinen Begriff und 
keine Ahnung mehr. Was persönliche Freiheit ist, wissen sie 
nicht, weil sie auch jene innere sittliche Freiheit verkennen, 
ohne welche keine äußere Freiheit bestehen kann und Wert hat. 
Weil unsere deutschen Voreltern, erzogen am Herzen des 
Christentums, sittlich frei waren, kannten und liebten sie auch 
die persönliche Freiheit. 

Wir fordern aber nicht nur den Begriff der Freiheit nach 
germanischem Rechte, sondern auch Formen und Einrichtungen 
für das gesamte bürgerlich-staatliche Leben, die diesem Be- 
griffe entsprechen. Wir fordern Organisation statt Maschine; 
Selbstregierung in vollkommenster Ausdehnung, soweit da- 
durch nicht andere wohlerworbene Rechte gekränkt werden, 
statt Zentralisation; wir fordern Teilnahme des Volkes am 
öffentlichen Leben, soweit dadurch die Einheit der Regierung 
und das monarchische Prinzip, — das uns kein Absolutismus 
ist — nicht verletzt wird; wir fordern diese Selbstregierung 
und Teilnahme am öffentlichen Leben realisiert in germanischen 
Formen, in den naturnotwendigen Verbänden, in denen das 
ganze politisch-soziale Leben sich bewegt, nicht in dem. bloßen 
Geldverbande, den der Zensus und die Vermögenstaxation be- 
gründet; wir fordern mit einem Worte Natur statt Kunst, 
Gotteswerk statt Menschenwerk. Man sagt, es gibt ja keint 
anderen Verbände mehr unter den Menschen, als nach dem Zen^ 
sus oder nach der Zahl, da ja alle andern Verbände, namentlich 
die Stände nicht mehr bestehen. Wie falsch das ist, zeigt uns 
als Beleg die Arbeiter-Bewegung. Dort wird go oft ein Wort 
genannt, das wir immer nur mit innerer Befriedigung verneh- 
men, als Beweis, daß trotz aller massenhaft angehäuften Vor- 
urteile, in denen die jetzige Welt steckt, doch die Natur der 
Sache immer wieder durchdringt und zur Anerkennung kommt. 
Dieses Wörtchen ist das von ihnen so oft gebrauchte Klassen- 

278 



bewußtsein, das sie zu wecken suchen. Die Führer der Ar- 
beiter-Bewegung glauben die Modernsten der Modernen zu 
sein, und stehen gewiß in Abscheu vor dem Greuel der Stände 
keinem Mitgliede der großen liberalen Partei nach, und doch 
drängt sie ihr Naturbewußtsein dazu, den Arbeiterstand als 
eine eigene Klasse aufzufassen, und für diese eigene Klasse ein 
eigenes Bewußtsein und eigene bürgerliche Institutionen zu ver- 
langen. Da haben wir ja aber das ganze leibhaftige Ständewesen, 
nur mit einem fremden Namen. Das Wahre an der Sache ist, 
daß die Stände wohl in einer bestimmten Form, in der sie ein 
bürgerliches und politisches Leben ausgestaltet haben, vernich- 
tet werden können, nicht aber in der Idee, die dieser Ausge- 
staltung zugrunde lag. Es gibt einen ganz äußerlichen Ver- 
band unter den Menschen und einen innerlichen; den äußer- 
lichen bilden lediglich äußere Beziehungen der Menschen; den 
innerlichen solche, wo zu diesen äußerlichen Beziehungen auch 
sittlich innere Momente, die die Gesinnung erfassen, hinzu- 
ireten. Die mechanischen Staatsinstitutionen lehnen sich an den 
äußeren Verband an; die organischen an diesen, der zugleich 
auch ein sittlicher ist. Wie es für das Denken der Menschen 
logische Grundformen gibt, in die sich alle möglichen Gedanken 
einfügen müssen, so gibt es für das ganze politisch-bürgerliche 
Leben gesellschaftlicheGrundformen,in welchen 
sich alle möglichen sozialen Richtungen notwendig begegnen, 
aneinanderschließen und verbinden. ' Sie wirken selbst dann, 
wenn sie keine äußere Organisation haben. Die gesellschaft- 
lichen Grundformen sind daher auch ebenso unabhängig von 
dem Willen des Menschen, wie die logischen Grundformen ; sie 
sind, dem Menschen von einer höheren Macht gegeben;' sie sind 
göttliche Gesetze; sie sind Ideen für unser sozial-politisches Le- 
ben, die wir in uns aufnehmen und dann verwirklichen sollen. 
Sie haben die alten Stände geschaffen, bei denen, um sie billig 
zu beurteilen, wir nie vergessen dürfen, daß die Ideen sich im- 
mer nur annähernd, im Kampfe mit vielen Hemmnissen ver- 
wirklichen. FÜT unser jetziges politisch-soziales Leben würden 

279 



diese alten Formen nicht mehr genügen; es träte schon ein 
Gedanke hinzu, der ihnen eine ganz neue, erweiterte Gestalt 
geben würde. Nach deutschem Rechte war nur der freie Mann 
im Vollbesitze aller bürgerlichen Rechte. Von den ersten An- 
fängen der deutschen Geschichte an hatten sich aber Rechts- 
verhältnisse entwickelt, wodurch Viele der Rechte des freien 
Mannes beraubt waren. Alle diese Beschränkungen sind nun 
gefallen, worin wir einen Fortschritt erkennen ; und so müßten 
auch alle unbescholtenen Männer in ihrem Stande an allen Rech- 
ten des freien Mannes Anteil erhalten. Dadurch würde also 
schon die Stellung aller eine ganz andere werden. In dieser 
Gliederung nach Ständen oder, weil der Begriff noch viel weiter 
geht, nach den aus der Natur der Sache aus dem gesamten 
Menschenleben sich von selbst ergebenden Verbänden, — zu 
ihnen gehören nämlich nicht nur die Stände, sondern auch die 
übrigen Verbände, Familie, Gemeinde, Provinz, Staat, Kirche — 
würde sich dann die wahre Selbstregierung, die wahre und echte 
Volksvertretung, die idealste und zugleich praktischste Teilnahme 
aller Volksklassen am öffentlichen Leben ergeben. Wir glauben 
nicht, daß es möglich ist, zu dieser organischen Gliederung 
des politisch-sozialen Lebens wie mit einem Sprunge zurückzu- 
kehren, und dafür sofort ein ein für allemal fertiges Gesetzbuch 
festzustellen; wir glauben aber, daß nur jene innere Politik 
dauernde staatliche Zustände begründen wird, die nach diesem 
Ziele hinstrebt und dazu erstens alle noch vorhandenen organi- 
schen Verbände stärkt, -kräftigt, und Zweitens für jene, die kein 
äußerliches Band mehr haben, dasselbe anbahnt. Wir halten 
das nicht nur nicht für schwer, sondern für leicht. Der Kauf- 
mannsstand hat schon seinen Verband; man gebe ebenso dem 
Handwerkerstand, dem Arbeiterstand, dem Adel, wenigstens als 
dem Groß-Grundbesitzer, Gelegenheit, für die gemeinschaft- 
lichen Interessen sich eine Form zu bilden, und es würde sich 
dieselbe ohne Zweifel wenigstens in kräftigen Anfängen bald 
wieder finden. Wie sehr ein solches Bestreben, immer begleitet 
von sittlichen und religiösen Grundgedanken, das innere Leben 

280 



der deutschen Staaten wieder befestigen würde, ist gar nicht 
abzusehen; dieser ganze Geist der Revolution, der ja nur stark 
ist, weil er die Massen des Volkes so leicht irre führen kann, 
wäre dadurch an die Kette gelegt, und der ganze Einfluß aller 
Volksverführer würde dadurch allmählich verschwinden. Der 
Staat würde wahrscheinlich nicht gefährdet werden, wenn er 
in der Freiheit, die er diesen einzelnen Ständen einräumte, sehr 
weit ginge ; wenn der so organisierte Arbeiterstand und Hand- 
werkerstand in der Reichsversammlung seine volle Vertretung 
fände. Eine Versammlung, in welcher neben den höchsten 
Ständen auch die Arbeiter säßen, wäre ihm ersprießlicher als 
eine solche, wo einige Parteiführer und eine große Zahl blinder 
Genossen vereinigt sind. Im alten Deutschland saß der feichs- 
unmittelbare Bauer und der reichsunrnittelbare Bürgermeister 
des kleinen Reichsstädtchens auf der Reichsbank wie die ersten 
Reichsstände. Das war deutsch; kehre man zu solchen Vor- 
bildern wieder zurück. Das was damals einigen Bauern zustand, 
gebe man in der Ordnung der betreffenden Verbände allen, und 
was damals nur den freien Männern gebührte, räume man jetzt 
wieder in der rechten organischen Gliederung allen ein, und es 
wird sich ein neues, gesundes, lebenskräftiges, inneres, poli- 
tisches Leben auf germanischer Grundlage entwickeln. 

Endlich fordern wir auch für die inneren Zustände nach deut- 
scher Art eine starke, aber auch eine gerechte Autorität. Stark 
wird sie ohnehin wieder werden, wenn sie sich an die sittlichen, 
religiösen Grundlagen im Bewußtsein des Volkes anlehnt; denn 
da ist die wahre lebendige Quelle der Stärke der Regierung — 
aber sie muß auch gerecht sein. Daher, daß die Diener des 
Staates selbst in manchen Ländern dem ganzen sittlich re- 
ligiösen Leben nicht indifferent, nein, feindselig entgegen- 
standen, ist es gekommen, daß auch die Autorität der Staats- 
gewalt so oft ungerecht geworden ist; ungerecht dadurch, daß 
sie geübt wurde nach dieser Sympathie und Antipathie. Wir 
sprechen nicht von Ländern im Monde, sondern wahrhaftig von 
Ländern hier auf der Erde, wenn wir sagen, daß eine Haupt- 

2^1 



aktion der Staatsgewalt oft darin bestand, alles Religiöse, Sitt- 
liche und Gute niederzuhalten. Solche Zustände können nicht 
zum Frieden führen; möge die Autorität stark sein, aber sei 
sie auch gerecht; möge sie der Freiheit einen weiten Spiel- 
raum la-ssen ; wo sie aber eintreten muß, da möge sie gehand- 
habt werden, nicht um das Gute zu hindern, sondern um dem 
Schlechten und Unsittlichen entgegenzutreten. 

V 
Kirchliche Parität!*) 

Was dann aber die preußischen Verfassungsbestimmungen 
und überhaupt eine gesetzliche Regelung der kirchlichen Ver- 
hältnisse nach den Grundsätzen der Parität betrifft, so ergeben 
sich für uns aus allem Gesagten folgende Grundsätze: 

1. Wir dürfen nicht Parität fordern aus Indifferentismus, 
nicht in dem Sinne, als ob alle Religionsbekenntnisse gleich 
gut wären, wodurch jede wahre innere Überzeugung aufgehoben 
wäre ; 

2. Wir dürfen nicht Parität fordern in dem Sinne, als ob 
eine solche Ordnung das ausschließlich berechtigte Ideal der 
Stellung der Kirche sei, dem Wesen des Staates allein und voll- 
kommen entspreche; wodurch zugleich behauptet würde, daß 
das Verhältnis zwischen Kirche und Staat im ganzen Mittel- 
alter bis auf die neueste Zeit lediglich eine große Verirrung 
gewesen wäre; 

3. Wir dürfen auch nicht die Parität oder Religionsfreiheit 
fordern in dem Sinne der Trennung der Kirche von dem 
Staate, in dem Sinne des religionslosen, des atheistischen Staa- 
tes, In dieser Hinsicht hat vielfach in Frankreich und noch 
mehr in Belgien unter den Katholiken eine nicht richtige An- 
sicht bestanden; man hat dort in der Tat Religionsfreiheit hier 
und da in diesem Sinne der vollkommenen Trennung verstan- 
den und es haben sich deshalb viele katholische Männer der 

*) S. 152 ff. 

282 



falschen und in ihren Wirkungen namenlos verderblichen Auf- 
fassung hingegeben, als ob der Staat dieser Trennung wegen 
sich jetzt gar nicht mehr um die Religion zu bekümmern und 
folglich bei allen seinen staatlichen Institutionen auf die reli- 
giöse Gesinnung seiner Untergebenen gar keine Rücksicht 
mehr zu nehmen habe ; das ist sicher verkehrt und nicht entfernt 
eine Folgerung aus dem. Grundsatze der Parität oder der Ge- 
wissensfreiheit, sondern vielmehr eine Folgerung aus einer 
ganz abstrakten, törichten Staatsidee. Der einzelne Staat, wie 
er besteht, ist nicht für ein abstraktes Menschtum da, sondern 
für die Menschen, die in seinem Territorium wohnen und er 
muß sie nehmen und anerkennen, wie sie sind, mit allen ihren 
Bedürfnissen und mit ihrer ganzen Existenz. Wenn auch der 
Staat qua Staat keine Staatsreligion mehr hat, keine einzelne 
Konfession für den Staat als ausschließlich berechtigt hält, 
so folgt durchaus nicht das Absurdum, daß er auch jetzt seine. 
Angehörigen ohne Religion ansehen und behandeln dürfe. Er 
muß sie vielmehr nehmen, wie sie sind, und zwar wie sie zu sein 
berechtigt sind; er muß die Katholiken, die Protestanten, die 
in seinem Lande berechtigt sind, zur freien und offenen Übung 
ihrer Religion als Katholiken mit ihrer katholischen Überzeu- 
gimg, als Protestanten mit ihrer protestantischen Überzeu- 
gung in allen seinen Gesetzen, in allen seinen Institutionen, 
allen seinen Anordnungen, namentlich auch in allen von ihm 
gegründeten Schulen, von der Elementarschule an bis zur Uni- 
versität, anerkennen und respektieren. Es sei daher ferne von 
uns, uns diesen verderblichen Irrtümern einiger Katholiken in 
Frankreich und Belgien bis auf den heutigen Tag anzuschließen. 
Wenn auch der Türke über uns regieren würde und wir das 
Recht hätten, in diesem Lande als Katholiken zu leben, so wür- 
den wir von ihm fordern, daß er auf uns als Katholiken Rück- 
sicht nehme in seiner Regierung, wo immer er mit uns in Be- 
rührung träte. Die wesentliche Unterscheidung zwischen einem 
Systeme vollständiger Trennung und berechtigter Parität müs- 
sen wir stets im Auge behalten. 

2^i 



4- Dagegen sind wir vollkommen berechtigt, Parität und be- 
schränkte Religionsfreiheit unter gegebenen Verhältnissen zu- 
zugestehen und zu verlangen ; wir sind vollkommen berechtigt, 
anzunehmen, daß solche Verhältnisse namentlich vorhanden sind 
in allen den Ländern, die wir bei dieser Erörterung im Auge 
haben. Ja wir sind sogar vollkommen berechtigt, diese Art 
paritätischer Regelung für diese Länder und diese Verhältnisse 
nicht nur als das Beste, sondern als das Notwendige anzusehen 
und das ist unsere Überzeugung bezüglich aller der Länder, 
wo dieselben Verhältnisse wie in Preußen bestehen. 

5. Das einzige Bedenken, um keinen Gedanken zu über- 
gehen, der hier in Betracht kommt, könnte der Art. 12 der 
preußischen Verfassung erregen, nämlich insofern, als man an- 
nehmen wollte, daß dadurch eine ganz unbeschränkte Freiheit 
des religiösen Bekenntnisses gewährleistet sei*). Wir haben in 
der wiederholt zitierten früheren Schrift erörtert, daß eine Re- 
ligionsfreiheit, die gegen das Sittengesetz verstößt, oder den 
Glauben an Gott leugnet, nach katholischen Grundsätzen nie 
zugestanden werden darf. Die Autorität der Kirche stimmt 
hierin, wie wir oben sahen, mit der Wissenschaft bis auf den 
heutigen Tag vollkommen überein und ebenso steht ihr dabei 
auch der gesunde Menschenverstand zur Seite; denn eine Re- 
ligion ohne Gott ist ebenso widersinnig, als eine Religions- 
übung, die das Sittengesetz verletzt; beides ist im Wider- 
spruche mit dem Wortsinne. Aber auch in der preußischen Ver- 
fassung finden sich hinreichend die notwendigen Beschränkun- 
gen und so ist auch in dieser Hinsicht es unbedenklich, sich ihr 
anzuschließen. 



*) Art. 12. „Die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu 
Religionsgesellschaften und der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Reli- 
gionsübung wird* gewährleistet." 

284 



Anhang 

Die grossen sozialen Fragen 

der Gegenwart 

(.848) 

Von Wilhelm Emmanuel Freiherrn von Ketteler*i 

Mir sei es nur vergönnt, im Verfolge des ausgesprochenen 
Gedankens, an einer Lehre, die mit der wichtigsten Frage der 
Gegenwart; der sozialen, innig zusammenhängt, nämlich an der 
Kirchenlehre vom Rechte des Eigentums, nachzuwei- 
sen, wie erhaben die Kirche mit ihrer Lehre über den gewöhn- 
lichen Zeitmeinungen dasteht, und Avelche Mittel sie besitzt, 
um die Übel der Zeit zu heilen. 

Die Besitzenden und Nichtbesitzenden stehen sich feindlich 
gegenüber, die massenhafte Verarmung wächst von Tag zu Tag, 
das Recht des Eigentums ist in der Gesinnung des Volkes erschüt- 
tert, und wir sehen von Zeit zu Zeit Erscheinungen auftauchen 
gleich Flammen, die bald hier, bald dort aus der Erde hervor- 
brechen — Vorboten einer allgemeinen Erschütterung, die bevor- 
steht. Auf der einen Seite sehen wir ein starres Festhalten am 
Rechte des Eigentums, auf der anderen ein ebenso entschlossenes 
Leugnen jedes Eigentumsrechtes, und wir suchen ängstlich nach 
einer Vermittelung zwischen diesen schroffen Gegensätzen. 
Unter diesen Umständen wollen wir die Lehre der katholischen 
Kirche vom Rechte des Eigentums darlegen, wie sie der heilige 
Thomas von Aquin schon vor sechshundert Jahren ent- 
wickelt hat. Vielleicht werden wir finden, daß der Menschen- 
geist, vom Glauben geführt, schon vor einem Jahrtausend uns 

*) Aus den sechs sozialen Predigten, die Ketteier im Winter 1848 von 
Frankfurt a. M. aus zu Mainz hielt. Abgedruckt nach der von Joh. Mum- 
bauer 191 1 bei Kösel in Kempten herausgegebenen Auswahl von Kcttelers 
Schriften. (II, S. 2 10 ff.) 

28.^ 



für unsere Zustände Wege vorgezeichnet hat, die der vom 
Glauben getrennte und sich selbst überlassene Menschengeist 
vergeblich zu entdecken strebt. 

Um zu dem vollen Ausdrucke der Kirchenlehre vom Rechte 
des Eigentums zu gelangen, zieht der heilige Thomas zu- 
nächst das VerhältnisGotteszuseinenGeschöp- 
f e n in nähere Untersuchung". Wir wollen dem heiligen Manne 
bei dieser Erörterung folgen. 

Der heilige Thomas stellt hier den Gedanken an die Spitze, 
daß alle Kreaturen, und also auch alle irdischen Güter ihrer 
Natur und ihrem Wesen nach nur Gott gehören können. 
Dieser Satz folgt mit Notwendigkeit aus dem Glaubenssatze, 
daß Gott alles außer ihm aus dem Nichts erschaffen hat. Gott 
ist also der wahre und ausschließliche Eigentümer aller Ge- 
schöpfe, und dieses Recht Gottes ist — weil mit dem Dasein 
der Geschöpfe selbst verknüpft — unveräußerlich; und keine 
Verteilung, kein Besitz, keine Gewohnheit, kein Gesetz kann 
dieses wesentliche Recht Gottes beschränken. Hier hat folglich 
Gott alles Recht, der Mensch gar keines. Außer diesem wesent- 
lichen vollen Eigentumsrechte, welches nur Gott zustehen kann, 
unterscheidet aber der heilige Thomas noch ein Nutzungs- 
recht, und nur in bezug auf diese Nutzung räumt er den 
Menschen ein Recht über die irdischen Güter ein. Wenn da- 
her überhaupt von einem natürlichen Eigentumsrechte der Men- 
schen die Rede ist, so kann damit nie ein volles und wahres 
Eigentumsrecht gemeint sein, was durchaus nur Gott zustehen 
kann, sondern immer nur ein Recht der Benutzung. Daraus 
folgt aber ferner, daß auch das Nutzungsrecht nie als ein un- 
beschränktes, als ein Recht, mit den irdischen Gütern anzu- 
fangen, was der Mensch will, aufgefaßt werden kann und darf, 
sondern immer nur als das Recht, die Güter so zu benutzen, wie 
Gott es will und festgesetzt hat. Der Mensch muß 
die Ordnung, die Gott in der Benutzungsweise festgesetzt, an- 
erkennen, und hat nimmer das Recht, den Gebrauch der irdi- 
schen Güter dem Zwecke zu entziehen, wozu sie Gott bestimmt 

286 



hat. Dieser erste Zweck aller irdischen Güter ist aber ebenso 
in der Natur selbst wie in dem Worte ausgedrückt, das Gott 
nach der Erschaffung zu den Menschen gesprochen hat: „Siehe, 
ich habe euch gegeben alles Kraut, das sich besamet auf Erden, 
und alle Bäume, die in sich selbst Samen haben nach ihrer Art, 
laß sie euch zur Speise seien." *) 

Gott also hat, so beschließen wir diese Gedanken mit den 
Worten des heiligen Thomas, das Obereigentum aller 
Dinge. Er hat aber in seiner Vorhersehung einige derselben 
zum leiblichen Unterhalte der Menschen bestimmt, und deshalb 
hat auch der Mensch ein natürliches Eigentumsrecht, nämlich 
das Recht sie zu benutzen. Aus dieser Auffassung ergeben sich 
uns zwei wichtige Folgerungen. 

E r s t e n s , die katholischeKirche hat in ihrer Lehre vomEi- 
gentume nichts gemein mit jener Auffassung des Eigentumsrech- 
tes, die man gewöhnlich in der Welt antrifft, und dergemäß der 
Mensch sich als den unbeschränkten Herrn seines Eigentums 
ansieht. Nimmermehr kann die Kirche dem Menschen das Recht 
zuerkennen, mit den Gütern uer Welt nach Belieben zu schalten 
und zu walten, und wenn sie vom Eigentume der Menschen 
spricht und es beschützt, so wird sie immer die drei, ihren 
Eigentumsbegriff w-esentlich konstituierenden Momente vor 
Augen haben, daß das wahre und volle Eigentumsrecht nur 
Gott zustehe, daß dem Menschen nur ein Nutzungsrecht einge- 
räumt worden, und daß der Mensch verpflichtet ist, bei der 
Benutzung die von Gott gesetzte Ordnung anzuerkennen. 

Zweitens ergibt sich, daß diese Lehre vom Rechte des 
Eigentums nur da möglich ist, wo ein lebendiger Gottes- 
j^^laube sich befindet, da sie in Gott, in seinem Willen, in seiner 
Ordnung wurzelt und begründet ist. Erst seit jene Männer, 
die sich die Volksfreunde nennen, obwohl sie nur an dem Ver- 
derben des Volkes arbeiten, und ihre geistigen Vorfahren den 
Gottesglauben in der Menschheit erschüttert haben, konnte auch 

*) Gen., I, 2g. 

287 



die gottlose Lehre, wodurch der Mensch sich selbst zum Gott 
seines Eigentums macht, mehr und mehr verbreitet werden. 
Von Gott getrennt, sahen die Menschen sich selbst als die aus- 
schließlichen Herren ihres Eigentums an und betrachteten es 
nur als Mittel zur Befriedigung ihrer immer wachsenden Ge- 
nußsucht ; von Gott getrennt machten sie den Lebensgenuß und 
die sinnliche Freude zum Ziele ihres Daseins und die Güter zum 
Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, und so mußte sich eine 
Kluft zwischen Reichen und Armen bilden, wie sie die christ- 
liche Welt noch nicht gekannt hat. Während der Reiche in 
überreizter, raffinierter Sinnlichkeit Unermeßliches verschwen- 
det, läßt er arme Mitbrüder in der Entbehrung des Notwendig- 
sten dahinschmachten, und entzieht ihnen, was Gott zur Nah- 
rung der Menschen bestimmt hat. Auf dem so mißbrauchten 
und gegen die natürliche und übernatürliche göttliche Ordnung 
verwendeten Eigentume liegt ein schwerer Fluch, ein Berg von 
Ungerechtigkeit. Nicht die katholische Kirche, sondern der 
Unglaube und die Gottlosigkeit haben diesen Zustand hervor- 
gerufen, und so wie sie die Arbeitslust bei dem Armen ver- 
nichteten, so zerstören sie bei dem Reichen den Geist der werk- 
tätigen Liebe. 

Die bisher entwickelte Lehre, die sich uns als eine notwendige 
Folgerung aus der Betrachtung des Verhältnisses zwischen Gott 
und seinen Geschöpfen ergab, bildet nun die eigentliche Grund- 
lage für die Bestimmung des wahren christlichen Eigentums- 
rechtes. Von dieser Grundlage aus müssen wir aber noch tiefer 
in den Gegenstand eindringen. Das Eigentumsrecht der Men- 
schen ist, wie wir sahen, lediglich ein dem Menschen von Gott 
eingeräumtes Recht, die Güter der Erde in der von ihm vorge- 
schriebenen Ordnung zu benutzen, in der Absicht, daß alle 
Menschen aus den Erdengütern ihre notwendigen Leibesbe- 
dürfnisse erhalten. Dieser Wille Gottes kann nun in doppelter 
Weise erreicht werden. Die Menschen können entweder das 
ihnen übertragene Eigentums- oder richtiger Nutzungs- 
recht gemeinschaftlich ausüben, wie es der Kommunis- 



111 u s will, um gemeinschaftlich die Güter der Erde zu ver- 
walten, und die Nutzungen zu verteilen; oder sie können die- 
selben geteilt besitzen, sodaß dem einzelnen Menschen das 
Eigentumsrecht über einen bestimmten Teil der Güter der Erde 
zusteht, mit der Befugnis, die daraus gezogenen Früchte zu 
■genießen. 

Auch die Frage, welche dieser beiden Benutzungsweisen für 
den Menschen bestimmt sei, zieht der heilige Thomas zur 
17ntersuchung und löst dadurch ein Problem, das erst sechs- 
hundert Jahre nach ihm die Welt bew-egen sollte. Wir wollen 
auch bei dieser Untersuchung ihm folgen. An dem Nutz- 
ungsrechte, das dem Menschen zusteht, unterscheidet 
€ r zwei Momente, erstens das Recht der Fürsorge und 
Verwaltung, zweitens das Recht des Fruchtgenusses. Die Ein- 
teilung rechtfertigt sich von selbst. So wie uns von der Natur 
die Dinge geboten werden, sind sie zur Befriedigung unserer 
Bedürfnisse nicht geeignet. Sie müssen zunächst zum Genüsse 
vorbereitet, also verwaltet und bearbeitet werden. 

In bezug auf die VerwaltungundFür sorge behaup- 
tet nun der heilige Thomas, müsse das Eigentumsrecht der 
inzelnen Menschen über die Güter der Erde anerkannt wer- 
icn, und zwar aus drei Gründen: Erstens werde nur in dieser 
Weise für die gute Verwaltung der irdischen Güter 
selbst gesorgt; denn jeder sorge besser für das, was ihm selbst 
irehöre, als was er mit anderen gemeinschaftlich besitze. Jeder- 
mann, fügt er hinzu, fliehe die Arbeit und überlasse, was allen 
gemeinschaftlich obliege, gerne dem anderen, wie es unter einer 
zahlreichen Dienerschaft zu geschehen pflege. Es ist nicht 
schwer, die volle Wahrheit dieser Behauptung einzusehen. 
Würden alle Güter gemeinschaftlich verwaltet oder nach Jah- 
ren oder Zeiträumen verteilt, oder fiele nur das Recht der Ver- 
erbung weg, so würde jede gute Verwaltung vernichtet, jede 
Verbesserung unmöglich gemacht, und selbst die Triebfeder zu 
neuen Erfindungen würde im Geiste der Menschheit erlahmen. 
Jeder würde sich auf den andern verlassen, die natürliche Träg- 

'■erjfsträüer I. ig 289 



heit im Menschen hätte ihr Gegengewicht verloren, würde bald; 
zur Herrschaft gelangen und zur Entwertung der Erdengüter 
selbst führen. 

Zweitens, sagt der heilige Thomas, könne nur durch An- 
erkennung des Eigentumsrechts der einzelnen Menschen die 
Ordnung, die zur gedeihlichen Verwaltung der Erden- 
güter notwendig sei, aufrecht erhalten werden, denn es werde 
allgemeine Verwirrung entstehen, wenn jeder für alles zu sor- 
gen habe. Auch diese Wahrheit scheint unbestreitbar. Es gibt 
eine unermeßliche Mannigfaltigkeit in der Abstufung der Be- 
schäftigung der Menschen, und sie alle müssen sich einer großen 
Ordnung einfügen, wenn für alle Bedürfnisse so gesorgt wer- 
den soll, Avie es Gott in der Natur dem Menschen anbietet. 
Würde diese Ordnung gestört, so wäre das Wohlsein der Men- 
schen gefährdet. Zu dieser allgemeinen Ordnung und Aus- 
gleichung der Arbeit trägt aber gerade das Familieneigentum 
wesentlich bei, indem es den Lebensberuf der Familienmitglie- 
der im großen und ganzen mitbestimmt und ein plötzliches 
Schwanken und Übergehen großer Massen von einer Arbeit 
und Lebensweise zur andern verhindert. Welch heillose Ver- 
wirrung in der Arbeit würde entstehen, wenn durch die immer- 
während wiederkehrende Teilung dieses mächtige Band der 
Ordnung zerrissen wäre! 

Endlich drittens, sagt der heilige Thomas, könne nur l>ei 
anerkanntem Eigentumsrechte der einzelnen der Friede 
unter den Menschen erhalten werden, da ja die Erfahrung lehre, 
wie leicht gemeinschaftlicher Besitz zu Streit und Zank führe. 
Tief und wahr ist auch dieser Grund. Wenn jetzt schon Ge- 
schwister sich nicht einigen können, welche die Erbschaft ihres 
Vaters teilen wollen, wenn die Bewohner eines Hauses sich ent- 
zweien, die nur die Luft in demselben Hause und das Wasser 
in demselben Brunnen unter sich zu teilen haben, was würde aus 
der Menschheit werden, wenn jeder Besitz, jede Arbeit immer 
wieder geteilt werden sollte? Die ganze Menschheit würde m 
Streit, und Hader auseinander reißen. 

290 



Der heilige T h o m a s hält also, aus diesen drei unwiderleg- 
lichen Gründen, das Eigentumsrecht der einzelnen, in bezug auf 
die Fürsorge und Verwaltung, aufrecht, und steht also insoweit 
übereinstimmend mit dem Gebote Gottes: Du sollst nicht steh- 
len ! und mit der Lehre der katholischen Kirche dem Kommu- 
nismus unserer Tage streng und unversöhnlich gegenüber. Der 
Kommunismus in dem Sinne, daß die Güter der Erde immcr 
wieder geteilt Averden sollen, widerspricht dem Gesetzeder Natur, 
weil er die gute Verwaltung der Erdengüter und damit die Er- 
reichung ihres natürlichen Zwecks vernichten, Unordnung und 
Feindschaft verbreiten, mithin die Bedingungen des mensch- 
lichen Lebens aufheben würde. 

In bezug auf den zweiten Moment, der in dem Benutz- 
ungsrechte der Alenschen gelegen ist, nämlich auf das 
Recht, die aus der Verwaltung der irdischen Güter gewonnen 
Früchte zu genießen, stellt der heilige Thomas dagegen einen 
ganz anderen Grundsatz auf. Diese Früchte soll der Mensch 
nach seiner Lehre niemals als sein Eigentum, sondern als ein 
"remeingut aller betrachten, und er soll daher gerne bereit sein, 
ie anderen in ihrer Not mitzuteilen. Deshalb sage der Apostel: 
..Den Reichen dieser Welt gebiete, . . . gerne zu geben und mit- 
zuteilen" *). 

Wie wir also vorher die christliche I>ehre dem falschen Kom- 
munismus entgegentreten sahen, so sehen wir sie hier nicht 
minder entschieden der falschen Lehre vom Rechte des Eigen- 
tums sich widersetzen und den wahren Kommunismus aufstellen. 
Gott hat die Natur erschaffen, um alle Menschen zu ernähren, 
und dieser Zweck muß erreicht w-erden. Deshalb soll jeder die 
Früchte seines Eigentums wieder zum Gemeingut machen, um, 
^o viel an ihm liegt, zur Erreichung dieser Bestimmung bei- 
zutragen. 

Wir haben nun den Gedanken des heiligen Thomas über 
:as Recht des Eigentums, in dem wir zugleich die Lehre der 
Katholischen Kirche zu erkennen glaubten, so gut wir ver- 

*) I nm. 6, 17, 18. 
* 291 



mochten, vollständig auseinander gesetzt, und es scheint uns 
kaum einer Erwähnung zu bedürfen, wie erhaben diese Lehre 
über den beiden unversöhnlichen und unwahren Gegensätzen 
dasteht, die jetzt in der Welt über das Eigentumsrecht im 
Kampfe liegen. 

Die falsche Lehre vom starren Rechte des Eigentums ist eine 
fortgesetzte Sünde wider die Natur, indem sie kein Unrecht 
darin sieht, das zur Befriedigung der ungemessensten Habsucht, 
der ausschweifendsten Sinnenlust zu verwenden, was Gott zur 
Nahrung und Bekleidung aller Menschen bestimmt hat ; indem 
sie die edelsten Gefühle in der Menschenbrust unterdriickt und 
eine Härte, eine Gefühllosigkeit gegen das Elend der Menschen 
erzeugt, wie sie kaum unter den Tieren sich vorfindet; indem 
sie einen fortgesetzten Diebstahl für Recht erklärt: denn, wie 
ein heiliger Kirchenvater sagt, nicht bloß der ist ein Dieb, der 
fremde Güter stiehlt, sondern auch der, der fremde Güter für 
sich zurückbehält. Der berüchtigte Ausspruch: Das Eigentum 
ist Diebstahl I ist nicht bloß eine Lüge, er enthält, neben einer 
großen Lüge, zugleich eine furchtbare Wahrheit. Mit Spott 
und Hohn wird er nicht mehr beseitigt. Wir müssen die Wahr- 
heit an ihm vernichten, damit er wieder ganz zur Lüge werde. 
So lange er noch ein Teilchen Wahrheit an sich hat, vermag er 
die Ordnung der Welt über den Haufen zu stürzen. Wie aber 
ein Abgrund den andern ruft, so ruft eine Sünde gegen die Na- 
tur die andere hervor. Aus dem entstellten Eigentumsrechte ist 
die falsche Lehre des Kommunismus hervorgegangen. Auch sie 
ist eine Sünde gegen die Natur, indem sie, unter einem men- 
schenfreundlichen Scheine, das gerade Gegenteil, das tiefste 
Verderben über die Menschheit bringen, den Fleiß, die Ord- 
nung, den Frieden auf Erden vernichten, einen Kampf aller 
gegen alle hervorrufen und so die Bedingungen des mensch- 
lichen Daseins vernichten würde. 

Leuchtend steht über beiden Lügensätzen die Wahrheit der 
katholischen Kirche. Sie erkennt in beiden Ansichten das Wahre 
an und vereinigt es in ihrer Lehre, sie verwirft in beiden das 

292 



Unwahre. Sie anerkennt bei den Menschen überhaupt kein un- 
bedingtes Eigentumsrecht über die Güter der Erde, sondern nur 
ein Nutzungsrecht in der von Gott festgestellten Ordnung. 
Sie schützt dann das Eigentumsrecht, indem sie behauptet, daß 
zum Zwecke der Fürsorge und Verwaltung, im Interesse der 
Ordnung und des Friedens, die Teilung der Güter, wie sie sich 
unter den Menschen entwickelt hat, anerkannt werden muß ; sie 
heiligt den Kommunismus, indem sie die Früchte des Eigen- 
tums wieder zum Gemeingute aller macht. 

Ich kann diesen Gegenstand nicht verlassen ohne zum Schlüsse 
darauf hinzuweisen, wie harmonisch diese Auffassung vom 
Rechte des Eigentums in einen höheren Plan der göttlichen 
Vorsehung eingreift, und wie so alles Einheit und Einklang in 
der göttlichen Ordnung ist. Der Mensch soll auf Erden den 
Willen Gottes erfüllen. Mit dem Erkenntnisvermögen soll er 
lie Gedanken Gottes in sich aufnehmen, mit dem Willen soll 
er sie nach seinem Vermögen in die Tat übersetzen. Das Denken 
und Wollen des Menschen soll dem Gebete entsprechen: Dein 
Wille geschehe. Um, aber dem Menschen die Würde und das 
Verdienst der Selbstbestimmung zuzuwenden, hat Gott ihm 
den freien Willen gegeben, sodaß der Mensch nur dann mensch- 
lich handelt, und sein Handeln nur dann moralischen Wert hat, 
wenn er aus seiner Selbstbestimmung das Werk Gottes auf Er- 
den vollendet. Selbst Gott achtet die Freiheit der Menschen 
und will sie auch dann nicht zerstören, wenn er sie zu seinem 
Verderben gebraucht. 

Wenden wir diese Sätze auf unsere Lehre vom Rechte des 
Eigentums an. Gott hat die Erde mit ihren Erzeugnissen er- 
schaffen, damit der Mensch seinen Leibesunterhalt aus ihr er- 
halte. Gott hätte diesen Zweck durch Anordnung einer Natur- 
notwendigkeit bei Verteilung der Güter erreichen können ; das 
lag aber nicht in seiner erhabenen Absicht, er wollte hier dem 
freien Willen und der Selbstbestimmung des Menschen den 
-chönsten Spielraum eröffnen ; er wollte sein Werk den Men- 
schen übergeben, vermenschlichen, damit der Mensch durch 

293 



Übung der Werke Gottes vergöttlicht werde. Er ordnet des- 
halb eine ungleiche Verteilung der Güter in bezug auf Besitz und 
Verwaltung an, um so den Menschen zum Ausspender seiner 
Gaben an seine Mitbrüder zu machen. So sollte der Mensch 
hineingezogen werden in das Leben jener Liebe, in der Gott 
für uns sorgt, und indem er in derselben Liebe die Güter spen- 
dete, in der Gott sie für alle Menschen bestimmt hat, sollte der 
Mensch der liebevollen Gesinnung Gottes teilhaftig werden. 
Wenn bei der Verteilung der Güter der Erde nichts mehr von 
dem freien Willen der Menschen abhinge, wenn darin alles 
Naturnotwendigkeit wäre, oder wenn die Fürsorge durch Poli- 
zeimaßregeln oder Staatsgesetze erzwungen werden könnte, so 
wäre die schönste Quelle der edelsten Gesinnung in der Mensch- 
heit verstopft. Denn wahrhaftig, meine christlichen Brüder, das 
Leben in den Werken der selbstaufopfernden Barmherzigkeit 
und Liebe ist ein vergöttlichtes Leben. Betrachtet ein solches 
Dasein in dem schwachen Geschöpfe einer barmherzigen Schwe- 
ster, und ich frage euch, ob nicht ein solches Leben mehr Mut, 
Würde, Schönheit und Liebe darbietet, als das Leben vielleicht 
einer ganzen großen Stadt. O möchten wir zu diesem schönen 
Leben der Liebe zurückkehren; möchten wir in diese Liebe 
alles aufnehmen, ■\vas unser bedarf; möchten wir durch die 
Kraft der Liebe die Welt uns unterwerfen und sie zu dem 
Kreuze zurückführen, von dem sie sich entfernt hat, möchte 
die alte Bonifatiusstadt Mainz uns auf diesem Wege der tätigen 
christlichen Liebe voranleuchten. Dann und nur dann behalten 
wir unseren Glauben, denn der Christusglaube kann nur be- 
stehen, wo die Christusliebe mit ihm verbunden Ist. Noch ein- 
mal, meine christlichen Brüder, lasset uns durch die Werke der 
Liebe die Welt überwinden und sie zum katholischen Glauben 
zurückführen ! Amen. 

Von *) Christus ist die Welt abgefallen, die Erlösung in Chri- 
stus hat sie abgewiesen, der Herrschaft ihrer Leidenschaften 

*) Aus der zweiten Predigt. 



ist sie verfallen, das ist der letzte, tiefste und wahrste Grund 
unserer sozialen Leiden und Zustände. Nicht weil er ungelehrt 
ist und der allgemeinen Menschenbildung entbehrt, sondern weil 
er der Habgier und Genußsucht als elender Sklave dient, des- 
halb verachtet der Reiche das Gebot Gottes, daß er von seinem 
Überflusse den Armen mitteile; und nicht, weil er in der Schule 
seine Lektion nicht gut gelernt hat, sondern weil er der Träg- 
heit als Sklave dient, deshalb streckt der Arme seine Hand nach 
fremdem Gute aus und verachtet das Gebot Gottes: ,,Du sollst 
nicht stehlen". Von sündhaften Trieben und Leidenschaften 
geführt, sind die Menschen nicht mehr imstande, die einfach- 
sten Naturwahrheiten anzuerkennen, wo diese sich ihren Lei- 
denschaften entgegenstellten. Der Abfall vom Christentum ist 
der Grund unseres Verderbens, ohne diese Erkenntnis gibt es 
keine Rettung. Wie der einzelne Mensch nur dann zu seiner 
wahren Erhebung gelangen kann, wenn er in tiefer Selbster- 
Tcenntnis es erfahren, daß er aus eigener Kraft die hohe Auf- 
gabe seines Daseins nicht zu erreichen vermag, so wird die Welt 
aus ihrer jetzigen trostlosen Lage nur dann sich wieder erheben, 
wenn sie in wahrer Welterkenntnis zu der Überzeugung gelangt 
ist, daß sie aus eigener Kraft die hohe Aufgabe nicht zu lösen 
vermag, die sie lösen muß, wenn sie nicht in Barbarei zugrunde 
;gehen will. 

Da wir nun so die Zeit erkannt haben; da wir die sozialen 
Zustände zum großen Teile als eine notwendige Folge der un- 
natürlichsten und unwahrsten Auffassungen vom Rechte des 
Eigentums und diese Geistesverirrung als eine Folge des Ab- 
falles von Christus, wodurch die sinnlichen Triebe und Leiden- 
schaften über den Verstand herrschend geworden, erfaßt haben, 
so ist nun die Stunde da, vom Schlafe zu erwachen, und uns 
bleibt noch die Aufgabe, die Mittel aufzusuchen, wodurch wir 
aus dem sozialen Verderben uns erheben können. Im allgemei- 
nen habe ich dieses Mittel schon dadurch ausgesprochen, daß 
ich sagte, der Abfall vom Christentume habe das Verderben 
über uns gebracht, die Rückkehr zum Christentume könne uns 

^95 



nur helfen. Es bleibt mir nur übrig, im einzelnen noch nachzu- 
weisen, wie ohnmächtig die Welt in Lehre und Leben, und wie 
mächtig das Christentum in Lehre, Leben und Gnadenmitteln 
ist, um die sozialen Übel zu heilen. 

Wir wollen, zuerst die Ohnmacht der Welt und die Macht 
des Christentums in der Lehre den sozialen Zuständen gegen- 
über betrachten. 

Ich habe schon seit längerer Zeit mit Aufmerksamkeit vieles 
gelesen, was die Welt in Vorschlag bringt, um der drohenden 
Massenverarmung zu steuern, und gestehe, noch nichts gefun- 
den zu haben, was im ganzen und großen helfen könnte. So 
lange die Verfasser noch bei den allgemeinen Redensarten ste- 
hen bleiben, worin sie ihre Vorschläge einkleiden, sollte man 
glauben, sie seien die Volksbeglücker, die das Geheimnis der 
Brotvermehrung aufgefunden ; geht man dann aber zu ihren 
praktischen Vorschlägen über, so kann man sich des Mitleids 
nicht erwehren. Der eine will helfen durch eine bessere Vertei- 
lung der Steuern, der andere durch verschiedene Arten von 
Sparkassen, der dritte durch Organisation der Arbeit, der vierte 
durch Auswanderung, dieser durch Schutzzölle, jener durch 
Freihandel, der eine durch Freiheit der Gewerbe, durch Teilung 
von Grund und Boden, der andere durch das Gegenteil, wieder 
andere durch Einführung der Republik, womit alle Not gehoben 
und das Paradies auf Erden verwirklicht sei. Diese Vorschläge 
haben nun mehr und weniger Wert, und einige können nützlich 
wirken; um aber unsere sozialen Übel zu heilen, sind sie nichts 
als ein Tropfen im Meere. Das sehen auch viele ein, und sie 
schlagen als letztes Mittel die allgemeine Teilung der Güter 
vor. Ob wir dieses Mittel noch versuchen werden, steht dahin, 
aber gewiß ist, daß es nicht dazu dienen würde, die Armen 
reich, sondern alle arm zu machen. Für jeden aber, der sich ein 
freies Auge bewahrt hat, steht es fest, daß alle Weltweisheit 
vor dieser Aufgabe verstummt und unvermögend ist, zu helfen. 

Je ohnmächtiger aber die Lehre der Welt ist, um zu helfen, 
desto mächtiger ist die Lehre des Christentums. Gerade 

296 



die sozialen Verhältnisse sind es, wo sich uns seine ganze Macht 
offenbart. Nichts dürfte geeigneter sein, uns gleich in das 
innere Wesen der Verschiedenheit der Mittel einzuführen, die 
uns das Christentum und die Welt anbietet, als ein Vorfall aus 
dem Leben Jesu, den uns der Evangelist Lukas *) berichtet. 
Einer aus dem Volke kam zu Jesu und sprach: „Meister, sag 
zu meinem Bruder, daß er die Erbschaft mit mir teile." Und 
Jesus antwortete: ,, Mensch, wer hat mich zum Richter oder 
Erbverteiler über euch gesetzt?" Dieser Vorfall veranlaßte den 
Heiland, seine Umgebung vor allem Geize zu warnen, weil das 
Glück des Lebens nicht im Überflusse zeitlicher Güter zu 
suchen sei. Er erzählte dann das Gleichnis von dem reichen 
Manne, der nach ergiebigen Ernten und nachdem seine Scheuern 
angefüllt, endlich zu sich sprach: „Meine Seele, du hast großen 
Vorrat an Gütern auf viele Jahre: ruhe aus, iß, trinke, laß dir 
wohl sein!" Gott aber sprach zu ihm: „Du Tor! In dieser 
Nacht wird man deine Seele von dir fordern: was du nun be- 
reitet hast, wessen wird es sein? So geht es dem, der Schätze 
sammelt, aber bei Gott nicht reich ist." 

Sehet, meine christlichen Brüder, so antwortete Christus allen 
jenen, die mit dem Menschen aus dem Evangelium durch Güter- 
verteilung reich werden oder überhaupt durch äußere Alittel die 
sozialen Zustände bessern wollen. Er will auch eine richtige 
Verteilung der Güter, aber nicht durch Gewalt, sondern durch 
Umänderung der Gesinnung. Das ist der wesentliche Unter- 
schied der Lehren des Christentums und der Lehren der Welt. 
Diese hat nur äußere Mittel, die die Quelle des Übels nicht 
heilen können, das Christentum heilt die Quelle des Übels, die 
Gesinnung der Menschen. Nicht in der äußeren Not liegt unser 
soziales Elend, sondern in der inneren Gesinnung. Jener wäre 
leicht abzuhelfen, wenn nur die Gesinnung eine andere wäre. 
Die beiden gewaltigen Seelenübel, an denen unsere geselligen 
Beziehungen krank darniederliegen, sind teils unersättliche Ge- 
nußsucht und Habgier, teils die Selbstsucht, welche die Näch- 

*) Luk. 2 1. 13 ff. 

297 



stenliebe zerstört hat. Diese Krankheit hat die Reichen und 
Armen ergriffen. Was vermögen da Steuerverteilungen und 
Sparkassen, so lange diese Gesinnung fortbesteht? Dieser 
inneren Verderbnis gegenüber ist die Welt mit allen ihren Leh- 
ren gänzlich ohnmächtig, während das Christentum die ganze 
Macht seiner Lehre eben auf die Gesinnung, auf die innere 
Besserung der Menschen richtet. Ich will es versuchen, an eini- 
gen Stellen der Lehre Jesu nachzuweisen, wie er hierbei von 
Stufe zu Stufe fortschreitet und von allen Seiten gleichsam 
durch alle Tore auf die Seele eindringt, um sie von der zwei- 
fachen Krankheit, der Habgier und der Selbstsucht, zu befreien. 

In der angeführten Stelle zeigt uns der Heiland die Ver- 
gänglichkeit der irdischen Güter, die Torheit des Menschen, 
der Güter auf Güter häuft, um sie in dem Augenblicke zu ver- 
lassen, wo er anfangen will, sie zu genießen. Ähnlich ruft er an 
«iner anderen Stelle: ,, Sammelt euch auf Erden keine Schätze, 
die d€r Rost und die Motten verzehren, und die Diebe aus- 
graben und stehlen : sondern sammelt euch Schätze im Himmel, 
die weder Rost noch Motten verzehren, und die die Diebe nicht 
ausgraben und stehlen ; denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein 
Herz"*). Auch hier ist es wieder das Herz mit seiner Habgier 
und Selbstsucht, das er heilen will. Auch hier zeigt er wieder 
die Torheit, in den vergänglichen Gütern das Glück zu suchen ; 
aber einen neuen mächtigen Beweggrund fügt er hinzu, indem 
•er auf den Lohn der guten Verwendung der irdischen Güter 
liinweist. 

Doch der Heiland geht weiter. Er weiß, daß erhabene I-deen 
die Seele des Menschen noch mächtiger ergreifen als der beste 
Lohn, und stellt der in Habgier versunkenen Seele das hohe 
Bild der Vollkommenheit vor Augen. „Willst du vollkommen 
sein," so spricht er, ,,so gehe hin, verkaufe alles was du hast, 
und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel 
haben ; und folge mir nach . . . Jeder, der sein Haus oder Brüder 
oder Schwestern oder \'ater oder Mutter oder Weib oder Kin- 

*) Matth. 6, ly— 2 1. . 

298 



der oder Acker um meines Namens willen verläßt, der wird 
Hundertf ältig^cs dafür erhalten und das ewige T.el>en besitzen"*). 
Das ist eine Lehre, um dre Seelenübel zu heilen. Der unersätt- 
lichen Habgier des gesunkenen Menschen hält Christus die 
nackte Armut des erlösten vollkommenen Menschen entgegen, 
l^nd mit welchem Erfolge, — das weiß die katholische Kirche 
aus dem Leben so vieler Heiligen. 

Und abermals sehen wir den Heiland weiterschreiten, um die 
Selbstsucht unseres Herzens zu heilen, indem er spricht: ,,Du 
sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, aus deinem ganzen Her- 
zen, aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte. 
Dies ist das größte und das erste Gebot. Das andere aber ist 
diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich 
selbst"**). Fragen wir ihn aber, wer der Nächste ist, so führt 
er uns zu dem Menschen voll Wunden, an dem Wege von Je- 
rusalem nach Jericho, und lehrt uns, daß jeder Bettler am 
Wege, jeder Kranke auf dem Bette unser Nächster ist. 

Meine christlichen Brüder, laßt uns einen Tag diese Lehre be- 
folgen, und alle sozialen übel sind wie mit einem Zaubersdhl.ige 
verschwunden; lasset uns, Reiche und Arme, einen Tag unseren 
Nächsten lieben, wie uns selbst, und das Angesicht der Erde 
wird erneuert sein. O möchten wir die Lehre Christi begreifen ! 

Was soll ich aber erst sagen, meine christlichen Brüder, wenn 
der Heiland ferner zu uns spricht: ,, Wahrlich, sage ich euch, 
Avas ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habet, 
das habt ihr mir getan"***). ,,Wer euch aufnimmt, der nimmt 
mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt denjenigen auf, 
der mich gesandt hat. Wer einem von diesen Geringsten nur 
einen Becher kalten Wassers zu trinken reicht, . . . wahrlich, 
^age ich euch, er wird seinen Lohn nicht verlieren"****). 

Wer kann die Kraft, die in diesen Worten liegt, um Habgier 



') Matth. 19. 21, 29. 

") Matth, 22, 37— jO. 

*) Matth. 2::;, 40. 

"* Matth. 10, 40, 42. 



■jgr) 



und Selbstsucht in uns zu zerstören, schildern; wer vermag anzu- 
geben, wie viele Tränen diese Worte getrocknet haben und 
fort und fort trocknen werden. Mit diesen Worten hat der Hei- 
land die ganze Schar heiliger Jungfrauen, die im armen Kran- 
ken den Heiland lieben, an das Bett derselben gefesselt. Alle 
Liebe, die die Menschen ihm' schulden, hat er so den Armen 
und Kranken dienstbar gemacht. 

Doch der Heiland kannte das Herz des Menschen, er wußte, 
wie fest in demselben die Habgier und Selbstsucht wurzeln, 
und welcher Gewaltmittel es bedürfe, um sie herauszureißen. Je- 
nen also, die höhere Beweg-gründe nicht wollen, hält er das Ge- 
richt und die ewige Pein vor Augen. Er öffnet ihnen den Blick 
in die Stunde des furchtbaren Gerichtes, wo er kommen Avird in 
großer Majestät und Herrlichkeit, wo er die Böcke von den 
Schafen trennen und zu jenen, die zu seiner Linken stehen, 
sprechen wird: „Weichet von mir ihr Verfluchten, in das ewige 
Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet worden 
ist: denn ich war hungrig, und ihr habet mich nicht gespeiset; 
ich War durstig und ihr habet mich nicht getränket. Ich war 
ein Fremdling, und ihr habet mich nicht beherbergt, ich war 
nackt, und ihr habet mich nicht bekleidet; ich war krank, und im 
Gefängnisse, und ihr habet mich nicht besucht. Da werden auch 
sie ihm antworten und sagen: ,,Herr, wann haben wir dich 
hungrig und durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank 
oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedienet?" 
Dann wird er ihnen antworten und sagen: „Wahrlich, ich sage 
euch, was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das 
habet ihr auch mir nicht getan. Und diese werden in die ewige 
Pein gehen" *). 

Für den aber, der auch dieser Mahnung noch sein Herz ver- 
schließen sollte, greift der Heiland zum letzten Mittel, indem 
er die Schranken vor dem Orte ewiger Qualen hinwegreißt und 
ihn seinen Blicken vorhält. Er hat uns den reichen Prasser, 
in reichen Kleidern, bei herrlichen Gastmahlen, und den armen 

*) Matth. 25, 41 ff. 
300 



Lazarus, der umsonst seine Hände nach den Brosamen aus- 
streckt, und dem die Hunde die Geschwüre lecken, auf Erden 
Q^ezeigt. Er zeigt sie uns nun in der Ewigkeit, den Lazarus in 
Abraliams Schoß, den Teichen Prasser in der Hölle begraben. 
Wir hören ihn rufen: „Vater Abraham, erbarme dich meiner 
und sende den Lazarus, daß er seine Fingerspitze ins Wasser 
tauche und meine Zunge abkühle, denn ich leide große Pein in 
diesen Flammen." Abraham aber sprach zu ihm: , .Gedenke, 
Sohn, daß du Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Laza- 
rus hingegen Übles; nun aber wird dieser getröstet, und du 
wirst gepeinigt werden. Und über dies alles ist zwischen uns 
und euch eine große Kluft gesetzt, daß die, welche von hier zu 
euch hinübergehen wollen, es nicht können"*). 

Das ist, meine christlichen Brüder, eine kurze Zusammenstel- 
lung der Lehren, wodurch Christus die Wurzeln aller sozialen 
übel in unserer Seele, die Habgier und Selbstsucht, auszureißen 
sucht. Er führt den Habgierigen und Selbstsüchtigen hin zu 
jenem Orte der Qualen und zeigt ihnen den reichen Prasser in 
den Flammen dürsten nach einem Tropfen Wasser ; er führt ihn 
ins Gericht und ruft ihm die Wotte in das Ohr: Weiche von 
mir, du Verfluchter, in das ewige Feuer; er führt ihn zu dem 
reichen Manne, der viele Güter gesammelt, um sie nun zu ge- 
nießen, plötzlich aber die Worte hört: Du Tor, noch diese Nacht 
werden sie deine Seele von dir fordern ; er zeigt ihm die Schätze 
auf Erden, von Rost und Motten zernagt und von den Dieben 
gestohlen ; er hält ihm die Wege der Vollkommenheit vor Au- 
gen ; er lehrt ihn seinen Bruder lieben wie sich selbst, und in 
jedem Menschen einen Bruder erkennen; er stellt sich selbst an 
die Stelle des Armen und wendet die Liebe, die die Menschen 
ihm schulden, den Armen zu. 

So mächtig ist die Lehre des Christentums, so ohnmächtig 
die Lehre der W^elt den sozialen Übeln gegenüber. Doch noch 
mächtiger ist das Christentum, noch ohnmächtiger die Welt i m 
Leben zur Heilung dieser Übel. 

*) Luk. i6, 24 ff. 



Um die sozialen Übel zu heilen, genügt es nicht, daß wir 
einige Arme mehr speisen und kleiden und dem Armenvor- 
stande einige Taler Geld mehr durch unsere Dienstboten zu- 
senden, das ist nur der allerkleinste Teil unserer Aufgabe: son- 
dern wir müssen eine ungeheure Kluft in der Gesellschaft, einen 
tief eingewurzelten Haß zwischen Reichen und Armen ausglei- 
chen ; wir müssen eine tiefe sittliche Versunkenheit bei einem 
Teile unserer armen Mitbrüder, die allen Glauben, alle Hoff- 
nung, alle Liebe zu Gott und den Nebenmenschen verloren ha- 
ben, wieder heilen; wir müssen die geistige Armut der leib- 
lich Armen wieder heben. Gerade wie bei dem Reichen, so be- 
ruht auch bei dem Armen die Quelle der sozialen Übel in der 
Gesinnung. Wie die Habgier, die Genußsucht, die Selbstsucht 
die Reichen von den Armen abgewendet hat, so hat Habgier, 
Genußsucht und Selbstsucht in Verbindung mit äußerer großer 
Not den Haß der Armen gegen die Reichen hervorgerufen. 
Statt in wahren Ursachen und vielfach in dem eigenen Verschul- 
den die Quellen der Not aufzusuchen, sehen sie nur in dem 
Reichen die alleinige Ursache ihres Elendes. Es geht ihnen, 
wie es uns Menschen allen so leicht geht: die Splitter bei dem 
Reichen sehen sie, die Balken in dem eigenen Auge sehen sie 
nicht; und so erblicken wir denn bei vielen unserer armen Mit- 
brüder einen furchtbaren Grad sittlichen Verderbens, wo Haß 
gegen den Mitmenschen, Genußsucht und Habgier, Arbeits- 
scheu mit schrecklicher äußerlicher Not Hand in Hand gehen. 
Gute Lehren und Ermahnungen helfen hier ebensowenig wie 
einzelne Hilfeleistungen. Diese werden angenommen und ver- 
zehrt mit dem Gedanken, daß ihnen noch weit mehr, ja alles 
gebühre. 

Hier wird eine neue Kraft erfordert zur Heilung der Ge- 
sinnung, die Kraft des Lebens und der Liebe. Die Armen müs- 
sen erst wieder fühlen, daß es eine Liebe gibt, die ihrer gedenkt, 
ehe sie der Lehre der Liebe Glatüben schenken. Wir müssen die 
Armen und die Armut aufsuchen bis in ihre verborgensten 
Schlupfwinkel, ihre ^''erhältnisse, die Quellen ihrer Armut er- 

302 



forschen, ihre Leiden, ihre Tränen mit ihnen teilen; keine Ver- 
worfenheit, kein Elend darf unsere Schritte hemmen; wir müs- 
sen es ertragen können, verkannt, zurückgestoßen, mit Undank 
belohnt zu werden ; wir müssen uns immer wieder durch Liebe 
aufdrängen, bis wir die Eisdecke, unter der das Herz des Ar- 
men oft vergraben, aufgetaut und in Liebe überwunden haben. 
Wie Gott den Sünder und uns alle als Sünder nicht nach der 
Gerechtigkeit behandelt, sondern durch das Übermaß seiner 
Liebe unsere Lieblosigkeit und Undankbarkeit überwindet, sa 
müssen auch wir Gott nachahmen und unsere Nebenmenschen 
durch ein Übermaß der Liebe überwinden. Dies ist nach meiner 
Überzeugung und Erfahrung der einzige Weg, um die Gesin- 
nung der Masse der Armen wieder zu bessern. 

Und was vermag die Welt dieser Aufgabe gegenüber? Daß 
der Polizeistaat sie nicht mit seinen Armengesetzen zu lösen 
vermochte, ist bekannt. Aber was leisten die Vo Iksfreunde 
dieser Tage auf dem Gebiete des Lebens zu diesem Zwecke? 
Ich gehe schneller über dieses Bild hinweg, denn es erfüllt mich 
zu sehr mit Empörung, wie gerade so viele derer, die sich 
Freunde des Volkes und der Armen nennen, während sie Feinde 
Christi und seiner Kirche sind, in ihrem Leben sich so armselig 
erweisen ! Was vermögen diese Volksfreunde, um die sozialen 
Übel zu heilen und die Armut zu mildern, um die Menschen 
zu versöhnen? Was vermögen sie? An ihren Früchten sollt 
ihr sie erkennen? W^elches sind denn die Früchte ihrer Liebe 
zum Volke, die sie im Leben treiben? Finden wir sie in den 
Hütten der Armen, an den Kranken- und Armenbetten? Sehen 
wir sie sich selbst arm machen, selbst arm leben, um den Armen 
zu helfen? Nichts von dem allen! Ihre Volksliebe zeigen sie 
durch Haß, den sie unter Menschen verbreiten ; sie machen sich 
selbst einen bequemen Tag, leben selbst wie die Reichen, sind 
selbst von allen lästern und Leidienschaften der Reichen ent- 
zündet und wagen es dennoch, die Armen auf die Reichen zu 
hetzen, die eben nur das tun, was sie selbst tun ! Hohle Redens- 
arten über ihre Liebe zum Volke, betrügerische Vorspiege- 

.303 



lungen von einem Glücke, wie es auf Erden nicht zu erreichen 
ist, wütende Schimpfreden über alles, was außer ihnen auf 
Erden ist, das sind die Lebensfrüchte ihrer Liebe zum Volke, 
dadurch wollen sie die sozialen Übel heben, dadurch die Spal- 
tung unter den Menschen ausfüllen, dadurch das sittliche Ver- 
derben unter den Armen heilen ! 

So arm ist die Welt an wahrer Lebenskraft, um. die Menschen 
zu versöhnen und sittliches und leibliches Elend zu stillen ! Der 
Polizeistaat und unsere Volksfreunde, beide können nicht über 
die Redensarten hinaus. 

Nach *) der Kirchenlehre hat Gott den Menschen erschaffen, 
um Gott zu erkennen, zu lieben, zu besitzen und dadurch zu 
einer Glückseligkeit zu gelangen, die noch kein Ohr gehört, kein 
Auge gesehen und die noch in kein Menschenherz gedrungen 
ist. Auf Erden hat der Mensch aber kein anderes Ziel, als daß 
er, nachdem er durch die Sünde von Gott abgefallen, durch Be- 
tätigung seines freien Willens sich auf dem Wege zu der ewigen 
Glückseligkeit, zürn Besitze Gottes vorbereite, den Christus uns 
auf Erden gezeigt hat. Deshalb nennt die Kirche mit vollem 
Rechte das Leben auf Erden eine Pilgerfahrt, ein Leben in der 
Verbannung. Denn in der Tat, wir sind hier in der Fremde, 
während Gott selbst und sein Besitz unsere Heimat ist; wir 
sind verbannt, solange wir nicht bei Gott sind, solange wir ihn 
und sein unendliches Wesen nicht schauen, lieben und besitzen 
können. Wir wissen also, meine christlichen Brüder, woher wir 
sind. Niemand außer uns kann eine Antwort geben auf diese 
erste, entscheidende Frage. Wir sind von Gott, der uns aus 
dem Nichts in das Dasein gerufen. Wir wissen, wer uns über 
dem Abgrunde des Nichts im Dasein erhält; es ist Gott, der 
seine Hand auf uns gelegt. Wir wissen, wozu uns Gott erschaf- 
fen: um ihn zu besitzen und zu lieben. Wir wissen, wozu wir 
hier auf Erden weilen: um uns auf den Besitz Gottes vorzube- 
reiten. Wir wissen endlich, was der Hunger und Durst unseres 

*) Aus der vierten Predigt. 



Herzens bedeutet: es ist der Hunger und Durst nach dem Ge- 
nüsse eines unendlichen Gutes. 

Aus dieser Lehre der Vernunft und des Glaubens über die 
Bestimmung des Menschen ergeben sich uns die wichtigsten 
Folgen für das gesellschaftliche Leben, die den vorher ange- 
deuteten Folgen des Unglaubens gerade entgegenstehen und 
ebenso geeignet sind, das gesellschaftliche Leben zu befestigen, 
wie jene es notwendig untergraben und zerstören müssen. 

Erstens ist nur bei dieser Auffassung der Bestimmung des 
Menschen wahre Arbeitsamkeit und freudige Ertragung der 
mit Arbeit verbundenen Mühe möglich. Es gibt zwar eine Ar- 
beit, die sich der Mensch auch aus andern Motiven gefallen läßt, 
zum Beispiel die Arbeit eines großen Kaufmannes, der rastlos 
die Vermehrung seines Vermögens erstrebt. Jene mühevolle 
täglich wiederkehrende Arbeit des Tagelöhners aber, der nur 
geringen Lohn für seine Arbeit erlangt und nur selten die 
Freuden des Leben genießen kann, wird sich der Mensch nicht 
gefallen lassen, wenn er im irdischen Lebensgenüsse seine ein- 
zige Bestimmug erkennt. Eben diese Arbeit können wir auf 
Erden am wenigsten entbehren, in ihr ruht der wahre Reichtum 
eines Volkes. Wir müssen entweder ein Volk haben, das diese 
Arbeit mit Freuden erfüllt, oder wir werden, wie einst die 
Völker des Altertums, es erleben, daß der eine Teil der Men- 
schen mit Gewalt den andern unterwirft, um diese mühevolle 

Vrbeit von ihnen als unterworfenen Sklaven verrichten zu lassen. 
Das ist eben eines der Geheimnisse des Christentums, daß es 
versteht dem Menschen jene Gesinnung einzuflößen, die ihn 
antreibt, mit Freude und Lust jene mühevolle Arbeit zu tragen, 
die sich nun einmal nicht abschaffen läßt, und auf diese Ge- 
sinnung hat das Christentum das gesellschaftliche Gebäude er- 
richtet, das sich zwar niederreißen, aber nimmermehr außer 

lern Christentume aufbauen läßt. 

Wie das'Christentum aber in seiner Lehre von def Bestim- 
mung des Menschen die wahre Arbeitsamkeit hervorruft und 
dadurch den wahren Wohlstand begründet, so vermindert es durch 

Bergsträßor I. 20 3^5 



dieselbe Lehre das ungemessene Streben der Menschen nach 
den zeitlichen Gütern und Freuden. Dem Unglauben sind die 
zeitlichen Güter und Freuden das einzige Ziel, das der Mensch 
zu erstreben hat; dem Glauben sind sie nur Mittel, die ihm zur 
Erreichung seines ewigen Zieles dienen sollen. Der Reiche, der 
seine Endbestimmung in dem jenseitigen Leben sucht, wird 
also seine Reichtümer nicht als Mittel betrachten, um seine 
irdischen Lüste zu befriedigen, sondern als ein Mittel, um durch 
ihre gute Verwendung den Besitz Gottes zu erlangen. Er wird 
bei der Verwendung auf den Willen Gottes sehen, seinen armen 
Mitbrüdern in wahrer Liebe von seinen Gütern mitteilen und 
jede ungeordnete Anhänglichkeit an die zeitlichen Güter aus 
seinem Herzen verbannen. Auch der Arme, der auf einen 
ewigen Lohn für seine Arbeit hofft, wird nicht mit unersätt- 
licher Begierde auf die irdischen Güter, nicht mit Haß und Neid 
auf seine wohlhabenden Mitbrüder hinblicken. Wie groß und 
erhaben ist die Gesinnung eines wahrhaft christlichen Ar- 
beiters, der mit Verachtung nicht auf die Reichen, sondern,auf 
den Reichtum und äußeren Glanz hinblickt, der im Gefühle, 
daß seine Menschenwürde nicht im Reichtume, sondern in wah- 
rer Tugend besteht, gern den ganzen äußeren Tand den 
Reichen überläßt, da er selbst nur nach der Tugend ringt; der 
selbst mit Mitleid auf dieses armselige Haschen nach irdi- 
schen Gütern hinblickt, über das er sich in seinem Strebefi nach 
den ewigen Gütern erhaben fühlt, und der endlich in der Ruhe 
und Freudigkeit seines Gewissens, in dem Glücke seines ein- 
fachen Hausstandes einen übergroßen Ersatz findet für alle 
Mühen und Arbeiten seines Lebens. Mit einer solchen Gesin- 
nung hat der einfache Arbeiter eine menschliche Würde er- 
reicht, die in einem anderen Stande kaum erreicht werden kann. 
Die Quelle dieser Gesinnung ist aber die christliche Lehre von 
der Bestimmung des Menschen. Auf dem Boden einer solchen 
Gesinnung lassen sich gesellschaftliche Ordnungen gründen, 
die aller Vergänglichkeit Trotz bieten. 



306 



Anmerkungen 



Die Anmerkungen sollen keinen Kommentar, sondern 
nur einige Hinweise und Erklärungen geben, besonders 
von Anspielungen und Beziehungen, die nur aus ge- 
nauerer Kenntnis der Umstände zu ermitteln sind 

Seite 25. Die Eingabe ist an die auf dem Wiener Kongrefa versammelten 
Fürsten gerichtet. 

Seite 26. Die Säkularisationen wurden im Reichsdeputationshauptschluß 
von 1803 festgelegt; sie galten als Entschädigung für linksrheinische, durch 
den Frieden von Luneville von 1801 an Frankreich gefallene Besitztümer. 

Seite 33 ff. Gekürzt. Der „Katholik" war 1821 von dem Mainzer 
katholischen Kreise begründet worden, erster Herausgeber der spätere Bi- 
schof von Straßburg, Raeß ; später wurde er längere Zeit von Görres geleitet. 

Haxthausen gehört zur ganz konservativen Richtung, die die von der 
Burschenschaft (Anspielung Seite 36) verkündeten Ideale der Einheit und 
Freiheit ablehnt. Näheres über den Katholik und die in ihm vertretene 
Staatsanschauung in Bergsträßer, Studien zur Vorgeschichte der Zentrums- 
partei, Tübingen 1910. Ergänzend vgl.: Schnütgen, Das Elsaß und die Er- 
neuerung des katholischen Lebens in Deutschland von 1814 bis 1848, Straß- 
burg 1913. 

Seite 42 ff. Die Aschaflfenburger katholische Kirchenzeitung war das Organ 
der streng kurialistischen Richtung, vgl. Schnütgen a. a. O. 

Seite 52 ff. Zu den Reden von Ringseis und Moy vgl. Bergsträßer, Der 
Görreskreis im bayrischen Landtag von 1837, im Oberbayrischen Archiv, 
Bd. s6. 

Seite 54. Die beste Welt — aus liberalem Gedankenkreis — seit der 
französischen Revolution von 1789. 

Seite 61. A d a m M ü 1 1 e r war mit den ,, Elementen der Staatskunst" und 
der Programmschrift : „Von der Notwendigkeit einer theologischen Grund- 
lage der gesamten Staatswissenschaften" einer der wichtigsten Staatstheore- 
tiker der Romantik und steht ganz auf dem Boden der Naturalwirtschaft. 
Eine Neuausgabe seiner Schriften veranstaltet Arthur Salz, München 1920^21. 

20* ,^' >7 



Seite 64. Der baj^rische Landrat entspricht dem preußischen Kreistage. 

Seite 81. Der Verfasser ist der Erzbischof von Köln, der den Kirchen- 
streit mit der preußischen Regierung durchkämpfte. In seinem Verlauf wurde 
er 1837 verhaftet und in Wesel gefangen gesetzt. 

Seite 98. Die Zeitung konnte nicht erscheinen, da die preußische Zensur- 
behörde keine Genehmigung gab ; Näheres über diese, wie manche andre 
Zeitungsgründungsversuche in dem Werke von Karl Bachern : Josef' Bachern, 
Bd. I, Köln 1912, bis 1848; Bd. II, ebenda, bis Ende der fünfziger Jahre 
reichend. 

Seite 106. Graf Merveldt war ritterschaftlicher Abgeordneter der Provinz 
Westfalen. 

Seite 108. Die Schrift ist der offizielle Rechenschaftsbericht des Katho- 
lischen Klubs. Über den Klub vgl. Schnabel, Der Zusammenschluß des poli- 
tischen Katholizismus in Deutschland im Jahre 1848 ; über Radowitz : F. Mei- 
necke, Radowitz und die deutsche Revolution, Berlin 19 10 und desselben 
Verfassers Auswahl aus R.' Schriften in dieser Sammlung, Erste Reihe, 
Bd. XVI. Über DöUinger : Friedrich, Ignaz von DöUinger, München 1899. 
Bd. II. Über August Reichensperger : L. Pastor, A. R., Freiburg 1899. 

Seite 116. Das Stück ist aufgenommen, weil es in charakteristischer Weise 
die christliche Auffassung von außenpolitischen und nationalpolitischen Fragen 
kennzeichnet. Zur Polenfrage 1848 vgl. Walter Bleck. Die politischen Par- 
teien und die Posener Frage in den Jahren 1848/49, in der Zeitschrift der 
Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen, Jahrg. 29 (1914). 

Die Demarkationslinie war verschiedentlich, zuletzt von dem hessischen 
General von SchäSfer-Bernstein gezogen worden; auf seiner Arbeit fußt die- 
Diskussion. 

Seite 117. Trzemesno = Tremessen, nahe Gnesen. 

'Seite 118. Abgeordneter Schubert- Königsberg war Berichterstatter des 
völkerrechtlichen Ausschusses über die definitive Festlegung der Demarka- 
tionslinie im Großherzogtum Posen. Sein Bericht steht in den Stenogra- 
phischen Berichten VII, Seite 5045 ff. 

Schubert war Professor der Geschichte in Königsberg. 

Seite 131. Antrag Osterrath, Seite 5086 der Stenographischen Berichte, 
will die Angelegenheit an die Provisorische Zentralgewalt zu neuen Verhand- 
lungen mit Preußen zurückverweisen. Osterrath war auch Mitglied des 
Katholischen Klubs. Er war von Geburt Westfale, seit 1847 Oberregierungs- 
rat in Danzig, gewählt vom Wahlbezirk Konitz. Für diesen Wahlkreis ge- 
hörte er 1849 — 1862 dem preußischen Ahgeordnetei.ihause an, wo er seit 1852 
eine Stütze der katholischen Fraktion besonders in finanzpolitischen 
Fragen war. 

Seite 133 ff. Die Stücke A, B, C von Büß verfaßt; Näheres in meinen 
Studien. Das Buch von Dorr, Freiburg 191 1, hat Wert nur durch einige 

308 



Briefe. Stück D ist auf der Generalversammlung in Mainz beschlossen worden. 
Lennig (vgl. das Buch von Brück, F. A. L.) war einer der tätigsten Grün- 
der und Förderer des Mainzer Piusvereins. Über die Versammlung vgl jetzt : 
Kißling, Geschichte der deutschen Katholikenversanimlungen I, Münster 1920. 

Seite 162. E i s e n m a n n . Dr. med., aus Würzburg, bekannt durch das 
fünfzehnjährige Gefängnisniartyrium wegen seiner politischen Schriftstellerei ; 
gab 1848/49 das „Teutsche Volksblatt" heraus. 

Seite 166. Das suspensive, aufschiebende Veto war nach dem Modell der 
französischen Verfassung von 1793 in die Reichsverfassung übernommen 
worden. 

S c h e 1 1 e r , Gerichtsrat aus Frankfurt a. O. ; sein Vorschlag, auf den 
lieichenspergcr anspielt, steht Stenographische Berichte S. 4687. Scheller war 
Mitglied des Verfassungsausschusses ; er hielt sich parteipolitisch zum Kasino. 

Seite 167. Die Waffenstillstandssache ist der zwischen Preußen und 
Dänemark in Malmö abgeschlossene Waffenstillstand : die öffentliche Meinung 
verwarf ihn, das Parlament auch erst unter dem Einflüsse von Dahlmann, 
war aber dann dochi genötigt, ihm zuzustimmen, da es ihm an eigener Macht 
gebrach. 

Ministerium Brandenburg, nach der Auflösung der Nationalversammlung 
in Berlin im Oktober 1848 geltildet : es begann mit der Oktroyierung der 
Verfassung. 

Cavaignac, französischer General und republikanischer Diktator 1848 ; er 
unterlag gegen Napoleon bei der Wahl des Staatsoberhauptes. 

Bassermann hatte vor Reichensperger zur Oberhauptsfrage gesprochen, 
über ihn vgl. jetzt A. von Harnack, Fr. Daniel Bassermann und die deutsche 
Revolution von 1848/49, München 1920. 

Seite 169. Dahlmanns Neujahrswunsch, der Artikel : Zur Beherzigung. 
Eine Neujahrsgabe, in Xr. I, Jahrgang 1849 der Deu^chen Zeitung. 

Seite 170. Schüler, Professor aus Jena, Mitglied des Verfassungsaus- 
schusses, hatte die Debatte über die Oberhauptsfrage eröffnet (Stenogra- 
phische Berichte Seite 4694) und dabei ausgeführt, man wolle nicht einen 
finsteren steinernen Dom bauen, sondern ein leichtes bewegliches Laubdach, 
ein Vergleich, der bei seinen Freunden von der Linken viel Beifall fand. 

Seite 172. Stahl, Wilhelm, Professor der Nationalökonomie an der Uni- 
versität Erlangen, Bruder des Juristen. Seine Jiede Seite 4725. 

Seite 173. R o t e n h a n s Verbesserungsantrag, Seite 4689, will ein Direk- 
torium der Könige. R. gehörte zum Cafe Milani, der äußersten Rechten, wurde 
aber zuletzt Anhänger des Erbkaisertums. 

Seite 176. Die Schrift ist eine Entgegung auf Gustav Pfizer, Die deutsche 
Einheit und der Preußenhaß, Stuttgart 1849. (Wentzcke, Kritische Biblio- 
graphie der Flugschriften zur deutschen Verfassungsfrage, Nr. 850.) Büß, 



Nr. 851. Vollständiger Titel: Die teutsche Einheit und die Preußenliebe. Ein 
Sendschreiben an Herrn Gustav Pfizer. Rechtfertigung der großdeutschen 
Partei in der teutschen Nationalversammlung. Gustav Pfizer replizierte mit 
der Broschüre: Weder jetzt das Direktorium, noch das Habsburgsche Kaiser- 
tum später ! Antwort an den „Großdeutschen" Herrn Dr. Büß. Wentzcke 182. 

Seite 178. Die von Preußen oktroyierte Reichsverfassung ist die söge- - 
nannte Unionsverfassung, die dem Erfurter Parlament vorgelegt wurde ; vgl. 
Bergsträßer, Die Verfassung des Deutschen Reiches vom Jahre 1849 mit Vor- 
entwürfen, Gegenvorschlägen und Modifikationen bis zum Erfurter Parla- 
ment, Bonn 1913. 

Seite 181. Delolme, Genfer Staatsrechtslehrer, der in einem großen Werke 
die englische Verfassung als vorbildlich darstellte, 1776 deutsche Erstausgabe. 

Seite 183. O'Connel, Vorkämpfer der Gleichstellung der Katholiken in 
England. 

Seite 186. Neue Preußische Zeitung, die 1848 begründete Kreuzzeitung, 

G e r 1 a c h , Ernst Ludwig, Führer der Konservativen im Landtag, später, 
nach 1870, als Legitimist zum Zentrum übergegangen. 

Kleist-Retzow, Bismarcks Freund, vgl. die Biographie von Petersdorfl'. 

Seite 187. Landfermann, Regierungs- und Schulrat in Koblenz, Ab- 
geordneter zur Zweiten Kammer schon 1849, vgl. die bei Wentzcke ange- 
führten Flugschriften. 

Rohden, Appellationsgerichtsrat, später Mitglied der katholischen Fraktion. 

Bulle De salute animarum, sogenannte ZirkumskriptionsbuUe, die für 
Preußen die Angelegenheiten der katholischen Kirche in einer Übereinkunft 
ordnete. 

von Ladenberg, 1848 — 1850 preußischer Kultusminister, schied Dezember 
1850 wegen der deutschen Frage aus dem Ministerium und wurde Chef- 
präsident der Oberrechnungskammer. 

Seite 190. Steinle, der bekannte Frankfurter Maler, mit dem Reichen- 
sperger in der Liebe zur Gotik übereinstimmte. 

Seite 22,2. B u r k e , englischer Publizist des ausgehenden 18. Jahrhunderts 
und Gegner der französischen Revolution, dadurch Kronzeuge deutscher kon- 
servativer Politiker von Gentz an, der ihn auch übersetzte. 

Seite 224. Wagener-Neustettin, Hermann, Redakteur der Kreuzzeitung, 
Führer der Konservativen, vgl. seine Erinnerungen, „Erlebtes", Berlin 1884. 

Seite 225. Die Fraktion der Linken, vgl. zur damaligen Parteigeschichte 
überhaupt Ludolf Parisius, Deutschlands politische Parteien und das Mi- 
nisterium Bismarck, Berlin 1878, und Bergsträßer, Grundriß der deutschen 
Parteigeschichte (im Druck, Anfang 1921 im Verlag Bensheimer in Mann- 
heim erscheinend). 

Seite 233. Über die kölnischen Blätter vgl. Cardauns kleine Jubiläums- 
schrift : 50 Jahre Kölnische Volkszeitung, Köln 1912. 

310 



Seite 234. Der Verfasser der Schrift ist nicht bekannt, auch der Verlag 
kann ihn nicht mehr feststellen. 

Seite 235. Italienische Zustände: die seit 1859 werdende italienische Ein- 
heit, die von den Katholiken bekämpft wurde, da sie sich auch gegen den 
Papst richtete, was nach den Vorgängen von 1848 unzweifelhaft war. 

Seite 239. Fortschrittsmänner, die Mitglieder der 1861 begründeten Fort- 
schrittspartei. 

Seite 240. Otto, Abgeordneter, Mitglied der katholischen Fraktion, Re- 
gierungsrat in Düsseldorf, starb am 17. März 1857 während einer Rede zum 
Kultusetat. 

Seite 241. Richter, Dove, Friedberg: bekannter Staatsrechtslehrer. 

Seite 244. Vincke, Führer der gemäßigten Liberalen. 

Seite 250. Entwurf, gemeint der der Adresse, wie sie früher als Antwort 
auf die Thronrede beschlossen wurde, 

Stahl, Julius, der Schöpfer der konservativen Staatstheorie, Professor 
der Rechte an der Universität Berlin ; er ist der eigentliche Begründer der 
konstitutionellen Theorie. 

Virchow, der berühmte Mediziner, Führer der Fortschrittspartei. 

Seite 253. Mazzini, revolutionärer Nationalist in Italien. 

Seite 256. Abgeordneter für Geldern war Peter Reichensberger. 

Seite 2^7. Dr. Techow, liberaler, später nationalliberaler Abgeordneter. 



311 



Inhalt 

Seite 

Vorwort 3 

Einleitung 5 

Dokumente 
Rechtliche Bitten und ehrfurchtsvollste Wünsche der Katholiken Deutsch- 
lands. Von Landrichter K. J. Schmid 25 

Die Kirche und ihre Institutionen im Verhältnis zu den Tendenzen der 

Zeit. Von August Freiherm von Haxthansen ^^ 

Die Bedeutung der Priesterserainarien. Von Johannes Kertell. . 39 
Freiheit des Unterrichts, ein wesentliches Bedürfnis der deutschen Katho- 
liken 42 

Gegen das siebente Volksschuljahr. Von Johannes Neeb 

a) Antrag Neebs, die Zwangspflicht im Schulunterricht auf dem 
Lande auf sechs Jahre zu beschränken 45 

b) Brief Neebs in gleicher Angelegenheit an den Prinzen JEmil 

von Hessen, Mitglied der ersten Kammer 46 

Gegen die Zivilehe. Von Beck 49 

Gegen die moderne Geldwirtschaft. Von Ringsei > 52 

Organischer Verwaltungsaufbau. Von von Moy 64 

Aus dem „Athanasius". Von Joseph Görres 69 

Erstes Rundschreiben der Historisch-politischen Blätter 78 

Über den Frieden unter der Kirche und den Staaten. Von Clemens 

August Freiherm D roste zu Vischering . . 81 

Programm einer politischen Zeitung am Rhein 98 

Gegen Ehen zwischen Christen und Juden. Von Dr. Eduard Seitz . 102 
Das Recht des Christen auf christliches Begräbnis. Von Dr. Eduard 

Seitz 104 

Gegen jüdische Volksschullehrer. Von Graf Merveldt 106 

Betrachtungen über den Artikel III der Entwürfe der Grundrechte des 

deutschen Volkes. Von Döllinger 108 

Die Polenfrage. Von Döllinger 116 

Katholische Agitation und Vereinsbildung 1848— 1849 

a) Belehrung über den katholischen Verein des Erzbistums Freiburg 1 3 3 

b) Petitionen 137 

c) Hohe Reichsversammlung 139 

d) An die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt. 152 
Über Staat und Kirche. Von Josef von Radowitz. ...... I57 

Über die deutsche Frage. Von August Reichensperger 165 

Die deutsche Einheit und die Preußenliebe. Von Dr. F. J. Buii . . 176 
Hundert Schlagworte zur Verfassungspolitik der Zukunft (Auszüge). 

Vou Carl Ernst Jarcke 180 



Seite 

Katholische Politik. Von Dr. J. F. Büß 183 

Reaktion und kirchliche Rechte in Preußen. Von Liuhoff. . . . 186 

Die Bildung der katholischen Fraktion im preußischen Abgeordnetenhause 190 
„Die Ministerialerlasse" 

a) Über die Raumerschen Erlasse. Von von Waldbott-Born- 
heim 196 

b) Aus der Rede des Abgeordneten August Reichensperger (Köln) 205 

c) Aus der Rede des Grafen Stolberg-Westheim 207 

d) Aus dem Schlußwort des Buches 211 

Die Wahlen zum Hause der Abgeordneten in Preußen. Von Peter 

Reichensperger 

1. Die Stellung der Krone in Preußen 220 

2. Die Aufgabe der Volksvertretung im Allgemeinen und die ka- 
tholische Fraktion im Besonderen 221 

Die Namensänderung 229 

Eine Petition für den Papst 231 

Programm der „Kölnischen Blätter" 233 

Die Fraktion des Zentrums 

I. Religion und Politik 234 

II, Die Fraktion des Zentrums und das „praktische Leben" . 238 

in. Die Fraktion als Hort der kirchlichen Interessen .... 240 

IV. Die Fraktion und die andern Parteien 244 

Programmentwurf von Mallinckrodt 248 

Ein Rückblick auf die letzten Sessionen des Preußischen Abgeordneten- 
hauses. Von August*Reichensperger 

a) Die Katholische Fraktion ist konstitutionell 250 

b) Die Polenfrage 251 

c) Die Judenfrage 255 

d) Die konfessionelle Seite der Deutschen Frage 257 

e) Grenzen der Einheit 264 

Deutschland nach dem Kriege von 1866. Von Wilhelm Emmanuel 

Freiherm von Kettelet 

I. Der Verfassungskonflikt in Preußen als Kriegsmacher , . 269 

II. Der Krieg und das monarchische Prinzip 272 

III. Religion und Politik 274 

IV. Ständisch-organische Ordnung. 276 

V. Kirchliche Parität 282 

Anhang 
Die großen sozialen Fragen der Gegenwart. Von Wilhelm Emmanuel 

Freiherm von Ketteier 285 

Anmerkungen 3^7 



Der deutsche Staatsgedanke 

Eine Sammlung 

Begründet von Arno Duch 

In dem Ringen unseres Volkes, die Nöte und Gefährdungen der Gegenwart zu 
überwinden und die Einheit von Volk und Staat zu bewahren und u vervoll- 
kommnen, soll unsere Sammlung ,,Der Deutsche Staatsgedanke" Helferin sein 
und Baustoff liefern. Sie stellt eine Reihe von Schriftdenkmälern zusammen, die 
die Enljvicklung des Nationalbewußtseins, das Ringen der Deutschen — sen Ende 
des 1 8. Jahrhunderts — , eine Staatsnation zu werden, zur Anschauung bringen. 
Es soll gezeigt werden, wie sich führende Denker und Politiker aller 
Richtungen die Verwirklichung der Nationalstaatsidee dachten, welche Stellung 
die großen Parteien zu den Grundfragen staatlichen und nationalen Lebens 
genommen haben, welche Versuche im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht 
wurden, die deutsche Frage zu lösen. — Sie bietet ferner eine Reihe von Do- 
Icumenten, die Marksteine in der Entwickhmg des nationalen Lebens bedeuten. 

Erste Reihe: Führerund Denker 



II. 
III. 

IV. 

V. 

YI. 
VII. 

vm. 

IX. 
X. 



Von der Reformation bis auf 
Friedrich den Großen (Heraus- 
geber Prof. Dr. P. Joachirasen) 
J. J. Moser und Zeitgenossen 
♦Justus Moser (Herausgeber Prof. 
Dr. Karl Brandi) 

Fichte (Herausgeber Prof. Dr. 
O. Braun) 

Rom antiker (Novalis, Schlegel, 
Müller) 

W. V. Humboldt 
Fried r. v. Gentz 
Stimmen aus der Zeit der Er- 
niedrigung (Herausgeb. Dr. Vaupel) 
♦Freiherr vom Stein (Herausg. 
Dr. Hans Thimme) 
•.\rndt (Herausgeber Reichsarchiv- 
direktor Müsebeck) ' 



XI. •Gör res (Herausgeb. Arno Duch) 

2 Bände 
XII. K. L. von Haller 

XIII. Westdeutsche Politiker vor 
1848 (Herausgeber Archivdirektor 
P. Wentzcke) 

XIV. Deutsche Historiker (Heraus- 
geber Arno Duch) 

XV. Hegel (Herausgeber P. A. Mer- 

bach) 
XVI. »Radowitz (Herausgeber Prof. 

Dr. Fr. Meinecke) 
XVn. 1848 (Herausgeber Archivdirektor 

P. Wentzcke) 
XVm. K. Chr. Planck 
XIX. C. Frantz 

XX. G. Rümelin (Herausgeber Prof. 
Dr. Rapp) 



(Diese Reihe wird bis auf die neuere Zeit fortgeführt) 



Zweite Reihe: Die Parteien und der Staat 



I. Konservativismus (Herausg. Prof. 

Dr. von Below) 
II. Liberalismus (Herausgeber Prof. 

Dr. Rapp) 



in. *Politischer Katholizismus (Her- 
ausgeber Prof. Dr. L. Bergsträßer) 
2 Bände 

IV. Sozialdemokratie (Herausgeb. Dr. 
L. Quessel) 



Sonderbände:DeutscheProbleme 

l. Großdeutsche und kleindeutsche Bewegung (Herausgeber Professor 
Dr. Rapp) 
n. Die germanische Staats- und Genossenschaftsidee 

Die mit "•• bezeichneten Bände erscheinen zunächst 



Drei M a s k e n X'' e r I a g München 



Adam Müllers Schriften 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Arthur Salz 

Das Problem Adam Müller gehört zu den umstrittensten, aber auch an- 
ziehendsten der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte. Niemand, der 
auch nur einen Blick in eine der Müllerschen Schriften geworfen, kann sich 
dem Zauber dieser genialen Beredsamkeit und kühnen Kombinationsgabe 
entziehen. Jeder, und gerade der in den modernen Geistesproblemen heimische 
Leser wird empfinden, daß es nicht damit getan ist, in Müller bloß den Typus 
des Romantikers und speziell des politischen Romantikers zu sehen. Ein 
besonderes Interesse genießen seine politischen Schriften deswegen, weil sie 
an der Erklärung und Formung nationaler Geistigkeit den stärksten Anteil 
haben. Wir beginnen deshalb die Ausgabe mit diesen Schriften tuid hoffen, 
die geplante Gesamtausgabe, die bisher fehlte, bald erscheinen zu lassen, 
und sind überzeugt,,dem deutschen Volke damit eine Überraschung und ein 
Geschenk zu machen. Die Schriften von Adam Müller, die zu den schönsten 
der politischen Romantik gehören, werden heute wieder studiert, gelesen, 
geliebt, ruht doch sein geistiges Zentrum in Dingen, die uns heute bewegen. 



Als erste Bände erschienen: 

Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall 
in Deutschland 

Gehalten zu Wien im Frühling 1812 

Mit einem Vorwort und Anmerkungen, sowie dem Porträt Müllers 

Geheftet 20 M., geb. 26 M., 

auf bestem holzfreiem Papier in Ganzleinen 45 M. 



Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft und 
Literatur (Dresden 1807) 

Mit einem Vorwort 

Geheftet i8 M., geb. 24 M., 

auf bestem holzfreiem Papier in Ganzleinen 40 M. 

* 

Später werden folgen: 

Die Lehre vom Gegensatz / Die Elemente der Staatskunst 
Drei Masken Verlas: München 



Geschichte der sozialen Bewe- 
gung in Frankreich 1789 — 1850 

Von Lorenz von Stein 

Drei Bände 

Herausgegeben und eingeleitet von 
Dr. GottfriedSalomon 

* 

1. Band: Der Begriff der Gesellschaft und die soziale 
Geschiehte der französischen Revolution bis zuni 

Jahre 1830 

2. Band: Die industrielle Gesellschaft. Der Sozialis- 

mus und Kommunismus Frankreichs von 1830 bis 1848 

Geheftet je 30 M., in Halbleinen gebunden je 40 M. 

Lorenz von Stein, einst der gefeierte Lehrer der Wiener Universität, gehört 
längst zu den Klassikern der Staatswissenschaften. Sein Verdienst ist es. 
wie sein Biograph sagt, „daß in die Staats- und Gesellschaftswissenschaft ein 
einheitlicher, großer Gedankengang gebracht wurde, und daß der Zusammen- 
hang des Volks- und Staatslebens wieder klar vor Augen trat". In glänzen- 
der Sprache und überlegener Dialektik sind bei ihm bereits alle Probleme 
staatlicher und gesellschaftlicher Kultur vorgetragen, und seine Schriften 
muten uns an wie Werke allermodernster Gegenwart. Die Darstellung der 
sozialen Bewegung in Frankreich gilt als sein Meisterwerk — ein Werk, das 
grundlegend für das Erkennen des Wesens und der wechselseitigen Wirkung 
von Gesellschaft und Staat und für das Verständnis aller sozialen und revo- 
lutionären Bewegungen ist. — Diese Neuausgabe ist keine Ausgrabung. 
Ein Werk, das im weitesten Umkreis angeregt hat und vielfach aus- und 
abgeschrieben worden ist, verdient wieder dem Publikum und nicht nur der 
Fachwissenschaft vorgelegt zu werden, da es epochemachend den Anfang 
jener Bewegung der Gesellschaft und ihrer Wissenschaft darstellt, 
in der wir noch stehen. 



lu Vor bere itun t;: 

3. Band: Das Königtum, die Republik und die Souve- 
ränität der französischen Gesellschaft seit .der 
Februarrevolution 1848 

Drei M a s k e n V e r 1 a g München 



Auswahlaus 

Friedrich von Gentz' Schriften 

Herausgegeben von Dr. Hans von Eckardt 
Mit zahlreichen Bildbeilagen und bisher unveröffentlichten Briefen 

Unsere neue Gentz-Ausgabe wendet sich nicht in erster Linie an den Ge- 
lehrten und Fachpolitiker, sondern an jeden politisch interessierten Gebildeten. 
Der Herausgeber hat es verstanden, allen überflüssigen Ballast zu beseitigen, 
er hat seine Auswahl so geschickt getroffen, daß wir den klassischen Publi- 
zisten, den leidenschaftlichen Patrioten, den sicheren Diplomaten und Welt- 
mann in all seiner Vielseitigkeit vor Augen sehen. Durch die prägnante Ein- 
leitung sowie die Anmerkungen und Erläuterungen erhält die Auswahl ihren 

besonderen Wert. 

Erster Band: 

Friedrich von Gentz' Staatsschriften aus der Zeit 

deutscher Not (1804 — 1813) 

Zweiter Band: 

Friedrich von Gentz und die deutsche Freiheit 

(181S— 1832) 



Apologie des Katholizismus 

von J. H. Kardinal New man 

Deutsch und mit einer Vorrede „Über John Henry Kardinal Newman" 
von Rudolf Kaßner 

Geheftet 7 M. 

Westdeutsche Landeszeitung : Als wäre es aus der tiefen see- 
lischen Not unserer Zeit heraus geschrieben, so berührt uns, was Newman 

in seiner Apologia über die Gottlosigkeit der Welt sagt. 
Saale-Zeitung : Der letzte Teil der „Apologia pro vita mea", in 
welcher Newman seine Geistesgeschichte bis zum Übertritt erzählt, ist hier 
von Rudolf Kaßner in mustergültiger Weise übersetzt. Er bietet eine Zu- 
sammenfassung dessen, woran sich Newman in der römisch-katholischen 
Kirche hielt, vor allen Dingen jedoch eine Verteidigung der katholischen 
Glaubenssätze, und gipfelt in dem Bekenntnis, daß auch ein wissenschaftlich 
gerichteter Geist die Möglichkeit i ibe diese Glaubenssätze ohne Einwände 
und ohne Kompromisse anzunehmen. Die knappe, aber aufschlußreiche Ein- 
leitung Rudolf Kaßners gibt einen interessanten Überblick über die religiöse 
Bewegung in England, soweit sie mit der Geschichte des Kardinals Newman 

verknüpft ist. 

Drei Masken Verlag München 



Gesammelte politische Schriften 

Von Max Weber 

Mit einem Anhang: Politische Briefe 

Herausgegeben von Marianne Weber 

Mit dem Bildnis Webers 

Geheftet 40 M., in Halbleinen gebunden 50 M. 

Max Webers politische Schriften sind insofern schon „Geschichte", als 
sie zu den Problemen einer Epoche Stellung nehmen, die durch den Welt- 
krieg und die ihm folgende Revolution heute als zu Ende gelebt erscheint. 
Der Verfasser wollte mit diesen Schriften der Forderung des Tages dienen, 
aber ihre Wirkung ist nicht an die Vergänglichkeit der Tage, für die sie 
geschrieben waren, gebunden. Als Quelle der Schulung des politischen Den- 
kens unserer Nation wird ihnen für Generationen lebendige Kraft inne- 
wohnen. Denn sie sind mit dem kühlen Kopfe eines scharfsinnigen Denkers 
und zugleich mit dem Herzblut eines leidenschaftlichen Deutschen ge- 
schrieben, dem die Größe seiner Nation und die Besonderheit ihres Wesens 
und ihrer Aufgaben ein unbezweifelbarer Wert war. 



Romantischer Sozialismus 

Ein Versuch über die Idee der deutschen Revolution 

\^on Dr. Sigmund Rubinstein 

Geheftet 35 M., gebunden 42 M. 

Die Schrift unternimmt es, die Ideen klarzulegen, die in dieser Zeit einer 
großen Wende die Nation erschüttern, und die Herkunft der Streitideen zu 
ermitteln — der Klassenkampfidee des Marxismus und der Idee vom Herr- 
schaftsstaat, der beiden scharfen Widersacher — , von denen die Wirrungen 
der Umwälzungszeit erzeugt sind. Sie wagt es, diese Ideen in die geistige 
Geschichte des Volkes zurückzuverfolgen, um zu zeigen, daß sie im Grunde 
feindliche Brüder aus dem gemeinsamen Vaterhause des Rationalismus sind, 
jener tiefliegenden, durch die Neuzeit ziehenden Idee, die den Menschen in 
der Gesellschaft vereinzelt. Aus solcher Selbstbespiegelung deutschen 
Geschichts- und Geisteslebens sollen die Antriebe zum Ausgleich des Hasses, 
zur t)berleitung der Revolution in ein beruhigtes zielstetiges Aufwachsen 
demokratisch-genossenschaftlichen Daseins Beweisgründe holen. 

Drei Masken Verlag München 



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Zur Reform des politischen Denkens 

Von Dr. Elias Hurwicz 
Geheftet 8 M, 

Es ist durchaus kein Zufall, daß die beiden Staaten, die jetzt am tiefsten 
darniederliegen, Deutschland und Rußland, zugleich Länder der höchsten 
Entfaltung des politischen Doktrinarismus sind. Gerade mit diesen beiden 
Ländern aber verbindet den Verfasser ein jahrzehntelanges Leben ; die poli- 
tische „Mentalität" ihrer Völker ist ihm aus eigenster Anschauung vertraut. 
Er war daher berufen, diesen Typus politischer Mentalität einer grundsätz- 
lichen und zugleich auf breiter internationaler Grundlage fußenden Kritik 
zu unterwerfen, auf seine praktischen Schäden und endlich auf die Wege aus 
ihm heraus hinzuweisen. So wird die Reform des politischen Denkens und 
der politischen Erziehimg dem unterlegenen Deutschland zum Segen gereichen. 

Das Nationalitätenproblem 

auf dem Reichstag zu Kremsier 1848/49 

Ein Beitrag zur Geschichte der Nationalität-jn in Österreich 

Von Dr. Paula Geist-Länyi 
Geheftet i8 M., gebunden 24 M. 
Das Nationalitätenproblem in Österreich, das mobile Agens des alten 
Kaiserreichs im 19. und 20. Jahrhundert, findet auf dem Reichstag zu Kremsier 
seine erste legale Auseinandersetzung. Getragen von dem Verlangen nach 
einer Einigung, verstehen sich die Völker Österreichs zu einem Kompromiß. 
Der Reichstag wird jedoch aufgelöst und damit seiner Arbeit das Ver- 
nichtungsurteil gesprochen. — Für das Verständnis der natio- 
nalenVerhältnisseundVerwicklungenim alten Öster- 
reich, die heute noch fortwirken, ist dieses 
Werk von größter Bedeutung. 



1848/49 — 1866 I9I8/19 

Des deutschen Volkes Weg zur Katastrophe und seine 

Rettung 

Von Prof. Dr. R. F. Kai n dl 

Geheftet 6.50 M. 

Der Verfasser weist in seiner Schrift nach, daß die ganze Entwicklung 
seit 1848/49 am Unglück Deutschlands schuld ist, und for- 
dert die Rückkehr zuden Hochzielen des Großdeutsch- 
land von 1 848/49, in denen er allein den rettenden Zu- 
Icunftsweg sieht. Die Schrift will aufklären, nicht anklagen. Sie 
ist bei allem Freimut ruhig und sachlich gehalten, getragen von 
heißer Liebe für das deutsche Volk. 

Drei Masken Verlag München 



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